Meyer, John W.: Weltkultur und westliche Prinzipien

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Titel
Weltkultur. Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen


Autor(en)
Meyer, John W.
Erschienen
Frankfurt am Main 2005: Suhrkamp Taschenbuch Verlag
Umfang
319 S.
Preis
€ 15,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Michael Hölscher, Institut für Hochschulforschung, Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg

John W. Meyer und Mitarbeiter, mittlerweile als „Stanford School“ bekannt, haben mit ihren Arbeiten seit den 1970er-Jahren den Ansatz der „world polity“ im Rahmen eines soziologischen Neo-Institutionalismus geprägt, der zunehmend auch in Deutschland rezipiert wird. Der vorliegende Band, von Georg Krücken zusammengestellt und mit zwei einordnenden Kapiteln versehen, macht nun zum ersten Mal aktuellere Arbeiten von Meyer [1] auch in deutscher Sprache zugänglich. Sieben Artikel aus den Jahren 1997 bis 2001, einer aus dem Jahr 1987 bilden die acht Kapitel des Buches. Die ersten beiden, ergänzt durch die Einleitung, führen eher allgemein in das Konzept der Weltkultur ein. Die folgenden drei beschäftigen sich primär aus theoretischer Sicht mit Fragen des Zusammenspiels von Globalisierung, Weltkultur und Nationalstaat. Kapitel 6 bis 8 enthalten dann empirische Anwendungsfälle der Theorie auf verschiedene Themenbereiche (Recht, Bildung und Umweltschutz). Ich will im Folgenden erstens eine Zusammenfassung der Meyerschen Theorie liefern, zweitens genauer auf einzelne Kapitel eingehen und drittens eine kurze Einschätzung des Buches und generell des Ansatzes versuchen.

Der gemeinsame Fokus aller Beiträge im Band ist die Betonung der zentralen Rolle von Institutionen als „kulturelle Regeln, die bestimmten Einheiten und Handlungen kollektiven Sinn und Wert verleihen und sie in einen größeren Rahmen integrieren“ (S. 18). Verwendet wird ein breiter Kulturbegriff, der die traditionell damit assoziierten Werte vor allem um eine kognitive Dimension der Deutungsmuster ergänzt. Der world-polity-Ansatz geht nun davon aus, dass sich in den letzten Jahrzehnten, verstärkt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, westlich geprägte kulturelle Muster oder Ordnungen weltweit durchsetzen. Diese kulturellen Regeln werden als unabhängig von einzelnen Akteuren konzipiert. Noch weiter: Kultur ist nicht nur unabhängig von den Akteuren, sondern konstruiert sie sogar erst. Die rationalistische Kultur der world-polity bringt dabei vor allem drei Arten von Akteuren hervor: Individuen, Organisationen und Nationalstaaten. In einem reziproken Prozess gibt die Weltkultur diesen Akteuren vor, wie sie „richtig“ und sinnvoll zu handeln haben, und konstituiert sie gleichzeitig als legitime handelnde Einheiten, wodurch die so genannte „Agentschaft“ entsteht (Kap. 2). Inhaltlich ist die Weltkultur am westlichen Modell von Rationalisierung, d.h. an „standardisierten, unpersönlichen Regeln, die die soziale Ordnung auf kollektive Zwecke hin ausrichten“ (S. 34), genauer: Fortschritt und Gerechtigkeit, orientiert und ist damit im Grunde eine säkularisierte Version des Christentums.

Die einzelnen Kapitel des Buches zeigen nun für verschiedene Bereiche, wie sie durch die Weltkultur geprägt werden. Praktisch alle Artikel folgen einer ähnlichen, sehr stringent durchgehaltenen und sinnvollen Struktur. Nach der Vorstellung der jeweiligen Fragestellung folgt zunächst eine Kritik bisher bestehender Erklärungsansätze. Diese werden entlang zweier Dimensionen (mikro/makro und funktionalistisch/phänomenologisch) geordnet, wobei Meyer seinen eigenen Ansatz gegen bisher bestehende Konzepte abgrenzt und als makro-konstruktivistisch verortet. Daraufhin wird jeweils das world-polity-Konzept genauer vorgestellt und auf das Beispielthema angewandt. Empirisch wird das Ganze vor allem in den letzten drei Kapiteln anschließend mit Daten untermauert.

Kapitel 3 bis 5 beschäftigen sich mit dem Zusammenspiel von Weltkultur und Nationalstaaten. Für letztere zeigt Meyer, dass sie im Grunde, teilweise sogar gegen jede funktionalistische Logik, einem gemeinsamen globalen Modell zu folgen versuchen. „Es sind die gemeinsamen weltgesellschaftlichen Modelle und nicht hundert verschiedene nationale Entwicklungspfade, die Staaten dazu bringen, [z.B.] Ministerien und sonstige Behörden einzurichten“ (S. 103). Dadurch ergibt sich ein relativ hohes Maß an Isomorphie zumindest auf der Ebene formaler Strukturen. So finden sich etwa in praktisch allen Staaten Verfassungen, die die Gleichberechtigung von Frauen festschreiben, eine allgemeine Schulbildung mit weitgehend standardisierten Lehrplänen etc. Gleichzeitig ergibt sich allerdings häufig eine massive Entkopplung von formalen Strukturen und realem Handeln, sei es durch mangelnde Ressourcen, sei es durch die fehlende Angemessenheit der globalen Modelle im lokalen Kontext. Druck auf die Nationalstaaten, sich an den Modellen zu orientieren, wird einerseits durch transnationale Organisationen (z.B. UNO, Weltbank, EU, aber auch NGOs) und andererseits durch lokale Akteure (Bürger und deren Verbände), die sich beide auf übergeordnete Prinzipien berufen, ausgeübt.

