Titel
Kolonialismus.


Autor(en)
Eckert, Andreas
Erschienen
Frankfurt am Main 2006: S. Fischer
Umfang
128 S.
Preis
€ 8,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sebastian Conrad, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Kolonialismus boomt – als Thema von Lehrveranstaltungen und Zwischenprüfungen, Magisterarbeiten und Dissertationen. Bisweilen mag eine exotisierende Nostalgie noch eine Rolle spielen; bisweilen auch die Hoffnung auf einen vermeintlich einfachen Einstieg in das Feld der Transnationalen Geschichte und den Zugang zu anti-eurozentrischen Perspektiven. Hinzu kommt das steigende Interesse an der Frage nach Kulturkontakt und -konflikt sowie an einer Genealogie transkultureller Interaktionen vor dem Hintergrund einer globalisierten Gegenwart.

Inzwischen hat auch eine Reihe neuerer Überblicksdarstellungen die älteren, noch stark modernisierungstheoretisch inspirierten Synthesen abgelöst. Der beste analytische Zugriff auf die Erfahrung des Kolonialismus bleibt Jürgen Osterhammels systematisierender Zugriff [1]. Eine allgemeine Geschichte des europäischen Kolonialismus hingegen suchte man in diesem Genre der erschwinglichen und auf rasche Orientierung ausgelegten Synthesen bislang vergeblich [2]. Diese Lücke hat nun der Hamburger Afrikahistoriker Andreas Eckert mit seinem gut geschriebenen Überblick souverän geschlossen.

Der Band ist in zwei Teile gegliedert: Nach einer kurzen, eng an Osterhammel angelehnten definitorischen Einführung, die auch Fragen der begrifflichen Abgrenzung berührt, ist der erster Teil in drei große, geographisch zugeschnittene Abschnitte unterteilt, bevor abschließend die Geschichte der Dekolonisation zusammengefasst wird. Man könnte vermuten, dass die geographische Einteilung den Blick auf die unterschiedlichen Konjunkturen der europäischen Expansion und die jeweils ganz unterschiedlichen geopolitischen Bedingungen der kolonialen Erfahrung erschwert. Aber die Vorteile dieses Zugriffs überwiegen: Die getrennte Behandlung der beiden Amerikas (inklusive der Karibik), Asiens (mit Nahem Osten) und Afrikas eignen sich für eine Einführung und ermöglichen es, den jeweils unterschiedlichen sozialen und kulturellen Bedingungen Rechnung zu tragen. Zugleich lässt sich die Frage nach den langfristigen Wirkungen kolonialer Interventionen unter dieser Perspektive griffiger beantworten.

In einem zweiten Teil werden an vier ausgewählten Themen vertiefende Einblicke in die Forschungsdiskussion gewährt. Dabei geht es in einem aufschlussreichen Abschnitt um die Natur des kolonialen Staates; um den Charakter der kolonialen Wirtschaft; um die Geschichte der Mission; und schließlich um die Frage nach den „Rückwirkungen“ der kolonialen Erfahrung auf die kolonisierenden Metropolen.

Der Überblick basiert auf dem aktuellen Forschungsstand, und den einzelnen Abschnitten merkt man an, dass sie vor dem Hintergrund der Kontroversen der letzten Jahre formuliert sind. Dabei ist nicht so sehr ein chronologischer Abriss der Ereignisgeschichte entstanden, sondern eher eine Kombination aus thematischer Übersicht und räsonierendem Essay. Zu den Stärken dieses Zugriffs gehört das Gespür für die meist prekäre Realität des kolonialen Staates, die Aufmerksamkeit für die Härten und Kosten der Integration in koloniale und globale Arbeitsmärkte sowie die Sensibilität für die kulturgeschichtliche Dimension der kolonialen Interaktion.

Auf diese Weise ist ein sehr guter Überblick gelungen, der zugleich en passant in die zentralen Problematiken der Kolonialismus- und Postkolonialismusdebatten einführt. Vor allem der agency der kolonialen Subjekte wird hier mehr Raum und systematisches Gewicht gegeben als in vielen herkömmlichen Darstellungen. Gewiss wird mancher Leser den einen oder anderen Schwerpunkt vermissen, was angesichts des knappen Platzes unvermeidlich ist. Aber wer sich einen Eindruck von der Dynamik kultureller Herrschaft im Zeitalter europäischer Expansion, der Integration der Märkte und der Politik der Differenz unter kolonialen Vorzeichen verschaffen will, ist mit dem zupackenden Überblick von Andreas Eckert sehr gut beraten.

Anmerkungen:
[1] Osterhammel, Jürgen, Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 1995.
[2] Weiterhin nützlich, mit etwas anderen Schwerpunkten: Reinhard, Wolfgang, Kleine Geschichte des Kolonialismus, Stuttgart 1996.

Zitation
Sebastian Conrad: Rezension zu: Eckert, Andreas: Kolonialismus. Frankfurt am Main 2006 , in: H-Soz-Kult, 06.03.2007, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8533>.
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Veröffentlicht am
06.03.2007
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