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Titel
Die Kelten. Von der Hallstatt-Kultur bis zur Gegenwart


Autor(en)
Konstam, Angus
Erschienen
Wien 2005: Tosa
Umfang
192 S.
Preis
€ 9,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Holger Müller, Seminar für Alte Geschichte, DFG-Projekt "Antike Kriegskosten", Universität Mannheim

Die Kelten - kaum ein historisches Volk hat so viel Interesse in der Literatur hervorgerufen wie diese indogermanische Volksgruppe. Der Grund hierfür ist in ihrem weiten Ausbreitungsgebiet von Spanien und Irland im Westen bis nach Anatolien im Osten zu sehen. Doch sind die keltischen Hauptsiedlungsräume auf den Britischen Inseln und im heutigen Frankreich zu suchen. Somit ist nicht verwunderlich, dass ein Großteil der modernen Literatur englisch- bzw. französischsprachig ist. Aber auch in Deutschland ist das Interesse an den Kelten ungebrochen, was man an den zahlreichen Übersetzungen fremdsprachlicher Werke erkennen kann. Da die Kelten nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die breite Volksmasse interessieren, ist es nur zu verständlich, dass ein Großteil der herauskommenden Werke auf den ersten Blick einen populärwissenschaftlichen Eindruck vermitteln, der durch die oftmals reiche Bebilderung verstärkt wird, die sich aufgrund der zahlreichen spektakulären archäologischen Funde anbietet. Der sich mit den Kelten beschäftigende Historiker sollte also keinen Bogen um die populärwissenschaftlichen Verlage machen, da sich hier manch interessante Werke finden lassen.

Auch das erstmals 2001 unter dem Titel "Historical Atlas of the Celtic World" und nun in deutscher Übersetzung vorliegende Buch von Angus Konstam ist auf dem ersten Blick aufgrund seiner großzügigen Bebilderung und der stets kurzen Unterkapitel (nie länger als zwei Seiten) eher populärwissenschaftlich einzustufen. Es beansprucht von sich selbst, die keltische Kultur von der Hallstattzeit bis in die Gegenwart darzustellen, was ein Blick auf die Überschriften der 13 gleichgewichteten Hauptkapitel bestätigt. Jedes dieser Kapitel beginnt mit einer kurzen Zusammenfassung des Inhalts.

Diesem Konzept folgend beginnt Konstam nach einer kurzen Einleitung mit einem Kapitel über die keltischen Ursprünge (S. 8-23). Schnell fällt das völlige Fehlen von Anmerkungen und Fußnoten auf, so dass sich viele der gemachten Aussagen und Quellenzitate nicht oder nur schwer überprüfen lassen. Konstam lässt die keltische Kultur aus den neolithischen Kulturen Europas entstehen, was prinzipiell korrekt, aber für das behandelte Thema zu weit zurückgegriffen ist. Auch das beispielhafte Heranführen neolithischer Funde auf den Orkney-Inseln (S. 12f.) kann bei unwissenden Lesern den falschen Eindruck erwecken, von dort wären keltische Kultureinflüsse ausgegangen. Diesen Eindruck verfestigt Konstam, indem er an späterer Stelle auf diesen Inseln erfolgte Ausgrabungen piktischer Zeit mit keltischen Befunden vermischt (S. 22).

