B. Ramscheid: Herbert Blankenhorn (1904-1991)

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Titel
Herbert Blankenhorn (1904-1991). Adenauers außenpolitischer Berater


Autor(en)
Ramscheid, Birgit
Erschienen
Düsseldorf 2006: Droste Verlag
Umfang
460 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Erik Lommatzsch, Otto-von-Bismarck-Stiftung, Friedrichsruh

Die Worte „advancing senility“ sollen gefallen sein, als sich Herbert Blankenhorn über Konrad Adenauer und dessen Vortrag vor der Interparlamentarischen Union in Bern am 23. März 1949 einem Dritten gegenüber Luft machte. Adenauer hatte unter anderem ausgeführt, dass es ein Verstoß gegen das Völkerrecht gewesen sei, die bedingungslose Kapitulation so auszulegen, dass ein vollständiger Übergang der gesamten Regierungsgewalt auf die Alliierten stattgefunden habe. Blankenhorns Entrüstung galt vielleicht nicht so sehr der Redepassage an sich, wohl aber der politischen Kurzsichtigkeit, mit der Adenauer in den Augen seines Beraters die Alliierten unnötig verstimmt hatte.

Unkritisch gegenüber der Politik und Person Adenauers war Blankenhorn also sicher nicht, was sich später insbesondere bezüglich der Frankreich-Politik des dann wirklich alten Kanzlers zeigen sollte. Dennoch überwogen die Parallelen in den politischen Vorstellungen beider. Es dürfte sich bei Herbert Blankenhorn – neben Heinrich Krone, Hans Globke (wie dieser durfte sich auch Blankenhorn des Schlagzeilen-Titels „Adenauers Schatten“ erfreuen) und vielleicht noch Felix von Eckardt – um einen der wenigen engen Berater Adenauers gehandelt haben. Blankenhorns Feld war die Außen-, Europa- und in diesem Rahmen auch die Deutschlandpolitik.

Birgit Ramscheid legt mit ihrer Dissertation eine fundierte Studie über Herbert Blankenhorn vor. Er selbst hatte bereits 1980 „Blätter eines politischen Tagebuchs“ [1] veröffentlicht, die jedoch kaum Ersatz für eine derartige Studie sein können. Allein schon das im Bundesarchiv überlieferte gesamte Tagebuch erweist sich als wesentlich auskunftsfreudiger, wie in der vorliegenden Arbeit vielfach gezeigt wird. Auf breiter Quellenbasis, die die archivalische Überlieferung an nahezu allen wesentlichen Wirkungsorten Blankenhorns berücksichtigt, wird der berufliche respektive politische Weg des Diplomaten dargestellt. Dazu zählen auch der Werdegang und die Einstellung Blankenhorns in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft sowie seine Versuche, sich selbst im Nachhinein einen unangemessen hohen Rang unter den Regimegegnern zuzuschreiben. Das politische Wirken der Nachkriegszeit, dem der Großteil der Untersuchung gewidmet ist, steht vor allem unter der Fragestellung, wie Blankenhorn die außenpolitischen Spielräume der Bundesrepublik beurteilte und welche außenpolitischen Ziele er selbst für richtig hielt, letzteres zuweilen im Widerspruch zu Adenauer. Erschlossen wird somit eine Persönlichkeit aus der „zweiten Reihe“, das heißt aus dem unmittelbaren Beraterumfeld des ersten Kanzlers der Bundesrepublik. Dabei wird die doppelte Herausforderung einer solchen Beraterfunktion deutlich, zunächst eine (vermeintlich) sachliche Problemlösung zu finden und diese dann bei der letztlich entscheidenden Spitze durchzusetzen.

Die Studie beginnt mit einer kurzen Darstellung der Jugend- und Studienjahre sowie des familiären Umfeldes Blankenhorns. Er konnte nach seinem Jura-Studium dank der Fürsprache Stresemanns, mit dessen Sohn er bekannt war, 1929 als Attaché in den Auswärtigen Dienst eintreten. Nach Stationen in Genf, Athen, Washington, Helsinki, Bern und natürlich in der Zentrale in Berlin, war Blankenhorn in den letzten anderthalb Kriegsjahren vor allem im Kurort Krummhübel mit Fragen befasst, die im Zusammenhang mit der Evakuierung des Auswärtigen Amtes standen.

