Cover
Titel
In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert


Autor(en)
Mak, Geert
Erschienen
München 2005: Siedler Verlag
Umfang
944 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Domnitz, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Ein Kontinent voller Konflikte, sich widersprechender Erinnerungen und leidenschaftlicher Geschichtsgefühle: In einer neuen Phase der Auseinandersetzung mit der europäischen Integration haben zahlreiche Historiker/innen in den letzten Jahren Geschichten Europas verfasst. Das Ergebnis der damit verbundenen Debatten war, dass europäische Geschichte nur multiperspektivisch geschrieben werden kann. Denn es lässt sich kaum eine Gesamtdeutung finden, die nicht maßgebliche Kontexte, Akteure oder Erinnerungsgemeinschaften ausklammern würde. Dennoch sollte aus der Zusammenstellung räumlich begrenzter Geschichte(n) und Erinnerungskontexte ein Sinn hervorgehen, der über ihre bloße Addition hinausreicht. Zu den in den letzten Jahren in einem „european turn“ entstandenen Darstellungen europäischer Zeitgeschichte ist ein Buch hinzugekommen, das den Kontinent konsequent als einen Erfahrungsraum zeigt.

Der niederländische Publizist und Bestsellerautor Geert Mak beschreibt in zwölf Kapiteln ein Jahr intensiver Reisen, die ihn zwar auch geografisch über den Kontinent geführt haben, jedoch hauptsächlich Reisen in die Geschichte sind. Auf der Suche zum Beispiel nach architektonischen Überresten des Warschauer Ghettos oder nach den begrabenen Soldaten Stalingrads bewegt sich Mak vom Jahr 1999 aus durch die Zeiten. Ihn interessieren symbolische Aufladungen der Orte und die Erinnerungen der rund um sie lebenden Menschen. Episch und zugleich historiografisch beschreibt er vielfältige Landschaften der Erinnerung. Er beobachtet eher ein Europa der zufällig entstandenen Mikrobezüge als der bewusst hergestellten gemeinsamen Zugehörigkeit. Das ehemalige West- und Osteuropa gleichermaßen bereisend, beschreibt er Orte, an denen die Vergangenheiten aufeinandertreffen.

Nachdem mit der Pariser Weltausstellung von 1900 noch ein zusammenhängendes Europa geschildert wurde, beginnt bereits mit dem zweiten Kapitel die Darstellung eines grausamen europäischen Jahrhunderts der Kriege und der Diktaturen. Maks Haupterzählstrang erstreckt sich von Sarajevo 1914 bis Sarajevo 1996 und räumt derjenigen Geschichte, die sich mit Hitler, Mussolini, Stalin und Franco verbindet, den meisten Platz ein. Er zeichnet dabei nach, wie aus der Rastlosigkeit der Modernisierungen Spannungen erwuchsen, welche dem alten Kontinent im 20. Jahrhundert sein Ende bereiteten. Eine solche Argumentation verfolgte bereits Mark Mazower mit seiner bekannten Gesamtdarstellung des „dunklen Kontinents“.[1] Mak nutzt sein Gespür für interessante Stätten und schildert, wie dieses Jahrhundert selbst an abgelegenen und jenseitigen Orten seine Spuren hinterließ. Aus der Perspektive der Bewohner der griechischen Inseln legt er dar, wie deutsche Soldaten hier nicht nur zu Mördern der lokalen Bevölkerung wurden, sondern über Nacht auch zu denen ihrer italienischen Verbündeten. Aufschlussreich ist, wie er den heutigen Umgang mit dieser Geschichte beschreibt. Die Bevölkerung vor Ort habe sich mit den deutschen Touristen zumeist gut arrangiert (S. 540ff.).

Maks Deutung der Folgen der Diktaturen verdient Aufmerksamkeit, gerade was den östlichen Teil des Kontinents anbetrifft. So versteht er antidemokratische, antiliberale und nationalistische Regierungsformen als ein Erbe des Staatssozialismus, sieht in der Entwicklung nach 1989 aber auch eine eigene, in sich begründete Abwärtsdynamik. Nicht „kommunistische Misswirtschaft“, sondern eine glücklose Umstellung der Gesellschaftssysteme sei die Ursache für eine Armut, deren Ausmaß Westeuropäern unbekannt sei (S. 842f.). Maks Befürchtungen, die Ostmitteleuropäer seien „mit falschen Versprechungen getäuscht“ worden (S. 903), äußern sich in einer Deutung von 1989 als „Sony-, IBM- und Head&Shoulders-Revolution“ (S. 111). Mak veranschaulicht heutige Ungleichzeitigkeiten der Kulturen und der Erinnerungen, beispielsweise bei Niederländern im ungarischen Dorf Vásárosbéc, welche dort preiswerte Immobilien kauften, diese teuer renovierten und sie nun gelegentlich für einige Tage bewohnen. Anhand ihrer räumlichen Nähe und kulturellen Distanz zu den Einwohnern des Dorfs beschreibt er eine bis in die heutige Zeit reichende „Kruste der Entfremdung zwischen Ost- und Westeuropäern“ (S. 13). Mak konstatiert dies nicht nur, sondern bemüht sich, diese Entwicklung der letzten 60 Jahre umzukehren: mit praktizierter Aufmerksamkeit, mit Austausch und Annäherung.

