A.v.Klimo u.a. (Hrsg.): Rausch und Diktatur

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Titel
Rausch und Diktatur. Inszenierung, Mobilisierung und Kontrolle in totalitären Systemen


Hrsg. v.
Klimó, Arpád von; Rolf, Malte
Erschienen
Frankfurt am Main 2006: Campus Verlag
Umfang
324 S.
Preis
€ 32,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Monica Rüthers, Universität Fribourg Email:

Es sind die Grundfragen zu den Diktaturen des 20. Jahrhunderts, die uns immer noch umtreiben: Warum fanden sie breite Zustimmung, und wie sollen wir mit den Erinnerungen an Terror und Genozid umgehen? Dass Emotionen dabei eine wichtige Rolle gespielt haben müssen, erscheint uns offensichtlich. Auch der Begriff Rausch fällt in diesem Zusammenhang nicht zum ersten Mal.

Die Totalitarismusforschung sah Diktatur als Herrschaft, als Verführung und Manipulation, deren Akteure „die Nazis“ oder „die Bolschewiki“ waren. Die Alltäglichkeit und Banalität, der „ganz normale“ Alltag trat erstmals mit Lutz Niethammers dreiteiliger Oral-History-Studie ins Bewusstsein.[1] Provokante Thesen wie diejenige von „Hitlers willigen Vollstreckern“ (Daniel Goldhagen) waren eher Medien- denn Forschungsereignisse.[2] Differenzierter ging es Götz Aly mit seiner These von Möglichkeiten sozialen Aufstiegs und materiellen Profits an, welche die Ausgrenzung und Verfolgung der Juden sowie die Feldzüge des Krieges mit sich brachten.[3] Für jeden Verlierer gab es einen Gewinner. Ähnliche Mechanismen funktionierten in der Sowjetunion der Stalinzeit, als die so genannten „Säuberungen“ für die Aufsteiger der neuen Mittelschicht in regelmäßigen Abständen Positionen freimachten und Karrieresprünge ermöglichten, die wiederum Loyalität nach sich zogen.

Neuere Erklärungsmuster, die an diese Überlegungen anknüpfen, denken zunehmend ökonomistisch. Der Gedanke, dass sich für die Beteiligten ein „Mehrwert“ ergeben musste, war auch bei dem Projekt leitend, dessen Ergründungen nun in Form eines Sammelbandes vorliegen. Im Blickpunkt steht die gesteigerte kollektive Emotionalität, die die deutsche wie die sowjetische Diktatur kennzeichnete. „Welchen Ort hatte Rausch als ‚übersteigerter Gefühlszustand’, aber auch als Moment von Grenzüberschreitung und Kontrollverlust in Zeiten der verschärften Grenzziehungen und der intensivierten Kontrolle diktatorischer Regime?“ (S. 12) heißt es eingangs. Daraus folgt die Frage, ob Rausch eher eine individuelle Möglichkeit der Flucht vor den „parteistaatlichen Zumutungen“ gewesen sei, oder ob die Berauschung der Menschen den Diktaturen als Beherrschungsinstrument gedient habe.

Rausch ist ein Zustand, kein Gefühl – die wissenschaftliche Fassbarkeit beider Termini wird im einleitenden Kapitel der Herausgeber eingehend beleuchtet. Christoph Kühberger greift als einziger der Beiträger den Rauschbegriff auf, der häufig diffus und verhüllend verwendet werde. Überdies, so meint er, sei es schwierig, vorsprachliche und körperzentrierte Momente historisch zu erfassen. Dazu fehle das Instrumentarium, und die Versachlichung eines ekstatischen Phänomens berge ein Element der Komik. Die Herausgeber definieren „Rausch“ als „Bewusstseinserlebnis und Erfahrung von Grenzüberschreitung und Transzendenz, in der sich Emotionen verdichten und Gefühlslagen radikalisieren“ (S. 13). Somit wird ein Bezug zur Geschichte der Emotionen hergestellt. Als strukturelle Parallelen von Gefühl und Rausch schälen sich heraus, dass beide an die Faktoren „Zulassen, Wünschen, Herbeifühlen und Navigation“ (S. 22) geknüpft sind und bei beiden kulturelle Codierungen zum Tragen kommen. Beide seien performative, auf Kommunikation hin angelegte Akte. Sie seien somit „geregelt“, nicht „chaotisch“ oder irrational, sondern hätten Einfluss auf das rationale Handeln (S. 23). Die kulturelle Gebundenheit von Gefühl und Rausch knüpft sie an bestimmte Situationen, Ereignisse und Rituale. Deshalb und auch, „weil in den Konzeptionen der Diktatoren und Propagandisten das Bild der führ- und verführbaren ‚Masse’ vorherrschte“ (S. 17) die man nur richtig zu lenken brauche, waren Emotionen immer auch Gegenstand der Politik.