Diplomaten, die 1933 oder später auf Grund ihrer Ablehnung des NS-Regimes den Dienst quittierten, hat es gegeben; Herbert Blankenhorn gehörte nicht dazu. Für die meisten zeitgenössischen Beobachter dürfte sich sein Verhalten nicht allzu ambivalent dargestellt haben. Zwar war ein erster Aufnahmeantrag in die NSDAP 1934 abgelehnt worden, da Blankenhorn nach einem Zwischenfall in Athen als politisch unzuverlässig eingestuft worden war; Ursache für diesen Zusammenstoß war die Kritik Blankenhorns an der Partei bezüglich der „Judenfrage“ sowie an Alfred Rosenberg. Allerdings stützt sich diese Episode weitgehend auf Eigenaussagen Blankenhorns aus dem Jahre 1951. Einem weiteren Antrag auf Aufnahme in die NSDAP im Jahr 1938 war dann aber Erfolg beschieden. Besonders auf Beobachter in Washington wirkte er angepasst, zuweilen außerordentlich regimekonform. Zu kritischen oder gar Widerstandskreisen hatte er andererseits unbestreitbar Kontakt. Dabei ist vor allem seine Bekanntschaft, vielleicht sogar Freundschaft mit Adam von Trott zu Solz hervorzuheben. Zwar ordnete bereits Hans Rothfels Blankenhorn der frühen Opposition innerhalb des Auswärtigen Amts zu, dennoch bleiben auch hier als Quellen für entscheidende Punkte – selbst unter Berücksichtigung des Zeitzeugengesprächs, welches Birgit Ramscheid mit Clarita von Trott geführt hat – nur Eigenaussagen Blankenhorns aus der Nachkriegszeit: „Eine Woche vor dem 20. Juli informierte mich Trott über die bevorstehenden Ereignisse und teilte mir mit, daß ich mich zur Verfügung halten sollte, um sofort eine neu zu bildende Abteilung des Auswärtigen Amts zu übernehmen.“ (S. 74) Ein tragisches „Doppelspiel“ wie Trott zu Solz dürfte Blankenhorn jedenfalls nicht betrieben haben, dazu war sein oppositioneller Wille zu gering. Es ist schwer, ihm eine Stellung in der Opposition zuzuweisen, ist man doch hier – wie in ähnlichen Fällen – mangels anderer Überlieferung gezwungen, auf Eigenaussagen oder Aussagen aus dem direkten Umfeld Blankenhorns zurückzugreifen. Hinzu kommt, dass diese nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft entstandenen Darstellungen nicht die Intention verfolgten, die Abläufe sachlich zu rekonstruieren, sondern in erster Linie der Abwehr von Angriffen dienten oder die Chancen auf Wiedereinstellung in den Staatsdienst verbessern sollten.

Nach Kriegsende wurde Blankenhorn kurzzeitig interniert und fand anschließend eine Beschäftigung als Sekretär des Generalsekretärs des Zonenbeirats. In dieser Funktion lernte er Konrad Adenauer kennen. Adenauer schätzte Blankenhorn wegen dessen Erfahrungen und Kontakten, zugleich war letzterer nur begrenzt politisch ambitioniert; allerdings auch eingeschränkt, da die NSDAP-Mitgliedschaft Grenzen zog. Diesbezügliche Kritik, auch aus dem Ausland, machte Blankenhorn noch bis zum Antritt seines letzten Botschafterpostens 1965 in London zu schaffen. Nach einer Zwischenstation als Generalsekretär der CDU der britischen Zone betrat Blankenhorn bereits 1949 wieder das Terrain der Außenpolitik. Im Kanzleramt leitete er die Verbindungsstelle zur Alliierten Hohen Kommission; hier war er vor allem damit beschäftigt, die Politik Adenauers zu vermitteln. Der starke personalpolitische Einfluss Blankenhorns wurde beim Wiederaufbau des Auswärtigen Dienstes deutlich. Der Vorwurf, dass er alte Bekannte unterbringen würde, ließ nicht lange auf sich warten. Auch sah er in einer NSDAP-Mitgliedschaft nicht unbedingt einen Hinderungsgrund für eine Wiedereinstellung.