Die anschließenden Kapitel wenden die Theorie auf unterschiedliche Themengebiete an. Kapitel 6 ist aus meiner Sicht das schwächste des Buches, da der Zusammenhang zwischen Recht und Weltkultur nicht klar genug herausgearbeitet wird. Es geht von der folgenden These aus: „Das Recht ist an sich weder funktional noch repressiv. Seine Bedeutung gewinnt es wegen seiner Anbindung an gedachte universelle Prinzipien sowie als Identitätsquelle für Individuen und – noch wichtiger – Nationalstaaten“ (S. 180). Es wird versucht zu zeigen, dass erstens das Verhältnis von Nationalstaat und Rechtssystem und zweitens wichtige Merkmale moderner Rechtssysteme am sinnvollsten unter Bezug auf den Weltkultur-Ansatz zu interpretieren sind.

Kapitel 7 beschäftigt sich mit der globalen Institutionalisierung von Bildung, ein Thema, dem sich eine ganze Reihe von Aufsätzen aus dem Umfeld Meyers widmen. Die Autoren/innen kommen zu dem Ergebnis, dass sich sowohl grundlegende Strukturen als auch die Inhalte von Bildungssystemen in den letzten Jahrzehnten weltweit enorm angenähert und internationalisiert haben, etwas weniger allerdings die oberen Ebenen der Organisationsformen (Finanzierung und Steuerung). Internationale Bildungsorganisationen spielen dabei eine wichtige Rolle. Auch Bildung, so das Fazit, orientiert sich weniger an funktionalen Erfordernissen vor Ort, sondern ist besser zu verstehen als globaler Mythos, der sich an der Steigerung der Bildungsteilnahme einerseits, der Steigerung von Leistungsstandards andererseits orientiert.

„Die Entstehung eines globalen Umweltschutzregimes“ ist Thema des letzten Kapitels. Anhand empirischer Daten lässt sich weltweit ein enormer Anstieg von Umweltschutzaktivitäten auf internationaler Ebene nach dem Zweiten Weltkrieg belegen. Aufgrund eines fehlenden Zentralakteurs lässt sich dies nach Ansicht der Autoren/innen am besten durch eine verwissenschaftlichte Weltkultur erklären. Das entstehende globale Umweltschutzregime manifestiert sich dabei auf zwei Ebenen, die sich gegenseitig beeinflussen: Diskurse und Organisationen.

Den Band schließt eine interessante Einordnung des world-polity-Ansatzes in den Kontext anderer Theorien (Durkheim, Weber, Parsons) und aktueller Debatten über Globalisierung von Georg Krücken ab.

Insgesamt bietet die Publikation einen guten Überblick in den world-polity-Ansatz und insbesondere dessen Kulturkonzept. Hierzu trägt einerseits die sehr gute Strukturierung und Lesbarkeit der Artikel (auch wenn sich durch die ähnlichen Anfänge der Artikel gewisse Redundanzen ergeben), andererseits die Zusammenstellung von Überblickstexten, Theorie und Empirie bei. Letztere kommt allerdings in dem Band leider etwas zu kurz, wenn man bedenkt, dass gerade die Verbindung von Theorie und einer sehr einfallsreichen empirischen Forschung unter Verwendung von „cross-national longitudinal data“ und interessanten Verfahren der mathematischen Modellbildung eine der zentralen Innovationen von Meyer bildet. Der Ansatz selbst ist interdisziplinär angelegt und das Buch dürfte daher für verschiedene Disziplinen, insbesondere Soziologen/innen und Historiker/innen, interessant sein. Nicht zuletzt aufgrund seiner spezifischen Konzeptionalisierung von Globalisierung, die ohne einen Zentralakteur auskommend das Wirken einer Weltkultur postuliert, gleichzeitig aber die Nationalstaaten weiterhin als wichtige Akteure ansieht, bietet das Konzept der world-polity eine Vielzahl von Anregungen, aber auch von noch offenen Forschungsfragen. Vor allem die Genese der Weltkultur und ihrer inhaltlichen Ausgestaltung sowie Fragen der Entkopplung von globalen formalen Strukturen und lokaler Handlungspraxis scheinen mir lohnende Forschungsfelder.

Anmerkungen:
[1] Wenn hier und im Folgenden aus Gründen der besseren Lesbarkeit nur von „Meyer“ gesprochen wird, so sind damit meist auch seine Mitarbeiter (im vorliegenden Band: John Boli, Elizabeth Heger Boyle, David John Frank, Ann Hironaka, Ronald L. Jepperson, Franzisco O. Ramirez, Evan Schofer, George M. Thomas, Nancy Brandon Tuma) mit gemeint.

Zitation
Michael Hölscher: Rezension zu: Meyer, John W.: Weltkultur. Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen. Frankfurt am Main 2005 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 19.05.2006, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-6630>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.05.2006
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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