Th. Ahbe; M. Hofmann: Es kann nur besser werden

Cover
Titel
Es kann nur besser werden. Erinnerungen an die 50er Jahre in Sachsen


Autor(en)
Ahbe, Thomas; Hofmann, Michael
Erschienen
Umfang
179 S.
Preis
DM 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marc-Dietrich Ohse, Universität Göttingen Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte

Subjektive Erfahrung und Erinnerungen stellen einen wichtigen Bestandteil im Prozess der Erkenntnisbildung dar - im Besonderen für die Zeitgeschichte. Gerade in einer Gesellschaft, die - wie die in der DDR - politisch stark normiert worden ist, bilden Äußerungen von Zeitzeugen ein notwendiges Korrektiv zur offiziellen Überlieferung, die quantitativ den Quellenbestand dominiert. Dies gilt desto mehr, als nicht nur das Berichtswesen der SED und ihres Staatsapparates (voran der Stasi), sondern wegen seiner Reglementierung auch die zeitgenössische Presse zum offiziellen Quellenbestand zu zählen ist.

Die Erinnerungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen hingegen eröffnen zudem den Zugang zur "Geschichte von unten", ermöglichen Einblicke in den Alltag, der für die Erfassung gesellschaftlicher Befindlichkeiten unverzichtbar ist. Die erinnerten Lebenswirklichkeiten relativieren graduell gängige systematische Deutungen, die sich beispielsweise auf die Totalitarismustheorie oder den Systemvergleich stützen und sich vorrangig an der Geschichte politischer Institutionen und Strukturen orientieren. Sie können diese Ansätze zugleich befruchten und ergänzen, indem sie die gesellschaftliche Wirksamkeit politischer, sozialer und wirtschaftlicher Mechanismen beleuchten.

Zahlreiche Studien zur Geschichte der DDR und der ostdeutschen Gesellschaft stützen sich deswegen folgerichtig auf die Methoden der Oral history, ohne dabei deren Tücken zu verkennen. Forschungsprojekte für die ersten Jahrzehnte konzentrieren sich dabei auf generations- oder milieuspezifische Themen oder behandeln sie im Kontext des Mentalitätswandel bis zum Ende der DDR [1].

Die verschiedenen Aspekte des gesellschaftlichen Lebens in der DDR der fünfziger Jahre werden nun in einem Band gebündelt, mit dem Thomas Ahbe und Michael Hofmann die Dokumentation sächsischen Alltags seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges fortsetzen [2]. Wie die erste so geht auch die vorliegende Edition auf öffentliche Gesprächsreihen in Leipzig und Oral history-Projekte im sächsischen Raum zurück. Der Titel ihres Buches: "Es kann nur besser werden", steht dabei als Grundtenor für das Lebensgefühl der meisten ihrer Zeitzeugen, deren Aussagen hier lediglich in einem Nachwort interpretiert und kommentiert werden. So erschließen sich im vorliegenden Band (anders als in "Hungern, Hamstern, Heiligabend", wo den Namen die Geburtsjahrgänge der Zeitzeugen folgen) deren biografischen Dispositionen erst aus dem Zusammenhang des Erzählten. Angesichts zum Teil sehr knapper Auszüge aus den Erinnerungen der Zeitzeugen gestaltet sich dies in einigen Fällen durchaus schwierig.

Das "Patchwork"-Verfahren Ahbes und Hofmanns ist der Gliederung unter milieuspezifischen und (diesen nachgeordnet) thematischen Gesichtspunkten geschuldet, das sie bereits in "Hungern, Hamstern, Heiligabend" praktiziert haben. Es unterscheidet sich z.B. deutlich von den lebensgeschichtlichen Darstellungen des Oral history-Projektes über "Die volkseigene Erfahrung" von Niethammer, der Intelligenzlerstudie von Dieter Geulen und anderen sowie dem Vergleich lebensgeschichtlicher Verläufe von Eltern und Kindern in dem Projekt von Dieter Rink und Michael Hofmann unterscheidet [3]. Mit Hilfe der milieu- und themenspezifischen Gliederung gelingt es Ahbe und Hofmann jedoch, ein eindringliches Porträt der jeweiligen Befindlichkeiten unter Arbeitern, Angestellten, Selbstständigen und Angehörigen der Intelligenz zu zeichnen und deren Erfahrungen miteinander zu kontrastieren.

