Titel
Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe


Autor(en)
Piper, Ernst
Erschienen
München 2005: Karl Blessing Verlag
Preis
€ 26,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Miloslav Szabó, Prag/Berlin

Hatten die Nationalsozialisten eine Ideologie? Und war diese maßgebend für ihr politisches Handeln? Die Nationalsozialisten sprachen zwar gerne und häufig von ihrer „Weltanschauung“, aber ging sie über eine willkürliche Anhäufung von Parolen völkischer und sozialdarwinistischer Provenienz hinaus? Richteten sich die nationalsozialistischen Entscheidungsträger nach einem einheitlichen „ideenpolitischen“ Muster?

Der Historiker und Verleger Ernst Piper bringt in seiner neuen Biografie des „Chefideologen“ der NSDAP Alfred Rosenberg (1893-1946) viele Argumente für eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Piper opponierte seinerzeit den ideologieunkritischen „Historisierungsversuchen“ eines Ernst Nolte, der bekanntlich versuchte, den abgeleiteten, angesichts der „bolschewistischen Gefahr“ nichtursprünglichen Charakter der nationalsozialistischen Ideologie und Praxis nachzuweisen. (S. 13ff.) Der stark antibolschewistisch geprägte Antisemitismus des Deutschbalten Alfred Rosenberg und sein Einfluss auf den jungen Revolutionär Hitler, den bereits – für seine Zwecke – Nolte reklamierte, ist nun ausschlaggebend auch für Pipers Ansatz. Er zeigt aber zugleich, dass der Antibolschewismus der frühen (und späten!) NSDAP Bestandteil einer übergreifenden antisemitischen „Verschwörungstheorie“ (S. 74) war, die hinter jeder negativen Zeiterscheinung die „Zersetzungstätigkeit“ der Juden witterte. Piper schreibt eine in vielfacher Hinsicht „klassische“ Biografie, die dem „Vertrauen in die Valenz des Narrativen“ (S. 11) wieder zu seinen Ehren verhelfen möchte, was der Lesbarkeit seines Buchs nur zugute kam – auch der graue Alltag eines nationalsozialistischen Parteibürokraten und seine Agenda erhalten dadurch eine gewisse Plastizität. Die einzelnen chronologisch-narrativen Kapitel von Pipers Biografie ergänzen ideologiekritische Exkurse, denn Rosenbergs eigentliche Arbeitssphäre blieb der Schreibtisch. Er war kein anonymer „Schreibtischtäter“ von der Art eines Eichmann, sondern – zumindest in seiner Selbstwahrnehmung – der in der Öffentlichkeit gefeierte Verkünder einer neuen „Weltanschauung“, die dem Nationalsozialismus seine geschichtliche und kulturelle Bedeutung vergegenwärtigen sollte. Rosenberg war, mit den Worten Frank-Lothar Krolls, „der Ideologe als Politiker“.

