E. Stein-Hölkeskamp (Hrsg.): Erinnerungsorte der Antike

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Titel
Erinnerungsorte der Antike. Die römische Welt


Hrsg. v.
Stein-Hölkeskamp, Elke; Hölkeskamp, Karl-Joachim
Erschienen
München 2006: C.H. Beck Verlag
Umfang
797 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau

Intentionale Geschichte, Geschichte als Vergangenheitskonstruktion, Erinnerungsweisen – Begriffe wie diese markieren neue Zugänge zur Vergangenheit, die Aspekte der Kommunikation zwischen dem Urheber eines Geschichtsbildes und dessen Rezipienten synchron sowie diachron und im Vergleich zwischen unterschiedlichen Zeiten bewusst einbeziehen. Diese Zugänge fügen sich in neuere kultur- und mentalitätsgeschichtliche Ansätze ein und lenken die Aufmerksamkeit auf die Absichten, die mit einem bestimmten Geschichtsbild verbunden sind, auf die Perspektivität des Initiators wie die Standortgebundenheit des Geschichtsbetrachters, auf die Hermeneutik der Erfassung von Intentionen und ihren zeitnahen oder zeitfernen, immer zugleich zeitabhängigen Auswirkungen. Ihnen wohnt daher eine große heuristische wie didaktische Qualität inne, lenken sie doch das Interesse auf den Rezeptionsprozess von Geschichte, auf deren Indienststellung für ein bestimmtes – vom Urheber wie vom „Abnehmer“ konstruiertes – Geschichtsbild sowie auf die Bedingungen der jeweiligen Gegenwart für die Erschließung einzelner oder mehrerer Aspekte der Vergangenheit und ihrer Deutungen. Sie ermöglichen es, die gegenwärtigen Interessen mit wirklichen oder vermeintlichen Intentionen der Vergangenheit zu vergleichen und so diese Vergangenheit in sich aufzunehmen.

Nach der bemerkenswerten Rezeption der „lieux de mémoire“ von Pierre Nora durch die „Deutschen Erinnerungsorte“ [1] verwundert es nicht, dass der Verlag „Erinnerungsorte der Antike“ folgen lässt; doch liegt es auch im Interesse der Altertumswissenschaften, speziell der Alten Geschichte, Vergangenheitsbildern nachzuspüren und im Sinne neuer Zugänge zur römischen Kultur über die genuin römische memoria die Eigenarten des römischen Selbstverständnisses und dessen Aufnahme durch die Nachwelt verschiedener Zeiten zu vermitteln; schließlich basieren auf derartigen Prozessen die Konturen des heutigen Antike-Bildes. Namentlich für die römische Republik, aber auch für die augusteische Zeit hat sich dies in der Vergangenheit schon in beachtlichen Veröffentlichungen niedergeschlagen.[2] Eine Besonderheit gerade der römischen Identität ist es ja, „Erinnerungskultur“ bewusst bereits für die eigene Mit- und Nachwelt betrieben zu haben, um die Nachfahren auf bestimmte Sichtweisen im Zusammenhang mit den Leistungen ihrer Vorgänger zu verpflichten. Römisches Geschichtsbewusstsein entfaltet so zunächst in der eigenen Nachwelt seine spezifische, von den Urhebern wohlkalkulierte Wirkung, um sekundär verstärkt seit der Renaissance je nach Zeitverhältnissen und Interessen in der Neuzeit deutlich unterschiedliche Folgen im Kontext mit verschiedenen Gegenwarten zu zeitigen.

Die römischen Erinnerungsorte, um die es hier im einzelnen geht, sind zum großen Teil ganz konkrete Orte oder Denkmäler wie Kapitol, Kolosseum oder St. Peter, aber auch im metaphorischen Sinne Werke wie Caesars bellum Gallicum und der Römerbrief des Paulus, die schon im Altertum der Erinnerung dienten und „als Medien, Träger respektive Kristallisationspunkte von Identität und Kontinuität, Geschichtsbewußtsein und gepflegtem Gedächtnis wahrgenommen wurden – etwa als Monumente der eigenen glorreichen Vergangenheit und/oder ererbter imperialer Größe“ (S. 13, Einleitung). Die Einbeziehung entsprechender Funktionen des kulturellen Gedächtnisses für römische Geschichte in der nachantiken Zeit macht die Erinnerungsorte als Gegenstände der Kultur- und Mentalitätsgeschichte so vielfältig wie interessant. Die Themen sind in sieben Gruppen gegliedert, die Teilbereiche der römischer Kultur inhärenten Spannungen zum Ausdruck bringen sollen, wie sie der Romidee, der Vorstellung vom bellum iustum, der Erinnerungskultur der Nobilität, der Repräsentation der Monarchie, dem Verhältnis zwischen urbs und orbis, der Ablösung des Polytheismus durch den Monotheismus und dem Verhältnis von Aufstieg und Fall des Römischen Reiches innewohnen.

