S. Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden 1939-1945

Cover
Titel
Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939-1945


Autor(en)
Friedländer, Saul
Erschienen
München 2006: C.H. Beck Verlag
Umfang
864 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Klein, Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur

Nachdem Saul Friedländer 1998 einen von der Fachwelt hochgelobten und preisgekrönten Band zum Schicksal der deutschen und österreichischen Juden in den Jahren 1933 bis zum Vorabend des Überfalls auf Polen vorgelegt hatte, ist nach weiteren acht Jahren nun der zweite Band seiner großen Studie erschienen. War bereits der erste Teil im internationalen Rezensionswesen begeistert aufgenommen worden, so war dem Autor bei dem nun folgenden Buch eine erhöhte Aufmerksamkeit gewiss.[1] Würde Friedländer die von ihm selbst so hoch gesteckten Erwartungen ein zweites Mal erfüllen können vor dem Hintergrund einer international verzweigten und äußerst virulenten Holocaustforschung? Ist es möglich, den Holocaust im deutsch besetzten und beeinflussten Europa der Jahre 1941 bis 1945 ein zweites Mal so zu erzählen, dass die Stimmen der Opfer mit ihren subjektiven Verarbeitungen zum leitenden Narrativ des größten Menschheitsverbrechens emanzipiert werden?

Bereits kurz nach dem Erscheinen des zweiten Bandes konnte man die Reaktion prominenter und gespannter Kollegen in den Feuilletons zur Kenntnis nehmen, die das Werk als meisterhaft, epochal und brillant annotierten. Und tatsächlich gelang es Friedländer erneut, den etablierten Fokus der täterorientierten Erzählung über den Massenmord an den Juden so zu verschieben, dass die historiographische Behandlung des Holocaust mit Hilfe zeitgenössischer Ego-Dokumente einzelner Juden in Europa eine Stringenz erreicht, die man auf Grund der verschiedenartigen historischen Ausgangslagen in Ost- und Westeuropa eigentlich nicht erwartet hätte. Wie aber gelingt diese kompositorische und stilistische Leistung angesichts einer Fülle an (Über-)Lebenszeugnissen und zeitlich doch völlig unterschiedlich verlaufenden Szenarien der Ausgrenzung, Deportation und Vernichtung von über fünf Millionen Menschen?

Vorklärungen: Die Ausgangslage des Buches ist vom ersten Band her quasi vordefiniert, wenn Friedländer den deutschen „Erlösungsantisemitismus“ zum zentralen Movens beim Mord an den Juden erklärt. Damit meint er, dass sich vor allem im zukunftspessimistischen Deutschland zu der langen Krise des Liberalismus und der aktuellen Kommunismusfurcht, die sich beide ja ohnehin antisemitisch aufladen ließen, ein weiteres Axiom zur Erklärung der gesamtgesellschaftlichen Bedrohungsempfindung hinzugesellte: „Der Jude“ als Verkörperung des Bösen schlechthin, der mit Hilfe des Pazifismus, Internationalismus, Kapitalismus und Bolschewismus die Nation aktiv zerstören wolle. Der Nationalsozialismus, und hier insbesondere Hitler selbst, der die ganze Bandbreite des jüdischen Instrumentariums zur Staatszerstörung erkannt zu haben glaubte, verfügte mit dieser wahnhaften Erkenntnis über eine säkulare Heilslehre, mit der sich über alle Regimekrisen hinweg die Deutschen systemstabilisierend mobilisieren ließen. Die transnationale Bedrohung durch die Juden konnte darüber hinaus auch dem in den westeuropäischen Staaten herrschenden Bewusstsein vom „Abendland in der Krise“ einen in den Gesellschaften subversiv wirkenden Gegner präsentieren und auf diese Weise geeignete Anknüpfungspunkte bei den nationalen Eliten schaffen, was in der Preisgabe der Juden zur Deportation bis hin zur aktiven Kollaboration beim Morden endete. Perspektiven, die den Massenmord als sekundäre Maßnahmen zur Durchsetzung anderer politischer Strategien, etwa die langfristigen Siedlungsvorhaben mit Bevölkerungsvertreibungen und -ansiedlungen sowie die damit einhergehende Neukonzeption wirtschaftlicher Großraumordnungen einbetten, werden mit der Fokussierung auf das ideologische Axiom von Friedländer bewusst verworfen. Damit einher geht die bereits in der Einleitung angekündigte Vernachlässigung utilitaristischer Motive, wie etwa die wirtschaftliche und finanzielle Ausbeutung, da diese lediglich handlungsbegleitend, nicht jedoch -bestimmend waren. Darüber hinaus entscheidet Friedländer sich für eine jüngere Erklärungsvariante zur Entschlussbildung der „Endlösung“ durch Massenmord, die der Geheimrede Hitlers vor Reichs- und Gauleitern am 12. Dezember 1941, unmittelbar nach Hitlers Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten, eine Schlüsselstellung zuweist. Erfolgten diese Vorentscheidungen Friedländers noch, um die kaum zu bewältigende Fülle des Stoffes nicht zusätzlich mit Forschungskontroversen zu beladen, sondern ganz im Gegenteil auf seinen Fokus zu konzentrieren, so weitet er aber auch den Blick auf die zahlreichen jüdischen Selbstzeugnisse. Diese will er dazu verwenden, die unmittelbaren Auswirkungen der Verfolgungspolitik gegen den metahistorischen Gegner „Jude“ auf das Individuum deutlich zu machen. Anhand von Tagebucheinträgen und Briefen, die als Quelle für die Geschichte des jüdischen Lebens während der Jahre der Vernichtung unverzichtbar sind und Vorahnungen, Niedergeschlagenheit, Hoffnung oder Kampfeswillen der Verfolgten dokumentieren, soll die wissenschaftliche Distanz bei der Analyse des Holocaust zugunsten eines Innehaltens ob der Menschheitsuntat immer wieder durchbrochen werden: „Das Ziel des historischen Wissens besteht darin, die Fassungslosigkeit zu domestizieren, sie wegzuerklären. In diesem Buch möchte ich eine gründliche Untersuchung über die Vernichtung der Juden Europas vorlegen, ohne das anfängliche Gefühl der Fassungslosigkeit völlig zu beseitigen oder einzuhegen.“[2]

