Titel
Hans Rothfels. Eine intellektuelle Biographie im 20. Jahrhundert


Autor(en)
Eckel, Jan
Erschienen
Göttingen 2005: Wallstein Verlag
Umfang
479 S.
Preis
€ 42,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mathias Beer, Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen

1953 erschien das erste Heft der „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“, über mehrere Jahrzehnte das zentrale Publikationsorgan der einschlägigen deutschen Forschung. Das Heft wird von einem der beiden Herausgeber der neuen Zeitschrift eingeleitet, dem die deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945 prägenden Hans Rothfels. Zum Programm erhoben, avancierte der kurze Text[1] nachträglich zum Taufschein für die deutsche Zeitgeschichte als wissenschaftlicher Disziplin, geboren aus dem Geist der Vergangenheitsbewältigung – und sein Verfasser zum Übervater der neuen historischen Disziplin. Der herausragende Stellenwert, der dem Beitrag im Laufe der Zeit zugewachsen ist, beruht auch auf dem darin enthaltenen Angebot, den Begriff Zeitgeschichte inhaltlich näher zu bestimmen. Rothfels definierte Zeitgeschichte „als Epoche der Mitlebenden und ihre wissenschaftliche Behandlung“ sowie zugleich als „eine neue universalgeschichtliche Epoche“, die sich „etwa mit den Jahren 1917/18“ abzuzeichnen begann.

In der von Rothfels vorgeschlagenen Doppeldefinition von Zeitgeschichte sieht die einschlägige historiografische Literatur nach wie vor einen unüberbrückbaren Gegensatz. Zeitgeschichte sei entweder „subjektiv“, vom Standpunkt der jeweiligen Gegenwart zu definieren, schreite also als Epoche mit dem Ablauf der Zeit fort; oder sie sei „objektiv“, zum Beispiel anhand bestimmter historischer Ereignisse, klar von anderen Epochen abzugrenzen. Weil sich die beiden Kriterien zur Bestimmung von Zeitgeschichte gegenseitig aus-schlössen, sei Rothfels’ Definition in sich nicht konsistent und daher auch forschungspraktisch wenig hilfreich. Es ist das Verdienst der Dissertation von Jan Eckel, diesen vermeintlichen Widerspruch aufzulösen. Das gelingt ihm überzeugend, indem er etwas Naheliegendes tut, nämlich beide Definitionen von Zeitgeschichte zu Rothfels’ Lebensgeschichte in Bezug zu setzen.

Mit dem gewählten Ansatz und auf breiter Quellengrundlage kann Eckel schlüssig erklären, wie Rothfels Geschichte im Lichte der Gegenwart und den damit verbundenen persönlichen Erfahrungen immer neu schrieb. Eckel nimmt die persönliche Betroffenheit des Historikers als eines Mitlebenden, d.h. als Zeitgenossen ernst, die sich in Form der „Erlebnisgemeinschaft“ wie ein roter Faden durch Rothfels’ Publikationen zieht. Er liefert damit den Schlüssel zum Verständnis eines zwar schmalen, aber einflussreichen historiografischen Werks, den Schlüssel zu dessen Grundpfeilern und zu deren Anpassungsfähigkeit an die jeweilige politisch-gesellschaftliche Gegenwart – sowie letztendlich auch für die Wirkungsmächtigkeit von Rothfels nach 1945 als Historiker, Wissenschaftsorganisator und moralische Instanz. Eine klassische Biografie konnte mit einem solchen, wesentlich auf den Historiker Rothfels, seinen Platz in der Zunft und den Kontext seines Wirkens eingeschränkten Ansatz nicht entstehen, war aber auch nicht das Ziel des Autors. Daher blitzt die von Zeitgenossen so oft gepriesene Vornehmheit des Menschen Hans Rothfels in dem Buch auch (leider) nur gelegentlich auf.

Die von Wiederholungen nicht freie Studie argumentiert differenziert und folgt Rothfels’ Lebensweg. Sie ist chronologisch aufgebaut und in fünf Teile gegliedert. Dabei steht das Kriterium der wissenschaftlich-biografischen Veränderungen im Mittelpunkt. Bezeichnenderweise stimmen sie bei Rothfels mit den großen Umbrüchen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts weitgehend überein: Erster Weltkrieg und Niederlage verbunden mit der Grundlegung seines vom Staat als zentraler Deutungskategorie bestimmten historiografischen Werkes; Weimarer Republik mit dem Wirken an der „Grenzlanduniversität“ in Königsberg, diesen „Jahren stärkster Prägekraft“, der Entdeckung des deutschen Ostens und mit ihm die Öffnung zur Volksgeschichte, ohne deren rassistischen Ausprägungen zu folgen; nationalsozialistische Machteroberung und die mit ihr erfahrene Ausgrenzung des stets staats- und volksverbundenen konvertierten deutschen Juden; der Zweite Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit als Zeit der Emigration von Rothfels in die USA; schließlich die Anfangsjahre der Bundesrepublik verbunden mit der Remigration und dem Aufstieg zur Integrationsfigur der Zunft sowie zur Symbolfigur der jungen Republik. Angesichts der Parallelität der Zäsuren deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert und jenen der untersuchten Biografie erweist sich Rothfels als eine besonders ergiebige „heuristische Sonde“, wenn Eckel der Frage nachgeht, wie die geschichtswissenschaftliche Produktion auf die Zeiterfahrungen des verstrichenen Jahrhunderts reagiert und sie verarbeitet hat.

