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Titel
Zukunft Europa?. Das Europa-Bild und die Idee der internationalen Solidarität bei den deutschen Liberalen und Demokraten im Vormärz 1815-1848


Autor(en)
Brendel, Thomas
Erschienen
Umfang
524 S.
Preis
€ 65,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia A. Schmidt-Funke, Friedrich-Schiller-Universität Jena / Institut für Europäische Geschichte Mainz

Untersuchungen zum Europagedanken haben in der zunehmend an Bedeutung gewinnenden europabezogenen Geschichtsschreibung eine lange, in die unmittelbare Nachkriegszeit zurückreichende Tradition. Zwei neue Monografien zum Europabild des 19. Jahrhunderts belegen die ungebrochene Bedeutung dieses Forschungszweiges: Die bei Wulf Segebrecht entstandene und 2004 veröffentlichte literaturwissenschaftliche Dissertation Claude D. Conters [1] sowie die von Lothar Gall betreute geschichtswissenschaftliche Doktorarbeit Thomas Brendels. Beiden Qualifikationsschriften geht es darum, die vorrangig ideengeschichtliche Ausrichtung der älteren Forschung, wie sie etwa in Heinz Gollwitzers Pionierstudie zu fassen ist [2], zu überwinden.

Während Conter zu diesem Zweck eine Diskursanalyse durchgeführt hat [3], geht die hier zu besprechende Studie Thomas Brendels einen anderen Weg. Brendel möchte – wie er im Rückgriff auf eine Formulierung Dieter Langewiesches betont – ein "Europa der Idee und der Tat" (S. 26) beschreiben, indem er eine über die Geistesgeschichte hinausreichende "Organisationsgeschichte" (S. 21) internationaler Solidarität schreibt. Zu diesem Zweck rekonstruiert er zum einen in ideengeschichtlicher Perspektive das Europabild der südwestdeutschen Liberalen und Demokraten im Vormärz, das er von seinen aufklärerischen und romantischen Ursprüngen bis zur Revolution von 1848 verfolgt. Zum anderen befasst er sich mit den konkreten Formen europäisch-solidarischen Handelns in diesem Zeitraum, wobei er den Bogen von der radikalaufklärerischen Deutschen Union bis zur Adressbewegung im Umfeld des Schweizer Sonderbundkriegs spannt. Letztere zählt mit dem Philhellenismus und der Polenbegeisterung zu den drei von Brendel als repräsentativ ausgewählten Schlüsselereignissen, an denen er das Verhältnis von Wort und Tat stichprobenartig untersucht. Ergänzend nimmt Brendel das Staats-Lexikon, Mazzinis Junges Europa und das literarische Junge Deutschland in den Blick. Abgeschlossen wird seine Studie durch eine zusammenführende Systematisierung und einen Ausblick auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Wie Brendels Ausführungen zeigen, klafften der Anspruch auf internationale Solidarität und die Wirklichkeit einer konjunkturabhängigen und allzu oft nationsgebundenen Mobilisierung weit auseinander. Das zeigt sich bereits bei der Deutschen Union, die Brendel neben den Freimaurern als ein Beispiel intereuropäischer Zusammenarbeit der deutschen Aufklärung heranzieht. Brendel muss allerdings einschränken, dass die Assoziation nicht als international im Sinne des 19. Jahrhunderts bezeichnet werden kann, und führt damit selbst vor Augen, dass seine an anderer Stelle vorgenommene Einschätzung der Union als eine "von Deutschland ausgehende internationale Blockbildung deutscher Frühliberaler" (S. 44) zu hoch gegriffen ist.

Wahrhaft international kann auch der Mitarbeiterkreis des Staats-Lexikons nicht genannt werden. Erneut schießt Brendel zunächst über das Ziel hinaus, wenn er das Staats-Lexikon als "markantestes Beispiel für praktizierten internationalen Wissenschaftstransfer im deutschen Vormärz" (S. 127) interpretiert. Bei genauerem Hinsehen erweist sich nämlich, dass sich der Kreis internationaler Autoren auf wenige Personen beschränkte, deren Mehrzahl in der deutschsprachigen Schweiz lebte, und dass auch dem inhaltlichen Internationalismus des Staats-Lexikons enge Grenzen gesetzt waren. Wie Brendel eingesteht, konzentrierte sich dieser letztlich "auf die Schweiz und mit Abstrichen auf Frankreich" (S. 145). Nichtsdestoweniger vermag die Analyse des im Staats-Lexikon vermittelten Europa- und Internationalismusbegriffs wesentliche weltanschauliche Prämissen der deutschen Liberalen zu verdeutlichen. Brendel zeigt auf, dass sich internationale Solidarität schon in der Theorie hauptsächlich auf den westlich-atlantischen Kulturraum bezog und damit auf die in den Augen der Liberalen "zivilisierte Welt" (S. 153). Zivilisation war das entscheidende Kriterium, um Gutes von Schlechtem, Zeitgemäßes von Überholtem, Freund von Feind zu scheiden. Europa wurde in diesem Zusammenhang nicht geografisch, sondern normativ gedacht, es wurde zum "Synonym für zivilisiertes Denken und Handeln" (S. 153). Deshalb konnten neben dem größten Teil des Globus auch viele Völker des europäischen Kontinents als unzivilisiert und uneuropäisch aus der Solidargemeinschaft der zivilisierten Nationen ausgeschlossen werden.

