W. Kamphoefner: Sozialgeschichte der Auswanderung

Titel
Westfalen in der neuen Welt. Eine Sozialgeschichte der Auswanderung im 19. Jahrhundert


Autor(en)
Kamphoefner, Walter D.
Erschienen
Göttingen 2006: V&R unipress
Umfang
295 S.
Preis
€ 34,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Menning

„… in dem von ihm untersuchten Bereich der ‚Kettenwanderung’ [hat Walter D. Kamphoefner] die Sozialgeschichte der deutschen Amerikaeinwanderung in einiger Hinsicht geradewegs vom Kopf auf die Beine gestellt“[1] urteilte Klaus J. Bade über die erste deutsche Auflage des hier zu besprechenden Buches. Seitdem ist bereits eine neue, um Vergleichsaspekte erweiterte, englische Ausgabe erschienen.[2] Der vorliegende Band stellt eine Synthese und erneute Erweiterung dieser beiden Ausgaben dar. Es handelt sich also eher um die Neuauflage eines Standardwerks der historischen Migrationsforschung, denn um die Veröffentlichung neuer Thesen. Dies offenbart auch das Inhaltsverzeichnis, das in seiner Struktur der amerikanischen Auflage entspricht. Hinzugekommen sind allerdings ein Kapitel, das die neuere Forschung zur deutschen Nordamerikaauswanderung überblickt sowie sechs im Anhang abgedruckte Auswandererbriefe.

Die Untersuchung hat ihren doppelten Ausgangspunkt in den 1950er- und 1960er-Jahren: Einerseits die Forderung Frank Thistlethwaites, die Perspektiven des Ursprungs- und Ziellandes der Auswanderung miteinander zu verknüpfen, andererseits die im Titel von Oscar Handlins Buch „The Uprooted“ formulierte These von der Entwurzelung der Amerikaauswanderer zu überprüfen bzw. zu widerlegen.[3] Dabei wird Westfalen nicht als politische, sondern kulturelle Region unter Einschluss des Osnabrücker Landes und des Oldenburger Münsterlandes verstanden, die „Neue Welt“ sind schwerpunktmäßig zwei Counties in Missouri. Nach den im ersten Kapitel formulierten, bereits genannten Kernthesen wird im zweiten Kapitel auf die regionalen und sozialen Hintergründe und Entwicklungen der Ausgangsregionen eingegangen, wobei der Blick weit über Westfalen hinausschweift. Vor allem der Grad der, im 19. Jahrhundert unterliegenden, Protoindustrialisierung und nicht das Erbrecht werden als Ursache der Auswanderung herausgearbeitet. Bestätigt wird dies durch die im folgenden Abschnitt untersuchten Herkunftsschichten, die darauf hinweisen, dass Amerikaauswanderer vor 1860 weit ärmer waren als von der Forschung angenommen und sich hauptsächlich aus unterbäuerlichen Schichten rekrutierten, die von Heimgewerben abhängig waren. Hinzu kommt die Untersuchung der neben den ökonomischen Motiven existierenden politischen Auswanderungsmotive.

