D. Blackbourn: The Conquest of Nature

Cover
Titel
The Conquest of Nature. Water, Landscape and the Making of Modern Germany


Autor(en)
Blackbourn, David
Erschienen
London 2006: Jonathan Cape Press
Umfang
512 S.
Preis
£ 30.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Bernhardt, Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS), Berlin

Der seit einiger Zeit beobachtbare Aufschwung der deutschen Umweltgeschichtsforschung ist bisher weitestgehend ein „Boom in der Nische“ geblieben, der den Mainstream der hiesigen Geschichtswissenschaft bisher kaum erreicht hat – wie etwa an der weitgehenden Ausblendung des Themas in den bisher erschienenen Bänden des „neuen Gebhardt“ abzulesen ist.[1] Wenn sich daher David Blackbourn, Harvard-Professor und einer der profiliertesten anglo-amerikanischen Forscher zur neueren deutschen Geschichte, eines solchen „Randthemas“ wie der Wasser- und Landschaftsgeschichte annimmt und dafür teilweise enthusiastische Rezensionen erntet[2], verdient das Werk allein durch die Themenwahl und Resonanz besondere Aufmerksamkeit. Auch die H-Soz-u-Kult-Jury hat ihm jüngst mit der Auszeichnung zur „mit Abstand“ besten Neuerscheinung in der Kategorie „Europäische Geschichte“ 2007[3] herausragende Qualität attestiert. Blackbourn wurde in den 1980er-Jahren als Antipode zu Hans-Ulrich Wehler und Kritiker von dessen „Sonderwegsthese“ zur deutschen Geschichte bekannt[4] und verfasste später eine der wegweisenden Arbeiten der neueren Kulturgeschichtsschreibung über den Marienkult im saarländischen Marpingen.[5] Hat er hier möglicherweise erneut ein bahnbrechendes Referenzwerk für eine Perspektiverweiterung in der Geschichtswissenschaft vorgelegt? In diesem Sinn verdienen auch das methodische Vorgehen und die potentielle Brückenfunktion des Buches zur allgemeinen Geschichte Beachtung. Auch wenn – so viel sei vorweggenommen – das Buch zweifellos tatsächlich in vielem der große Wurf ist, als den es die Kritik einhellig preist, so sind doch auch einige kritische Einschränkungen zu machen, nicht zuletzt was die stark „nationalgeschichtlich“ angelegte Perspektive betrifft.

Die Einleitung des mit Bildteil und Register sorgfältig ausgestatteten, seit kurzem auch in einer von Udo Rennert vorzüglich besorgten deutschen Übersetzung vorliegenden Werkes[6] breitet die schon im Titel formulierte Kernthese Blackbourns von einer Interdependenz von anthropogener Landschaftsumwandlung und gesellschaftlichem Modernisierungsprozess in der deutschen Geschichte aus. Diese Modernisierung vollzog sich nicht zuletzt im Kontext einer Serie von „water wars“, Raumeroberungen und Projekten der Naturunterwerfung (S. 4f.), die rückwirkend wiederum das moderne Deutschland prägten (S. 8). In der Formulierung „Race, reclamation and genocide were intertwined“ (S. 5) wird diese Grundthese und Forschungsperspektive zugespitzt auf den Punkt gebracht. Damit plädiert Blackbourn zugleich für eine auch theoretisch-methodische Aufwertung der physischen Raumdimension, deren Marginalisierung in der deutschen Geschichts- und Sozialforschung überholt sei (S. 17). Auf diese Weise liefert er hier ganz nebenbei einen erfrischenden, pointierten Beitrag zur Debatte um den „spatial turn“.

