Titel
Ludwig Quidde (1858-1941). Eine Biografie


Autor(en)
Holl, Karl
Erschienen
Düsseldorf 2007: Droste Verlag
Umfang
viii + 648 Seiten
Preis
€ 49
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Roger Chickering, Georgetown University, Washington D.C.

Seit vier Jahrzehnten hat sich Karl Holl als den Nestor der deutschen historischen Friedensforschung ausgewiesen. Ob es zu organisieren, zu leiten, anzuregen, zu helfen, zu vertreten oder zu vermitteln galt, er war immer mit Rat und Tat dabei. Die Veröffentlichung seiner vielen Aufsätze, Monografien und Sammlungen zur Geschichte der Friedensbewegung begleitete diese unentbehrlichen praktischen Aktivitäten. Der Preis, den er für den großen Aufwand an Zeit und Energie bezahlen musste, war die langjährige Verzögerung der Arbeiten an seiner großen Biografie Ludwig Quiddes. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Emeritierung Karl Holls liegt die Biografie nun vor. Sie ist eine hervorragende Leistung, die Krönung einer bewundernswürdigen Karriere.

Quidde, ein gebürtiger Bremer, war nicht nur „der bedeutendste Repräsentant der deutschen Friedensbewegung“ (S. 589) im 20. Jahrhundert. Er war auch promovierter Historiker, seinerzeit leitender Sekretär des Preußischen Historischen Instituts in Rom, Mitherausgeber der unter der Ägide der Bayerischen Akademie der Wissenschaften erscheinenden Edition der Reichstagsakten und gründender Herausgeber der „Deutschen Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“. Zudem war er einer der führenden liberaler Politiker Deutschlands, Abgeordneter des Bayerischen Landtags und Mitglied leitender Gremien des deutschen Linksliberalismus, von der Süddeutschen Volkspartei und Fortschrittlichen Volkspartei vor dem Krieg bis hin zur Deutschen Demokratischen Partei der Weimarer Zeit. Die große Stärke von Holls Biografie liegt darin, Quiddes Aktivitäten in ihren verschiedenen öffentlichen Foren im Kontext zu verorten und die vielen wechselwirkenden Einflüsse herauszuarbeiten. Geschickt ins Bild wird auch der erhebliche Einfluss von Quiddes Privatleben eingegliedert, das von einer unglücklichen, emotionell komplizierten Ehe überschattet wurde. Diese Ehe brachte trotzdem die umfangreiche Korrespondenz hervor, die die zentrale Quelle in Holls erschöpfender Bibliografie darstellt.

Die Veröffentlichung von Quiddes „Caligula“-Schrift 1894, seiner Parodie des deutschen Kaisers Wilhelms II., führte zu seiner Verbannung aus der Historikerzunft und zum Ende seiner Ambitionen auf ein Ordinariat, sodass er von München aus, wo er dank seines Privatvermögens unabhängig leben konnte, seine Energien größtenteils der Politik und der Friedensbewegung widmete. Dank seinen Sprachkenntnissen und seiner in pazifistischen Kreisen ungewöhnlichen politischen und organisatorischen Talente wurde er bald nicht nur zu einem der führenden deutschen Pazifisten, sondern auch zu einer Prominenz der internationalen Friedensbewegung, bis er 1914 zum Vorsitzenden der Deutschen Friedensgesellschaft gewählt wurde. Sein Pazifismus war einer liberal-demokratischen, auf der kantischen Ethik basierenden Vision einer friedlichen Völkergemeinschaft verpflichtet, in der Deutschland eine führende kulturelle und moralische Rolle zu spielen hatte. Wie andere Anhänger dieses so genannten „organisierten Pazifismus“ verwarf Quidde aber weder den Patriotismus noch die nationalen Verteidigungskriege. Die Spannungen in diesem „patriotischen Pazifismus“ empfand er persönlich nach dem Kriegsausbruch in 1914, als er versuchte, die Verbindungen zu führenden Pazifisten im Ausland im Interesse eines Verhandlungsfriedens aufrecht zu erhalten, ohne aber die moralische Rechtfertigung der deutschen Position preiszugeben. Für seine Bemühungen wurde er mit dem Verdacht seiner französischen und belgischen Kollegen, sowie mit zunehmender Isolation unter seinen deutschen Parteifreunden und mit wachsenden Schikanen seitens der deutschen Militärverwaltung belohnt.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit, die Ernst Troeltsch als das „Traumland der Waffenstillstandsperiode“ charakterisierte (S. 267), erreichte Quidde den Höhepunkt seines politischen Einflusses. Als Abgeordneter der DDP in der Weimarer Nationalversammlung erfuhr er, wie sich sein internationales Ansehen, sein Ruf als überzeugter Internationalist und – nicht zuletzt – seine während der Münchener Revolution bewiesene kritische Distanz zur Sozialdemokratie in politisches Kapital umsetzten. Seinen Patriotismus bezeugte er dann erneut mit einem dramatischen Votum gegen den Versailler Friedensvertrag, den er als einen Verrat am Pazifismus verurteilte. Während die Partei in den folgenden Jahren andauernd eine Außenpolitik der Versöhnung unterstützte, wie diese von Walther Rathenau und Gustav Stresemann geführt wurde, geriet Quidde dennoch wieder in eine Außenseiterrolle in der DDP, als sich seine Hoffnungen auf den Völkerbund als übertrieben zeigten. Gleichzeitig wurde seine Position in der deutschen Friedensbewegung zunehmend umstritten – sowohl in der Friedensgesellschaft als auch in dem von Quidde geleiteten pazifistischen Dachverband, dem Deutschen Friedenskartell. In beiden Organisationen verbreitete sich ein Radikalpazifismus, dessen Vertreter für die Ablehnung aller Kriege, auch nationaler Verteidigungskriege, und für die allgemeine Kriegsdienstverweigerung, wenn nicht sogar für die soziale Revolution als unentbehrliche Grundlage der internationalen politischen Erneuerung eintraten. In diesen Umständen mussten Quiddes konsequentes Bekenntnis zur Demokratie und zur bürgerlichen Werteordnung, sein Glauben an der internationalen Organisation und sein honoratiorenpolitischer Stil altmodisch erscheinen. 1929 wurde er aus der Leitung beider Organisationen gedrängt.

