V. Knigge u.a. (Hgg.): Der Kommunismus im Museum

Cover
Titel
Der Kommunismus im Museum. Formen der Auseinandersetzung in Deutschland und Ostmitteleuropa


Hrsg. v.
Knigge, Volkhard; Mählert, Ulrich
Erschienen
Umfang
312 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kristiane Janeke, Berlin

Die Gedenkstätten- und Museumslandschaft in Ostmitteleuropa präsentiert sich 15 Jahre nach dem politischen Umbruch aktiv und vielfältig. Das ist eine gute Nachricht, zeigt es doch, dass sich die Gesellschaften in einer offenen Debatte um die kollektive Erinnerung befinden. Vielschichtig und kontrovers sind auch die Artikel des vorliegenden Tagungsbandes, der eine Weimarer Konferenz zum Thema „Der Kommunismus im Museum“ dokumentiert, welche im Oktober 2004 auf Initiative der Stiftung Ettersberg und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur stattfand. Auch das ist eine gute Nachricht. Umso erstaunlicher ist der Eindruck, der sich im Laufe der Lektüre verstärkt, dass hier etwas nicht stimmt.

Die Beiträge berühren drei Kompetenzfelder: Kommunismus-Forschung, Erinnerungskultur und die Funktion von Museen und Gedenkstätten. Kritik, die sich an der Tagung entzündet hatte, betraf die beiden ersten Themen.[1] Bisher nicht zur Sprache gekommen ist der dritte Aspekt. Dazu merken die Herausgeber selbst im Vorwort kritisch an: Es habe sich gezeigt, „wie schwer es nach wie vor ist, Ausstellungskonzepte, Präsentationsformen und museums- bzw. gedenkstättenpädagogische Methoden nicht politisch, sondern fachlich zu diskutieren“ (S. 11). Es ist dieser Befund, der die Gesamtschau der für sich genommen wichtigen und interessanten Beiträge so mühsam macht. Das im Titel geführte Thema „Museum“ wird zu eng gefasst; politische und wissenschaftliche Fragen kommen zur Sprache, kaum aber museologische.[2] Diesem Zugang liegt das häufige Missverständnis von akademischer Seite zugrunde, der Wert von Museen und Ausstellungen messe sich allein an ihrem wissenschaftlichen Gehalt.

Durch diese Selbstbeschränkung schöpfen die Beiträge das interdisziplinäre Potenzial nicht aus, das in der Kombination der genannten Themenfelder liegt. Anstatt Bezüge und Querverbindungen herzustellen, bleiben die drei zentralen Aspekte, sicher ungewollt, auf jeweils einen Abschnitt beschränkt: Die Einführung widmet sich der Erinnerung, in den Museumspräsentationen geht es um die Institutionen und in den Kommentaren um die Kommunismus-Forschung.

Schon der Tagungsrückblick von Hans-Joachim Veen legt einen Schwerpunkt auf die Erinnerung, ohne die Ausführungen an die Funktion von Museen und Gedenkstätten anzubinden, um die es aber eigentlich gehen soll. Dieser Fokus setzt sich in den folgenden Beiträgen der Einführung fort. Drei Autoren behandeln die historische und aktuelle Entwicklung der Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in Deutschland (Volkhard Knigge, Bernd Faulenbach, Lu Seegers). Den osteuropäischen Erinnerungskulturen widmet sich Stefan Troebst. Hilfreich und notwendig ist die Einbeziehung Russlands. Wenngleich von Anmerkungen überladen, macht der Beitrag deutlich: Erinnerung und Aufarbeitung stecken in Ost(mittel)europa in den Anfängen, finden unter völlig anderen Bedingungen statt als in Deutschland nach 1945 und 1989 und sind stark national geprägt. Ein länderübergreifender Vergleich der Erinnerungskulturen findet leider nicht statt.

Auch der Bogen von der Forschung zum Museum wird nicht geschlagen. Allein Bernd Faulenbach macht Museen und Gedenkstätten zum Thema, geht dabei jedoch ausschließlich auf die Geschichtspolitik ein, nicht aber auf die Umsetzung in den Einrichtungen. Daher wirkt der Beitrag von Hermann Schäfer über „Möglichkeiten und Grenzen der musealen Vermittlung von Zeitgeschichte“ wie ein Annex in der Reihe wissenschaftlicher Analysen der Erinnerungskultur. Dies liegt auch daran, dass Schäfer seine allgemein gehaltenen Ausführungen nicht an der Darstellung konkreter historischer Ereignisse verdeutlicht.

Die Museumspräsentationen im zweiten Teil sind der Kern des Buches. Hier finden die LeserInnen bisher in dieser Ausführlichkeit nicht vorhandene, freilich sehr heterogene, Informationen über Museen und Gedenkstätten in Ostmitteleuropa, die Hintergründe ihrer Entstehung und ihre inhaltliche Ausrichtung. Meist von den Gründern und jetzigen Leitern werden die Okkupationsmuseen in Riga und Tallinn, das Genozidmuseum in Vilnius, das Kommunismus-Museum SocLand und das Zentrum KARTA in Warschau, das Haus des Terrors in Budapest, die rumänische Gedenkstätte in Sighet sowie das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig vorgestellt.

Die Auswahl der Museen ist gut – und zwar nicht nur mit Blick auf die nationalen Erinnerungskulturen, sondern auch auf den musealen Umgang mit der Geschichte. So ist es erfreulich, dass auch das kommerzielle Museum SocLand und das überinszenierte Haus des Terrors vorgestellt werden. Die anschließend abgedruckte Diskussion aber zeigt, dass Fragen nach Objekten, Gestaltung und Ausstellungsvermittlung nur am Rande thematisiert werden. Dies ist wohl auch der Grund, warum der Sammelband nicht noch stärker (und farbig) bebildert wurde.