Im ersten und umfangreichsten Teil („Roma caput mundi“) geht es um das spezifische römische Selbstverständnis in der Entwicklung vom Stadtstaat zum Weltreich. Dargestellt werden verschiedene Facetten dieser Thematik anhand der auf den ersten Blick so unterschiedlichen Gegenstände wie dem Romulus-Mythos und der Wölfin (Kurt A. Raaflaub), dem Weg vom Kalender über die Fasten zur Geschichtsschreibung (Uwe Walter), Livius und seinem Werk (Werner Dahlheim), dem Kapitol (Fernande Hölscher) und dem Forum Romanum (Tonio Hölscher), der Baupolitik des Augustus (Frank Kolb), der Aeneis Vergils (Reinhold F. Glei) und schließlich den Bezügen zwischen dem Römischen Reich und dem mittelalterlichen Reichsgedanken (Johannes Fried) sowie der lateinischen Weltsprache (Wilfried Stroh). In verschiedensten Zusammenhängen wird klar, wie Erinnerungsorte, je nach zeitpolitischen Interessen, bereits in der Antike zugunsten bestimmter Ziele uminterpretiert und instrumentalisiert, ja erfunden wurden, wie aus der zurechtgerückten memoria Kraft für die hieraus formulierten Aufgaben der Gegenwart und Ansprüche an die Zukunft zu schöpfen war: Hier kann man Fasten und Annalen ebenso nennen wie Augustus als Höhepunkt und Erfüllung der römischen Geschichte bei Livius und Vergil.

Besonders ergiebig hinsichtlich des Erinnerungsfaktors, zudem anschaulich, erscheinen konkrete Orte wie Kapitol und Forum Romanum: Das liegt zum einen an der über mehr als ein Jahrtausend römischer Geschichte gewahrten, innerhalb dieses langen Zeitraums aber veränderten Bedeutung dieser Plätze für das Römische Reich, die sozusagen als pars pro toto Spiegel der Entwicklung Roms in den überschaubaren Dimensionen räumlich übersichtlicher Erinnerungsorte sind. Zum anderen ist dies auch auf die im Vergleich zu der antiken Bedeutung zunächst teilweise befremdend wirkende Rezeption dieser Orte seit der Spätantike, vor allem in Mittelalter und Neuzeit mit dem je nach Zeitumständen sich wandelnden Verhältnis zum verfügbaren antiken Erbe zurückzuführen. Wirkungsvoll hat sich so der Zustand eingestellt, in dem sich die Erinnerungsorte nach jahrtausendelanger, wenngleich unterschiedlich intensiver und teilweise widersprüchlicher Rezeption dem Besucher heute darbieten. Verschiedene Epochen haben ihre jeweilige Deutung und diverse Inhalte in den Ort hineingelesen, und deren Spuren sind unübersehbar. Wir rezipieren ihn heute nicht nur unter Berücksichtigung unserer eigenen Interessen, sondern zugleich unter Einbeziehung der Deutungsspuren, die die Vergangenheit hier hinterlassen hat. So vergewissern wir uns in Auseinandersetzung mit den eigenen Deutungsmustern wie denen unterschiedlicher Epochen der Vergangenheit multiperspektivisch eines Standortes in einer Sache, die immer darauf angelegt war, in einem bestimmten Sinne aufgefasst zu werden, um Wirkung gemäß den jeweiligen Wertvorstellungen zu entfalten. Dies leisten die Beiträge als gut lesbare Lehrstücke überwiegend sehr anschaulich.

Die zweite Sektion („Bellum iustum – Krieg und Sieg“) spannt mit Beiträgen von Hans Beck, Michael Zahrnt, Martin Jehne, Ulrich Gotter, Karl-Joachim Hölkeskamp und Hartwin Brandt den Bogen von der Schlacht bei Cannae, der traumatischen Niederlage der Römer gegen Hannibal, bis zur Schlacht an der Milvischen Brücke, dem Sieg Konstantins und des Christentums über den Bürgerkriegsgegner Maxentius. Besonders profiliert und ergiebig sind die Beiträge von Hölkeskamp über den Triumph und Brandt über die (Be)Deutung des Konstantin-Sieges von 312. Gerade in diesem Aufsatz tritt gut hervor, dass Erinnerungen, die zunächst der individuellen Selbstvergewisserung dienen, in der tätigen Aneignung durch Mit- und Nachwelt in die je eigene Interessenlage integriert und auf diese Weise umgedeutet werden. Der dritte und kürzeste Teil zum Thema „Memoria – Geschichte der großen Geschlechter“ enthält mit Beiträgen zur gens Claudia (Jürgen von Ungern-Sternberg), zum römischen Haus (Elke Stein-Hölkeskamp) und zum Leichenzug (Harriet I. Flower) drei inhaltsreiche Aufsätze im Zusammenhang mit der Memorialkultur der Nobilität, die „die klassische Republik selbst geradezu als die Gemeinschaft einer von all ihren Mitgliedern geteilten politischen Erinnerung erscheinen“ (Flower, S. 331) lässt.

