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Titel
Ignatius von Loyola. Gründer des Jesuitenordens


Autor(en)
Feld, Helmut
Erschienen
Umfang
483 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Patrizio Foresta, Frühe Neuzeit, Historisches Seminar, Johann-Wolfgang-Goethe Universität

Nach seiner Biographie des heiligen Franziskus von Assisi [1] legt Helmut Feld mit seinem Ignatius von Loyola ein umfassendes Werk zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der christlichen Ordensgeschichte vor. Das ist weit mehr als eine Biographie, greift es doch über die Persönlichkeit des Ignatius von Loyola hinaus und behandelt auch die Geschichte des Jesuitenordens bis zur Gegenwart. Feld, ein Theologe mit solider philologischer und kirchengeschichtlicher Kenntnis, beabsichtigt mit diesem Band, der aus einem Radio-Essay für den Südwestdeutschen Rundfunk entstand, eine den wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biographie zu verfassen, die aber auch den essayistischen Charakter des ursprünglichen Formats beibehalten soll. Dabei soll sich ein „solides historisches und philologisches Handwerk“ mit „eigenen Erfahrungen und Kenntnissen mit dem Geist des Ignatius und seines Ordens“ vereinigen, so Feld (S. xi). Dem vorliegenden Band nach zu urteilen, scheint Feld seine Zuneigung jedoch weniger den Nachfolgern des Ignatius als vielmehr dem Ordensgründer selbst zu schenken, ohne deswegen aus dessen Figur ein Andachtsbild zu malen, denn Felds Ansatz ist jede hagiographische Preisung fremd.

Felds Vorhaben ist trotz des Umfangs und der Komplexität des Stoffes gelungen, sodass seine Ignatius-Biographie nicht nur eine eingehende Untersuchung der jesuitischen Spiritualität, sondern auch eine gute Einführung in die Geschichte des Jesuitenordens darstellt, vor allem was die Ereignisse nach der Neuerrichtung des Ordens 1814 angeht. Elf der insgesamt 14 Kapitel bilden die eigentliche Ignatius-Biographie, während neben einem Exkursus über einige der bedeutendsten Zeitgenossen Loyolas (Kap. X) die Kapitel XII und XIII einschließlich des kurzen Epilogs (Kap. XIV) der Geschichte des Jesuitenordens gewidmet sind. Ein beachtlicher Apparat aus Anmerkungen, Zeittafel, Orts- und Namenregister schließt das Buch, das sich an den interessierten und informierten Laien, aber auch an den Fachmann richtet. Diesen wird jedoch durch die angeblich die Lektüre erleichternden Endnoten ein unangenehmes Hin- und Rückblättern erwarten.

Die Beschreibung des Werdegangs von Ignatius dem Ritter zu Ignatius dem Ordensgründer und Heiligen erfolgt in ganz klassischer Weise chronologisch. Im Vordergrund steht seine einmalige Spiritualität, die am deutlichsten in den Geistlichen Übungen ihren Niederschlag fand. Die Visionen des Ignatius, die Feld weder als Wunder betrachtet noch als psychische Störung abwertet, fungieren als Bezugspunkte der Erzählung, als Start- und Ziellinie der geistigen Werdung von Ignatius (S. 14, 33, 133). Um den Kern der Exerzitien herum, die Feld mit tiefgründiger Analyse behandelt, baut er seine Ignatius-Biographie auf, die sich auch wegen ihres Detailreichtums, ihrer Quellenkenntnis auch im Bereich der Patristik und der mittelalterlichen Kirchengeschichte sowie eines ausgeprägten Interesses für die Kunstgeschichte auszeichnet. Der Übergang vom Ordensgründer Ignatius hin zur Gesellschaft Jesu als „religio“, in Erwartung einer Einrichtung innerhalb der katholischen Kirche, wird nicht problematisiert, wozu das wegweisende Werk André Raviers SJ sehr nützlich gewesen wäre. [2] Deshalb besteht eine Kluft in der Erzählung zwischen dem XI. („Höhe und Ende des Lebens“, S. 207-240) und XII. Kapitel („Aufstieg und Niedergang der Gesellschaft Jesu“, S. 241-297). In der Verortung des historischen Ignatius und der Gesellschaft Jesu scheint Feld die jüngsten Forschungen John O’Malleys SJ zur Periodisierung (und Charakterisierung) des Zeitalters der Katholischen Reform bzw. Konfessionalisierung [3] nicht zu kennen, obwohl er O’Malleys Hauptwerk [4] in der reichen Bibliographie anführt. Im Allgemeinen erwecken Felds Ausführungen den Eindruck, dass er eher mit der theologischen Literatur als mit den Beiträgen der jüngsten Geschichtsschreibung über den Jesuitenorden vertraut ist.