Im Zentrum des Interesses stehen jedoch die Unterschiede des „Rauscheinsatzes“ in den Diktaturen. Im Gegensatz zu Deutschland gab es in der Sowjetunion während der Massenaufmärsche und Paraden keine hysterischen und chaotischen Momente der Ekstase und Raserei. Ziel war eher ein kontrollierter „Enthusiasmus“(S. 37). Dem lag einerseits die dunkle Angst der Bolschewiki vor dem vorrevolutionären Mythos der unkontrollierbaren, wilden „Massen“ zugrunde, andererseits liess sich anhand der Disziplin auch die Einheit von Volk und Führung durchspielen. Industrialisierung und Erziehung sowie Zivilisierung waren Grundziele des Sowjetstaates – der entbehrungsreiche „Aufbau“, der Marsch in die lichte Zukunft –, im Unterschied zu den Zielen der Industrienation Deutschland, die auf „Rasse“, „Volksgemeinschaft“ und „Lebensraum“ ausgerichtet waren.

Die Beiträge veranschaulichen empirisch die Bedeutungsvielfalt des Begriffes Rausch, die Bezüge zu Masse, Bewegung und Rauschen als Geräusch. Chronologisch beginnen sie mit der Faszination durch den Rausch bei den Romantikern des 19. Jahrhunderts, der Dekadenz-Bewegung der Moderne und den Symbolisten der Jahrhundertwende. Das öffnet den Blick für Beispiele ohne Ende, nicht erwähnt bleibt etwa das Feld des Visuellen wie der Rausch der Farben bei den Impressionisten, aber auch Rauch- oder Trink-Rituale, man denke nur an den Kult um die „Fée verte“ und das Absinth-Verbot. Das Augenmerk der Autoren liegt in erster Linie auf der Literatur- und Geistesgeschichte, etwa der Lyrik und Nietzsche, der als erster Rausch in seiner Philosophie des Dionysischen konzeptualisierte.

Günther Schödl macht rauschhafte Dispositionen im Umfeld antimodernistischer politischer Strömungen des 19. Jahrhunderts fest. Nitzan Lebovic spürt dem Dionysischen bei Bachofen und der Schwabinger Bohème um Ludwig Klages um 1920 nach, dem Aufbegehren gegen preussische Ordnung und den Drill aus dem Geist der Spätromantik. Die Faszination der Lebensphilosophen und des George-Kreises, aber auch der Psychiatrie für Traum und Rausch gehören in diesen Zusammenhang. Die Verbindung von Nationalismus und Rausch führt zu den politischen Implikationen des Rausches im 20. Jahrhundert. Natalia Stüdemann untersucht die Bewegungsmodelle des Dionysischen bei Isadora Duncan, die mit ihrem Tanz die kosmischen Schwingungen der Natur aufnehmen und die Kulturkrise der Moderne heilen wollte. Westliches Unbehagen traf hier die östlichen Sinnsucher, Belyj entdeckte in der Tänzerin das „Bild eines Neuen Russland“ (S. 104). 1921 gründete Duncan in Moskau eine Tanzschule. Die sowjetische Vorstellung strebte die tayloristische Disziplinierung des Körpers an, die Rationalisierung und die Verbindung von Mensch und Maschine. Die allgemeine „Tanzwut“ der 1920er-Jahre sollte daher gezähmt und kanalisiert werden, dem sexuell aufgeladenen Foxtrott wurden Massentänze entgegengesetzt. Duncan widmete sich vor allem den Kindern, um sie entsprechend zu konditionieren. Doch bleibt hier die Frage ungestellt, wie weit sich die Tanzwut tatsächlich kanalisieren liess.

