Titel
Die Bistümer der deutschsprachigen Länder von der Säkularisation bis zur Gegenwart.


Hrsg. v.
Gatz, Erwin
Erschienen
Freiburg im Breisgau 2006: Herder Verlag
Umfang
791 S. u. Kartenbeilage
Preis
€ 108,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gisela Fleckenstein, Personenstandsarchiv Brühl, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen

Mit diesem Band bringt Erwin Gatz das Projekt „Bistumslexikon“ der deutschsprachigen Länder zügig zum Abschluss.[1] Bibliografisch stehen die beiden Bände in keinem Zusammenhang; auch der Untertitel „Ein historisches Lexikon“ findet sich bei beiden Büchern lediglich auf dem Schutzumschlag. Trotz alphabetischer Anordnung der Beiträge, würde ich wegen der Ausführlichkeit der Artikel, eher von einem Handbuch der Bistümer sprechen.

Im vorliegenden Handbuch finden sich Überblicksartikel zu 52 Bistümern und bistumsähnlichen Jurisdiktionsbezirken in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Südtirol und Luxemburg. Die Artikel sind durchgängig nach folgendem Schema gegliedert: Ausgangslage, Bistumserhebung/Neuumschreibungen, Raum – Bevölkerung – Wirtschaft, konfessionelle Verhältnisse, kirchenpolitische Rahmenbedingungen, Bischöfe und Bistumsleitung, Diözesanklerus und andere pastorale Mitarbeiter (die Mitarbeiterinnen werden nur im Text genannt!), Ordensgemeinschaften, Gemeinden, Caritas und soziale Dienste, Schule und Erziehung, Laien als Mitgestalter/innen von Kirche. Die Konzeption dieses Handbuchs ist nicht neu. Sie wiederholt in ausführlicherer und aktualisierter Form den zweiten Teil des von Gatz herausgegebenen und inzwischen vergriffenen Bandes „Die Bistümer und ihre Pfarreien“ von 1991. [2]

Die „Beschreibung der Ausgangslage“ enthält in der Regel eine kurze Zusammenfassung des Artikels im ersten Band des Bistumshandbuchs. Mit der Neuorganisation der Bistümer nach der Säkularisation fielen Bistums- und staatliche Verwaltungsgrenzen meist zusammen. Dies war, bis auf wenige Ausnahmen, auch bei späteren Grenzregulierungen der Fall. Um inhaltliche Wiederholungen zu vermeiden, wurde die Beschreibung der kirchenpolitischen Rahmenbedingungen, soweit diese alle Bistümer innerhalb eines Staates betrafen, im dazugehörigen Hauptartikel behandelt: so z. B. Wien für Österreich, Basel für die Schweiz, Köln und Berlin für Preußen und Erfurt für die DDR (S. 23). Ausreichend berücksichtigt werden die Beziehungen zwischen Staat und Kirche, die besonders deutlich bei der Wahl bzw. Nominierung der Bischöfe hervortreten. In Österreich (ohne Salzburg) und Bayern nominierten die Monarchen bis 1918 die Bischöfe. In allen anderen Territorien gab es ein Wahlrecht der Domkapitel. Letztere konnten in der Regel nicht frei entscheiden, sondern standen unter politischem oder päpstlichem Druck. Nach 1918 setzte sich in Österreich und Bayern das Nominationsrecht durch den Papst durch, in den anderen Territorien blieb es bei einem (eingeschränkten) Wahlrecht der Domkapitel. Die bis 1945 untergegangenen deutschen Bistümer bzw. Jurisdiktionsbezirke (Katscher/Branitz, Breslau, Danzig, Ermland, Glatz, Leitmeritz, Schneidemühl) werden bis zur Vertreibung der deutschen Bevölkerung behandelt. Die 52 Artikel wurden von insgesamt 41 Autor/innen bearbeitet, wobei für sechs Artikel sogar drei Autoren verantwortlich zeichnen und zehn Artikel von zwei Autor/innen verfasst wurden.

Mit den ausgewählten Gliederungspunkten wurden die wichtigsten Aspekte kirchlichen Lebens in einem Bistum dargestellt. Das Schema wurde von den Autor/innen nicht immer streng durchgehalten. Bei der Durchführung hätte man durchaus einen Abschnitt „Medien“ einführen können. Beispielsweise fehlt in den Artikeln „Essen“ und „Hamburg“ ein Verweis auf die aktuelle Bistumspresse bzw. auf die Wochenzeitungen „RuhrWort“ und „Neue Kirchenzeitung“. Im Abschnitt Köln, Luxemburg, Münster, Paderborn ist die Bistumspresse in der Rubrik „Laien als Mitgestalter von Kirche“ untergebracht, im Artikel Wien finden sich die Angaben unter „Schule und Erziehung“ (S. 759). Im Bistumsartikel Mainz fehlt eine Erwähnung der wichtigen Zeitschrift „Der Katholik“. Die Zuordnung ist nicht immer eindeutig, so steht die von mir gesuchte 1975 gegründete „Medien-Dienst-Leistungs-Gesellschaft“ mit Sitz in München nicht im Artikel München-Freising, sondern im Artikel Köln (S. 401). Was fehlt, ist ein jeweils eigener Abschnitt über Frömmigkeit und Mentalität in einem Bistum. Darin hätten die Bistumspatrone, die wichtigsten Feste, die Hauptwallfahrtsorte, die Einführung eines Diözesangesanbuches usw. Eingang finden können. So sucht man z.B. im Paderborn-Artikel vergeblich das Liborifest oder in Köln und Mainz einen Hinweis auf das Verhältnis Ortskirche und Karneval. Im Artikel Osnabrück werden die Wallfahrtsorte im Abschnitt „Die Gemeinden“ angeführt (S. 555).