Im Folgenden beschreibt Konstam richtig die Urnenfelder-Kultur als direkten Vorläufer der keltischen Kultur (S. 14f.). Der sowohl militärisch als auch wirtschaftlich bedeutsame Punkt der verbesserten Eisenverarbeitung wird an dieser Stelle im Rahmen des Wechsels der Kulturen betont. Im Zusammenhang mit der Hallstattkultur geht Konstam in ungebotener Kürze auf den Einfluss asiatischer Reitervölker auf die Kelten ein (S. 16-17). Auch erwähnt er den nachweislichen Rückgang des Wohlstandes, zieht aber nicht die nötigen Schlüsse. Eine Erwähnung dieser Entwicklung als mögliche Ursache für die ersten keltischen Wanderungsbewegungen hätte an dieser Stelle erfolgen müssen. Auch hätte hier besser das durch ein Kapitel über die erste literarische Erwähnung getrennte Unterkapitel über die La-Tène-Kultur (S. 20f.) folgen sollen, da an dieser Stelle auf die Ausweitung des keltischen Gebiets eingegangen wird. Stattdessen geht Konstam im Folgenden auf die im Dunkel der Geschichte verborgenen Ursprünge der keltischen Völker ein. Dieser weit verbreitete Topos muss allerdings relativiert werden, da man die Ursprünge anderer antiker Völker ebenso wenig wie die der Kelten identifizieren kann.[1] Die erste Erwähnung der Kelten sieht Konstam bei Homer (S. 18), wobei er sie mit den Kimmerern gleichsetzt. Dieses im nördlichen Schwarzmeergebiet beheimatete Volk als Kelten zu deuten, wird von der restlichen Forschung nicht gestützt.[2] Allerdings hatten sie indirekt Einfluss auf die keltische Kultur. Vielmehr sind die ebenfalls von Konstam erwähnten Autoren Hesiod und Herodot als früheste Quellen über die Kelten anzusehen.[3] Die Bedeutung der griechisch-karthagischen Handelsfahrten wird mit Recht hervorgehoben (S. 18), auch wenn Konstam auf die große Bedeutung des Zinns als Handelsgut nicht eingeht. Viel zu kurz fällt die Beschreibung der keltischen Wanderungen der La-Tène-Zeit aus (S. 20f.). Schließlich wird die Unterteilung der keltischen Welt in einzelne Stämme aufgezeigt und diese Tatsache als Grund für den Untergang der (festland-)keltischen Kultur angegeben.

Im 2. Kapitel beschreibt Konstam nach Regionen geordnet die verschiedenen keltischen Stämme. In diesem Rahmen geht er auf die unter anderem durch Germanen verursachten Wanderungsbewegungen ein, als deren Folge der Rhein die Grenze zwischen Germanen und Kelten bildete. Die von Konstam postulierte an Flusstäler gebundene Lebensweise der gallischen Kelten muss relativiert werden, wie man an der Existenz der auf Hügeln liegenden Oppida erkennen kann. Zu Recht wird die starke Unterteilung der gallischen Stämme betont, die zu verschiedenen Allianzen führte. Der Bretagne ein separates Unterkapitel zu widmen, ist durch ihre große Bedeutung als keltisches Rückzugsgebiet bis ins Mittelalter begründet, auch wenn der gewährte Raum knapp bemessen ist. Ein Unterkapitel für die iberischen Kelten passt ins Gesamtkonzept, muss aber aufgrund ihrer geringen Bedeutung für die Geschichte - schon die Antike sah in ihnen keine reinen Kelten [4] - als unnötig angesehen werden. Es folgen Unterkapitel über Galater und italische Kelten, die auf kürzesten Raum die bedeutendsten Ereignisse referieren.

Im 3. Kapitel widmet sich Kostam der keltischen Kunst. Dabei stellt er auf engstem Raum (insgesamt gerade mal 11 Seiten) die Entwicklung der keltischen Kunst anhand verschiedenster Beispiele vor. Einige bedeutende Funde sind abgebildet, bei anderen Objekten hätte eine Abbildung zu einem besseren Verständnis verholfen. Dem Kessel von Gundestrup widmet er ein eigenes Unterkapitel, ohne allerdings seine Bedeutung für die Erforschung keltischer Religion angemessen zu betonen. Einige seiner in diesem Kapitel gemachten Deutungen sind ebenso wie seine Bildauswahl zu hinterfragen. Trotz des begrenzten Raumes schafft es Konstam hier, die Entwicklung der keltischen Kunst prägnant darzustellen; er weist dabei mit Recht auf die griechischen Einflüsse hin (S. 42).

