B. Volkert: Der amerikanische Neokonservatismus

Titel
Der amerikanische Neokonservatismus. Entstehung - Ideen - Intentionen


Autor(en)
Volkert, Bernd
Erschienen
Münster 2006: LIT Verlag
Umfang
128 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
J. Olaf Kleist, Berlin

Vor kurzem verkündete Francis Fukuyama in seinem neuen Buch [1] das Ende des Neokonservatismus und verabschiedete sich damit nachdrücklich von einer in den letzten Jahren am meisten diskutierten politischen Strömungen. Zu „leninistisch“ seien die Neokonservativen, lautet der nicht sonderlich originelle Vorwurf. Da sie, in ihrem grundsätzlich unterstützenswerten Bestreben Demokratie und Liberalismus zu verbreiten, zu sehr auf Gewalt setzen würden, seien sie zum Scheitern verurteilt. Nun mag es für Kritik an neokonservativen Strategien gute Gründe geben, doch auf einen Vergleich mit dem Bolschewismus zurückzugreifen, steht in einer Tradition der Schmähungen des Neokonservatismus seit den 1970er-Jahren, die in anderen Fällen auch den Faschismusvorwurf erheben oder gar Verschwörungstheorien ausbreiten. Dass Fukuyama, der vor noch nicht allzu langer Zeit sich selbst in neokonservativen Kreisen verortete und sich positiv auf neokonservative Autoren wie Charles Krauthammer bezog [2], in einen solch verleumderischen Jargon verfällt, mag überraschen. Dass er hingegen laut über die Zeit nach dem Neokonservatismus nachdenkt, scheint angesichts der Irakkrise, die weitgehend auf neokonservative Strategien zurückgeführt wird, zunächst sehr plausibel. Dabei ist das Ende des Neokonservatismus in den letzten Jahrzehnten immer mal wieder verkündet worden: So hatten, darauf weist Bernd Volkert in seinem hier zu besprechenden Buch hin, Ende der 1980er-Jahre aufgrund des sich anbahnenden Siegeszuges des amerikanischen Liberalismus, darin Fukuyamas damaligen Prognosen durchaus ähnlich, selbst einige führende Neokonservative starke Zweifel am Fortbestand des Neokonservatismus.

Der beständige Wandel zwischen Dämonisierung und Abgesang scheint dabei gerade Ausdruck des Charakteristikums des Neokonservatismus zu sein, welches die Existenz seines politischen Kerns unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen garantiert. Die wechselvolle Geschichte des Neokonservatismus durch ihre inneren Widersprüche und politischen Herausforderungen zu untersuchen und dabei den Kern herauszuarbeiten, der die disparaten Denker/innen dieser politischen Richtung zusammenhält, ist das erkenntnisreiche Verdienst von Volkerts Studie über den amerikanischen Neokonservatismus. Keine Gesamtdarstellung des amerikanischen Neokonservatismus sollte man hier erwarten, sondern eine schlaglichtartige und kenntnisreiche Analyse des Geistes des Neokonservatismus. Der Berliner Politikwissenschaftler/innen argumentiert, dass der Neokonservatismus nicht als ein mehr oder weniger konsistentes Programm, sondern von Anfang an als ein reaktives Phänomen zur Rettung liberaler Ideale zu verstehen sei. Anstatt jedoch bisherigen Studien eine weitere positive Definition des neokonservativen Charakters hinzuzufügen, weist Volkert immer wieder auf das desperate Bewusstsein von der Fragilität des Liberalismus und von seiner inhärenten Gefahr der Barbarei hin. Dieses lasse die neokonservativen Denker/innen von den Versuchen, Utopien herstellen und Programme entwerfen zu wollen, weit Abstand nehmen. Nicht einfache Ideologen/innen seien sie, sondern – was für Volkert den zentralen Unterschied ausmacht – „erschütterte Ideologen“. Oder wie es Irving Kristol, der so genannte „godfather“ des Neokonservatismus, in der immer wieder und auch von Volkert wiederholt zitierten Definition ausdrückte: Ein Neokonservativer ist „a liberal mugged by reality“.

In der für das schmale Buch recht ausführlichen Einleitung hebt Volkert mit kritischen Auseinandersetzungen mit bisherigen Rezeptionen des amerikanischen Neokonservatismus und offenen Erläuterungen zum eigenen Ansatz an. Im Hauptteil verfolgt er dann die Entwicklung des Neokonservatismus anhand vielfältiger Veröffentlichungen der Protagonisten/innen in fünf unterschiedlich gewichteten Abschnitten. Begonnen wird mit der Vorgeschichte in Gestalt Irving Kristols. Was häufig als merkwürdige Anekdote berichtet wird, nämlich dass bestimmte Ursprünge des Neokonservatismus im Trotzkismus liegen, macht Volkert zum starken Argument seiner These. Vom Kommunismus sowjetischer Prägung enttäuscht und vom Nationalsozialismus entsetzt wendete sich Kristol in den 1940er-Jahren von jeglichem Utopismus ab. Doch anstatt nun im Anti-Utopismus den bestehenden Liberalismus der USA zu verteidigen, habe er sich eine gesellschaftskritische Haltung bewahrt. In der Moderne selbst sah er das Potential zum Totalitarismus angelegt, das die Freiheit der Individuen bedroht, wie sich nicht nur in der Sowjetunion gezeigt habe, sondern um so erschreckender im deutschen Nationalsozialismus.