Am Ende eines jeden Kapitels stehen eine Bischofsliste, statistische Angaben zu Personal, Pfarreien und zu Kirchensteuer bzw. -beitrags und Spendenaufkommen. Die statistischen Angaben für die noch existenten Bistümer geben einen Stand vom 31.12.2003 wieder. Ausnahmen bilden Eisenstadt (31.12.2001) und Linz (Ende 2004). Es folgt ein Quellenachweis, der in Quellen, Zeitschriften, Gesamt- und Einzeldarstellungen unterteilt ist. Dieser ist nicht einheitlich gestaltet, da bei den Beiträgen Rottenburg (-Stuttgart), Sankt Gallen, Wien und Würzburg noch eine Zwischenüberschrift „Quellen und Literatur“ eingefügt ist. Bei den Quellen wird in der Regel auf gedrucktes Material hingewiesen, doch nur in den Artikeln „Erfurt“ und „Magdeburg“ wird auf die für die Bistumsgeschichte relevanten Archive verwiesen. Ein genereller Verweis auf die archivische Überlieferung bzw. der Hinweis auf die Existenz eines Bistumsarchivs wäre in einem historischen Nachschlagewerk wünschenswert gewesen. Es fehlt auch – immerhin geht das Nachschlagewerk bis zur Gegenwart – ein Hinweis auf die Homepages der Bistümer.

Bei den komprimierten Zahlenangaben am Ende des Kapitels vermisst man die Angabe der Flächengröße des Bistums in Quadratkilometern. In einigen Artikeln beispielsweise bei Hamburg, Magdeburg, Mainz oder Speyer wurden die Zahlen in den Text eingearbeitet. Ein Vergleich ist somit kaum möglich. Die Bischofslisten sind nicht einheitlich geführt, so wird z.B. bei Innsbruck während der Vakanzen der jeweilige Administrator genannt, nicht aber in Köln oder Paderborn. In Magdeburg findet dies im Text Erwähnung, aber nicht in der Zusammenfassung.

Im Gegensatz zum ersten Band, wurden die sieben farbigen Überblickskarten nicht fest eingebunden, sondern als Loseblattwerk am Ende des Buches in eine Lasche eingefügt. Ein separates Atlaswerk kündigt der Herausgeber im Vorwort für 2007 an. Die wichtigsten Karten mit den Zeitschnitten 1900, 1930 und 2000 weisen die Bistumsflächen in Deutschland, Österreich, Luxemburg, der Schweiz und Liechtenstein aus. Im Begleittext (S. 780-791) wird kurz die territoriale Entwicklung beschrieben und die Diözesen werden – soweit nicht exemt – den jeweiligen Kirchenprovinzen zugeordnet. Statt diesen vier lose beigelegten Blättern hätte sich die Rezensentin eine Karte zu jedem Bistum gewünscht, wie dies im Band von 1991 der Fall war. Sicherlich waren diese Karten nicht perfekt, aber sie waren nützlich.

Die genannten Kritikpunkte sollen das vorgelegte Buch keinesfalls schmälern. Es gibt kein vergleichbares Werk und längst existiert nicht für jedes Bistum eine Bistumsgeschichte. Nirgendwo ist in so komprimierter und gleichzeitig gut lesbarer Form eine Geschichte der deutschsprachigen Bistümer greifbar. Allenfalls in der jüngsten Auflage des Lexikons für Theologie und Kirche [3] sind Überblicksartikel über die erwähnten Diözesen vorhanden, doch diese sind, wegen der überbordenden Zahl an Abkürzungen und zahlreichen Querverweisen kaum im Zusammenhang lesbar. Dieses von Erwin Gatz vorgelegte Kompendium ist unverzichtbar für die Geschichte der Ortskirche.

Anmerkungen:
[1] Gatz, Erwin unter Mitwirkung von Clemens Brodkorb und Helmut Flachenecker (Hgg.), Die Bistümer des Heiligen Römischen Reiches von ihren Anfängen bis zur Säkularisation, Freiburg im Breisgau 2003.
[2] Gatz, Erwin (Hg.), Die Bistümer und ihre Pfarreien (= Geschichte des kirchlichen Lebens in den deutschsprachigen Ländern seit dem Ende des 18. Jahrhunderts – Die katholische Kirche Bd. 1), Freiburg im Breisgau 1991.
[3] Lexikon für Theologie und Kirche. 3. Auflage, hgg. V. Walter Kaspar u. a. 11 Bde, Freiburg im Breisgau 1993-2001.

Zitation
Gisela Fleckenstein: Rezension zu: Gatz, Erwin (Hrsg.): Die Bistümer der deutschsprachigen Länder von der Säkularisation bis zur Gegenwart. Freiburg im Breisgau 2006 , in: H-Soz-Kult, 06.06.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7714>.