Die Geschichtswissenschaft streitet seit Jahrzehnten darüber, ob beziehungsweise inwieweit sich der Politiker Rosenberg durchzusetzen vermochte. Der russische Emigrant Rosenberg stieß sehr früh zur NSDAP und wurde ihr wichtigster Publizist. Bis zum Putsch von 1923 gehörte er zum unmittelbaren Gefolge Hitlers. In den „Kampfjahren“ bis 1933 reduzierte sich zwar sein Kontakt mit dem „Führer“, aber Rosenberg galt weiterhin als Experte in den Bereichen Kultur und Außenpolitik. Die Behauptung von Rosenbergs angeblicher Einflusslosigkeit nach 1933, die, ausgehend von Joachim Fests Diktum vom „vergessenen Gefolgsmann“ [1], die Geschichtsforschung bis vor kurzem in großem Einvernehmen verbreitete, kann Piper jedoch nicht teilen. Rosenbergs Weltanschauungsbehörde, das „Überwachungsamt“, konnte nicht selten Punkte sammeln und seine Gegner in der Schulungs- und Kulturpolitik zu Konzessionen zwingen (S. 323-434). Seine große Stunde schlug 1941 mit dem Angriff auf die Sowjetunion. Der „Weltanschauungskrieg“ eröffnete seinem Propheten ein breites politisches Feld. Hitler erinnerte sich Rosenbergs und ernannte ihn zum Minister für die besetzten Ostgebiete. Der Minister Rosenberg, zuständig für die Zivilverwaltung der eroberten sowjetischen Länder, hatte nicht nur mangels ausreichender Kompetenzen keine einfache Position. Auch wich seine außenpolitische Konzeption von derjenigen Hitlers ab, die im Ringen gegen den Hauptfeind, das „jüdisch geleitete Sowjetrussland“, auf die Unterstützung der nichtrussischen Völker der UdSSR zählte. Piper zeigt allerdings sehr anschaulich, dass Hitler bis 1942 Rosenberg viel Bewegungsraum zugestand, was dieser aber nicht zu nutzen wusste. Die Beweggründe des Ostministers waren außerdem keinesfalls „humanitärer“ Natur, und seine Behörde beteiligte sich vielfach am Ausbeutungs- und Vernichtungsfeldzug im Osten. Dasselbe gilt für die „Endlösung der Judenfrage“: Rosenberg sprach mehrfach von der „Ausrottung“ der Juden, sein Ministerium war sogar bei Nachfolgetreffen zur Wannsee-Konferenz federführend (S. 592), und der Reichsleiter plante noch 1944 einen antijüdischen Kongress in Krakau (S. 595ff.). Rosenberg wurde 1946 folgerichtig in allen Punkten der Anklage des Internationalen Militärgerichtshofs für schuldig erklärt, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Piper zeigt am Beispiel Alfred Rosenbergs die ideologische Kontinuität des Nationalsozialismus von dessen Anfängen „bis zum bitteren Ende“ auf. Er bedient sich jedoch keiner der gängigen Definitionen des Begriffs „Ideologie“. Stattdessen zeichnet er ideologische Bestandteile (Ideologeme) eines übergreifenden „Verschwörungsmythos“ und, womöglich in noch größerem Umfang, seine allmähliche politische Umsetzung. Die zwei wichtigsten Ideologeme der nationalsozialistischen „Weltanschauung“ waren ohne Zweifel „Rasse“ und „Lebensraum“. Beide verband eine bedeutungsschwere Vorstellung des Ostens: Im Osten herrsche zwar das Böse (der „jüdische Bolschewismus“), im Osten suchte man aber zugleich die Rettung vor ihm – durch Eroberung des „Lebensraums“ beziehungsweise durch Vermehrung der „nordischen Rasse“. Die Langlebigkeit dieser Erklärungsstruktur erfordert einen breit angelegten ideengeschichtlichen Exkurs.[2]