Mak gibt den multiplen Perspektiven der Erzähler Raum, er lässt Deutungskonflikte zu, und er hat vor allem nicht den Anspruch, eine allgemeingültige Auslegung europäischer Geschichte zu präsentieren. Zum Reigen der Erzählungen gehört ein nachdenklicher Rückblick von Władek Matwin, des Sekretärs des polnischen Parteichefs Władysław Gomułka in den späten 1950er- und 1960er-Jahren – der sich noch vor seinem Vorgesetzten von der Politik abwandte. Maks Petersburger Begleiter Juri Klejner, ein „Historiker und Geschichtenerzähler“, sieht in der Februarrevolution von 1917 die vergebene Möglichkeit eines europäischen Russlands. In den Erzählungen lassen sich auch Stellungnahmen zu Schlüsselfragen der deutschen Geschichte finden, wie in Erinnerungen Richard von Weizsäckers, der meinte, die Wehrmacht sei im „Dritten Reich“ für viele Menschen auch höheren Dienstrangs „seltsamerweise ein Zufluchtsort“ gewesen (S. 349ff.).[2] Wilhelm Karl von Preußen, der alte Prinz und letzte lebende Enkel Wilhelms II., sagt über die Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg, das im Aufschwung befindliche Deutschland habe sich „wie ein Neureicher aufgeführt“. Wenn es „etwas zurückhaltender aufgetreten wäre, dann wäre alles anders gekommen“ (S. 144f.).

Was Mak zu präsentieren versucht, ist eine Metaerzählung, die dennoch konkret und anschaulich ist. Es handelt sich, nach einem Bonmot von Wolfgang Schmale, um „Forschung, die zu Fuß durch Europa geht“. Diese Sicht „von unten“ geht mit einer deutlich formulierten Kritik am Europa der EU einher. Der Brüsseler Verwaltung fehle der Blick für das Detail, moniert Mak. Sogar der Titel des Buchs ist mit dem Unbehagen an einer europäischen Superregierung verknüpft: „In Europe, not run by Europe“ ist der Slogan eines bei Mak zitierten Wahlkampfspots der britischen Tories, in welchem es nicht nur darum geht, die Macht dezentral zu halten, sondern mit dem auch Befürchtungen bedient werden, eine sich den nationalen Einflüssen entziehende europäische Integration könnte den Einzelnen als Verlierer in Wettbewerb und Umverteilung zurücklassen. Auch wenn Mak die letztere Befindlichkeit gleich im nächsten Satz zu relativieren sucht, indem er sich gegen ein weit verbreitetes „ängstliches Ignorieren der internationalen und europäischen Zusammenhänge“ wendet, so teilt er doch die Furcht vor einem omnipräsenten Zentralstaat Europa (S. 893f.).

Die Vielfalt von Erzählungen, mit denen das Buch brilliert, birgt auch Schwachpunkte. Mak versucht, konfligierende Erinnerungen in einer polyphonen Erzählung zusammenzuführen, doch treten die einzelnen Perspektiven nicht immer in einen inhaltlichen Austausch. Die von Mak transportierten Teilerzählungen repräsentieren manchmal nur Teile dessen, was aus gesellschaftlichen Debatten hervorging und was in nationalen und regionalen Historiografien erarbeitet wurde. Allein durch Maks Zugang über die Gedächtnisse und Erfahrungen der heute Lebenden wird beispielsweise verständlich, warum er dem Bombenkrieg gegen deutsche Zivilisten viel Platz einräumt, ohne die Kritik an dieser Wendung deutscher Erinnerungskultur einzubeziehen. Seine Anklage des „moral bombing“ der Alliierten ist in der Schilderung der Zerstörung von Käthe Kollwitz’ Wohnung sicher gut aufgehoben, aber Maks überschwängliches Lob für Jörg Friedrichs „Der Brand“ wirkt überzogen (S. 619ff.).

Gleichwohl ist Maks ehrgeiziges publizistisches Vorhaben in seiner Gesamtheit gelungen. Mit den 944 Seiten, die „In Europa“ misst, ist der historische und aktuelle Erfahrungsschatz der Bewohner des Kontinents skizzenhaft umrissen. Auch die gute Lesbarkeit und das scharfe Auge des Autors für inspirierende Details rechtfertigen den Umfang. Das langsame Ineinander-Verschmelzen west-östlicher Erfahrungen stellt Mak überzeugend dar. Dabei ergreift er Partei für ein soziales Europa, und zwar mit einem Verweis auf den „europäischen Traum“ des amerikanischen Autors Jeremy Rifkin (S. 890f.).[3] Europas Zukunft, so Maks Fazit, hänge entscheidend davon ab, ob es gelinge, einen gemeinsamen kulturellen, politischen und vor allem demokratischen Raum zu schaffen (S. 905).

Anmerkungen:
[1] Mazower, Mark, Der dunkle Kontinent. Europa im 20. Jahrhundert, Berlin 2000.
[2] Dass es sich bei diesem Erzähler um Richard von Weizsäcker handelt, ist erst am Personenindex eindeutig erkennbar.
[3] Rifkin, Jeremy, Der Europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht, Frankfurt am Main 2004.

Zitation
Christian Domnitz: Rezension zu: Mak, Geert: In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert. München 2005 , in: H-Soz-Kult, 09.02.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7599>.