S. Schiffer: Die Darstellung des Islams in der Presse

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Titel
Die Darstellung des Islams in der Presse. Sprache, Bilder, Suggestionen. Eine Auswahl von Techniken und Beispielen


Autor(en)
Schiffer, Sabine
Erschienen
Würzburg 2005: Ergon Verlag
Umfang
337 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kristina Stock, Orientalisches Institut, Universität Leipzig Email:

Sabine Schiffers breit angelegte Untersuchung über die Darstellung des Islams in der deutschen Presse zeigt, „wie Fakten lügen können und dass auch renommierte Medien den antiislamischen Rassismus salonfähig machen“ (S. 226). Damit reiht sie sich nicht nur in die wenigen medienkritischen Arbeiten zu eben diesem Thema [1] ein, nein sie stellt vielmehr ein wichtiges Zwischenergebnis bisheriger Forschungen dar, geht über diese aber noch hinaus, weil die ermittelten Resultate sowohl in Bezug auf die Islamdarstellung relevant sind als auch allgemeine pressemediale Strategien und deren potentielle Wirkung auf die Rezipienten aufzeigen. Gleichzeitig präsentiert Sabine Schiffer zahlreiche Ansatzpunkte für weiterführende Analysen, um nicht selbst zu voreiligen Pauschalisierungen zu gelangen (z.B. S. 75, 102, 137f., 223). Ihr erklärtes Ziel ist „die Begründung einer linguistisch und erkenntnistheoretisch fundierten Theorie, die es ermöglicht, Fehldarstellungen und ihre potentielle Wirkung zu ermitteln“ (S. 32).

Die äußerst umfangreiche Bibliografie zeigt die stark interdisziplinär ausgerichtete und akribisch recherchierte wissenschaftliche Grundlage der Untersuchung, die selbst eine heuristische Vorgehensweise anstrebt, um „intuitives Wahrnehmen zu verbalisieren“ (S. 68). Dabei verzichtet sie nicht auf eine sorgfältig ausgeführte Grundlagenforschung, die zwar Längen und Wiederholungen bei der Darstellung mit sich bringt, angesichts des wissenschaftlichen Anspruchs der Arbeit jedoch unvermeidbar ist. Die übersichtliche, stark gegliederte Darstellung präsentiert nach jedem größeren Kapitel Zwischenergebnisse, Zusammenfassungen und Schlussfolgerungen. Der aktuelle Forschungsstand wird immer wieder kritisch hinterfragt. Verwendung finden Erkenntnisse aus der Kognitionsforschung, Medienwissenschaft, Psychologie, Linguistik, Arabistik und Islamwissenschaft.

Zunächst untersucht Sabine Schiffer allgemeine Einstellungen zu Islam und Muslimen (S. 13ff.) sowie die Rolle der verschiedenen Medien hauptsächlich als „Spiegel und Konstrukteur von Realität“ (S.18-32). Als besonders wirkungsvolle Manipulationsstrategien werden das Zeigen und Ausblenden von Realität sowie die Pars-pro-toto-Wahrnehmung und Stereotypenbildung herausgestellt. In einem Exkurs geht es darum, welche Folgen verkürzt wiedergegebene islamische Glaubensgrundsätze und die Verallgemeinerung ausgewählter Fakten aus der islamischen Welt haben können. Da einmal erworbenes Wissen die Wahrnehmung beeinflusse, ließen sich einmal gefasste Einstellungen immer wieder reproduzieren. Wie Sabine Schiffer mutmaßt, kann nur immer währende Skepsis diesen Teufelskreis durchbrechen. (S. 33-54)

Im Hauptteil der Untersuchung werden Bilder und Texte überregionaler Qualitätszeitungen und -zeitschriften analysiert, „weil sie ein starkes Renommée als seriöser Berichter unter opinion leadern wie Akademiker, Politiker und Medienmacher selbst genießen.“ (S. 26f.) Das umfangreiche Untersuchungkorpus aus dem Zeitraum zwischen 1988-2002 ist exakt recherchiert und im Text bzw. im Anhang überprüfbar, das die Presseartikel ergänzende Zeitungslayout einschließlich der Bebilderung wird konzis erklärt, im Anhang teilweise auch abgebildet.

