F. Jacoby (hg): Die Fragmente der Griechischen Historiker

Cover
Titel
Die Fragmente der Griechischen Historiker.


Hrsg. v.
Jacoby, Felix
Erschienen
Umfang
1 CD-ROM
Preis
€ 369,00; € 1500,00 für Netzwerkversion
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Uwe Walter, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Die „Fragmente der griechischen Historiker“ (FGrH) gehören seit vielen Jahrzehnten zu den monumentalen Grundwerken altertumswissenschaftlicher Forschung, ein wohl kaum je ausschöpfbares Reservoir an Material und Aufgaben für immer neue Studien. Die Edition – 15 Teilbände füllen gut einen halben Meter im Regal – ist zugleich das staunenmachende Ergebnis der Lebensarbeit eines einzigen Gelehrten. Felix Jacoby (1876-1959) hat sich seit seiner Berliner Dissertation über Apollodor (1900) damit befasst, das chaotische Trümmerfeld der antiken griechischen Geschichtsschreibung aufzuräumen. Denn neben den wenigen ganz oder wenigstens teilweise erhaltenen Autoren von Herodot bis Herodian kennen wir noch über tausend weitere Autoren und noch mehr Werke nur durch Bezeugungen, Paraphrasen und wörtliche Zitate in anderen Autoren. [1] Um es zu veranschaulichen: Man stelle sich vor, das Werk Goethes wäre ausschließlich in einer Handvoll Bücher späterer Dichter und gelehrter Germanisten greifbar und müsste aus diesen rekonstruiert werden. Jacoby hat zu Beginn in einem programmatischen Aufsatz das zu beackernde Feld vermessen und die durchaus eigenwillige Disposition des Materials nach Untergattungen begründet. [2] Danach hat er fast seine gesamte Arbeitsenergie dem Projekt gewidmet und – unterstützt von seiner Frau – nicht nur die Sammlung, kritische Edition und philologische Kommentierung von mehr als 800 Autoren besorgt, sondern zu vielen dieser Autoren auch den Artikel in der „Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaften“ geschrieben. Den athenischen Lokal- und Verfassungshistorikern (Atthidografen) widmete Jacoby neben zwei umfangreichen Kommentar- und Notenbänden außerdem noch eine bis heute grundlegende Monografie (Atthis, Oxford 1949).

Diese Lebensleistung ist umso erstaunlicher, als sie auf einem durchaus nicht geradlinigen Lebensweg erbracht wurde. Die historische Katastrophe des 20. Jahrhunderts betraf auch Jacoby in sehr brutaler Weise: Als Jude verlor er 1935 seinen Kieler Lehrstuhl, den er mit 31 Jahren erhalten hatte, und emigrierte 1939 nach England, wo er seine Arbeit an den Historikern unter halbwegs erträglichen Umständen fortsetzen konnte; die Kommentare verfasste er nunmehr in englischer Sprache. Die Kontinuität des Lebenswerks machte den Bruch noch spürbarer, obwohl Jacoby 1955 nach Deutschland zurückkehrte. Bei seinem Tod ließ er das Riesenwerk als Torso zurück; die Kommentare zum letzten Teil des Abschnitts über die Lokalhistoriker waren noch nicht druckfertig. Aus dem Nachlass ist bislang nur ein schmales Faszikel dieses Kommentars erschienen. Große internationale Forschergruppen haben sich außerdem darangemacht, die gänzlich fehlenden Abschnitte zur biografischen und antiquarischen Literatur (Teil IV) sowie zur Historischen Geografie (Teil V) zu erarbeiten. Während davon bisher nur zu Teil IV drei Teilbände erschienen sind, ist eine völlige Neubearbeitung des gesamten Materials in Vorbereitung („Brill’s New Jacoby“). Offenbar läuft damit der Vertrieb der alten Papierausgabe aus, weswegen die elektronische Version für den Verlag keine interne Konkurrenz und kein Risiko bedeutet.