Das erste Kapitel besteht wie die fünf folgenden im Kern aus einer wasser- und landschaftshistorischen Fallstudie, hier der Trockenlegung des Oderbruchs unter Friedrich II. in den Jahren 1747-1753. Wie im gesamten Buch bilden dabei das Wasser als konstitutives Landschaftselement und seine ingenieurwissenschaftliche Beherrschung das Generalthema im engeren Sinn – insofern ist die Tilgung des Begriffs „Wasser“ aus dem Titel der deutschen Ausgabe mehr als unglücklich. Blackbourn zeichnet zunächst mit wenigen Strichen ein farbiges Gemälde Deutschlands im 18. Jahrhundert und lenkt den Gedankengang von der Makroebene der staatsrechtlichen Zersplitterung im Heiligen Römischen Reich über Guts- und Territorialherren, städtische Zünfte und kirchliche Stiftungen rasch zum Landesausbau (S. 21ff.). Die überaus anschaulichen Schilderungen von Sümpfen und wasserbaulichen Operationen, Mückenplagen, Malaria und Ingenieursprojekten werden stets gezielt in Bezug gesetzt zu prominenten Akteuren wie zum Beispiel Friedrich II., Leonhard Euler oder Albert Thaer, und bis hin etwa zur Hinrichtung Kattes in der Oderstadt Küstrin ausgedehnt (S. 30). Über dieses stark narrative Verfahren werden die Wasser- und Landschaftsthemen wirkungsvoll in die bekannten größeren historischen Zusammenhänge eingebettet – dies freilich unter anderem um den Preis einer stark an Einzelpersönlichkeiten ausgerichteten Darstellung, die streckenweise der traditionellen „Ingenieursliteratur“ nahekommt. Fast in jedem Kapitel wird der Leser so von einer oder mehreren „Leitfiguren“ – von dem Baseler Mathematiker Bernoulli im späten 18. Jahrhundert bis zum brandenburgischen Umweltminister Platzeck in der Oderflut von 1997 – sozusagen an die Hand genommen. Auf sehr breiter Literaturgrundlage vor allem gedruckter Quellen und einiger Archivalien entsteht auf diese Weise ein differenziertes, wenn auch den Forschungsstand nicht wesentlich korrigierendes Bild der Oderbruch-Entwässerung. Hingegen werden in der Kapitelsynthese „Paradise lost?“ in beeindruckender Weise Zeugnisse zeitgenössischer Verlusterfahrungen von Landschaft und Biodiversität um 1800 in der Wahrnehmung durch Goethe, Novalis, Rousseau und andere verdichtet. Darauf aufbauend wird die Genese der lange fortwirkenden romantischen Gedankenfigur vom „verlorenen Paradies“ rekonstruiert und kritisch diskutiert (S. 68). In solchen grundlegenden Thesen und Reflexionen, die die engere umwelthistorische Perspektive weiten, liegt eine der großen Stärken des Buches.

Die folgenden Kapitel sind ähnlich komponiert. So stellt die Rekonstruktion der berühmten Begradigung des Oberrheins ab 1817 unter dem Titel „The man, who tamed the Wild Rhine“ (S. 71ff.) den leitenden badischen Ingenieur Tulla in den Mittelpunkt einer sehr lebendigen Darstellung, die die Folgeprobleme für die Biodiversität besonders akzentuiert. Blackbourn unternimmt hier wiederum eine klug abwägende Reflexion über die Langzeitfolgen und „unintended consequences“ des vom „Zauberlehrling“ Tulla (S. 108-110) entworfenen Projektes. Allerdings unterbewertet die auf Baden zentrierte Darstellung eines tatsächlich mit Frankreich und Bayern realisierten Projektes wichtige transnationale Zusammenhänge.

Die Grundthese des Zusammenwirkens von Landschaftsumbau und Gesellschaftsgeschichte wird besonders überzeugend in den Kapiteln 3 und 4 entfaltet. So kommen im Rahmen der Schilderung des Ausbaus der Jadebucht zum preußischen Seehafen Wilhelmshaven in den 1850er-Jahren erstmals in größerem Umfang sozialgeschichtliche Themen wie insbesondere die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter zur Sprache (S. 129ff.). Mit dem Aufstieg der Personenschifffahrt, der Bade- und Urlaubszentren, den damit verbundenen neuen Formen touristischer Landschaftswahrnehmung (S. 159ff.) sowie schließlich der Umweltkritik und wissenschaftlichen Ökologie im späten 19. Jahrhundert (S. 169) werden weitere solcher Verknüpfungen benannt. Allerdings wird, so neu und durchweg interessant diese Abschnitte auch sind, die Vielfalt der Perspektiven hier teilweise nur mühsam gebändigt.

Ausgesprochen kohärent fällt hingegen das Kapitel 4 zur „Vielzwecktechnologie“ der Staudämme aus, in dem der Aufstieg des Dammbaus seit den 1880er-Jahren und die wichtige Rolle des „Großmeisters der deutschen Dämme“ Otto Intze im Kontext des Aufschwungs der Ingenieurwissenschaften skizziert werden (S. 182ff.). Den Dammbau als Mittel der regionalen Wasservorratshaltung bettet Blackbourn gut in die Urbanisierung des Ruhrgebietes und damit in die Hochindustrialisierung ein, ebenso überzeugend wird die zunehmende internationale Vernetzung der Wasserbauingenieure analysiert (S. 196ff.). Mit der Einbeziehung der Wasserkraftgewinnung und der Trinkwasserversorgung, der Folgen des Dammbaus für Flussbetten, Dörfer und Tiere, der landschaftsplanerischen Aufwertung von Stauseen bis hin zur „Vulnerabilität“ der Anlagen im Krieg (S. 237f.) gelingt Blackbourn eine spannende und komplexe Darstellung. Sie hat zweifellos besonders vom fortgeschrittenen Stand der US-amerikanischen „Dammforschung“ profitiert.