Die vierte und zweitlängste Sektion über „Monumente der Monarchie“ umfasst Beiträge zum Mausoleum des Augustus (Henner von Hesberg), zu Neros Rom (Johannes Hahn), zu Tacitus (Hans-Joachim Gehrke), zur Traianssäule (Gunnar Seelentag) und zum Kolosseum (Ulrich Sinn), zum spätantiken Rom als Erinnerungslandschaft (Susanne Muth) und zur Gesetzgebung Iustinians (Hartmut Leppin). Bemerkenswert ist Hahns Versuch, anstelle der gedanklichen Verbindung Neros mit Brandstiftung und Christenverfolgung die Fürsorge des Kaisers durch plebsfreundliche Versorgungsmaßnahmen nach der Brandkatastrophe und das gewaltige Bauprogramm zu betonen, wenn auch mit einer hellenistisch-monarchischen Selbstinszenierung, die die ständische Ordnung verletzte, so dass die senatorische Geschichtsschreibung für den letzten Princeps der iulisch-claudischen Familie eine negative Bilanz tradiert. Zu verstehen ist diese Sichtweise mit Hilfe der Ausführungen von Gehrke über Tacitus und dessen Auffassung vom Konsens zwischen Herrscher und Senat, der durch die Ambitionen des Militärs und senatorische Servilität ständig gefährdet wurde. Einen interessanten Einblick in ein völlig anderes – museales – Rom liefert Muth für das 4. Jahrhundert, als der Bedeutungsverlust der Hauptstadt die Erinnerung an die Vergangenheit auch in der Pflege des öffentlichen Erscheinungsbildes der Stadt in den Vordergrund treten ließ, wodurch der Kaiserbesuch zu einer „Touristentour“ (S. 446) geriet.

Der fünfte Teil („Legionslager – Colonie – Stadt“) behandelt in Beiträgen von Hartmut Galsterer, Jens-Arne Dickmann, Rainer Wiegels und Thomas Fischer das Verhältnis zwischen Rom und dem Reich am Problem der Urbanisierung, am Schicksal Pompeiis, an der Thematik von ‚Varusschlacht‘ und ‚Hermann-Mythos‘ sowie am Limes. Für das Thema besonders erhellend sind zwei Aufsätze, die sich auch kritisch mit dem „Erinnerungsort“-Gedanken auseinandersetzen: Wiegels schätzt trotz der Darstellung des Tacitus die Bedeutung des Arminius und der Varusschlacht für die Römer als nicht übermäßig groß ein. Demgegenüber erscheine ihre historische Wirkung aus gegenwartspolitischen Bedürfnissen zu verschiedenen Zeiten im neuzeitlichen Deutschland mit Hilfe „einer nicht ohne Willkür rückwärts konstruierten Vergangenheit“ (S. 513) vielfach als stark überdimensioniert; sie sei also ohne eigentliche Not subjektiviert worden, aber heute, ihrer nationalpolitischen Bedeutung ledig, weithin vergessen. Als Erinnerungsort ist dieses Thema also höchst ambivalent und daher lehrreich, wenn man sich an die Interpretation der damit verbundenen Geschichtsbilder begibt, die ihrerseits – und hier setzt Wiegels’ eigentliche Kritik an – den Zugang zu den dahinter stehenden Ereignissen verstellen können. Noch größere Skepsis offenbart der Archäologe: Dickmann plädiert angesichts des Trends, aus Pompeii einen „Vergnügungspark“ (S. 496) zu machen, für „mühevolle Annäherung an eine komplexe Hinterlassenschaft“ (S. 497) und Respekt vor der „Andersartigkeit antiker Lebensgewohnheiten und -bedingungen“ (S. 498). Auch angesichts der Tatsache, dass die antiken Überreste der vom Vesuv verschütteten Städte keiner fortgesetzten Nutzung dienten, die eine Erinnerungskultur hätte in Gang setzen können, lehnt er diesen Gedanken ab – anders als Fischer im Zusammenhang mit der Rekonstruktion der Saalburg (vgl. S. 549).

