H. Botermann: Wie aus Galliern Römer wurden

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Titel
Wie aus Galliern Römer wurden. Leben im Römischen Reich


Autor(en)
Botermann, Helga
Erschienen
Stuttgart 2005: Klett-Cotta
Umfang
474 S.
Preis
€ 29,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Holger Müller, Seminar für Alte Geschichte, Universität Mannheim

Die Entwicklung der römischen Provinz Gallia Narbonensis steht beispielhaft für die Veränderungen, welche sich im gesamten Imperium Romanum vollzogen. Für Rom war die Narbonensis von entscheidender Bedeutung, da erst eine Kontrolle dieses Küstenstreifens die effektive Verwaltung der spanischen Gebiete ermöglichte, die in Folge des Zweiten Punischen Krieges unter römischem Einfluss geraten waren. Schon Plinius der Ältere stellte fest, dass die Narbonensis zu den Provinzen gehörte, die sich am meisten den römischen Lebensformen anpassten (n.h. 3, 31). Trotz dieser Bedeutung ist die Provinz von der modernen Forschung aufgrund der schlechten Quellenlage eher stiefmütterlich behandelt worden.[1]

Diese Lücke versucht nun die Göttinger Althistorikerin Helga Botermann mit ihrem Werk "Wie aus Galliern Römern wurden" zu schließen. Botermann stellte sich das Ziel, dem Leser nicht nur "ein lesbares Buch zu schreiben", sondern ihm auch die Urteile der Historiker anhand von Quellen plausibel zu erklären (S. 31). Vor allem ersteres gelingt ihr in vollem Maße; der Leser spürt auf jeder Seite die Begeisterung der Autorin. Allerdings geben die gelegentlich vorkommenden "Ich"-Formen dem Leser passagenweise das Gefühl einer allzu subjektiven Betrachtung. Das Werk selbst ist in zehn quantitativ gleichwertige Kapitel eingeteilt. Im ersten Kapitel streicht Botermann die Unterschiede zwischen der Narbonensis und dem restlichen Gallien heraus und definiert somit die Intention und den Themenbereich des Werkes. Die große Bedeutung der Narbonensis wird dabei klar hervorgehoben. Botermann erläutert zudem die Assimilationsmethoden Roms. Des Weiteren liefert sie hier eine sehr ausführliche Gliederung des Buches mit Inhaltsangabe der einzelnen Kapitel sowie eine kurze Forschungsgeschichte der archäologischen Funde.

Im zweiten Kapitel wird die Bedeutung der griechischen Kolonie Massalia herausgearbeitet, wobei Botermann anhand konkreter Beispiele das große Interesse der Gallier an der griechischen Zivilisation betont. In problematischer Kürze wird auf allgemeine Aspekte der keltischen Geschichte, wie die Wanderungen, das antike Keltenklischee und die keltische Kultur, eingegangen. Die im dritten Kapitel beschriebene Eroberung der Narbonensis führte schließlich zur Abhängigkeit des Gebietes von Rom. Dabei war die Einflussnahme, wie Botermann zu Recht betont, zuerst eher indirekt (S. 91): Rom war einzig darauf bedacht, den Frieden in diesem Gebiet zu wahren. Erst durch das militärische Eingreifen Caesars und die gallischen Reformen des Augustus, die trotz ihrer Bedeutung im gesamten Werk eher peripher behandelt werden, kam es zum administrativen Eingreifen Roms in Gallien. Die Eroberung Galliens durch Caesar wird in der für die Intention des Werkes gebotenen Kürze dargestellt.

Im vierten Kapitel widmet sich Botermann den Verwaltungsstrukturen der Provinz. Die hier geführte Diskussion, ob Caesar oder Augustus für die Reformen verantwortlich waren, fällt äußerst knapp aus, wobei Botermann sich ihrer eingangs formulierten Linie, nicht auf Forschungsdiskussionen einzugehen (S. 31), treu bleibt. Ob dies aber bei einer so wichtigen Frage sinnvoll ist, bleibt zweifelhaft. Ausführlich erörtert die Autorin schließlich die Gründung römischer Kolonien in Gallien und ihren unterschiedlichen Rechtsstatus (S. 137ff.). In Kapitel 5 erhält der Leser eine Einführung in die (südgallische) Epigrafik. In teilweise recht dozierendem Tonfall werden hier die verschiedenen Arten von Inschriftentypen vorgestellt, wobei Botermann ihre Kompetenz auf diesem Gebiet beweist. Leider bleibt bei einigen Inschriften die Frage offen, inwieweit sie sich in den Themenrahmen des Buches einfügen. Oft hat man zudem das Gefühl, dass an dieser Stelle des Guten zuviel getan wird: Bei der Auswahl der Inschriften wäre weniger wohl mehr gewesen, ein Problem, welches sich durch das gesamte Werk hindurch zieht. Auch die teilweise sehr kurzen Kommentare zu einzelnen Inschriften verdeutlichen nicht immer ihre inhaltliche Bedeutung, sondern enthalten vielmehr (richtige) Korrekturen (so u.a. zu CIL XII 682a, S. 179), die für ein Werk, welches sich mit römischer Epigrafik an sich beschäftigt, sicherlich wichtig wären, hier aber ein wenig fehl am Platz wirken. Botermann bietet jedoch stets ausgezeichnete Übersetzungen zu den Inschriftentexten. Im Rahmen der Behandlung der Weihinschriften geht Botermann auch auf den gallischen Pantheon ein und zeigt dabei überzeugend die Vielfalt der gallischen Kulte auf. Leider fehlt hier eine angemessene Betrachtung der keltischen Priester, die auch für die südgallische Kultur von entscheidender Bedeutung waren.

