K. Beischl: Dr. med. Eduard Wirths

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Titel
Dr. med. Eduard Wirths und seine Tätigkeit als SS-Standortarzt im KL Auschwitz.


Autor(en)
Beischl, Konrad
Erschienen
Würzburg 2005: Königshausen & Neumann
Umfang
266 S.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Keller, Fachgruppe Geschichte, Universität Augsburg

SS-Sturmbannführer Dr. Eduard Wirths, Jahrgang 1909, gehörte zu den jungen Medizinern, die innerhalb des Konzentrationslagerkomplexes Karriere machten und deren Biografien in der historischen Forschung bisher noch als weitgehend unerforscht gelten müssen. [1] Dass die Täterbiografien gegenüber struktur-, institutionen- und wissenschaftshistorischen Ansätzen in der Geschichtsschreibung bei der Beleuchtung der Rolle von Medizin und Medizinern im Nationalsozialismus bisher kaum Beachtung gefunden haben, dürfte nicht zuletzt in einer problematischen Quellensituation begründet liegen: Kaum ein Lagerarzt ist über seine medizinische Karriere vor, in und gegebenenfalls nach den Konzentrationslagern hinaus greifbar, persönliche Zeugnisse existieren kaum oder stehen der Forschung nicht zur Verfügung. Einblicke in die Persönlichkeit dieser Mediziner gewähren bestenfalls Aussagen von Häftlingen, die entweder zu ihren Opfern zählten oder mit ihnen zusammen arbeiten mussten. Gerade die Spitze der medizinischen Hierarchie innerhalb eines Konzentrationslagers, die Standortärzte, sind auch deshalb schwer zu greifen, weil die Fluktuation hoch war. [2]

Umso verdienstvoller ist es, dass Konrad Beischl sich in seiner 2004 eingereichten medizinischen Dissertation dem Werdegang des Mannes widmet, der nach immerhin fünf Amtsvorgängern in für Standortärzte seltener Kontinuität ab dem 1. September 1942 bis zur Befreiung im Januar 1945 der ranghöchste Mediziner im Konzentrationslagerkomplex Auschwitz war. Damit trug Eduard Wirths während nahezu der gesamten Zeit, in der das Lager auch als Vernichtungslager funktionierte, die medizinische Verantwortung für Rampenselektionen, Menschenversuche und medikalisiertes Töten.

Geboren wurde Eduard Egid Wirths am 4. September 1909 in Würzburg als ältester Spross einer erfolgreichen Unternehmerfamilie. Nach einem eher mittelmäßigen Abitur studierte Wirths von 1930 bis 1935 in Würzburg und Berlin Medizin, es folgten Praktisches Jahr und Promotion. Während seiner Studienzeit gehörte er der rechtsnationalen Hochschulgilde Bergfried an. Am 1. Mai 1933 trat er der NSDAP, zum gleichen Datum auch der SA bei; Letztere verließ er allerdings bald wieder, um am 1.8.1934 zur SS zu wechseln. Den zweiten Teil seines Medizinalpraktikums verbrachte Wirths, der sich selbst als „auf dem Gebiet der Erbgesundheit und Rassenhygiene stärkstens interessiert“ (S. 35) beschrieb, am Thüringischen Landesamt für Rassewesen unter Karl Astel, und dort befasste sich der Mann, der wenige Jahre später die Selektionen in Auschwitz organisieren sollte, erstmals mit „praktische[r] Rassenhygiene“; dazu zählten etwa die „erbbiologische Erfassung von Kriminellen“, die „Bearbeitung der Erbgesundheitsgerichtsakten“ oder die Erstellung von „erbbiologische[n] Vaterschaftsgutachten“ (so Wirths’ Arbeitszeugnis, zit. S. 37). Nach weiteren Stationen war Wirths ab März 1937 als Assistenzarzt an der Jenaer Universitätsklinik tätig, wo er unter Prof. Walther Haupt sein besonderes Interesse für Gynäkologie und Gebärmutterhalskrebs entwickelt haben dürfte, dem er später in Auschwitz durch Menschenversuche nachging. Während seiner Jenaer Zeit bekleidete Wirths Ämter innerhalb des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes (NSDDB), unter anderem in der Gaudozentenbundführung Thüringen. Im September 1938 übernahm Wirths die Landpraxis seines Onkels in Merching, nahe Würzburg.