Dabei gelingt ihm der überzeugende Nachweis, dass Rothfels die von ihm miterlebten Brüche und Zäsuren durch Fort- und Umschreiben nach und nach zu einem kohärenten, von dem Dreieck Königsberg, Chicago und Tübingen bestimmten geschichtswissenschaftlichen Erklärungsmodell der Vergangenheit verarbeitete. Es fußte auf sittlichen Grundüberzeugungen und zeichnete sich durch eine grundsätzliche Offenheit und damit Anpassungsfähigkeit aus, die es erlaubte, neue Entwicklungen in der Gegenwart mit einzubeziehen. Rothfels bot damit mehr als Geschichtsschreibung – er bot, nicht zuletzt mit seinem Buch „Deutsche Opposition gegen Hitler“, Sinnstiftung an. Diese wurde von den angesichts der „deutschen Katastrophe“ verunsicherten Kollegen und von der deutschen Zusammenbruchgesellschaft auch deshalb so dankbar aufgenommen, weil sie zusätzlich mit der moralischen Autorität des Vertriebenen und freiwillig in den Schoß der deutschen Nation Zurückgekehrten verbunden war. Rothfels verkörperte nicht nur in den Augen von Theodor Schieder „eine Kontinuität in unser aller Leben, das sonst durch so viele Zäsuren in seiner Einheit gestört wird“. Rothfels war eine Ausnahmeerscheinung innerhalb der deutschen Historikerschaft. Mehr als die meisten Historiker/innen seiner Generation entzieht er sich dem vorschnellen typisierenden Zugriff.

Eckel hat eine Pionierstudie vorgelegt. Sie überwindet den Stillstand der in letzter Zeit fast ausschließlich auf die NS-Zeit beschränkten Rothfels-Forschung.[2] Zudem bereichert sie die Reihe der in den letzten Jahren erschienenen Bücher zu bedeutenden deutschen Historikern des 20. Jahrhunderts inhaltlich und methodisch.[3] Und sie führt erneut vor Augen, wie erkenntnisfördernd es ist, das ganze 20. Jahrhundert und nicht allein die ominösen zwölf Jahre in die Analyse einzubeziehen, wenn die jüngere Vergangenheit der deutschen Geschichtswissenschaft untersucht wird. Der methodische Ansatz allerdings, dem Eckel folgt, ist bezogen auf die Geschichte des Fachs uralt. Johann Martin Chladenius schrieb 1752, diejenigen irrten sehr, „die verlangt haben, daß ein Geschichtsschreiber sich wie ein Mensch ohne Religion, ohne Vaterland, ohne Familie anstellen soll; und haben nicht bedacht, daß sie unmögliche Dinge fordern“.[4] Gerade weil er diesen offensichtlich etwas in Vergessenheit geratenen Satz befolgte, hat Eckel eine historiografiegeschichtliche Studie auf der Höhe der Zeit geschrieben. Es ist lohnend, sich nach ihrer Lektüre den einleitenden Aufsatz von Hans Rothfels für das erste Heft der „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“ nochmals vorzunehmen. Denn vor der methodischen und theoretischen Herausforderung, der sich Rothfels dort stellte, steht die bundesdeutsche Zeitgeschichte auch heute noch. „Zeitgeschichte als Aufgabe“ zu begreifen heißt mehr als eine erste, zweite und dritte Zeitgeschichte zu postulieren oder, wie jüngst geschehen, von der „neuesten Zeitgeschichte“[5] zu sprechen.

Anmerkungen:
[1] Rothfels, Hans, Zeitgeschichte als Aufgabe, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1 (1953), S. 1-8.
[2] Auf diesem Weg ist schon ein neuerer Sammelband ein gutes Stück vorangekommen; vgl. Hürter, Johannes; Woller, Hans (Hgg.), Hans Rothfels und die deutsche Zeitgeschichte, München 2005 (rezensiert von Christiane Blume: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-3-041>).
[3] Etzemüller, Thomas, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuordnung der deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001; Cornelißen, Christoph, Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert, Düsseldorf 2001; Mühle, Eduard, Für Volk und deutschen Osten. Der Historiker Hermann Aubin und die deutsche Ostforschung, Düsseldorf 2005.
[4] Chladenius, Johann Martin, Allgemeine Geschichtswissenschaft. Mit einer Einleitung von Christoph Friedrich und einem Vorwort von Reinhart Koselleck. Neudruck der Ausgabe Leipzig 1752, Wien 1985, S. 151.
[5] Schwarz, Hans-Peter, Die neueste Zeitgeschichte, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 51 (2003), S. 5-28.

Zitation
Mathias Beer: Rezension zu: Eckel, Jan: Hans Rothfels. Eine intellektuelle Biographie im 20. Jahrhundert. Göttingen 2005 , in: H-Soz-Kult, 03.05.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6690>.
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03.05.2006
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