Das sechste Thema („Die Götter und der eine Gott“) exemplifizieren Jörg Rüpke, Werner Eck, Manfred Clauss, Christoph Markschies und Franz Alto Bauer an Überlegungen zu religiös motivierter Erinnerungspraxis allgemein, am Umgang Roms mit den Juden, an dem ambivalenten Verhältnis des Christentums zum römischen Staat, dem Römerbrief des Paulus und an der Bedeutung von St. Peter in Spätantike und frühem Mittelalter. Die letzte Sektion, „Geschichte(n) von Aufstieg und Fall“, untersucht die Wirkung zweier einflussreicher Werke auf ihre Mit- und Nachwelt, Edward Gibbons „History of Decline and Fall of the Roman Empire“ (Wilfried Nippel) und Theodor Mommsens „Römischer Geschichte“ (Stefan Rebenich), ferner die museale Präsentation der Antike in Rom von der Frühen Neuzeit bis heute (Luca Giuliani) mit dem ernüchternden Fazit, gegenwärtig scheine der Umgang mit der Antike „paradoxerweise zugleich seinen höchsten wissenschaftlichen Standard gefunden und seine gesellschaftliche Funktion weitgehend verloren zu haben“ (S. 700), und schließlich die Nutzung der Antike durch den Faschismus als Repräsentationsrahmen für die politische Inszenierung der eigenen Ziele (Wolfgang Schieder).

Eine gute Anzahl renommierter Wissenschaftler stellt in diesem Band eine wohlgeordnete Auslese durchweg assoziationsreicher Erinnerungsorte der römischen Welt auf eine Weise vor, durch welche nicht nur die in ihnen angesprochene antike Vergangenheit, sondern namentlich der Umgang späterer Zeiten mit ihr lebendig wird, so dass die Rezeption und Adaption der Antike in verschiedenen Gegenwarten, immer also auch der Dialog mit der Antike im Mittelpunkt steht. Zum einen lässt sich so über das Fachpublikum hinaus ein größerer Kreis interessierter Leser gewinnen, zum anderen aber erfordert der Blick auf mehrere Zeitebenen im Bezug zur Antike die Bereitschaft, sich auf vielschichtige Assoziationen einzulassen, auch wenn dies durch Anschaulichkeit und gute Lesbarkeit erleichtert wird. Natürlich sind Publikationen wie diese Erinnerungsorte der römischen Welt bestens dazu geeignet, ein breiteres Publikum für die Antike zu interessieren. Wichtige Gründe hierfür liegen in der gerade bei diesem Thema allenthalben zutage tretenden Aktualität der Antike in verschiedenen, nicht zuletzt gegenwärtigen Zeiten, so dass diese einander in unterschiedlichen Bedeutungszusammenhängen immer wieder neu beleuchten. Andererseits ist die Mahnung unübersehbar, dass es diese Erinnerungskultur nur so lange geben kann, wie Grundkenntnisse vorhanden sind, an die Erinnerungen anknüpfen können. Man kann – und soll – die „Erinnerungsorte“ also auch als Hinweise auf die Bedeutung der Antike für die europäische Gegenwart lesen. Bei aller Anerkennung der Bedeutung von Memorialkultur für Zugänge zur Vergangenheit über Sinnstiftung in der Gegenwart tut es dem Buch auch gut, dass kritische Stimmen gegenüber „einem modischen Trend“ (Wiegels, S. 506) nicht ausgeblendet werden. Da wiegt es schon schwerer, dass in einigen wenigen, sachlich völlig seriösen Beiträgen die Thematik des Bandes eine eher marginale, nachträglich aufgesetzt wirkende Rolle zu spielen scheint.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Nora, Pierre (Hrsg.), Les lieux de mémoire, 3 Bde., Paris 1984-1992; François, Étienne; Schulze, Hagen (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bde., München 2001.
[2] Vgl. z.B.: Hölkeskamp, Karl-Joachim, Rekonstruktionen einer Republik. Die politische Kultur des antiken Rom und die Forschung der letzten Jahrzehnte, München 2004; Walter, Uwe, Memoria und res publica. Zur Geschichtskultur im republikanischen Rom, Frankfurt am Main 2004; Zanker, Paul, Augustus und die Macht der Bilder, München 1997.

Zitation
Ulrich Lambrecht: Rezension zu: Stein-Hölkeskamp, Elke; Hölkeskamp, Karl-Joachim (Hrsg.): Erinnerungsorte der Antike. Die römische Welt. München 2006 , in: H-Soz-Kult, 02.04.2007, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8813>.
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02.04.2007
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