Am Beispiel des Philhellenismus stellt Brendel dar, wie der Begriff der Zivilisation für eine finanzielle und militärische Mobilisierung instrumentalisiert wurde und wie die philhellenische Bewegung zwischen international solidarischem Handeln und zivilisatorischer Mission oszillierte. Ungeachtet dieses Sendungsbewußtseins beschränkte sich der Internationalismus der Griechenfreunde jedoch auf eine "ideologisch[e] und lose institutionell[e]" (S. 188) Vernetzung. Mit dieser Einschätzung folgt Brendel den Ergebnissen Natalie Kleins, die unlängst die Kontakte und Kooperationen der europäischen und nordamerikanischen Griechenvereine untersucht hat.[4]

Die größte Stärke von Brendels Studie liegt in seinen ausführlichen Analysen der deutschen Polenbegeisterung, des Hambacher Festes und der deutschen Beteiligung an Mazzinis Jungem Europa, während die Passagen zu den Literaten des Jungen Deutschland und zur Adressbewegung des Jahres 1847 kürzer ausfallen und Fragen offenlassen. Als wichtigstes Ergebnis ist festzuhalten, dass der Widerstreit von Nation und Europa die vorhandenen Ansätze zu einer internationalen Zusammenarbeit torpedierte, ohne dass der "Internationale der Nationalisten" [5] der inhärente Widerspruch der Völkerfrühlings-Idee bereits bewusst geworden wäre. Brendel hebt hervor, wie sehr das Europabild der süddeutschen Liberalen und Demokraten auf der Überzeugung beruhte, die deutsche Nation müsse eine internationale Vorreiterrolle einnehmen. Gleichwohl grenzt er sich von der These ab, der von den vormärzlichen Liberalen und Demokraten vertretene Nationalismus habe unmittelbar zur Ausbildung des imperialistischen Nationalismus des Kaiserreichs geführt [6], indem er auf das weithin fehlende Machtstaatsdenken verweist. Von einer immer stärkeren Nationalisierung sieht Brendel die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt. Als entscheidende Wendemarke interpretiert er dabei die Revolution von 1848/49, und es ist ihm zuzustimmen, wenn er die Jahre nach der Julirevolution als eigentlichen Höhepunkt des europäischen Internationalismus auffasst.

Als größter Mangel von Brendels Studie erweist sich leider die dem Forschungsanliegen kaum genügende Materialbasis einiger Passagen. Die Suche nach bisher unberücksichtigten, möglicherweise auch ungedruckten Quellen hätte sich gerade dort gelohnt, wo Brendel mit dem Konzept einer Organisationsgeschichte über den Kenntnisstand der älteren Forschung hinausgelangen möchte. Eine weitergehende Auswertung der beeindruckenden, im Anhang publizierten kollektivbiografischen Datensammlung wäre in diesem Zusammenhang ebenfalls vielversprechend gewesen. Wünschenswert wäre ferner ein differenzierterer Umgang mit den unterschiedlichen politischen Strömungen und ein nicht bloß in die Fußnoten verbanntes Nachdenken über die "eigenständigen liberalen Denkschule[n]" (S. 146, Anm. 339) innerhalb des Deutschen Bundes gewesen, die in der Forschung noch immer zu wenig berücksichtigt werden.

Wenn sich Brendel abschließend dagegen ausspricht, „liberale Europavisionen und internationale Ideen als bloße Randerscheinungen der konstitutionellen und nationalen Fortschrittsbewegung“ (S. 437) abzutun, ruft er damit ebenso zu einer Relativierung nationaler Perspektiven auf wie Claude D. Conter, der mit diskursanalytischem Vokabular für eine "Entmachtung des Archivs" [7] plädiert hat. Wenngleich Brendel unter diesem Vorsatz die Schilderung international-solidarischen Handelns bisweilen zu emphatisch geraten ist, hat er eine anregende und lesenswerte Dissertation verfasst. Um so bedauerlicher ist es da, dass sein Buch mit einem Preis von 65,50 € für die bloß broschierte Ausgabe unerfreulich teuer ist.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Conter, Claude D., Jenseits der Nation. Das vergessene Europa des 19. Jahrhunderts. Die Geschichte der Inszenierungen und Visionen Europas in Literatur, Geschichte und Politik, Bielefeld 2004.
[2] Vgl. Gollwitzer, Heinz, Europabild und Europagedanke. Beiträge zur deutschen Geistesgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, München 1964.
[3] Vgl. die Rezension Heinz Duchhardts in: Historische Zeitschrift 279 (2004), S. 760-761, sowie die Rezension Wolfgang Schmales unter: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-2-074>.
[4] Vgl. Klein, Natalie, "L’humanité, le christianisme, et la liberté." Die internationale philhellenische Vereinsbewegung der 1820er Jahre, Mainz 2000.
[5] Gollwitzer, Europabild und Europagedanke (wie Anm. 2), S. 244.
[6] Vgl. Kittel, Manfred, Abschied vom Völkerfrühling? National- und außenpolitische Vorstellungen im konstitutionellen Liberalismus 1848/49, in: Historische Zeitschrift 275 (2002), S. 333-383.
[7] Conter, Jenseits der Nation (wie Anm. 1), S. 680.

Zitation
Julia A. Schmidt-Funke: Rezension zu: Brendel, Thomas: Zukunft Europa?. Das Europa-Bild und die Idee der internationalen Solidarität bei den deutschen Liberalen und Demokraten im Vormärz 1815-1848. Bochum 2005 , in: H-Soz-Kult, 22.11.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8421>.
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22.11.2006
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