1951 wechselte Blankenhorn dann in das wieder errichtete Auswärtige Amt. Ab 1955 war er als Botschafter bei der NATO, in Paris, in Rom und schließlich in London tätig. Adenauer hatte sich gegen den Weggang Blankenhorns aus dem Auswärtigen Amt zur NATO gesträubt, er hätte ihn lieber weiter in Bonn gesehen. Das enge persönliche Vertrauensverhältnis sowie das Vertrauen in die diplomatischen Fähigkeiten zeigten sich darin, dass Adenauer Blankenhorn immer wieder als Sonderemissär entsandte und ihn bei wichtigen Konferenzen – etwa in Genf 1955 – als Delegationsleiter favorisierte. Eine derartige Verbundenheit führte natürlich auch dazu, dass der Einfluss Blankenhorns nach dem Rücktritt Adenauers deutlich abnahm.

Angriffen im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Diplomat sah sich Blankenhorn mehrfach ausgesetzt. Beispielsweise wurde ihm unterstellt, er sei bezüglich seiner Position bei den deutsch-israelischen Verhandlungen, die dann zum Luxemburger Abkommen führten, bestochen worden. Zudem wurde ihm im so genannten Strack-Prozess üble Nachrede vorgeworfen. Adenauer stellte sich jedoch stets hinter Blankenhorn.

Neben einer Vielzahl von außenpolitischen Analysen spiegeln sich eigene, wenn auch nicht verwirklichte Ideen beispielsweise in den gemeinsam mit Felix von Eckardt entwickelten Phasenplänen von 1953 und 1957. Starre Positionen gegenüber den Ostblockstaaten, wie etwa die Hallstein-Doktrin, hielt Blankenhorn Ende der fünfziger Jahre für wenig zukunftsträchtig, da derartige Positionen jegliches ostpolitisches Bemühen blockierten; allerdings änderte er später diesbezüglich seine Meinung. Je nach dem Stellenwert des betreffenden Staates befürwortete er Ende 1965 eine „elastische Anwendung“ der Hallstein-Doktrin. Große Differenzen mit Adenauer zeigten sich in der nach Blankenhorns Meinung zu starken Hinwendung zu Frankreich und de Gaulle – mit den entsprechend negativen Rückwirkungen auf die europäische Integration. Ein britischer Verleger notierte über die Ansichten des deutschen Botschafters in London im Jahre 1966 in seinem Tagebuch: „De Gaulle sei ein Unglück, das Europa überstehen müsse.“ (S. 375)

Immer wieder wird deutlich, dass Blankenhorn Kenner, Berater und Botschafter war, aber stets die politische Entscheidungsebene über sich wusste. Seine Vorschläge und Impulse wurden registriert und aufgenommen, letztlich setzte er aber die Politik Adenauers um. Wenn Blankenhorn etwa in einem Gespräch mit dem britischen Delegationsleiter Ivone Kirkpatrick anlässlich der Genfer Verhandlungen 1955 die Idee äußerte, gegenüber der Sowjetunion einem wiedervereinigten Deutschland mit neutralem Status zuzustimmen, wusste man sehr wohl dessen zuweilen auch sprunghafte Vorstöße von der (maßgeblichen) Linie des Kanzlers zu unterscheiden.

Charakteristisch für Blankenhorn in vielen seinen Positionen war es wohl, sich nicht ganz festzulegen, flexibel zu bleiben und sich auch anzupassen. Bleibt zu überlegen, ob dies die Tragik des „zweiten Mannes“ ist, der die Entscheidungen beeinflussen kann, aber nicht fällen darf. Positiv deuten kann man es als die Fähigkeit, sich dem besseren Argument zu beugen, negativ allerdings auch als Opportunismus.

Birgit Ramscheid arbeitet diese Ambivalenzen auf umfassender Materialbasis heraus. Mit ihrer Studie über Herbert Blankenhorn liegt ein weiterer wichtiger Beitrag zum Verständnis der Außenpolitik der frühen Bundesrepublik vor. Vor allem aber ist es gelungen, einen der wichtigsten Berater Adenauers mit seinen Ideen, Grenzen und Widersprüchen überzeugend dazustellen.

Anmerkungen:
[1] Blankenhorn, Herbert, Verständnis und Verständigung. Blätter eines politischen Tagebuchs 1949-1979, Frankfurt am Main 1980.

Zitation
Erik Lommatzsch: Rezension zu: Ramscheid, Birgit: Herbert Blankenhorn (1904-1991). Adenauers außenpolitischer Berater. Düsseldorf 2006 , in: H-Soz-Kult, 12.06.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9203>.
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Veröffentlicht am
12.06.2007
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