P. Walkenhorst: Nation - Volk - Rasse

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Titel
Nation - Volk - Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890-1914


Autor(en)
Walkenhorst, Peter
Erschienen
Göttingen 2007: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
400 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Birthe Kundrus, Hamburger Institut für Sozialforschung

Die radikalen Nationalisten im Deutschen Kaiserreich sahen sich in einem Aufbruch zu einer alternativen Moderne. Alle Interpretationen, die ihnen Irrationalität oder Rückständigkeit attestieren, haben das Wesen der extremen Rechten nur unzulänglich verstanden. Genauso wenig lässt sich ihre Radikalität als Kompensation von sozioökonomischen Verlierern verstehen oder gar als typisch bürgerlich. Dazu hatten sie zu viele Gegner aus ihrer eigenen Schicht und waren in der Mehrzahl fest situiert. Der radikale Nationalismus ist eher ein Ausdruck für die Konflikte innerhalb des bürgerlichen Lagers und ein weiterer Beweis für die Ambivalenz der Moderne.

Diese Auffassungen vertritt die vorliegende Studie von Peter Walkenhorst mit großem Nachdruck – und gut belegt. In seiner Bielefelder Dissertation untersucht der Gütersloher Historiker die Weltanschauung und politische Praxis radikal nationaler Verbände in der Wilhelminischen Epoche. Hierzu zählt er den Ostmarkenverein, den Verein für das Deutschtum im Ausland, den Flottenverein und die Deutsche Kolonialgesellschaft sowie den Alldeutschen Verband, dem auch der größte Teil der Darstellung gewidmet ist. Theoretische wie methodische Grundlage ist die neuere Nationalismusforschung. Diese begreift Nation und Nationalismen als ausdrücklich kulturelle und politische Konstruktionen, die in einem Wechselverhältnis von politischen Weltbildern und Praxen ebenso entwickelt werden wie ihren Niederschlag finden. Quellengrundlage sind die veröffentlichten publizistischen Produkte in Verbandszeitschriften und Büchern, aber auch Reden, Vorträge, Flugblätter usw.

In einem hinführenden ersten Teil wird die Genese des radikalen Nationalismus unter Bismarck verfolgt. Dass sich nationale Hardliner seit dem Ende der 1880er-Jahre nicht nur in politischen Parteien, vorzugsweise den Nationalliberalen und Konservativen, sondern auch und vor allem in außerparlamentarischen Agitationsverbänden sammelten, stellte ein Novum in der politischen Geschichte des Kaiserreichs dar. Das 1871 geschaffene Reich habe, so Walkenhorst, diesen Kritikern nicht als Abschluss der Nationswerdung, sondern als Auftakt zum Nationalstaat gegolten. Überdies schien es mit etlichen Geburtsfehlern behaftet: Über 24 Millionen Angehörige deutschsprachiger Bevölkerungsgruppen lebten im Ausland, während sich im Innern ethnisch-kulturelle Minderheiten befanden, die als Fremde betrachtet wurden. Aufgrund dieser Lagebeurteilung sei es nicht verwunderlich gewesen, dass der Nationalstaat in diesen Denkgebäuden immer mehr an Bedeutung verlor. Mit der Germanisierung der nichtdeutschen Minderheiten innerhalb des Reiches, der „Zusammenfassung“ des gesamten „deutschen Volkstums“ in Mitteleuropa sowie der Verfolgung einer entschiedenen Weltpolitik sei an seine Stelle ein auf Expansion und ethnische Homogenität ausgerichteter Reichsgedanke getreten.

Drei der essentiellen Bezugsgrößen dieses radikalnationalistischen Welt- und Selbstverständnisses werden im zweiten Abschnitt eingeführt und analysiert: Nation, Volk und Rasse. Dies seien die grundlegenden Handlungseinheiten gewesen, die der Staat, so die rechten Vordenker, lediglich so effizient wie möglich zu organisieren habe. Es habe nicht an Versuchen für substantielle Definitionen dieser Begriffe gemangelt. Jedoch hätten sich diese gerade durch ihre begriffliche Unschärfe im politischen Tagesgeschäft einer auf Expression latenter Gefühle von Unsicherheit und Unbehagen ausgerichteten Publizistik bewährt. Diese „Denk- und Gefühlsfiguren“ (S. 88) seien in die Zielutopie der „Volksgemeinschaft“ eingeflossen. Als Kompositum von Homogenität und Konformität habe sie die Überwindung aller Gegensätze und Konflikte versprochen, nötigenfalls auch mit Gewalt gegen „Fremde“ oder „Gegner“. Konzeptionell wäre es wünschenswert gewesen, diesem zentralen Topos ein eigenes Kapitel zu widmen oder ihn zumindest deutlicher hervorzuheben. Alle diese Termini hätten durch ihre immense Projektionsfläche ein dynamisches Anpassungsvermögen an sich ändernde politische Zeitläufte garantiert. Sie seien damit offen für Radikalisierungen etwa bestehender Feindbilder oder territorialer Annexionswünsche gewesen. Der Weg, die avisierte und als axiomatisch verstandene Volksgemeinschaft in eine politische Realität zu überführen, musste nach den Vorstellungen führender Funktionäre über äußere Expansion und innere Exklusion verlaufen. Insofern bezeichneten all diese Pläne und Argumentationen immer etwas Gegenwärtiges und zugleich Zukünftiges, seien sie ebenso handlungsleitend wie handlungsaktivierend gewesen: Fehlentwicklungen sollten unterbunden und konkrete Neuordnungen der Gesellschaft eingeleitet werden.

