A. Chwalba (Hrsg.): Polen und der Osten

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Titel
Polen und der Osten. Texte zu einem spannungsreichen Verhältnis


Hrsg. v.
Chwalba, Andrzej
Erschienen
Frankfurt am Main 2005: Suhrkamp Taschenbuch Verlag
Umfang
533 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Steffi Franke, Universität Leipzig, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO)

Seit der Osterweiterung der Europäischen Union bemüht man sich im EU-Europa, einen Platz für die neuen Mitgliedsstaaten auf den westlichen mental maps zu finden. Dies bereitet mehr als 15 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mitunter noch Mühe, hat die West-Ost-Linie doch ungeheure Wirksamkeit entfaltet, auch weil sie jahrhundertealte Konzepte der räumlich-kulturellen Ordnung des Kontinents widerspiegelt. [1] Das Wissen über Kultur und Geschichte dieser „neuen Europäer“ ist immer noch einer – zugegebenermaßen wachsenden – Schar von Spezialisten vorbehalten, denen umso mehr die Aufgabe zukommt, dieses Wissen einem größeren Publikum nahe zu bringen. Eine der Institutionen, die in diesem Zusammenhang für die Beschäftigung mit Polen eine herausragende Rolle einnimmt, ist das deutsche Polen-Institut in Darmstadt. Dessen aktuelle Publikation in der Reihe „Denken und Wissen“ ist dem Verhältnis Polens zu seinen östlichen Nachbarn gewidmet. Es handelt sich um einen Quellenband, der eine Vielzahl von erstmals deutsch veröffentlichten Texten enthält.

Dabei macht bereits der Titel deutlich, zum Beweis welcher These hier Argumente ins Feld geführt werden sollen. So schreibt der Reihenherausgeber Dieter Bingen in seinem Vorwort: „Spätestens mit dem Beitritt des Landes zur Europäischen Union [...] wird klar, daß erst irgendwo jenseits der polnischen Ostgrenze Europas wahrer Osten beginnt“ (S. 11). Es soll nun „mit polnischen Augen nach Osten“ (S. 11) geblickt werden – ein ebenso begrüßenswertes wie schwieriges Unterfangen.

Nach einem einleitenden Essay von Andrzej Chwalba, der einen Überblick über „Tausend Jahre Nachbarschaft“ (S. 12) bietet, werden die Dokumente – Aufsätze, Reden, Textauszüge und Flugblätter – in fünf Kapiteln chronologisch geordnet vorgestellt und damit gleichzeitig Zäsuren der polnischen Ostpolitik markiert: bis 1918, von 1918 - 1939, von 1939 - 1945, von 1945 - 1989 und von 1989 - 2004. Leider bleibt unklar, welche Kriterien für die Auswahl der Texte jeweils angewandt wurden. Auch wäre eine Kontextualisierung der Beiträge und ihre Zuordnung zu verschiedenen Traditionen des polnischen Ostdiskurses wünschenswert gewesen, die über die Einleitung von Chwalba und den Anhang hinausgehen, denn eine Reihe von Quellen repräsentiert streitbare Positionen, die nicht ausreichend durch kontrastierende Beispiele eingebettet werden.

Chwalbas Darstellung skizziert eingangs die Hauptlinien, die sich in der anschließenden Sammlung widerspiegeln. Die überwiegende Zahl der Dokumente macht klar, dass polnische Ostpolitik im Wesentlichen als Auseinandersetzung mit Russland verstanden wird. Das Verhältnis zu den übrigen polnischen Nachbarn erscheint als eine Funktion dieser Dominante. Zum zweiten tritt Polen als der Mittler westlicher Kultur im Osten auf; seine Rolle in dieser Region kann als Zivilisierungsmission verstanden werden. Zum dritten sind bemerkenswerte Leerstellen in Chwalbas Essay zu verzeichnen, die auch in der Quellensammlung nicht gefüllt werden: So kommt seine Darstellung polnischer Geschichte im Osten beinnahe ohne das jüdische Element aus, wird die gesamt Jedwabne-Diskussion mit keinem Wort erwähnt. [2] Zudem werden die Ereignisse in Wolhynien während der 1940er-Jahre recht einseitig – und auch für die polnische Debatte nicht repräsentativ [3] – behandelt. Die so genannte „Aktion Weichsel“ [4] bleibt völlig ausgeblendet. Weil der Fokus sowohl der Darstellungen Chwalbas als auch der Quellen auf dem russisch-polnischen Konflikt liegt, geraten kritische Auseinandersetzungen mit polnischen hegemonialen Traditionen und das schwierige Verhältnis zu den dortigen nicht-polnischen Bevölkerungsgruppen im Osten vor allem während des Sanjacja-Regimes in den 1920er und 1930er-Jahren des letzten Jahrhunderts in den Hintergrund. Symptomatisch dafür ist, dass aus der Gruppe von Exilanten um die Pariser „Kultura“ Juliusz Miroszewski als einziger mit einem Text Aufnahme gefunden hat. Einen Beitrag von Jerzy Giedroyc vermisst man schmerzlich. Die von ihm 1947 gegründete Zeitschrift diente als wichtige Plattform für die Diskussion einer auf Versöhnung mit den östlichen Nachbarn orientierten polnischen Außenpolitik, die für die Entwicklung nach 1989 von großer Bedeutung war. Kritische Auseinandersetzungen mit polnischen Vormachtsansprüchen im Osten und vor allem der Person des Józef Pilsudskis werden in der vorliegenden Dokumentensammlung hingegen fast ausschließlich durch polnische Kommunisten zur Sprache gebracht – eine Auswahl, die zumindest fragwürdig ist.

