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Titel
Troy. From Homer's Iliad to Hollywood epic


Hrsg. v.
Winkler, Martin M.
Erschienen
Malden 2007: Wiley-Blackwell
Umfang
XI, 231 S.
Preis
£ 20,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Lindner, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

So populär das Thema Antikfilm seit einigen Jahren in den Altertumswissenschaften geworden ist, so stiefmütterlich wurden dabei lange Zeit die griechischen Themen behandelt. Eine Ausnahme bildeten insbesondere die Vertreter des Arthaus-Kinos wie Lars von Triers Medea oder I Cannibali von Liliana Cavani.[1] Verfilmungen griechischer Mythologie schienen dagegen kaum die Aufmerksamkeit einer genaueren Untersuchung wert zu sein, es sei denn es handelte sich um „Perlen“ wie O Brother, Where Art Thou? der Coen-Brüder.[2] Erst seit Kurzem kommen verstärkt Monographien und Sammelwerke auf den Markt, die diesen Bereich in einem größeren Kontext behandeln.[3]

Sind diese Werke auch noch so verdienstvoll, bleiben sie doch notgedrungen zum einzelnen Film eher oberflächlich. Umso wichtiger ist es, dem komplexen Phänomen mit detaillierten Einzelstudien zu Leibe zu rücken. In eben diese Lücke stößt der von Martin Winkler herausgegebene Band zu Troy, dem 2004 in die Kinos gekommenen Blockbuster unter der Regie von Wolfgang Petersen.[4] Mit seinen 13 Einzelbeiträgen zuzüglich einer kommentierten Filmographie wirkt der Band vielversprechend, zumal es sich bei den Autoren mehrheitlich um ausgewiesene Experten auf dem Feld der populären Antikenrezeption handelt. Der Teufel steckt jedoch im Detail und in einer später noch zu diskutierenden Grundfrage der Konzeption.

Eröffnet wird der Band mit einer ebenso lesbaren wie informativen Einleitung des Herausgebers, in der Martin Winkler zu Recht die andauernde Aktualität der Ilias als Deutungsmuster betont. Das Abheben auf Wolfgang Petersen als auteur wäre zumindest zu hinterfragen, aber als Diskussionseinstieg zu „Übersetzungen“ der Antike im Sinne Walter Benjamins ist der Text sehr erfolgreich. Wie im angelsächsischen Raum üblich, wird für die folgenden Studien ein sehr weiter Adressatenkreis benannt – von interessierten Laien bis zu Fachleuten (S. 18). Entsprechend sind altsprachliche Zitate auch nur in Übersetzungen angegeben und die eher kurzen Texte mit möglichst wenig Fachvokabular verfasst. Dieser Ansatz mag die Lesbarkeit für Einsteiger erhöhen, schadet jedoch insbesondere den etwas theoretischeren Ansätzen, sofern diese überhaupt einbezogen wurden.

Mit „Was There a Trojan War?“ des inzwischen verstorbenen Manfred Korfmann erhält der Leser eine kurze Einführung in die Befundsituation, die jedoch praktisch keine Verbindung zum eigentlichen Film herstellt. Dieser Eindruck setzt sich im Beitrag von Joachim Latacz fort: Seine Analyse der Erzählstruktur der Ilias dürfte für Laien etwas kleinschrittig ausfallen, erklärt aber auch die Umformung älterer Narrative auf anschauliche Weise. Allerdings wirken die gut drei Druckseiten zur filmischen Umsetzung eher wie ein Nachsatz zur eigentlichen Untersuchung.