Das vierte Kapitel zeigt anhand der regionalen Verteilung der Auswanderer im Zielland die Bedeutung der transatlantischen Kettenwanderung auf, die in erster Linie nicht durch Auswanderungsgesellschaften, sondern durch individuelle Kontakte zwischen Auswanderern und der Heimat entstanden. Dabei offenbaren sich massive regionale Konzentrationen von Auswanderern aus geografisch kleinen Ausgangsgebieten. Assimilierung oder Akkulturation sind Themenschwerpunkte des nächsten Kapitels, in dem das Selbstbild bzw. die Fremdwahrnehmung der Auswanderer sowie ihre kulturelle Praxis untersucht werden. Kamphoefner weist nach, dass die ländlichen Auswanderer sehr schnell landwirtschaftliche Praktiken von den Amerikanern übernahmen, sich aber sozial weitestgehend abschotteten. Im sechsten Abschnitt bilden soziale Mobilität zwischen Ausgangs- und Zielgesellschaft und die Motive der Auswanderung die Kernpunkte. Der Traum vieler unterbäuerlicher Auswanderer, eigenes Land zu besitzen, ging tatsächlich in Erfüllung, wenn dies auch zeitweise mit der Arbeit in Städten verbunden war. Andererseits offenbart sich aber auch der Landhunger der Auswanderer, der Handwerker zu Farmern werden ließ und zu lang anhaltender Sesshaftigkeit führte. Das vorletzte Kapitel untersucht in drei Schritten dann die kulturelle Bewahrung der ethnisch sehr homogenen westfälischen Siedlungen in Missouri und zeigt in vergleichender Perspektive, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelte. In der Folge wird eine Typologie der Kettenwanderung aufgestellt, die darauf verweist, dass diese im Gegensatz zu individualisierter Wanderung selten zu großem Reichtum führte, dafür aber relative Sicherheit bedeutete. Die These Handlins von der Entwurzlung stellte somit nur ein Extrem der Auswanderungserfahrung dar.

Das neu hinzugekommene Abschlusskapitel rekapituliert den aktuellen Forschungsstand im Bezug auf den Untersuchungsgegenstand. Dieser unterstützt die präsentierten Thesen weitestgehend. Es finden sich hier aber auch kleinere Korrekturen. Der Anhang besteht zum einen Teil aus drei Kapiteln, die das Verfahren bei der Datenerhebung skizzieren und zum anderen Teil aus den bereits genannten Briefen, die zahlreiche Thesen des Buches illustrieren.

Über die Ergebnisse wird man bei einem solchen Werk wohl nicht viele Worte verlieren müssen – die Thesen Kamphoefners sind in der Forschung der letzten Jahre immer wieder bestätigt worden. Darüber hinaus liegen die Stärken des vorliegenden Buches eindeutig in der vergleichenden Perspektive, die über die untersuchten Westfalen hinaus andere deutsche und europäische, vor allem skandinavische Auswanderergruppen und ihre jeweiligen Zielregionen mit in den Blick nimmt. Ein souveräner, teilweise zwar etwas technischer, an vielen Stellen aber sehr lebendiger Schreibstil gehört zu den Vorzügen der Untersuchung und macht sie auch für Leser abseits der Fachwissenschaft verständlich.

Bahn brechend neue Erkenntnisse liefert das vorliegende Buch jedoch nicht, dies war aber wohl auch nicht die Absicht. Durch die Neuauflage ist ein Standardwerk der historischen Migrationsforschung wieder käuflich erhältlich, dass durch das letzte Kapitel auf dem Stand der aktuellen Forschung ist und besonders durch den Anhang und die abgedruckten Briefe für Student/innen und interessierte Laien zusätzlich Ansatzpunkte für eigene Forschungen aufzeigt.

Anmerkungen
[1] Bade, Klaus J., Deutsche Überseewanderung und -einwanderung im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Archiv für Sozialgeschichte 26 (1986), S. 480-487, hier S. 487. Kamphoefner, Walter D., Westfalen in der Neuen Welt. Eine Sozialgeschichte der Auswanderung im 19. Jahrhundert, Münster 1982.
[2] Kamphoefner, Walter D., The Westfalians. From Germany to Missouri, Princeton 1987.
[3] Thistlethwaite, Frank, Europäische Überseewanderung im 19. und 20. Jahrhundert, in: Köllmann, Wolfgang; Marschalck, Peter (Hgg.), Bevölkerungsgeschichte, Köln 1972, S. 323-355; Handlin, Oscar, The Uprooted, Boston 1973.

Zitation
Daniel Menning: Rezension zu: Kamphoefner, Walter D.: Westfalen in der neuen Welt. Eine Sozialgeschichte der Auswanderung im 19. Jahrhundert. Göttingen 2006 , in: H-Soz-Kult, 24.10.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7800>.