Ausgehend von Techniken der Filmsprache kann Sabine Schiffer nachweisen, dass dort wie auch in der Presse Verfahrensweisen zur Anwendung kommen, bei denen ohne explizite Bezüge und Argumentationen zwischen unterschiedlichen Sachverhalten per bildlicher und/oder sprachlicher Montage willkürliche Zusammenhänge hergestellt werden. Das dabei zugrunde liegende Prinzip der Sinn-Induktion ist für Sabine Schiffer ein Grundprinzip der Wahrnehmung. Diese These überprüft sie durch Integration von Erkenntnissen aus Psychologie und Kognition, Textlinguistik und Pragmatik in die filmwissenschaftliche Betrachtungsweise (S. 60ff.). Im Anschluss zeigt sie, wie auch in der Presse bestimmte Sachverhalte für einander relevant gehalten werden, nur weil sie nebeneinander stehen (S. 68-79). Dabei spiele die Häufigkeit der Reizkombination eine wichtige Rolle, gemäß dem in der Untersuchung wiederholt erwähnten Medienprinzips „Wiederholen ist Überzeugen“. Außer Acht gelassen wird von Sabine Schiffer allerdings der Gegeneffekt dieses Prinzips, nach dem ständige Wiederholung auch zu einer verstärkten Abwehr führen kann.

Die Analyse eines 1998 erschienenen Spiegel-Specials mit dem Titel „Rätsel Islam“ ergab, dass hier nicht etwa irrelevante Verknüpfungen auf Textebene zur Diskreditierung des Islams führen, sondern vielmehr durch die in der Redaktion vorgenommene Aufmachung (Bebilderung, Überschriften, Hervorhebungen, Schaukästen) die Botschaft dominant wird: Islam ist Gewalt, Bedrohung, Rückschritt und Frauenunterdrückung (S. 100).

Außer durch tendenziöse Präsentationen lassen sich Vorurteile und Klischees auch durch abwertende Assoziationen arabo-islamischer Termini bestätigen, wie Allah, Moschee, Dschihad, Fatwa. Sabine Schiffer weist nach, dass gängige Definitionen der Begriffe, so im Duden, zum Teil mangelhaft oder sogar falsch sind, wodurch wiederum unzutreffende Realitäten assoziiert werden (S. 108ff.). Auch führe die Nichtübersetzung mancher Begriffe, wie Allah, genauso zu trügerischen Vorstellungen, wie die tendenziöse Übersetzung von Dschihad. Eine Übersetzung von Dschihad mit Heiliger Krieg suggeriert unbedingt einen militanten Charakter des Islams. Die friedlichen Bemühungen, die in der Wortbedeutung ebenfalls stecken, werden ignoriert. Wenn Allah nicht „Gott“ genannt wird, bekommt man die Vorstellung, dass Muslime nicht an den einen Gott glauben, sondern an „ihren eigenen“. Damit werde ebenso ein Gefühl der Fremdheit und der Bedrohung erzeugt wie durch Nichtintegration der Termini in das deutsche Deklinationssystem, meistens durch den Verzicht auf die Genitivendung. (S. 112-139)

Bei der Analyse einer längeren Artikelserie der Asienkorrespondentin G. Venzky über die Verfolgung einer Ärztin und Schriftstellerin aus Bangladesch durch islamische Fundamentalisten (S. 139-199) kommt Sabine Schiffer zu dem Ergebnis, dass bei der Berichterstattung ahistorische und umordnende Aneinanderreihungen ausgewählter ‚Fakten’ vorgenommen und Ungereimtheiten einfach ausgeräumt werden. Eine Parteinahme für die Verfolgte sei vorprogrammiert, allein schon durch die innere Logik der verwendeten metaphorischen Konzepte Frauenunterdrückung (z.B. „jenem schwarzen Krähengewand“), Fanatismus (z.B. „Blutorgie“), Mittelalter (z.B. „Inquisition“), Rückständigkeit (z.B. „Dorfmullahs“), Lynchjustiz (z.B. „Preisgeld auf ihren Kopf“), Jagd (z.B. „das Signal zur Treibjagd“), Verfolgung (z.B. „ein weiblicher Rushdi“).