Bemerkenswert ist „The Iliad and the Cinema“ von Martin Winkler, eine lesenswerte Studie zu den cinematischen Elementen in Homers Dichtung und den homerischen Elementen in diversen Filmen. Vorbildlich werden hier die moderne „Mythenmaschine“ Film und der antike Mythos verbunden und die nicht nur technischen Parallelen herausgearbeitet. Dagegen verfährt Georg Danek in „The Story of Troy Through the Centuries“ eher konservativ und beleuchtet die antiken literarischen Verarbeitungen des Stoffes. Seinem Hinweis, eine Quellenuntersuchung von Troy beginne am besten mit einem Abgleich der Sequenzen zur Homer-Übersetzung von Robert Fagles (S. 84), ist nur zuzustimmen. Diese von Georg Danek nicht umgesetzte Aufstellung wäre zwar extrem arbeitsintensiv und wenig unterhaltsam zu lesen, dafür ließen sich so aber Aussagen über Traditionslinien des Films auf eine überprüfbare Basis stellen.

Die gewollte Reduktion von theoretischem „Ballast“ macht sich insbesondere in den folgenden Beiträgen bemerkbar, wenn auch nicht immer positiv: Jon Solomon bemüht sich zu umreißen, wie heikel sich das Setzen von Kriterien wie Authentizität bei einer wissenschaftlichen Interpretation von Antikfilmen gestaltet. Seine kurzen Ausführungen gehen jedoch zu wenig in die Tiefe und vermeiden eine Auseinandersetzung mit rezeptionstheoretischen Ansätzen. Dieselbe Problematik tritt bei „Troy and the Role of the Historical Advisor“ von Lesley Fitton zu Tage. Sein Verzicht auf ein positivistisches Urteil ist begrüßenswert, aber die Begründung für einen emotionalen Zugang mutet doch sehr pauschal an: „We share a common humanity with the heroes and with the early audiences“ (S. 106). Kim Shahabudin leitet mit ihrem Text zur Modifikation der Vorlage in Troy über zum größeren Komplex der Charakterdarstellung. Ihre Beobachtungen sind zwar wichtig, münden aber zu selten in einen übergreifenden Erklärungsansatz, etwa beim Beispiel der Rationalisierung und Schicksalsthematik in Petersens Film. Stephen Scully, Monica Cyrino und Alena Allen befassen sich mit der Konstruktion der einzelnen Figuren. Hierbei sticht Monica Cyrinos präzise und kenntnisreiche Analyse der Helena hervor, obwohl erneut eine stärkere Kontextualisierung und theoretische Vertiefung wünschenswert gewesen wären.

In „Troy and Memorials of War“ setzt Frederick Ahl die filmische Narration des Falls von Troia in Beziehung zu anderen historischen Kriegsnarrativen. Seine Vergleiche sind im Einzelnen diskutabel, aber stets anregend und schaffen eine echte Abstraktion, die zugleich einen Mehrwert an interpretatorischer Tiefe für den vorliegenden Film bietet. Kaum weniger ertragreich fällt der folgende Beitrag von Robert Rabel aus. Seine sehr komprimierte Untersuchung der realist politics im Sinne von Carr, Morgenthau, Niebuhr und Waltz bieten für Troy ein hilfreiches Erklärungsmodell. Der Band wird abgeschlossen durch die kommentierte Filmographie „The Trojan War on the screen“ von Martin Winkler, der mit konzisen Angaben auch etliche eher exotische Vertreter aufführt. Dass insbesondere im Bereich der TV-Unterhaltung noch einige Ergänzungen möglich wären, schmälert diese verdienstvolle Arbeit in keiner Weise.

Das Gesamturteil fällt nicht nur aufgrund der genannten Abstriche gemischt aus. Es ist verständlich, wenn gerade für eine breite Leserschaft die Formalia möglichst wenig Raum einnehmen sollten. Dass jedoch kein Zitiersystem für die behandelten Filmsequenzen benutzt wird, erschwert die Überprüfung der Ergebnisse ungemein. Ohne eine Timecode-Angabe und Nennung der zugrunde liegenden Fassung und des Projektionsformates ist der kritische Leser gezwungen, die einzelnen Stellen aus dem Kontext zu erschließen und selbst zu recherchieren. Wenig hilfreich fallen auch die 20 Abbildungen aus, die offenbar aus Kostengründen nur einfarbig wiedergegeben und mittig eingebunden wurden. Etwas erstaunlich ist allerdings auch die Verteilung des wiedergegebenen Materials: Nur bei der Hälfte handelt es sich überhaupt um Standbilder, und davon betrifft die Mehrheit nicht Petersen Film, sondern Helen of Troy von 1955/56.