Der Frühneuzeithistoriker hätte sich vielleicht eine umfangreichere Darstellung der Geschichte des Ordens vom Tod des Ignatius 1556 bis zur Aufhebung 1773 gewünscht. Die entsprechenden Ausführungen (S. 241-264, 290-297) fallen ein wenig knapp aus, auch wenn lebendige biographische Skizzen insgesamt glücklich ausgewählter und prominenter Vertreter der frühen Gesellschaft Jesu (unter anderen Petrus Canisius, Franz Xaver, Roberto Bellarmino, Matteo Ricci und Athanasius Kircher) das Gesamtbild bereichern, und gewichtige historische Passagen, wie beispielsweise der Jurisdiktionsstreit mit der venezianischen Republik Anfang des 17. Jahrhunderts, der Antijesuitismus des 17. und 18. Jahrhunderts und die theologischen Auseinandersetzungen mit den Jansenisten wegen der Gnadenlehre, nur kurz behandelt werden. Der Leser verfügt hier also über eine Art Kompendium zur frühneuzeitlichen Geschichte des Ordens, das ihn hoffentlich zu weiteren Lektüren anregen wird.

Der zeitgeschichtliche Abschnitt (Kap. XIII und XIV) fand deswegen den Zuspruch des Rezensenten, weil hier noch offene Fragen der zeitgenössischen Ordens- und Kirchengeschichte mit Offenheit angegangen und beim Namen genannt werden. Man siehe Felds knappes, jedoch vernichtendes Urteil über das Zweite Vatikanische Konzil, das „Unmassen von nichts sagenden oder von den Fragen der Menschen ablenkenden Texten“ bestehe (S. 305), worauf Feld den heutigen „Zerfall“ innerhalb der Kirche zurückführen will, oder aber das Porträt Karl Rahners, der wegen seines schwierigen Charakters nicht gut abschneidet (S. 327-331). Man mag Felds Meinung über einen der bekanntesten Theologen des vergangenen Jahrhunderts, dessen wissenschaftliche Bedeutung der Autor all zu sehr in den Hintergrund drängt, teilen oder nicht, ausschlaggebend ist letztlich, dass die Skizzen im Allgemeinen (unter anderen sind hier der besagte Karl Rahner SJ, Augustin Kardinal Bea SJ, Hans Urs von Balthasar und Pierre Teilhard de Chardin SJ porträtiert) dank seiner theologischen Kompetenz und der Lebendigkeit des Stils geglückt sind, zumal er etliche Jesuitenpatres, wie beispielsweise Wilhelm Klein SJ und Stanislas Lyonnet SJ, persönlich kannte und schätzte. Deswegen kann er auch aus eigener Erfahrung berichten, gelegentlich auch mit gewisser Bissigkeit. Wenn man dennoch bedenkt, wie scharfzüngig andere ehemalige Jesuitenschüler waren, allen voran Elias Hasenmüller, fällte Feld im Großen und Ganzen ein mildes Urteil. Manch einer könnte der wissenschaftlichen Distanz zuliebe die Nase darüber rümpfen, doch fehl am Ort sind Felds Kommentare nicht, sie machen den Mehrwert des Werkes aus, verleihen ihm eine angenehme Lebhaftigkeit, ohne das hohe Niveau von Felds Ausführungen zu schmälern.

Anmerkungen:
[1] Feld, Helmut, Franziskus von Assisi, München 2001.
[2] Ravier SJ, André, Ignatius von Loyola gründet die Gesellschaft Jesu, Würzburg 1982.
[3] O’Malley SJ, John W., Trent and All That. Renaming Catholicism in the Early Modern Era, Cambridge 2000.
[4] O’Malley, John W., The First Jesuits, Cambridge 1993 (deutsche Übersetzung: Die ersten Jesuiten, Würzburg 1995).

Zitation
Patrizio Foresta: Rezension zu: Feld, Helmut: Ignatius von Loyola. Gründer des Jesuitenordens. Köln 2006 , in: H-Soz-Kult, 28.02.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8693>.
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28.02.2007
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