Die ausgewählten Texte decken die Zeit von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 2004 ab. Im ersten Kapitel wird vor allem das Verhältnis zu Russland während der Teilungszeit sowohl durch Positionen dokumentiert, die für einen Ausgleich und eine polnische Autonomie innerhalb des russischen Reichs plädierten, als auch durch jene, die auf antirussische, aber auch antisemitische, antideutsche und nationalistische Argumentationen gestützt, die polnische Vormachtstellung in Osteuropa einforderten.

Im Abschnitt über die zweite polnische Republik von 1918 bis 1939 finden sich außerdem Texte zum polnisch-litauischen Verhältnis und zu den polnischen Ostgebieten – den kresy – allerdings vor allem durch rechtskonservative Stimmen repräsentiert. Zwei längere Quellen setzen sich mit dem im Entstehen begriffenen Stalinismus in der Sowjetunion und den Folgen für Polen und die politische Situation in Europa auseinander.

Der Dokumententeil zum zweiten Weltkrieg klammert die deutsche Besatzung und die Folgen für das polnische Verhältnis zu Osteuropa vollständig aus, räumt aber dafür den Erfahrungen von polnischen Inhaftierten in den sowjetischen Gulags umso mehr Platz ein. Darunter befinden sich eindrucksvolle autobiographische Berichte von Paulina (Ola) Watowa und Stanislaw Vincenz. In diesen Abschnitt fällt auch einer der Texte der Sammlung, bei dem die mangelnde Kontextualisierung und Kontrastierung hoch problematisch ist. Zwei polnische Juristen, Autoren eines „mehrfach preisgekrönten Werk[s]“ (S. 514) über die Ereignisse in Wolhynien, thematisieren in einem Text von 1999 die von ukrainischen Nationalisten und deren paramilitärischen Organisationen an den Polen in der Grenzregion verübten Terrormaßnahmen und Massenmorde. Dies geschieht jedoch ohne den Versuch einer Differenzierung, bei dem die Entwicklung in ein Verhältnis zur fatalen Minderheitenpolitik des Sanjaca-Regimes unter Pilsudski, zu den polnischen Vorherrschaftsansprüchen im Osten und zu der dem Krieg folgenden brutalen Umsiedlungsaktion von Ukrainern durch die Polen, auch bekannt als „Aktion Weichsel“ gestellt werden könnte – wobei es dabei nicht um die Zuschreibung von Kausalitäten geht. Im Gegenteil wird die ukrainische Bevölkerung als grundsätzlich erbarmungslos und nationalistisch dargestellt, ihr liege das Handwerk des Terrors in den Genen und sie habe leichtes Spiel mit den ahnungslosen Polen gehabt. Die auch unter polnischen Historikern durchaus umstrittene These, dass die ukrainische Aufstandsarmee (UPA) auf eine Ausrottung der Polen hingearbeitet hätte, wird auf ein einziges, interpretationsbedürftiges Zitat von Heinrich Himmler gestützt (Fußnote 15, S. 305).