Gegenüber diesen methodischen und technischen Punkten wiegt aber ein grundlegender Einwand gegen die Konzeption des Bandes schwerer: Das Werk zielt nach eigener Darstellung darauf ab, „the first book to examine systematically Wolfgang Petersen's epic film Troy from archaeological, literary, cultural, and cinematic perspectives“ zu sein (Umschlagtext). Genau dies leistet das vorliegende Werk jedoch nicht durchgängig. Die einzelnen Texte sind mehrheitlich von überdurchschnittlicher Qualität, aber sie klammern weite Teile dessen aus, was eine wirklich umfassende Analyse von Troy im Kontext des eigenen Mediums ausgemacht hätte. Ein solch interdisziplinäres Phänomen kann nur mit einem interdisziplinären Ansatz angemessen behandelt werden. Umso schmerzlicher vermisst man eine fundierte Beschäftigung mit Formsprache, Narration oder mise en scène des Films. Die Grundidee des Buches ist vorbildlich, aber die Umsetzung bleibt – bei aller Wertschätzung für die in ihrem Rahmen oft sehr guten Beiträge – teilweise hinter den Möglichkeiten zurück.

Anmerkungen:
[1] Achim Forst, Leidende Rächerin. Lars von Triers Medea, in: Ulrich Eigler (Hrsg.), Bewegte Antike, Stuttgart 2002, S. 67–79; Alessandro Iannucci, Le metamorfosi di Antigone. Da Sofocle a Liliana Cavani, in: Alberto Boschi u.a. (Hrsg), I Greci al cinema. Dal peplum „d’autore“ alla grafica computerizzata, Bologna 2005, S. 41–52.
[2] Georg Danek, Die Odyssee der Coen-Brüder. Zitatebenen in O Brother, Where Art Thou?, in: Martin Korenjak / Karlheinz Töchterle (Hrsg), Pontes II. Antike im Film, Innsbruck 2002, S. 84–94; Florian Werner, Die Muse singt den Blues. Joel und Ethan Coens Südstaaten-Odyssee O Brother, Where Art Thou?, in: Walter Erhardt / Sigrid Nieberle (Hrsg.), Odysseen 2001. Fahrten – Passagen – Wanderungen, München 2003, S. 173–188; Barbara Korte, O Brother, Where Art Thou? Eine Odyssee in der Filmwelt, in: Hans-Joachim Gehrke / Mirko Kirschkowski (Hrsg.), Odysseus, Freiburg 2009, S. 111-128.
[3] Zuletzt etwa Irene Berti/ Marta García Morcillo (Hrsg.), Hellas on Screen, Stuttgart 2008; Gideon Nisbet, Ancient Greece in Film and Popular Culture. Greece and Rome live, 2. Aufl., Exeter 2008 (1. Aufl. 2006); stellvertretend für die ältere Forschung sei genannt: Silke Schulze-Gattermann, Das Erbe des Odysseus, Alfeld 2000.
[4] Einen ähnlichen Ansatz verfolgte bereits Martin M. Winkler (Hrsg.), Gladiator. Film and History, Malden 2004 (und mittlerweile auch Martin M. Winkler (Hrsg.), Spartacus. Film and History, Malden 2007).

Zitation
Martin Lindner: Rezension zu: Winkler, Martin M. (Hrsg.): _Troy_. From Homer's _Iliad_ to Hollywood epic. Malden 2007 , in: H-Soz-Kult, 05.10.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8690>.
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05.10.2009
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