Holls Bewunderung für den Mut, den vermittelnden Sinn des Politisch-Praktischen, für die Zivilität, die Wahrhaftigkeit und, trotz Quiddes gelegentlicher Neigung zum Lavieren, für die Prinzipientreue des bedrängten Pazifisten ist offenkundig. Die Behauptung geht ja kaum am Sachverhalt vorbei, dass die Wurzeln dieser Biografie in den Sympathien des Bremer Biografen, der auch liberaler Politiker und Friedensaktivist gewesen ist, für den Gegenstand seiner wissenschaftlichen Forschungen zu suchen sind. Die Biografie ist trotzdem auch kritisch im besten Sinne, dass sie nicht nur die Schwächen Quiddes anerkennt, sondern auch bemüht ist, seine Handlungen im Lichte der vielen praktischen politischen Faktoren, die auf ihn einwirkten und die Realisierung seiner besten Absichten vereitelten, so z.B. die Art und Weise, wie seine Position in der DDP seine Handlungsfreiheit in der Friedensbewegung beeinträchtigte. So gesehen ist Quidde der tragische Held, der schließlich von den ihm feindlichen Kräften zermürbt wurde. Dieses Denouement war schon in den Weimarer Jahren abzusehen, selbst als Quidde 1927 den Friedensnobelpreis erhielt. Diese Ehre war ihm nun materiell wichtig, nachdem die Inflation sein Familienvermögen aufgezehrt und ihn in finanzielle Bedrängnis gebracht hatte. Der Nobelpreis, der seinen vergangenen Leistungen eher als seiner gegenwärtigen Bedeutung Tribut zollte und in erster Linie dem Einfluss seiner pazifistischen Freunde im Ausland zuzuschreiben war, konnte kaum seine wachsende politische Marginalisierung in Deutschland verschleiern. Diese Marginalisierung ist übrigens (wenn auch wohl unbeabsichtigt) in der Biografie auch dadurch dokumentiert, dass Quidde über lange Strecken des Holl‘schen Narrativs, die der Weimarer Politik gewidmet sind, verschwindet oder bestens in den Anmerkungen auftaucht.

Quiddes tragischer Heroismus ist im fesselnden letzten Teil der Biografie, der sich mit dem Genfer Exil nach der nationalsozialistischen Machtergreifung befasst, dagegen ganz zentral. Nunmehr fast 80 Jahre alt, weitgehend auf die materielle Largesse seiner ausländischen Kollegen angewiesen und sogar zeitweilig als Gartenarbeiter beschäftigt, reagierte Quidde auf seinem Schicksal mit neuer Energie und Entschlossenheit, als er eine Reihe Hilfsaktionen zugunsten der vielen aus Deutschland vertriebenen Pazifisten organisierte. Die Erweiterung des nationalsozialistischen Machtbereichs in Europa machte aber auch diese Bestrebungen zunehmend aussichtslos, sodass sich Quidde in den letzten Jahren seines Lebens nur auf Hoffnungen stützen konnte. Wenige Wochen vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion starb er im Alter von 83 Jahren, mit seinem Lebensprojekt in Trümmern. Seinem Biografen ist nun eine glücklichere Kulmination der Lebensarbeit beschert, denn dieser Band setzt nicht nur für Ludwig Quidde, sondern auch für Karl Holl ein Monument.

Zitation
Roger Chickering: Rezension zu: Holl, Karl: Ludwig Quidde (1858-1941). Eine Biografie. Düsseldorf 2007 , in: H-Soz-Kult, 19.10.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8928>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.10.2007
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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