Den Beginn des Neokonservatismus als politische Strömung datiert Volkert im Verlauf der 1960er-Jahre. Was aus heutiger Perspektive oft erstaunt, ist die Entstehung der für ihre außenpolitischen Überlegungen bekannten Neokonservativen aus der Innenpolitik. Zwei Anlässe sieht Volkert hier: Zum einen die Gegnerschaft der sich damals noch in der Linken verortenden Neokonservativen zu dem Wohlfahrtsprogramm von Lyndon B. Johnsons Konzept der „Great Society“. Diese habe sich, wie Volkert betont, nicht aus neoliberalen Gründen gespeist, wie Michael Harrington meinte, der den Namen „Neokonservatismus“ damals in diffamierender Absicht prägte, sondern aus der Furcht vor dem Untergraben liberaler Freiheiten. Aus den gleichen Gründen speiste sich zum anderen auch eine zunehmende Ablehnung der sich formierenden „Counter-Culture“ der 1960er-Jahre. Die Neokonservativen sahen durch die Forderungen eines verschobenen Verhältnisses von Staat und Gesellschaft, wie beispielsweise in einigen – nicht allen! – Formen der „affirmative action“, die liberalen und moralischen Grundsätze der USA unterminiert. Schließlich begann hier aber auch das Interesse an außenpolitischen Themen: Die sich von der New Left bis zur völligen Ablehnung immer weiter entfernenden Neokonservativen waren tief besorgt von teils antisemitisch argumentierenden Ablehnungen Israels und sich teils an Vietcong und die Sowjetunion anlehnender Kritik des Vietnamkrieges.

Diese Entwicklungen lohnen sich so hervorgehoben zu werden, da sich hier nachhaltige Missverständnisse über die Neokonservativen aufklären lassen: Keine Weltordnungsphantasien liegen neokonservativer Politik zugrunde, so Volkert, sondern die Besorgnis um den Verlust liberaler Grundsätze amerikanischer Politik. Auch für die zweite Generation der Neokonservativen, die sich in den 1960er-Jahren formierten, gilt daher, dass sie „liberals mugged by reality“ sind. Je mehr sich die Bestrebungen der „Counter Culture“, die in den Augen der Neokonservativen die Trennung von Staat und Gesellschaft tendenziell aufheben, in der Mehrheitskultur und -politik durchsetzten, um so stärker wurden die Neokonservativen zunächst von den Demokraten/innen zu den Republikanern/innen und schließlich auch dort immer mehr in die Defensive gedrängt. Aus dieser Verteidigungsposition heraus sind schließlich ihre Bemühungen – aber auch ihre beständigen Enttäuschungen – zunächst unter Ronald Reagan, dann unter George Bush sen. und nun schließlich unter George W. Bush jun. zu verstehen. Volkert geht auf dieser Grundlage den neokonservativen Aktivitäten in konkreter Politik seit Ende der 1970er-Jahre und den damit verbundenen Debatten nach. Dabei reißt er eine Verschiebung hin zu konkreteren Demokratisierungsvorstellungen nach dem Ende des Kalten Krieges an, die ausführlicher hätten ausfallen müssen. Er übergeht dabei die Krise eines reaktiven Phänomens, das sich der Notwendigkeit ausgesetzt sieht, Politik gestalten zu müssen. Darauf genauer einzugehen, wäre insbesondere deshalb nötig, weil sich darin, wenn nicht ein Problem von Volkerts These über neokonservative Ideologie, so doch Kritik des Neokonservatismus als Politikberatung finden ließe. Seine Darstellung der unabgeschlossenen Geschichte des Neokonservatismus beendet Volkert schließlich mit einer Gegenüberstellung der verschiedenen neokonservativen Positionen angesichts der Herausforderungen des Terrorismus. Dass gemeinsame Grundsätze sich bei den ansonsten auch kaum institutionell verbundenen Theoretiker/innen und Praktiker/innen in recht unterschiedlichen Vorstellungen über die politischen Herausforderungen ausdrücken, kann hier nochmals deutlich gemacht werden.

Bernd Volkert eröffnet mit seinem Buch Perspektiven auf die neokonservative Gedankenwelt und damit auf Einflüsse der aktuellen US-Administration. Seinen Ausführungen folgend, sollte der Neokonservatismus nicht immer wieder als kurzfristige Erscheinung und Projekt einiger Intellektueller abgetan, sondern neben anderen Ansätzen als eine dauerhafte Variante des (außen-)politischen Denkens in den USA anerkannt werden. Dass Volkert mit seiner Analyse des reaktiven Phänomens, das totalitären Tendenzen kein angestrebtes Weltbild entgegensetzt, quasi nebenbei den vielen populären und verschwörungstheoretischen Darstellungen des Neokonservatismus ihre Basis einer mal so, mal anders behaupteten politischen Agenda entzieht, ist ein durchaus wichtiger Nebeneffekt. Die neokonservative Wirklichkeit stellt er jedoch umso erschreckender dar, als die Verteidigung liberaler Ideale betrieben werde, ohne auch nur an die Möglichkeit Ihrer Verwirklichung glauben zu können. Insofern kann schließlich nicht vom Ende des Neokonservatismus gesprochen werden, denn das Scheitern liegt angesichts der utopielosen Zweifel des Neokonservatismus in der Sache ihrer Politik.

Anmerkungen:
[1] Fukuyama, Francis, America at the Crossroads. Democracy, Power, and the Neoconservative Legacy, New Haven, 2006.
[2] Fukuyama, Francis, The Neoconservative Moment, in: The National Interest 76 (2004) S. 57-68.

Zitation
J. Olaf Kleist: Rezension zu: Volkert, Bernd: Der amerikanische Neokonservatismus. Entstehung - Ideen - Intentionen. Münster 2006 , in: H-Soz-Kult, 18.08.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8468>.
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18.08.2006
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