Am deutlichsten wird dies in den Erinnerungen an die Denunziation westlicher Jugendkultur als faschistisch-barbarischer Mode (24 passim), die Auseinandersetzungen zwischen Freier Deutscher Jugend und jungen Christen (119-122), an die privaten Facetten des 17. Juni 1953 (66-68 passim) sowie an die Währungsumstellung von 1957 (55-59), die in der Forschungsliteratur bislang kaum eine Rolle spielt.

Neben den themenspezifischen Kontrasten werden die Ambivalenzen des ostdeutschen Alltags am intensivsten spürbar in den lebensgeschichtlichen Darstellungen von vier Zeitzeugen, die die milieuspezifischen Kapitel jeweils abschließen. In ihnen wird auch die Konzentration Ahbes und Hofmanns auf Erinnerungen von Angehörigen der "FDJ-Generation" [4] deutlich - also auf Personen, deren Start in Ausbildung und Beruf mit den Gründungsjahren der DDR zusammenfällt. So stehen den Aufstiegserfahrungen von Arbeiterkindern die Erinnerungen von Kindern Selbstständiger an die Diskriminierung im Bildungswesen gegenüber, kontrastiert proletarischer Stolz mit der politischen Normierung Angestellter und die Rekrutierung einer "neuen sozialistischen Intelligenz" mit dem Kampf der SED gegen alles Bürgerliche, einschließlich der bürgerlichen Kultur. Der schikanöse Kampf gegen Unternehmer, die Förderung und gleichzeitige Reglementierung von Lehrern und vor allem der permanente Vergleich mit der Entwicklung in Westdeutschland lassen "viele Ungereimtheiten (151) und eine "gewisse Schizophrenie" (153) im politischen Alltag der DDR erkennen.

Insgesamt aber vermitteln die meisten Erinnerungen eine allgemeine Aufbruchstimmung und damit sicher das übereinstimmende Lebensgefühl vor allem derjenigen, die als junge Arbeiter oder Arbeiterkinder für die neue Elite rekrutiert wurden. Diese repräsentieren zugleich die wichtigste Gruppe im sozialen Umschichtungsprozess der jungen DDR. Ihre Erinnerungen lassen weitgehend ein großes Maß an Loyalität gegenüber dem sozialistischen Staat erkennen - nur in wenigen der präsentierten Fälle gebrochen durch die Erfahrung, dass politische Konformität zunehmend fachliche Eignung als Auswahlkriterium verdrängte. Die positive Grundstimmung, die die meisten Passagen vermitteln, basiert zudem auf dem Vergleich mit dem NS-Staat und dessen desolater Hinterlassenschaft sowie der sukzessiven Verbesserung der Versorgungslage in der DDR. Sie lässt aber bereits die starke Ritualisierung des politischen Lebens und die wachsende Zurückhaltung und Gleichgültigkeit gegenüber politischen Bekenntnissen erkennen, die später durch den Mauerbau noch forciert wurde: "Das wurde von allen ein bißchen abgelehnt, aber es mußte gemacht werden." (142)

Ahbe und Hofmann bestätigen mit ihrer Dokumentation Thesen zu generationsspezifischen Erfahrungswelten und politischen Kulturen, wie sie unter anderen Wolfgang Kühnel, Bernd Lindner, Lutz Niethammer und Hartmut Zwahr formuliert haben [5]. Danach fand die SED den größten Rückhalt aus den genannten Gründen in der FDJ-Generation, wobei zu berücksichtigen ist, daß deren Widerspruchspotenzial durch die hohe Abwanderungsquote erheblich verringert wurde. Dieses Thema kommt zwar bei den Zeitzeugen Ahbes und Hofmanns mehrfach zur Sprache, aber nur in einem ausführlich zitierten Fall äußern sich "Republikflüchtlinge" selbst.

So ist - wie bei Oral history-Projekten grundsätzlich - auf die begrenzte Repräsentativität der gesammelten Erinnerungen hinzuweisen, die aber von Thomas Ahbe und Michael Hofmann im Nachwort zum vorliegenden Band offen thematisiert wird (164-179). Auf diesen Seiten destillieren sie zudem die von den Zeitzeugen angesprochenen Themenkomplexe, benennen die Probleme der gesellschaftlichen Entwicklung der DDR in den fünfziger Jahren und die daraus resultierende Ambivalenz der ostdeutschen Alltagserfahrungen. Die generationelle Einordnung der meisten Zeitzeugen erschließt sich dabei zwar nur am Rande, dafür aber rückt der tief greifende Umbruch der Gesellschaft sehr deutlich in den Blick.