Eine Biografie Alfred Rosenbergs kann auch seine „Bibel“, den „Mythus des 20. Jahrhunderts“ (1930), nicht ausklammern (S. 179-231). Piper deutet nun Rosenbergs „Hauptwerk“ relativ unsystematisch, und so harrt es auch weiterhin einer umfassenden deutschsprachigen Analyse. Diese Forschungslücke ist erheblich, denn „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ bietet sich geradezu an, den „ideenpolitischen“ Hintergrund der nationalsozialistischen „Verschwörungstheorie“ zu erleuchten. Die „Weltanschauung“ des Nationalsozialismus erschöpfte sich zwar in einem Konglomerat „vagabundierender“ (Thomas Nipperdey) religiöser, philosophischer, kulturgeschichtlicher Versatzstücke, aber Rosenbergs Anspruch auf Einheitlichkeit und Schlüssigkeit seines Weltbildes war nichtsdestotrotz immens und prägte gerade sein „Hauptwerk“. Philosophisch-ästhetische Fragen, wie die Unvereinbarkeit von „Wille“ und „Trieb“, beschäftigten den künftigen „Chefideologen“ der NSDAP von seiner Jugend an und waren für die Entfaltung seiner späteren „Weltanschauung“ ausschlaggebend. Piper findet in Rosenbergs Denken eher die „Gnosis“ am Werk (S. 206), die, in Anlehnung an eine Formulierung Klaus von Sees, Rosenberg geholfen habe, die traditionelle „Nord-Süd-Antithese“ der deutschen Vorgeschichtler in einen „allumfassende[n] pseudo-religiösen Dualismus“ [3] der „nordischen“ beziehungsweise „vorderasiatisch-semitischen Rasse“ zu verwandeln. Rosenberg beschäftigte sich in seinem Buch jedoch weniger mit dem Süden als mit dem Osten, und seine „nordische Rasse“ schmarotzte am Universalismus des Abendlandes. Diese geopolitische Standortsuche war nicht zufällig – sie ergänzte seine politische Anthropologie des „nordischen Willensmenschen“ und des „vorderasiatisch-semitischen Triebmenschen“. Der Schlüssel zu Rosenbergs Denken muss neben dem von Houston Stewart Chamberlain übernommenen Geschichtsbild vor allem in seiner Rezeption des „Mythos von Orient und Okzident“ [4] und dessen entsprechender Transformierung in die Opposition „nordisch“/„semitisch“ gesucht werden. Der „Mythos von Orient und Okzident“, eine deutsche Spielart des „Orientalismus“ [5], die sich bis zu Hegel und zur Romantik, ja sogar bis zur Rezeption von Luthers Bibelübersetzung im 19. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, war stark sexuell kodiert. Die „organische Wahrheit“ des „Parteidogmatikers“ wurde daher ausschließlich zur Sache der „Männerbünde“ [6]. Die völkischen und nationalsozialistischen „Männerbündler“ – Rosenberg wurde bereits in seiner baltischen Heimat entsprechend sozialisiert und hielt seinen frühen „Kameraden“ immer die Treue – waren keine gnostischen „Lichtmenschen“, sondern in unterschiedlichem Ausmaß „invertierte Erotiker“, die ihr „Heil“ im Diesseits suchten.

Alfred Rosenberg war einer der prominenten Nationalsozialisten, und es gehört zu den merkwürdigen Paradoxien der deutschen Geschichtsschreibung, dass seine erste umfassende Biographie erst sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erscheint. Piper hat ein gründlich recherchiertes und pointiertes Buch geschrieben, das – ungeachtet der oben angeführten Vorbehalte – jede weitere Diskussion über die Rolle der Ideologie in der Politik zur Kenntnis nehmen muss.

Anmerkungen:
[1] Fest, Joachim, Der vergessene Gefolgsmann, in: Ders., Das Gesicht des Dritten Reiches, Profile einer totalitären Herrschaft, München 1963, S. 225-240.
[2] Mit der Bedeutung des „Ostens“, das heißt des „Ostjudentums“ und der „slawischen“ beziehungsweise „asiatischen Gefahr“ für die Imagination der völkischen Bewegung im Kaiserreich beschäftigte sich zuletzt: Zumbini, Massimo Ferrari, Die Wurzeln des Bösen. Gründerjahre des Antisemitismus: von der Bismarckzeit zu Hitler, Frankfurt am Main 2003, S. 463-562.
[3] Von See, Klaus, Barbar, Germane, Arier. Die Suche nach der Identität der Deutschen, Heidelberg 1994, S. 308.
[4] Der Mythus von Orient und Occident. Eine Metaphysik der alten Welt. Aus den Werken von J. J. Bachofen mit einer Einleitung von Alfred Baeumler hg. v. von Manfred Schroeter, München 1926.
[5] Moore, Gregory, From Buddhism to Bolshevism: Some Orientalist Themes in German Thought, in: German Life and Letters 56, 1 (2003) S. 20-42.
[6] Brunotte, Ulrike, Zwischen Eros und Krieg. Männerbund und Ritual in der Moderne, Berlin 2004.

Zitation
Miloslav Szabó: Rezension zu: Piper, Ernst: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005 , in: H-Soz-Kult, 06.01.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7371>.
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06.01.2006
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