Der Bericht der Studenten, die alle vorgestellten Museen besucht hatten, macht zu Beginn des dritten Teils deutlich, woher das Gefühl kommt, dass hier etwas nicht stimmt: Das Buch will zu viel, es gibt kein klares Erkenntnisinteresse. Worum geht es eigentlich? Um Erinnerungskultur? Um den Umgang mit Geschichte im Museum? Um Kommunismus? Oder gar um die innerdeutsche Gedenkstättendebatte? Das Fehlen einer Leitfrage erklärt auch die folgende Diskussion. Obwohl Klaus-Dietmar Henke bereits zuvor in seinem Beitrag warnt, die „Gedenkkultur in Deutschland zu einer Art Urmeter zu machen“, ist es genau das, woran sich die Gemüter erhitzen. Durch die eingeschränkte Museumssicht kommt es zu einer Vermischung politischer Bewertung und der Forderung nach internationalen Standards in der Museumsarbeit, die mit Recht in einigen Fällen angemahnt werden können.[3]

Missverständnisse dieser Art zeigen einmal mehr die bereits erwähnte schwierige Beziehung von Geschichtswissenschaft und Museum; sie sind ein Indiz dafür, dass das Modethema „Geschichte im Museum“ in den Universitäten oft sehr einseitig, weil ausschließlich aus wissenschaftlicher Perspektive, bearbeitet wird. Hans-Joachim Veen schreibt: „Die museale Form der Aufarbeitung setzt geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse in bildhafte Darstellung und exemplarische Gegenstände um.“ (S. 15f.) Das stimmt in dieser Verkürzung nicht, denn es ignoriert die spezifisch museumsbedingten Aspekte des Umgangs mit Geschichte wie die Objekte, die Dreidimensionalität, die Ebene der Sinne, die Zielgruppen etc. Diesen Befund bestätigt der Beitrag von Joachim von Puttkamer. Er kommentiert die Museen aus fachwissenschaftlicher Sicht und liefert damit den unabdingbaren, luziden Überblick über die Kommunismus-Forschung. Hinsichtlich der Museen jedoch bleibt seine Haltung akademisch: Zwar räumt er ein, diese könnten nicht dasselbe leisten wie ein Buch (S. 235), beklagt aber zugleich, dass sich die jüngsten Fachdebatten nicht in den Ausstellungen wiederfänden (S. 243).

Wünschenswert wäre an dieser Stelle der Kommentar eines Museumsfachmanns gewesen, der die von den Studenten richtig benannten Aspekte aus der Museumspraxis heraus kommentiert. Als Museumsexperte ist Rainer Rother vertreten, dessen schlichtender Beitrag sich auf der Tagung als gut platziert erwies. Für den Sammelband aber ist er weitgehend verschenkt, da Rother die notwendigen Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen musealer Arbeit nur anreißt. Im Übrigen gibt er selbst zu bedenken, dass er die Ausstellungen nicht kennt. Warum also erfolgte keine Einladung an die Nationalmuseen der Länder oder an die Kuratoren der Ausstellung „Mythen der Nationen“, die kurz vor der Tagung im Deutschen Historischen Museum eröffnet wurde? Sie haben sich ausführlich mit dem kollektiven Gedächtnis der hier vertretenen Länder beschäftigt.[4]

Dass Museen und Gedenkstätten in der Erinnerungskultur einer Nation eine wichtige Rolle spielen, wird in dem Tagungsband mehrfach betont. Übersehen wird dabei, dass dies für Ost(mittel)europa traditionell stärker gilt als in Westeuropa. In der Tat betreiben Museen dort bisweilen Geschichtspolitik. Diese Funktion von Museen kann man kritisch diskutieren, doch muss man sie zunächst als spezifische Form der Auseinandersetzung mit Geschichte ernstnehmen. Das ist in der Gesamtschau der Beiträge nicht hinreichend gelungen. Demgegenüber zählt es zu den Verdiensten der Publikation, reiches Informationsmaterial und praktische Hinweise für Museumsbesuche im Serviceteil zur Verfügung zu stellen. Eine die Gesamtthematik umfassende Literaturliste hätte diesen Aspekt abgerundet. Insgesamt ist das Buch eine erste Bestandsaufnahme, wie im Vorwort formuliert. Es bleibt zu wünschen, dass sie der Anstoß zu einer Debatte ist, die von einem breiteren Verständnis für die Institution Museum geprägt ist.

Anmerkungen:
[1] Augstein, Franziska, Im Wettbewerb des Gedenkens, in: Süddeutsche Zeitung, 30.10.2004, S. 17; Mönch, Regina, Die Neigung zur Vorbildlichkeit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.11.2004, S. 42.
[2] Darauf weist Bernd Faulenbach in seiner Bilanz ausdrücklich hin (S. 275f.).
[3] Vgl. den Diskussionsbeitrag von Volkhard Knigge (S. 268).
[4] Flacke, Monika (Hg.), Mythen der Nationen 1945 – Arena der Erinnerungen, 2 Bde., Berlin 2004; vgl. auch die Ausstellungsrezension von Árpád von Klimó <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=28&type=rezausstellungenngen>.

Zitation
Kristiane Janeke: Rezension zu: Knigge, Volkhard; Mählert, Ulrich (Hrsg.): Der Kommunismus im Museum. Formen der Auseinandersetzung in Deutschland und Ostmitteleuropa. Köln 2005 , in: H-Soz-Kult, 01.02.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6757>.
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01.02.2006
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