Endlich einmal ist die Umsetzung einer komplexen Textedition in die digitale Form so gelungen, wie man es sich wünscht. Die Systemvoraussetzungen sind für die heute gängige Hardware unproblematisch: Windows (ab Version 98), 128 MB RAM, Bildschirmauflösung 1024 x 768, 200 MB freier Speicher bei Installation auf die Festplatte, MS Internet Explorer ab Version 5.5.[3] Die Installation verläuft rasch und ohne Probleme; der komplette Diskinhalt kann auch auf die Festplatte kopiert und von dort installiert werden, so dass die CD-ROM nicht zu jeder Recherche erneut eingelegt werden muss. Auch eine Netzwerkinstallation ist möglich. Das Programm läuft unter dem Internet Explorer. Beim Programmstart meldet sich je nach Konfiguration das installierte Anti-Viren-Programm oder die Firewall; nach deren Deaktivierung öffnet sich ein übersichtliches Bildschirmmenü; der Benutzer findet sich rasch zurecht und vermisst das in der Tat nicht vorhandene Handbuch in keiner Weise.[4]

Die Indexsuche erlaubt erstens ein Ansteuern einzelner Autoren nach ihrer Nummer oder ihrem Namen; außerdem gibt es eine verlinkte Liste aller Sekundärautoren, die Testimonien oder Fragmente enthalten, sowie einen Index aller Historiker mit ebenfalls verlinkten Listen der Testimonien- und Fragmentquellen. Man kann zweitens auch einen Quellennachweis direkt eingeben (Nummer des Autors – T(estimonium), F(ragment) oder A(nhang) – Nummer des Zeugnisses), um etwa eine anderswo genannte Stelle rasch zu verifizieren. Schließlich ist selbstverständlich auch eine Volltextsuche, gegebenenfalls mit Wildcards, möglich, sowohl im griechischen Text als auch im Kommentar.

Bei der Installation wird ein griechischer Zeichensatz mit aufgespielt, der am Bildschirm gut lesbaren Text anzeigt. Der Export einer Passage in Word verursacht ebenfalls keine Probleme, und da der Zeichensatz auf dem international mittlerweile weit verbreiteten UniCode-Format basiert, kann ein Zitat auch leicht und korrekt in gängigere griechische Zeichensätze im selben Format, etwa Vusillus oder Greek Oxford, umformatiert werden.

Die Edition bietet gegenüber anderen, ebenfalls teuren Datenbanken wie der „Bibliotheca Teubneriana Latina“ einen großen Fortschritt: Der textkritische Apparat wurde mit aufgenommen. Aus technischen Gründen stehen die sprechblasenähnlichen Markierungen einer Annotation jeweils am Zeilenende, was aber keine Orientierungsprobleme verursacht. Erst mit dieser Vollständigkeit kann eine elektronische Textedition wissenschaftlich genutzt werden, ohne dauernd auf die gedruckte Ausgabe zurückgreifen zu müssen. Dazu trägt auch bei, dass die Bildschirmanzeige seitenidentisch ist, einschließlich der Zeilennummern und Randnoten; die Paginierung wird zusammen mit den anderen Angaben in einer Navigationsleiste über dem Text angezeigt.

In summa: Jacobys monumentales Werk, eine Zierde der Altertumswissenschaft des 20. Jahrhunderts und eine Aufgabe für das 21., liegt nunmehr in einer elektronischen Ausgabe vor, die an Sorgfalt, Bedienerfreundlichkeit und Nutzwert neue Maßstäbe setzt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Strasburger, Hermann, Umblick im Trümmerfeld der griechischen Geschichtsschreibung (1977), in: Ders., Studien zur Alten Geschichte, Bd. 3, Hildesheim 1990, S. 169-218.
[2] Jacoby, Felix, Über die Entwicklung der griechischen Historiographie und den Plan einer neuen Sammlung der griechischen Historikerfragmente (1909), in: Ders., Abhandlungen zur griechischen Geschichtsschreibung, hg.v. Bloch, Herbert, Leiden 1956, S. 16-64.
[3] Bei Benutzung des Netscape Navigators (ab Version 6.1) muss der automatisch installierte Griechisch-Font gegen einen mitgelieferten ausgetauscht werden, was unproblematisch ist. – Für eine Benutzung auf einem Apple Macintosh scheint das Programm nicht ausgelegt zu sein.
[4] Das Booklet liefert stattdessen einen auch auf der CD zu findenden konzisen Aufsatz zu Leben und Werk Jacobys aus der Feder von Mortimer Chambers; dieser verweist u.a. auf Wittram, Annegret, Fragmenta. Felix Jacoby und Kiel, Diss. phil. Kiel 2002. – Den Anm. 2 genannten Programm-Aufsatz aufzunehmen hätte die Edition noch bereichert. Aufschlussreich sind ferner die Vorreden zu den verschiedenen Bänden, die allerdings nicht direkt angesteuert werden können; man muss vom jeweiligen Bandanfang zu ihnen zurückblättern.

Zitation
Uwe Walter: Rezension zu: Jacoby, Felix (Hrsg.): Die Fragmente der Griechischen Historiker. Leiden 2005 , in: H-Soz-Kult, 03.10.2005, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6319>.
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03.10.2005
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