Jedoch spekuliert Sabine Schiffer nicht über die Intentionen der Journalisten und Redakteure bei der Anwendung manipulativer Mittel, sondern analysiert nur die (potentiellen!) Wirkungen dieser Mittel. Sie selbst weist daraufhin, dass keiner gefeit ist, bewusst oder unbewusst, gefangen in Vorurteilen und kollektiven Mechanismen, durch eine bestimmte Auswahl aus den vielen Facetten der Realität ein Bild zu präsentieren, das bestimmte Ansichten beweist. Immer gibt es Gegenbeispiele, die den dargestellten Mechanismen eben nicht folgen, sich nicht in stimmige Muster einordnen lassen. Dadurch relativieren sich auch die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung. Ihr Wert wird davon jedoch nicht geschmälert. Immerhin bietet sie eine ernstzunehmende Medienkritik, die möglichst allen Betroffenen, Schreibern wie Lesern, in populären Formen nahegebracht werden müsste.

Ebenso ernst zu nehmen ist Sabine Schiffers abschließender Appell, vergleichende Untersuchungen der Entwicklungslinien des antisemitischen und des islamfeindlichen Diskurses anzustellen, weil – wie die Geschichte gezeigt habe – „Sprache und Bilder zu Unrecht in ihrem Potential unterschätzt werden. Die derzeit aktuelle Integrationsdiskussion, die vor allem in Bezug auf muslimische Mitbürger/innen geführt wird, droht im gleichen Verstellungsvorwurf zu enden wie dies den jüdischen Mitbürgern zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschah.“ (S. 223) Einen ersten bemerkenswerten Schritt zur Entlarvung manipulativer Mechanismen bei der Zeichnung neuer Feindbilder hat Sabine Schiffer mit ihrer Untersuchung bereits getan.

Anmerkungen:
[1] Hafez, Kai, Die politische Dimension der Auslandsberichterstattung. Das Nahost- und Islambild der deutschen überregionalen Presse, Bd. 2, Baden-Baden 2002; Kempf, Wilhelm (Hg.), Manipulierte Wirklichkeiten. Medienpsychologische Untersuchungen der bundesdeutschen Presseberichterstattung im Golfkrieg, Münster 1994. Klemm, Verena; Hörner, Karin (Hgg.), Das Schwert des „Experten“. Peter Scholl-Latours verzerrtes Araber- und Islambild, Heidelberg 1993; Koschinski, Michael, Analyse der audio-visuellen Medien zum Thema Islam, Köln 1991; Ohde, Christina, Der Irre von Bagdad. Zur Konstruktion von Feindbildern in überregionalen Tageszeitungen während der Golfkrise 1990/01, Frankfurt am Main 1994; Stacharowsky, Heiner, Massenmedien und Kriminalität der Mächtigen. Eine Problemanalyse anhand der Darstellung der Person Saddam Husseins während des Golfkrieges in der Presse, Heidelberg 1994; Thofern, Detlef, Darstellungen des Islams in „DER SPIEGEL“. Eine inhaltsanalytische Untersuchung über Themen und Bilder der Berichterstattung von 1950 bis 1989, Hamburg 1997.

Zitation
Kristina Stock: Rezension zu: Schiffer, Sabine: Die Darstellung des Islams in der Presse. Sprache, Bilder, Suggestionen. Eine Auswahl von Techniken und Beispielen. Würzburg 2005 , in: H-Soz-Kult, 01.12.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7273>.
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01.12.2006
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