Komposition: Die emotionale Involvierung des Lesers gelingt Friedländer auf eindrucksvolle Weise, und selbst die anfängliche Befürchtung eines lediglich monokausal auf Hitlers Antisemitismus zentrierten Analyseansatzes bewahrheitet sich nicht. In drei großen chronologisch gegliederten Teilen werden sämtliche betroffenen Territorien Europas vorgestellt. Dabei werden die soziale Position der jeweiligen jüdischen Gemeinschaft und das unterschiedliche politische und religiöse Selbstverständnis ihrer Mitglieder ebenso beschrieben wie der spezifische Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft als Resonanzboden für die Verfolgungsmaßnahmen der deutschen Besatzer oder die der abhängigen oder verbündeten Staaten. So kommen sämtliche Konfliktlinien in den Blick, wie etwa der Antisemitismus der Intellektuellen, der politischen Entscheidungsträger in Abhängigkeit zur militärischen Entwicklung, des katholischen Klerus (Polen, Frankreich, Slowakei) sowie der protestantischen Kirchen (Niederlande, Deutsches Reich). Ergänzt wird dieses Kaleidoskop um eine Analyse der beiden institutionellen Zentralen abendländisch-christlicher Caritas: Zum Schweigen des Vatikans und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz findet der Autor deutliche Worte. Darüber hinaus löst Friedländer seine Prämissen für eine alle Perspektiven integrierende Sicht in der Holocaust-Historiographie ein, wenn er das innenpolitisch motivierte stille Verhalten der neutralen und alliierten Nationen bis hin zur lediglich sporadischen Aufmerksamkeit in Palästina deutlich macht. Die geringen Handlungsspielräume der jüdischen Zwangsorganisationen finden ausgiebig Erwähnung mit deren erfolgloser Strategie, zunächst die immigrierten Juden den konkreten Verfolgungen preiszugeben, aber das Ausgreifen der mörderischen Verschleppungen auf die eigenen Bürger nicht verhindern zu können. Letztlich kommen in der Darstellung auch die großen Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager als Tatorte in den Blick, wobei hier keine enzyklopädische Vollständigkeit, sondern Deutlichkeit im Alltag der Zwangsgemeinschaften angesichts des Todes thematisiert wird. Auch hier leuchtet der Autor alle jene dunklen Gebiete aus, die durch die Überlieferung von Überlebendenberichten bisher lediglich lokal angedeutet wurden: das Changieren verschiedener Judenräte zwischen Bekämpfung, wohlwollendem Ignorieren oder Teilnahme am organisierten Widerstand in den Ghettos bis hin zur gelegentlichen Feindseligkeit zwischen Juden verschiedener Nationalitäten in den Lagern. Wie ein roter Faden ziehen sich durch die gesamte Chronologie der Ereignisse im deutsch besetzten Europa die öffentlichen und privaten Äußerungen Hitlers, der seit dem Winter 1941 sein Stereotyp von der Schuld des „internationalen Finanzjudentums“ am Weltkrieg immer aufs neue wiederholte, um es letztlich als die Deutschen verpflichtende Handlungsanweisung im Frühjahr 1945 noch in sein politisches Testament zu diktieren. Gerade die redundante öffentliche Schuldzuweisung mit der Vernichtungsdrohung, im Buch angereichert durch eine Fülle von Äußerungen Goebbels‘, Görings oder Hans Franks, wurde von den Radiohörern stets richtig gedeutet. Doch Friedländer belässt es nicht bei lediglich kommentierenden Äußerungen betroffener Juden: Gerade den zahlreichen auf die Vernichtung zielenden Ausbrüchen Hitlers stellt er einen ganzen Kanon an Stimmen Betroffener gegenüber, die sich reflexiv zur eigenen Situation, in Hoffnung auf die Verbesserung kommender Tage oder in ihrer Verzweiflung an unbekannte künftige Leser wenden. Da Friedländer wegen der Fülle publizierter Tagebücher und Briefe für alle Phasen, betroffenen Länder und Tatorte solche Äußerungen bereitstehen, kann er hier in der Tat eine umfassende Verschiebung des bisherigen Holocaust-Narrativs leisten, wobei gerade seine Auswahl der Quellen beim Leser eine von ihm ja erwünschte emotionale Beteiligung erzeugt. Man bleibt vom Schicksal der Juden kaum unberührt, denn anfänglich erschüttert den Leser die Abkehr der Mehrheitsgesellschaften angesichts unzähliger Diskriminierungen, die er bei Friedländer ganz authentisch als Verlassenheit und Vereinsamung kennen lernt. Die vielen jungen und alten Menschen, die den Leser im Lauf der Ereignisse oft mit ihren Hoffnungen oder skeptischen Erwartungen begleiten, sterben fast alle. Die zahlreichen Eingriffe in ihr alltägliches Familienleben, die Friedländer nüchtern erzählt, erfährt man als permanente Niederträchtigkeiten, die zornig machen. Es ist nicht nur die Ermordung, die eine solche emotionale Beteiligung zur Fassungslosigkeit steigert, denn gelegentlich kommen auch ganz unvermittelt einzelne Deutsche zu Wort, die ihrem Judenhass in Briefen nach Hause freien Lauf ließen. Es gehört zur souveränen Beherrschung des Materials, dass derlei freigesetzte Emotionen jedoch nie den Gang der Erkenntnisse vernebeln; der Autor vertritt stets eine erklärende Position, die den Leser immer wieder aus der Betroffenheit herausführt.