Um ein Bild der geistigen Atmosphäre in den 1930er- und 1940er-Jahren des 20. Jahrhunderts in den polnischen Ostgebieten und der polnischen Ost- und Minderheitenpolitik dieser Zeit zu gewinnen, kann man auf einen Text von Jedrzej Giertych von 1932 zurückgreifen, in dem die Polen als „Herren der Ostgebiete“ (S. 152) konzipiert werden, als „die einzigen Träger hoher zivilisatorischer Werte in der [multiethnischen] Bevölkerung“ (S. 153). Diese zivilisatorische Mission sei durch weißrussische und ukrainische Nationalisten bedroht gewesen, könne aber zugegebenermaßen nicht durch „das Prinzip des ‚Ausrottens’ gegenüber der Masse der nichtpolnischsprachigen Bevölkerung“ (S. 155) geschützt werden, sondern dies müsse durch die unbedingte Verteidigung der Ostgrenzen und die Aufrechterhaltung der Führungsrolle der Polen geschehen.

Ein eindrucksvolles Beispiel der nationalistischen, antisemitischen, russo- und germanophoben Argumentation ist der Text von Feliks Koneczny aus dem Jahr 1928, der die polnische Nation als Hüterin der westlichen Kultur betrachtet, die ständig aus dem Osten in Gestalt der „turanischen“ und der „jüdischen“ Zivilisation (S. 135) unter Druck gerät und der die Aufgabe zufällt, mit der Aufrechterhaltung seiner katholisch-lateinischen Identität sich und Europa gleich mit zu verteidigen. Deutlich werden hier die Härte der Auseinandersetzung und ihre Fundierung durch eine Rassenideologie. Solcherart Dokumente sind ein streitbarer Beitrag für das Grundanliegen des Bandes, Polen im Westen zu verorten (S. 11). Gleichwohl ist die Erhellung polnischer nationalistischer Diskurse auch vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklung im Land aufschlussreich und mag dazu beitragen, den polnischen Opfer-Diskurs aus einer anderen Perspektive zu betrachten, nämlich vor dem Hintergrund des machtpolitischen Konflikts zweier Staaten – Polens und Russlands – mit Vormachtsanspruch in der Region.

Einen völlig anderen Ton schlagen Stanislaw Stomma und Juliusz Mieroszewski an. Stomma setzte sich zum hundertjährigen Jubiläum des polnischen Aufstandes von 1863 kritisch mit der Erinnerung an diesen auseinander, die fester Bestandteil des polnischen kollektiven Gedächtnisses ist. Er charakterisiert den Aufstand gegen die russische Teilungsmacht als selbstmörderischen Akt ohne Aussicht auf Erfolg und hinterfragt die „stur antirussische Richtung“ der Bewegung, die „um so verwunderlicher [sei], als gerade die historischen Tatsachen den Ausschlag dafür hätten geben müssen, Rußland als weniger feindliche Teilungsmacht anzusehen“ (S. 331), habe sie doch die wirtschaftliche und politische Lage der Polen und auch der Juden erheblich verbessert und sei in einem bestimmten historischen Abschnitt den Ausgleichsforderungen zugänglicher gewesen als es die Deutschen und Österreicher waren. Die polnische Russophobie grenze an „Dämonologie“ (S. 335), sie besitze einen „mystische[n] Antrieb“ (S. 345). In eine ähnliche Richtung argumentierte Mieroszewski im Jahr 1976, indem er die polnische Selbstdeutung als sozusagen freundliche und zivilisatorische Macht gegen die babarisierende Russifizierung im Osten hinterfragt und die jagiellonische Idee aus der Perspektive der Weißrussen und Ukrainer als imperialistische Strategie beschreibt. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass die polnisch-russischen Beziehungen „stets eine Funktion der Situation, die in einer bestimmten historischen Periode in diesem Gebiet [das heißt Ukraine, Litauen, Belarus] herrschten“ (S. 316). Der auch im Exil kultivierte Antikommunismus sei mit „nationalem Egoismus“ und „engstirnigem Nationalismus“ (S. 325) gepaart. Mieroszewski plädierte für eine konstruktive Aufarbeitung historischer Belastungen auf beiden Seiten und für einen neuen Dialog, der im Exil vorbereitet werden könnte. In einem zukünftigen Osteuropa gebe es „keinen Platz für irgendeine Form von Imperialismus, weder seitens Rußlands noch seitens Polens“ (S. 315). Solche Stimmen wirken allerdings wie Inseln in diesem Band, in dem sich ein rechtskonservativer Grundton durch die Quellen zieht. Dies wiegt vor dem Hintergrund der Vernachlässigung wichtiger Problemfelder der polnischen Ostpolitik umso schwerer.