Mit Kriegsausbruch wurde der Landarzt zur Waffen-SS eingezogen und diente bei der XVI. SS-Totenkopfstandarte (die enge Verknüpfung der Totenkopfstandarten mit den KL bleibt unerwähnt), war in Polen und Norwegen stationiert und nahm als Regimentsarzt ab Mitte August 1941 am Russlandfeldzug teil. Ein Herzleiden verhinderte im März 1942 weitere Fronteinsätze. Ab dem 22.4.1942 versah Wirths seinen Dienst als Lagerarzt im KL Dachau, ab Mitte Juli in Neuengamme und seit 1. September 1942 als Standortarzt im Konzentrationslager Auschwitz. Nach der Evakuierung von Auschwitz folgten noch kurze Stationen in den KL Mittelbau-Dora, Bergen-Belsen, Nordhausen und Neuengamme. Im Juli 1945 wurde Wirths verhaftet und starb am 20. September an den Folgen eines Selbstmordversuchs.

Im Zentrum von Beischls Studie steht Wirths Tätigkeit als Standortarzt des Konzentrationslagerkomplexes von Auschwitz. Der Autor unterscheidet dabei nach „ärztlichen“ und „nichtärztlichen“ Aktivitäten, offenbar entlang ethischer Kriterien. Diese künstliche Trennung ist höchst problematisch – nicht nur deshalb, weil sie auf den Lagerkommandanten Höß zurückgeht: Es wird – wohl unbeabsichtigt – der Eindruck erweckt, die Rolle der Ärzte bei der Vernichtung der Juden oder die Menschenversuche hätte mit ihrem Beruf eigentlich nichts zu tun gehabt. Die Trennung nach Arzt und Mörder, nach Wohltäter und Täter funktioniert nicht – wie Beischl gelegentlich auch selbst feststellt (S. 62) – und ist als Analyserahmen denkbar ungeeignet, weil sie der Ambivalenz der Person Eduard Wirths nicht gerecht werden kann.

Dabei ist es gerade diese nur schwer aufzulösende Ambivalenz, die den Standortarzt von Auschwitz kennzeichnet, und die auch bei Beischl durchaus erkennbar wird: Vor allem angesichts von Wirths Rolle als Organisator der Selektionen an der Rampe (an denen er auch selbst teilnahm) und der von ihm und unter seiner Leitung durchgeführten Menschenversuche kommt er zu dem zweifelsohne berechtigten Schluss, Wirths sei „durch seine eigene Initiative Organisator und einer der Hauptverantwortlichen des industrialisierten Massenmordes“ geworden und gehöre „zweifellos zu den größten Massenmördern der NS-Zeit“ (S. 218). Dieses Fazit steht in einem gewissen Widerspruch zur Charakterisierung Wirths’ durch Beischls „Hauptquelle[n]“ (S. 13), die Berichte der beiden Häftlinge Hermann Langbein und Karl Lill; vor allem Ersterer hatte als Schreiber des Standortarztes tiefe Einblicke und erlangte als führender Angehöriger des Lagerwiderstandes gleichzeitig erheblichen Einfluss auf den SS-Arzt. Beide zeichnen das Bild eines SS-Standortarztes, der nur widerwillig am Vernichtungsprozess mitarbeitete, Verbesserungen für die Häftlinge erreichte und letztlich nur in Auschwitz blieb, um Schlimmeres zu verhüten.

Dass diesem Bild von Wirths „nur sehr eingeschränkt zugestimmt“ (S. 219) werden kann, stellt Beischl letztlich zwar fest, allerdings erst in seinem gerade neun Seiten umfassenden Diskussionskapitel am Ende der Arbeit. Zwar ist die ausführliche Einbeziehung der Häftlingserinnerungen zweifelsohne eine der großen Stärken der Arbeit, nicht nur in diesem Fall erweist sich jedoch das Vorgehen als nachteilig, Aussagen in oft sehr lang geratenen Zitaten einfach „nebeneinander zu stellen“ und auf eine „Kommentierung […] der Originalquellen im fortlaufenden Text“ weitgehend zu verzichten. Dies führt nicht selten dazu, dass das diesbezüglich selbst vorgegebene „notwendige Maß“ (S. 15) gelegentlich verfehlt wird. Zitiertes Akten- und Quellenmaterial – an erster Stelle die im Anhang abgedruckte Selbstrechtfertigungsschrift Wirths’ – hätte dringend der kritischen Analyse bedurft und deutlich stärker in die Argumentation eingebunden werden können. Wirths viel zitierte Personalbeurteilung über Josef Mengele etwa wird zwar fast vollumfänglich wiedergegeben, aber kaum kommentiert und argumentativ nicht verwertet. Zur richtigen Einordnung der Aussagen Langbeins und Lills wäre eine Thematisierung des hochkomplexen, von gegenseitigen Abhängigkeiten und eingeschränkter Perspektive gekennzeichneten Verhältnisses notwendig gewesen, das zwischen dem SS-Männern und in der Regel deutschen, privilegierten und nicht selten unter erheblichem Selbstrechtfertigungsdruck stehenden Funktionshäftlingen herrschte. Dass Beischl vom kommunistisch geprägten Sprachduktus seiner Hauptquellen nicht unbeeinflusst bleibt, erweckt zudem den Eindruck mangelnder Distanz (vgl. die Verwendung des Faschismus-Begriffs, passim).