Die Zeit des Nationalsozialismus bildet in gewisser Weise die Klimax des Buchkonzeptes, was außer in der Einleitung auch in der Bildauswahl und der Gestaltung des Schutzumschlages vor allem der englischen Ausgabe pointiert zum Ausdruck kommt.[7] Hier stehen räumlich die Pripet-Sümpfe an der Grenze zwischen Polen und der UdSSR und mit ihnen die deutsche Expansions- und Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus im Mittelpunkt. Faktisch werden dabei drei Erzählstränge miteinander verknüpft: Erstens die nationalkonservative und nationalsozialistische Landschaftsplanung, Siedlungs- und Trockenlegungspolitik in Polen, zweitens die Vernichtungspolitik gegen die einheimische Bevölkerung und drittens die Analogien und Transfers von US-amerikanischen Debatten wie der „Frontier“-Diskussion und der „Indian Wars“, die nunmehr unter anderem gegen die polnischen Partisanen geführt wurden. Die bis hinauf zu Hitler aufgespürten Zusammenhänge im Denken über Rassenideologie, Entwässerungsprojekte und „Versteppungs“-Ängste werden überzeugend nachgewiesen, doch erscheint die Landschaft vielfach eher als Projektionsfläche oder Kulisse nationalsozialistischer Politik denn als wirkungsmächtiger Kontext und wichtiges Korrelat. Blackbourn wirft auch eine der Kernfragen der neueren umwelthistorischen Debatte auf, wenn er fragt: „Waren die Nazis unter der Oberfläche wirklich Umweltschützer, mörderische Vorgänger der heutigen Grünen? Und gab es eine perverse Verbindung zwischen Genozid und ökologischer Sensibilität?“ (S. 267). Die Antwort lautet, in Übereinstimmung mit der herrschenden Meinung in der Forschung, dass die Ansätze von Umweltsensibilisierung letztlich marginal und weitgehend wirkungslos blieben (S. 273). Insgesamt lassen sich allerdings politische und Landschaftsgeschichte nicht immer so überzeugend in Bezug setzen wie am Beispiel der Pripet-Sümpfe als „Ort des Überlebens und Widerstands“ für die polnische Partisanenarmee (S. 295f.). An anderer Stelle löst sich die Darstellung über längere Strecken ganz vom Wasser- und Landschaftsthema oder die Zusammenhänge bleiben eher äußerlich, so zum Beispiel bei dem Hinweis auf ein modellhaftes Landgewinnungsprojekt bei Auschwitz in der Zeit vor der Errichtung des Vernichtungslagers (S. 280).

Noch einmal einen anderen Zuschnitt hat das sechste Kapitel, das nicht auf ein prominentes Projekt fokussiert ist, sondern die auf Wasserpolitik und Landschaftswandel konzentrierten Entwicklungslinien der bundesdeutschen und DDR-Umweltgeschichte und -politik nachzieht. Schließlich kehrt die Darstellung an die Oder zurück („Epilogue: Where it all began“) und setzt sich unter anderem sehr zeitnah und kompetent mit den Ambivalenzen der „grünen Gentechnik“ am Beispiel des Oderbruchs auseinander (S. 342).

Trotz mancher hier formulierter Einwände besticht an dem Buch die breite, profunde Zusammenschau von Wasserbau, Landschafts- und Gesellschaftsentwicklung, die bis in einzelne ingenieurwissenschaftliche Details hinein immer souverän, verständlich und spannend präsentiert und in einer Langzeitbetrachtung überzeugend integriert wird. Im Ergebnis plädiert Blackbourn für eine kritische Historisierung und vor allem konzeptionelle Aufwertung von Natureingriffen und Landschaftsschäden als „Schattenseite der Moderne“ (S. 346) in der Geschichtsforschung, für die er insgesamt gesehen zahlreiche plausible Argumente und einen grundlegenden Beitrag geliefert hat.

Anmerkungen:
[1] Vgl. stellvertretend die auf programmatische Aussagen beschränkten Passagen bei Kocka, Jürgen, Das lange 19. Jahrhundert, in: Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 13, Stuttgart 2001, S. 58ff.
[2] Vgl. stellvertretend die Rezensionen von Neal Ascherson in der deutschen Ausgabe der Le Monde Diplomatique vom 11.08.2006, von Jürgen Kaube zur deutschen Ausgabe in der FAZ vom 10.10.2007, von Susanne Mayer in Die Zeit vom 4.10.2007 sowie von Verena Winiwarter in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 5 (15.05.2007), <http://www.sehepunkte.de/2007/05/10656.html>.
[3] Buchpreis: Essay Kategorie Europäische Geschichte. Essay von Frank Hadler und Matthias Midell, H-Soz-u-Kult, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?pn=texte&id=922=922> (18.7.2007).
[4] Vgl. Blackbourn, David; Eley, Geoff, Mythen deutscher Geschichtsschreibung: Die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848, Frankfurt am Main 1980.
[5] Blackbourn, David, Marpingen. Apparitions of the Virgin Mary in Bismarckian Germany, Oxford 1993.
[6] Blackbourn, David, Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft. München 2007, ISBN 9783421059581, € 39,95.
[7] Die amerikanische und die deutsche Ausgabe präsentierten eine unterschiedliche Bildauswahl auf den Umschlägen.

Zitation
Christoph Bernhardt: Rezension zu: Blackbourn, David: The Conquest of Nature. Water, Landscape and the Making of Modern Germany. London 2006 , in: H-Soz-Kult, 04.02.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8317>.
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04.02.2008
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