Folgerichtig schließen sich zwei Kapitel an, die sich zunächst mit den rechten Imperialträumen von einem „neuen Deutschland“ befassen, sei es in Übersee als Welt- bzw. Kolonialmacht oder als Lenker einer neuen völkischen Großraumordnung in Mittel- und Osteuropa, sowie der hierzu unerlässlichen militärischen Aufrüstung. Diese Leitfigur von Expansion sei nicht zuletzt aus der Übernahme sozialdarwinistischer Logiken resultiert, insbesondere dem Deutungsmuster eines immerwährenden Daseinskampfes der Völker, in dem schließlich nur die Stärksten bestehen würden. Die biopolitische Semantik der „Volksgemeinschaft“ sei um die geopolitische Chiffre des „Raumes“ für nationale Größe ergänzt worden. Im Zuge dieser Überzeugungen seien auch die im Reich lebenden ethnischen Gruppen ins Visier der Rechten geraten, insbesondere Polen und Juden. Ausführlich schildert der Autor das Syndrom der „Polonisierungsangst“, das die Polen immer stärker ethnisierte und damit den Raum für ein wie auch immer geartetes Zusammenleben verengte. Den Antisemitismus der extremen Nationalisten interpretiert Walkenhorst generationsspezifisch. Vor allem ältere Mitglieder der Verbände hätten einen radikalen Rassenantisemitismus, teils aus taktischen Gründen, teils aus Überzeugung abgelehnt. Für die jüngeren hingegen sei er zum Code der Radikalität geworden, der „die Entschlossenheit zu entschiedenem Handeln und den Führungsanspruch einer neuen Generation zum Ausdruck bringen sollte“ (S. 294).

Walkenhorst konstatiert eine zunehmende Radikalität der nationalistischen Ziele und Forderungen, die sich aus der Diskrepanz zwischen dem ideologischen Erwartungshorizont der Nationalrechten und ihren konkreten Erfahrungen in der politischen Praxis speiste. Ob in der Frage des Staatsangehörigkeitsrechts, der deutschen Polenpolitik oder der territorialen Vergrößerung des Reiches: überall seien die realen Entwicklungen hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Speziell die Publikationen des Vorsitzenden der Alldeutschen, Heinrich Claß, in den Jahren vor 1914, insbesondere aber nach Kriegsbeginn, lesen sich mit ihren drastischen Forderungen nach Vertreibung, Aussiedelung, Zwangssterilisationen etc. wie ein Handbuch für Nationalsozialisten. Mit ihrer Verabsolutierung einer instrumentellen Rationalität, in der der nationale Zweck alle Mittel heiligte und die von der technokratischen Illusion einer machbaren Ordnung ausging, seien diese Verbände Vorläufer für die Organisation totalitärer Herrschaft im 20. Jahrhundert geworden.

Das alles ist nicht neu, stellt aber in der Zusammenschau eindringlich vor Augen, wie radikal, intransigent und letztlich, obgleich im Detail widersprüchlich, geschlossen das Weltbild der extremen Nationalisten war. Doch bleiben gerade angesichts dieses so hermetischen Bildes unwillkürlich Zweifel, ob diese Front an Gewissheit wirklich nichts erschüttern konnte. Die sich aus den Befunden ergebenden weiterführenden Fragen werden in einem instruktiven Schlusskapitel kurz umrissen: Wie repräsentativ waren diese radikalen Deutungsmuster, welche Strahlkraft besaßen sie? Können diese Weltbilder als spezifisch deutsche Phänomene gelten? Und: Welche Kontinuitäten und Brüche gab es zur extremen Rechten nach 1914? Die Attraktivität der radikalnationalistischen Deutungsmuster habe in ihrer „Kombination von wissenschaftlicher Weltdeutung, ideologischer Überzeugungsgewissheit und politischer Radikalität“ (S. 306-307) gelegen. Die Verbände seien überdies wichtige Katalysatoren eines aggressiven Nationalismus gewesen und hätten es erreicht, ihre Vorstellungen in der politischen Kultur Deutschlands zu verankern. Jedoch seien sie Außenseiter geblieben, ohne Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse oder die Reichsleitung. Im Vergleich etwa zu Großbritannien zeige sich, dass der dortige Nationalismus auf Konsolidierung des Empires ausgerichtet gewesen sei. Die deutschen Hardliner hingegen hätten dieses Weltreich erst schaffen wollen und aus diesem Gefühl des ewigen Zweiten, aus der gefühlten Diskrepanz zwischen Erwartungen und faktischen Verhältnissen habe die für den deutschen Fall charakteristische, weil ungleich größere Aggressivität resultiert. Schließlich: Der Krieg, aber auch die Weimarer Republik hätten eine Aufwertung radikalnationalistischer Deutungsmuster begünstigt, was sich etwa am Siegeszug des Begriffes der „Volksgemeinschaft“ ablesen lasse.

Ein entscheidender Unterschied zu den neuen Rechten der 1920er-Jahre zeige sich in deren Kultur der Gewalt, die das staatliche Gewaltmonopol in Frage gestellt habe, was den wilhelminischen Schreibtischtätern – noch – nicht in den Sinn gekommen sei. Das grundlegende Fundament, jenes radikale Ordnungsdenken hingegen habe zu den Voraussetzungen des Nationalsozialismus gehört. Wie die Geschichte der radikalen Rechten fortschritt und wo weitere Bruchlinien zum Nationalsozialismus verlaufen, muss weiteren Untersuchungen vorbehalten bleiben. Mit der Studie von Walkenhorst jedenfalls liegt eine differenzierte Synthese vor, die zudem noch den Vorzug hat, gut geschrieben zu sein.

Zitation
Birthe Kundrus: Rezension zu: Walkenhorst, Peter: Nation - Volk - Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890-1914. Göttingen 2007 , in: H-Soz-Kult, 28.11.2007, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9194>.
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28.11.2007
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