Eine dem Tanz ähnliche Funktion stellt Michael John für die Musik fest. Rhythmus der Massen, Mobilisierung und Gleichschaltung durch Chöre und Gassenhauer sind die Themen seines Beitrags. Interessant ist die These vom gezielten Einsatz des Rausches in Massenveranstaltungen, um alte Zeichen neu zu besetzen. Analog zum Passageritual nennt John drei Phasen: Zuerst erfolgt eine Reduktion auf die Ebene der rein physischen Wahrnehmung, dann bildet die berauschte Masse einen kollektiven Zeichenkörper angeglichener Empfindung. Im dritten Schritt werden neue Signifikationszusammenhänge durch kollektive Handlungen erlernt. Ideologische Losungen wurden damit körperlich erfahrbar gemacht.

Margarete Vöhringer untersucht ein ganz besonderes Rauschmittel, das Blut. Aleksandr Bogdanov, ein Protagonist des Proletkults an einer Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft, war überzeugt davon, dass Bluttransfusionen die Lebensqualität wesentlich verbessern könnten: besser hören, schärfer sehen, länger leben. Seit 1926 leitete er ein eigens gegründetes staatliches Institut für Bluttransfusionen. Das Ziel der Avantgarde, die Menschen mit Hilfe von Psychotechniken zu „Neuen Menschen“ zu transformieren, sollten die Bluttransfusionen vom Innern des Körpers her unterstützen. Der Blutaustausch sollte einen physiologischen Kollektivismus herbeiführen, einen neuen Glückszustand. Hier zeigt sich wiederum, dass es beim sowjetischen Rausch immer um einen kontrollierten „Anti-Rausch“ geht, nicht um Entgrenzung.

Ulrike Brockhaus verweist auf den Umstand, dass sich die Herrschaftsperspektive bereits im Titel des Bandes ausdrückt. Ihr geht es um das aktive Zuarbeiten der Bevölkerung, um die Mitgestaltung der berauschenden Anlässe, und den Erlebnisgehalt. Die Menschen müssen die Bereitschaft, sich zu berauschen, bereits mitbringen, damit aus dem Rausch einer wird. Darüber hinaus stellt sie die Zuordnung von Kontrolle und Disziplin zur Diktatur in Frage – im Sinn der Interpretation des NS-Systems als erfolgreicher Kombination von perfekter Dressur und zügelloser Entfesselung. Repression könne angesichts des Chaos auf ein regressives Bedürfnis nach Schutz und Kontrolle treffen. Die Akzeptanz lasse sich also nicht allein auf das Rauschangebot zurückführen. Manipulation rufe nicht neue Emotionen hervor, sondern verstärke vorhandene. Die Grenzen der Propaganda belegen dies; weder Kirche noch Ehe oder Familie konnten propagandistisch beseitigt werden, während die antijüdische Hetze bestehende Dispositionen aufnahm und nutzte. Rausch und Ekstase sind überdies zeitlich begrenzte Phänomene, wenn sie sich denn herbeiführen lassen. Brockhaus bezeichnet das Rauschangebot nicht nur als „Ventil“ oder Mobilisierungsmittel, sondern als Realitätsverneinung, als kollektive Grössenphantasie. Das Rauschangebot sei wie die „Volksgemeinschaft“ Teil des politischen Programms gewesen. Die Privatisierung des Politischen stellte ein besonderes „Erlebnisangebot“ dar. Die Bejahung von Gewalt und Terror bot vielen die Möglichkeit, Machtgelüste nicht nur im Krieg auszukosten, sondern auch im zivilen Alltag, etwa gegenüber Juden oder Zwangsarbeitern. Die „Fiktion einer aktiven Teilhabe“ (S. 175) betraf die Konstruktion kollektiver Mythen wie den der „Autobahn“, die Teilnahme an Massenveranstaltungen, an denen sich die Zuschauer als Handelnde erlebten, wie auch die aktive Unterwerfung unter den Führer, der als „Exekutor der ganz persönlichen Wünsche phantasiert“ wurde (S. 175). Die sexualisierte Beziehung zwischen dem Führer und der Masse entstand, wie Christoph Kühberger zeigt, durch Mechanismen der Gefühlsmobilisierung auf den NS-Festen. Fahnen, Feuer und Lichterdome sollten einen „Gefühlsrausch“ erzeugen.