Die Dokumentation Ahbes und Hofmanns demonstriert, wie sehr dieser Wandlungsprozess auch den Alltag der Ostdeutschen beeinflusste. Dabei gewinnt der Band an Anschaulichkeit durch zahlreiche Fotos, die Alltagsszenen, aber auch Formulare, Briefe und andere Zeugnisse zeigen. Dies wie auch die thematische Gliederung, die zwar die erzählerischen Zusammenhänge beeinträchtigt, dafür aber nahezu das gesamte Spektrum und die Kontraste des ostdeutschen Alltags der fünfziger Jahre eindrücklich nachzeichnet, begünstigt die Nutzung des Bandes als Quellenmaterial - etwa im Unterricht oder in der politischen Bildung. Der Nutzung durch jüngere Generationen - das sei hier als Marginalie angemerkt - steht lediglich die alte Orthografie im Weg, von der sich Verlag und Autoren auch zwei Jahre nach Beginn der Rechtschreibreform nicht verabschieden konnten. Dessen ungeachtet bleibt zu hoffen, dass die beiden Quellenbände Ahbes und Hofmanns zu Alltagserinnerungen in Sachsen seit 1945 eine Fortsetzung finden.

[1] Vgl. Dagmar Langenhan, "Halte Dich fern von den Kommunisten, die wollen nicht arbeiten!" Kollektivierung der Landwirtschaft und bäuerlicher Eigen-Sinn am Beispiel Niederlausitzer Dörfer (1952 bis Mitte der sechziger Jahre), in: Thomas Lindenberger (Hg.): Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur: Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR, Köln u.a. 1999, S. 119-165; Michael Hofmann, Dieter Rink: Mütter und Töchter - Väter und Söhne: Mentalitätswandel in zwei DDR-Generationen, BIOS 6 (1993), S. 199-223; Cordia Schlegelmilch, Deutsche Lebensalter - Erkundungen in einer sächsischen Kleinstadt, PROKLA 23 (1993), H. 91, S. 269-295.
[2] Thomas Ahbe, Michael Hofmann: Hungern, Hamstern, Heiligabend: Leipziger erinnern sich an die Nachkriegszeit, Leipzig 1996.
[3] Lutz Niethammer, Alexander von Plato, Dorothee Wierling: Die volkseigene Erfahrung: Eine Archäologie des Lebens in der Industrieprovinz der DDR, Berlin 1991; Dieter Geulen, Politische Sozialisation in der DDR: Autobiographische Gruppengespräche mit Angehörigen der Intelligenz, Opladen 1998; Hofmann/Rink: Mütter und Töchter.
[4] Lutz Niethammer: Erfahrung und Strukturen. Prolegomena zur einer Geschichte der Gesellschaft der DDR, in: Hartmut Kaelble, Jürgen Kocka, Hartmut Zwahr (Hg.): Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 108.
[5] Wolfgang Kühnel: Scheinbar konfliktfrei aneinander vorbei: Eine Retrospektive der Generationsbeziehungen in den achtziger Jahren in der DDR, PROKLA 20 (1990) H. 80, S. 28-39; Bernd Lindner: Sozialisation und politische Kultur junger Ostdeutscher vor und nach der Wende - ein generationsspezifisches Analysemodell, in: Uta Schlegel, Peter Förster (Hg.): Ostdeutsche Jugendliche: Vom DDR-Bürger zum Bundesbürger, Opladen 1997; Niethammer: Erfahrung und Strukturen, S. 95-115; Hartmut Zwahr: Umbruch durch Aufbruch und Ausbruch: Die DDR auf dem Höhepunkt der Staatskrise 1989. Mit Exkursen zu Ausreise und Flucht sowie einer ostdeutschen Generationenübersicht, in: Hartmut Kaelble, Jürgen Kocka, Hartmut Zwahr (Hg.): Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 426-465.

Zitation
Marc-Dietrich Ohse: Rezension zu: Ahbe, Thomas; Hofmann, Michael: Es kann nur besser werden. Erinnerungen an die 50er Jahre in Sachsen. Leipzig 2001 , in: H-Soz-Kult, 31.10.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-649>.
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31.10.2001
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