Vergleicht man diesen Osteuropa-Diskurs mit westeuropäischen Traditionen, fällt seine Ähnlichkeit mit jenem der Aufklärungszeit ins Auge, in der nach Larry Wolff die Grundlage für die mentale Aufteilung Europas in Ost und West gelegt und diese Aufteilung kulturell aufgeladen wurde. Zwar gehörte für die Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts Polen eindeutig mit zum europäischen Osten, die Zuschreibungen an diese Region sind aber dieselben: Es handelt sich um eine Region voller Extreme, des Inkommensurablen schlechthin, des schwankenden Bereichs zwischen orientalischer Barbarei und westlicher Zivilisation. Die Konstruktion Russlands als das europäische „Andere“ schlechthin findet sich bereits hier, aber auch im Mitteleuropa-Diskurs der 1980er-Jahre des 20. Jahrhunderts unter tschechischen, polnischen und ungarischen Intellektuellen [5] und wird ebenso in den polnischen Diskussionen weitergeführt. So scheint die Behauptung einer westlichen Identität immer an die Dämonisierung und Verunklarung des östlichen Europa geknüpft zu sein, sowohl für den geographisch eindeutigeren „Westen“ als auch für die Region in der Mitte Europas. In der speziellen polnischen Situation tritt die Semantik von der Vormauer der christlichen Zivilisation, der antemuralen Verteidigungs- und Mittlerfunktion hinzu.

Nun wird sich jede Quellensammlung dem Vorwurf ausgesetzt sehen, unvollständig zu sein und eine bestimmte historische Meistererzählung zu stützen, während Alternativen vernachlässigt werden. Dieser Auswahl gebührt allerdings Anerkennung für die deutsche Erstveröffentlichung einer Vielzahl von Quellen, die Kennern polnischer Geschichte, die in der Lage sind, diese Texte zu kontextualisieren, wertvolles Material für ausgewählte Aspekte liefert. Sollte sie als Einstiegslektüre zum Thema gedacht sein, ist indes die Vernachlässigung wichtiger Dimensionen polnischer Ostpolitik zu bedauern.

Anmerkungen
[1] Wolff, Larry, Inventing Eastern Europe. The map of civilization in the mind of enlightment, Stanford 1994.
[2] Vgl. die Diskussion um das Buch von: Tomasz Gross, Jan, Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne, München 2001. Siehe auch die Seite des Instytut Pameci Narodowej zum Thema: http://www.ipn.gov.pl/a_090702_wnioski_jedwabne.html.
[3] Zu einer anderen Perspektive vgl.: Hrycak, Jaroslaw, Wolhynien in der ukrainsichen Erinnerung; in: Makarska, Ranata; Kerski, Basil (Hrsg.), Die Ukraine, Polen und Europa, Osnabrück 1994, S. 151-163 und: Berdychowska, Bogumila, Schwierige Versöhnung. Zur ukrainischen Wolhynien-Debatte 2003; in: ebd., S. 165-173. Der polnischer Volltext der Versöhnungserklärung vom Mai 1997 unter <http://www.zbiordokumentow.pl/1997/2/3.html>.
[4] Mit diesem Namen wird eine großangelegte Aus- und Umsiedlungsaktion bezeichnet, bei der 1947 aufgrund einer Entscheidung des Politbüros des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei und auf Grundlage der Repatriierungsabkommen mit Weißrussland und der Ukraine etwa 140.000 Personen ukrainischer Herkunft aus- und verstreut in den polnischen Nord-, West- und Südwestgebieten angesiedelt wurden, vielfach in den Gebieten, aus denen vorher die deutsche Bevölkerung vertrieben worden war. Die zurückgelassenen Immobilien und der Besitz der griechisch-katholischen Kirche wurden 1949 vom polnischen Staat übernommen. Vgl. unter anderem: Jasiak, Marek, Overcoming Ukrainian Resistance. The Deportation of Ukrainians within Poland in 1947, in: Ther, Philipp; Siljak, Ana (Hrsg.), Redrawing Nations. Ethnic Cleansing in East-Central Europe, 1944-1948, New York 2001, S. 173-194; und Pisulinski, Jan (Hrsg.), Akcja Wisla, Warschau 2003.
[5] Einer der einflussreichsten Texte dieser Diskussion, der gleichzeitig als Eröffnungstext gelten kann, stammt von: Kundera, Milan, Un occident kidnappé oder die Tragödie Mitteleuropas, in: Kommune. Forum für Politik und Ökonomie, 2 (1984) 7, 6. Juli, S. 43-52.

Zitation
Steffi Marung: Rezension zu: Chwalba, Andrzej (Hrsg.): Polen und der Osten. Texte zu einem spannungsreichen Verhältnis. Frankfurt am Main 2005 , in: H-Soz-Kult, 15.03.2007, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8229>.
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15.03.2007
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