Saul Friedländer ist ein beeindruckendes Buch gelungen. Dabei ist sein Vorhaben, denkt man an die Bände von Wolfgang Benz und Leni Yahil, nicht unbedingt neu.[3] Aber im Unterschied zu seinen Vorgängern profitiert er von einer in den letzten Jahren erreichten Erweiterung und Vertiefung der Holocaustforschung sowie von den zahlreich erschienenen Selbstzeugnissen. Die Fülle an Forschungsergebnissen nicht nur zu kennen, sondern kompositorisch mit den Tagebüchern der Opfer so zu verweben, dass eine Geschichte des Massenmords und aller daran Beteiligten entsteht, ist ein historiographischer Meilenstein.

Anmerkungen:
[1] Friedländer, Saul, Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933-1939, Band 1, München 1998.
[2] Ders., Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939-1945, Band 2, München 2006, S. 25.
[3] Benz, Wolfang (Hrsg.), Die Juden in Deutschland 1933-1945. Leben unter nationalsozialistischer Herrschaft, München 1988. Yahil, Leni, Die Shoah. Überlebenskampf und Vernichtung der europäischen Juden, München 1998.

Zitation
Peter Klein: Rezension zu: Friedländer, Saul: Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939-1945. München 2006 , in: H-Soz-Kult, 16.05.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8765>.
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16.05.2007
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