Das 4. Kapitel behandelt die keltische Religion. Konstam stellt die verschiedenen Fassetten (Polytheismus, Menschenopfer, Jenseitsglaube, heilige Quellen und Haine) überblicksartig dar und hebt regionale Besonderheiten hervor. Mit Recht wird auf die Interpretationsproblematik aufgrund der griechisch-römischen und christlichen/mittelalterlichen Überlieferung hingewiesen (S. 65ff.). Im 5. Kapitel geht Konstam auf die Kelten der Britischen Inseln ein. Er unterstreicht dabei die Besonderheit der Region: aufgrund der nur teilweisen Eroberung trafen hier keltische Traditionen (im Norden und auf Irland) auf römische Zivilisation. Auch die erwähnten Handelsbeziehungen zwischen Insel und Festland werden betont (S. 70), der Hinweis auf schon zur Bronzezeit existierenden Handelsbeziehungen mit dem Festland erfolgt beinahe beiläufig (S. 80). Die vorgenommene Trennung in Schotten, Kaledonier, Waliser und Kornen ist regional korrekt, kulturell aber unnötig. Irlands Bedeutung wird nur unzureichend beleuchtet.

Im 6. Kapitel wird die Eroberung der gallischen Länder behandelt, wobei die Abwehrkämpfe des Marius als Ausgangspunkt genommen werden. Konstam geht dabei aufzählend anhand einzelner Schlachten vor, widmet aber der Revolte der Boadicea ein eigenes Unterkapitel. Auch die Probleme, die Rom mit dem Norden Britanniens hatte, werden reflektiert. Im 7. Kapitel widmet sich Konstam den Druiden. Die Trennung vom 4. Kapitel ist nur durch das Gesamtkonzept des Buches zu erklären. Hier werden auf kleinsten Raum alle Klischees, die die Literatur zu bieten hat, kommentarlos aufgezählt. Ein ähnliches Vorgehen zeigt Konstam, wenn er sich im 8. Kapitel mit den Kriegern und der Kriegskunst der Kelten beschäftigt. Der Rückfall Britanniens in vorrömische Zustände nach Rückzug der Besatzungsmacht wird im 9. Kapitel ebenso wie die angelsächsische Eroberung behandelt, wobei erneut eher stichpunktartig vorgegangen wird. Im Rahmen dieses Kapitels wird auch auf die Arthur-Legende eingegangen, was aufgrund der knappen Konzeption fehl am Platz wirkt.

Die letzten vier Kapitel bilden eine Einheit, da sie sich mit dem Weiterleben keltischer Kultur vom Mittelalter bis zur Neuzeit beschäftigen. Konstam erörtert hier vor allem die künstlerischen und kulturellen Einflüsse, die von Irland ausgingen, und betont dabei überzeugend die Bedeutung der christlichen Mönche bei der Überlieferung irischer Mythen (S. 162, 168, 172ff.). Im 13. Kapitel beschäftigt sich Konstam mit den bis heute existierenden keltischen Traditionen und den letzten keltischen Bastionen. Abgeschlossen wird das Buch durch einige Hinweise auf Museen und Literatur, wobei die aufgeführten 23 Büchern keinen repräsentativen Überblick bieten. Die gebotene Auswahl enthält meist populärwissenschaftliche Werke und verzichtet auf einige Standardwerke sowie Literatur nach 1996. Die abschließende Zeittafel beginnt ohne ersichtlichen Grund erst mit Caesars Gallischem Krieg. Ein überraschend ausführliches Register schließt das Buch ab.

Abschließend muss die Frage nach der angestrebten Leserschaft gestellt werden. Obwohl das Buch eindeutig populärwissenschaftlich gehalten ist, erscheint es für Laien ungeeignet, da einige inhaltliche Fehler und Ungenauigkeiten zu Fehlschlüssen verleiten und fehlende Anmerkungen und Fußnoten eine Überprüfung vereiteln. Ein Kenner der Materie findet in dem Buch nichts Neues, kann sich aber an schönen Bildern und aussagekräftigen Karten erfreuen.

Anmerkungen:
[1] Kruta, Venceslas, Die Kelten - Aufstieg und Niedergang einer Kultur, Freiburg im Breisgau 2000, S. 24.
[2] Banari, Valeriu, Die Beziehungen von Griechen und Barbaren im nordwestlichen Pontos-Gebiet, Diss. Mannheim 2003, S. 34.
[3] Demandt, Alexander, Die Kelten, München 2001, S. 12.
[4] Diod. 5,33,1.

Zitation
Holger Müller: Rezension zu: Konstam, Angus: Die Kelten. Von der Hallstatt-Kultur bis zur Gegenwart. Wien 2005 , in: H-Soz-Kult, 01.11.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7052>.
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01.11.2005
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