„Emotionaler und suggestiver Konsumpropaganda“, dem Konsumrausch also, wendet sich Stefan Schwarzkopf in seinem Beitrag zu. Dabei verweist er auf die literarische Thematisierung des „Kaufrausches“ im 19. Jahrhundert und seine Zuweisung an die Frauen. In den 1920er-Jahren wurde die Massenpsychologie zur Grundlage der modernen Konsumforschung. Die 1935 gegründete Deutsche Gesellschaft für Konsumforschung untersuchte die komplexen Ursachen des Verbraucherverhaltens in einer Zeit zwischen „Verlockung und Entbehrung“ (S. 207), die geprägt war von Arbeitslosigkeit und Kriegsvorbereitungen, Devisenbewirtschaftung und der Einführung von Ersatzprodukten.

Todd Weir zeigt anhand des Begriffes „Schwindel“, wie während der Phase der Kollektivierung in der DDR performativ „Enthusiasmus“ erzeugt wurde, um Dynamik gesellschaftlicher Prozesse darzustellen und chaotische Vorgänge zumindest scheinbar zu lenken. Jan C. Behrends analysiert schliesslich die kollektive Flucht aus der Depression in den Alkoholrausch, die für Polen in den 1980er-Jahren spezifisch wurde. Der Alkoholdiskurs avancierte zur Form der Beschreibung sozialer Missstände, zur Systemkritik. Der Beitrag von Matthias Schwartz widmet sich der Diktatur als Drogentrip. Er untersucht sozialistische Science Fiction, in deren Dystopien Rauschdrogen regelmässig als Herrschaftsmittel erscheinen.

Rausch bezeichnet nicht einen, sondern – definitionsabhängig und kulturspezifisch – viele mögliche Zustände. Rausch ist an Rituale gebunden und wurde in Diktaturen auch über solche versuchsweise provoziert. Die berauschende Wirkung der Inszenierungen diente der Manipulation „von oben“. In den Erinnerungen der Akteure spielt ein solcher Rausch als Erklärungsmuster für die eigene Begeisterung eine entlastende Rolle. Die Flucht in den mehr oder weniger im Kollektiv zelebrierten Alkohol-Rausch steht dagegen als Beispiel für Rausch als Gegenstrategie „von unten“.

Bei der Lektüre fällt auf, dass Gender als analytische Kategorie kaum zur Sprache kommt. Andeutungsweise ist das der Fall beim Konsumrausch und bei der Sexualisierung der Führerbeziehung, nicht aber dort, wo die Akteure männlich sind, etwa im Beitrag zu Polen oder bei den Festveranstaltern. Auch das Lebensalter oder die Generationszugehörigkeit könnte bei Rausch und Diktatur eine Rolle spielen, ebenso wie die Schichtzugehörigkeit – diese klassischen sozialhistorischen Kategorien fallen aus dem Blick, obwohl sie bei der Performanz der Massenveranstaltungen, der Rituale und der Räusche durchaus eine Rolle spielen: Als kulturelle Codes definieren sie den Grad der Bereitschaft, sich berauschen zu lassen, mit.

Anmerkungen:
[1] Niethammer, Lutz (Hrsg.), „Die Jahre weiß man nicht, wo man die heute hinsetzen soll“. Faschismus-Erfahrungen im Ruhrgebiet, in: Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930-1960, Bd. 1., Berlin 1983.
[2] Goldhagen, Daniel Jonah, Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996.
[3] Aly Götz, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt am Main 2005.

Zitation
Monica Rüthers: Rezension zu: Klimó, Arpád von; Rolf, Malte (Hrsg.): Rausch und Diktatur. Inszenierung, Mobilisierung und Kontrolle in totalitären Systemen. Frankfurt am Main 2006 , in: H-Soz-Kult, 30.03.2007, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9000>.
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30.03.2007
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