Auch merkt man der Arbeit an, dass der Autor die aktuelle Forschungsliteratur nicht rezipiert hat: Selbst so Einschlägiges wie Karin Orths Studien über das System der Konzentrationslager und deren SS-Personal fehlen.[3] Gerade für eine wirklich fundierte Bewertung der Verbesserungen und Erleichterungen für die Häftlinge unter Wirths wären die Erkenntnisse über den Funktionswandel des Systems der Konzentrationslager seit Mitte 1942 von eminenter Bedeutung gewesen [4]: Durch die erreichten Verbesserungen für die Häftlinge „funktionierte“ der Mediziner Wirths bis zuletzt ganz im Sinne des NS-Regimes, und nur deshalb konnte er sich in einigen Konfliktfällen gegen die Politische Abteilung des Lagers durchsetzen.

Trotz der genannten Einschränkungen ist Beischls Buch lesenswert und der Rezensent vermag vielen Ergebnissen des Autoren zuzustimmen – zumal er sich der eingangs erwähnten Schwierigkeiten der Biografik bewusst ist. Insgesamt scheint Beischls Urteil über Wirths aber widersprüchlich und unschlüssig: Zu dem Ergebnis, Wirths sei „aus eigener Initiative“ zu einem der „größten Massenmörder der NS-Zeit“ (S. 218) geworden, mag die von Langbein übernommene Charakterisierung nicht passen, der SS-Arzt sei ein unbedingt gehorsames „Werkzeug des Nationalsozialismus“ gewesen. Noch mehr gilt dies für den besonders hervorgehobenen, in Versalien gesetzten Schlusssatz, der ein dem Buch bereits vorangestelltes Zitat Tadeusz Borowskis wiederholt und damit fast schon als Leitsatz der Studie gelten muss: „Die Anklage gilt der unmenschlichen Situation, die das faschistische System bewirkte.“ (S. 225) Dies bedeutet einen vollumfänglichen Freispruch Eduard Wirths von persönlicher Schuld und macht ihn geradezu zum Opfer der Verhältnisse; er verkennt, dass es nicht zuletzt Menschen wie der überzeugte Nationalsozialist und Antisemit Wirths waren, die die Verhältnisse schufen; darüber hinaus entzieht der Autor seiner eigenen Studie die methodische Berechtigung: Welchen Nutzen hätte der biografische Ansatz, von welchem historischen Interesse wäre das Individuum, wenn es letztlich doch allein von den Strukturen determiniert wird?

Anmerkungen:
[1] Vgl. Lifton, Robert J., Ärzte im Dritten Reich, Stuttgart 1988; vor allem populärwissenschaftliche Aufmerksamkeit hat Josef Mengele gefunden; darüber hinaus: Keller, Sven, Günzburg und der Fall Josef Mengele. Die Heimatstadt und die Jagd nach dem NS-Verbrecher, in: Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 87, München 2003, S. 17-94; zuletzt: Dirks, Christian, „Die Verbrechen der anderen“. Auschwitz und der Auschwitz-Prozeß der DDR. Das Verfahren gegen den KZ-Arzt Dr. Horst Fischer, Paderborn 2006.
[2] Vgl. Orth, Karin, Die Konzentrationslager-SS. Soziokulturelle Analysen und biographische Studien, Göttingen 2000, die aus diesem Grund die Standortärzte in ihrer gruppenbiografischen Studie zum Führungspersonal der Konzentrationslager nicht berücksichtigt.
[3] Vgl. Anm. 2 u. Orth, Karin, Das System der Konzentrationslager, Hamburg 1999.
[4] Zuletzt: Wagner, Bernd C., IG Auschwitz. Zwangsarbeit und Vernichtung von Häftlingen des Lagers Monowitz 1941-1945, München 2000; Schulte, Jan Erik, Zwangsarbeit und Vernichtung. Das Wirtschaftsimperium der SS. Oswald Pohl und das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptsamt 1933-1945, Paderborn 2001; Kaienburg, Hermann, Die Wirtschaft der SS, Berlin 2003.

Zitation
Sven Keller: Rezension zu: Beischl, Konrad: Dr. med. Eduard Wirths und seine Tätigkeit als SS-Standortarzt im KL Auschwitz. Würzburg 2005 , in: H-Soz-Kult, 30.08.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7290>.
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30.08.2006
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