Das sechste Kapitel steht ganz im Zeichen des Kaiserkultes. Hier wird erneut mithilfe von Inschriften argumentiert, wobei die getroffenen Aussagen meist allgemein gehalten sind und sich auf das gesamte Römische Reich übertragen lassen. Zwar werden Arles, Narbonne und Vienne beispielhaft für die Narbonensis behandelt, doch tragen auch an dieser Stelle die Wertungen, wie nicht anders zu erwarten, eher allgemeinen Charakter (S. 226). Für den Leser interessant und in anderen Arbeiten nicht so konzentriert zu finden sind die Präsentation und die Betonung der Bedeutung privater Weihungen. Im siebten Kapitel widmet sich Botermann mit dem antiken Nîmes einer der wichtigsten Kolonien der Narbonensis. Hier wird mit großer Ausführlichkeit auf alle Aspekte des Lebens in einer römischen Kolonie eingegangen. Warum sich in diesem Kapitel Abbildungen von Arles befinden, ist allerdings zu hinterfragen (S. 268, 274).

Kapitel 8 soll einen Überblick über die gallo-römische Gesellschaft bieten. Am Anfang steht ein informativer Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung der Narbonensis, wobei zu Recht die Bedeutung der französischen Forschungen betont wird. Auch die hier dargelegten Ergebnisse sind ohne weiteres auf das gesamte Imperium übertragbar, vor allem wenn Botermann im zweiten Teil des Kapitels auf die gesellschaftlichen Schichten eingeht. Die getroffenen Aussagen über Sklaven, Vereine und das Patronatswesen sind durchweg zutreffend, aber nicht für die Region spezifisch. Allerdings vermittelt Botermann in diesem Kapitel einen falschen Eindruck vom Bildungswesen der Gallier: Nicht erst zur Zeit der Romanisierung erkannten "Familienväter den Nutzen einer gediegenen Schulbildung ihrer Kinder" (S. 337); es sei nur an die intensive Ausbildung der keltischen Druiden erinnert. Die letzten beiden Kapitel bilden eine Einheit, da hier auf das christianisierte Südgallien in der Spätantike und im Frühmittelalter eingegangen wird. Im Rahmen der Darstellung der südgallischen Christenverfolgungen untersucht Botermann intensiv die Gladiatorenspiele. Obwohl das Gesagte durchweg richtig darstellt und interessant geschrieben ist, stellt sich die Frage nach der zentralen Aussage, die an dieser Stelle mit dem Exkurs verfolgt werden soll. Die verhältnismäßig große Zahl südgallischer Amphitheater (S. 357) kann hier nicht als Begründung dienen. Im letzten Kapitel betont die Autorin zurecht, dass nur dank der intensiven Romanisierung Galliens die römische Kultur auch nach dem Untergang des Römischen Reiches überleben konnte.

Am Ende des Buches bietet Botermann einen auf den ersten Blick umfangreichen Anhang, beginnend mit einer Zeittafel. Dieser folgt ein Glossar althistorischer und archäologischer Fachbegriffe. Da die meisten der aufgeführten Begriffe im Buch ausführlich erläutert werden, hätte auf diesen, vor allem wegen seiner fachlichen Einschränkung, verzichtet werden können. Das Literaturverzeichnis verweist, nach Kapiteln geordnet, auf die wichtigsten weiterführenden Arbeiten, wobei die Reihenfolge der aufgeführten Titel eher zufällig als methodisch erscheint. Dem umfangreichen Anmerkungsapparat folgt ein Autorenregister, welches die Verfasser der zu Rate gezogenen Quellen mit kurzen Erläuterungen zu Leben und Werk enthält. Beendet wird das Buch durch Indices für Inschriften sowie für Sachbegriffe und Personen und durch einen Bildnachweis, der zeigt, dass Botermann vieles aus eigener Anschauung zu berichten weiß.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Botermann mit diesem Buch trotz aller Kritik ein interessantes und fassettenreiches Bild des Lebens in einer römischen Provinz zeichnet. Dass dabei gelegentlich der direkte Bezug zu Gallien und speziell zur Narbonensis unklar bleibt, beeinträchtigt den Lesespaß und den damit verbundenen Lerneffekt nicht.

Anmerkung:
[1] Als wichtige Werke seien hier nur genannt: Willemsen, Heinrich, Römerstädte in Südgallien, Gütersloh 1911; Chevallier, Raymond, Römische Provence - Die Provinz Gallia Narbonensis, Feldmeilen 1979.

Zitation
Holger Müller: Rezension zu: Botermann, Helga: Wie aus Galliern Römer wurden. Leben im Römischen Reich. Stuttgart 2005 , in: H-Soz-Kult, 05.09.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6908>.
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Veröffentlicht am
05.09.2005
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