G. Hollenberg u.a. (Hrsg.): Die Philipps-Universität Marburg

Titel
Die Philipps-Universität Marburg zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus.


Hrsg. v.
Günter, Hollenberg; Schwersmann, Aloys
Umfang
318 S.
Preis
EUR 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus Ulf Morgenstern, Historisches Seminar, Universität Leipzig

Der 1902 nach Marburg berufene liberale Völkerrechtler Walther Schücking (1875-1935) hatte es sich durch sein öffentliches Eintreten für die Freisinnige Vereinigung bei seinen konservativen Fakultätskollegen rasch verscherzt. Als der bekannte Pazifist im Ersten Weltkrieg auch noch den Verständigungsfrieden propagierte, wurde er vom Kollegenkreis fast vollständig geschnitten. Der international angesehene Ordinarius schrieb deshalb 1919 dem seinerzeitigen Unterstaatssekretär im Preußischen Kultusministerium, Carl Heinrich Becker, dass er „gern aus der bedrückenden Marburger Enge herauskäme und zu diesem Zweck auch an die Handelshochschule [Berlin] ginge“.[1] Aber war die hessische Provinzuniversität Marburg tatsächlich so borussisch-eng, dass sogar ein Wechsel an eine private Handelshochschule in Frage kommen konnte? Oder war Schücking ein ultralinker Abweichler in einem zwar zeittypisch nationalen, aber an sich toleranten Klima?

Die Klärung dieser und ähnlicher Fragen verspricht dem Titel nach ein neuer Sammelband, dessen Beiträge die politische und fachliche Geschichte der Universität Marburg vom späten Kaiserreich bis zum Dritten Reich in den Blickpunkt nehmen. Allgemeinen und mentalitätsgeschichtlichen Entwicklungsgängen des Marburger akademischen Milieus vor dem Hintergrund der deutschen Universitätslandschaft der 1920er-Jahre geht zunächst Notker Hammerstein in einem lesenswerten Überblicksaufsatz nach. Sein Beitrag leitete im Oktober 1999 [!] eine Tagung unter dem Titel „Die Philipps-Universität Marburg in den zwanziger Jahren“ ein, deren Vorträge in einem 2006 erschienenen Sammelband nun einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.

Was zu dieser verspäteten Drucklegung geführt hat, ist letztlich unerheblich. Die Autoren der sechs systematischen und neun personengeschichtlichen Beiträge sind jedenfalls zu bedauern, sind doch ihre Arbeiten nach immerhin sieben Jahren zwar durch ihre Quellenbasis nach wie vor über allzu spitze Kritik erhaben, jedoch ist etliches andernorts mittlerweile publiziert und längst rezipiert.

Viel Interessantes, aber wenig Neues bietet deshalb der Aufsatz von Andrea Wettmann zur Geschichte der Philippina im Ersten Weltkrieg, der im wesentlichen ein Kondensat ihrer bereits 2000 erschienenen historischen Promotion zum selben Thema ist.[2] Neben den Kriegsein und -auswirkungen auf die preußische Universität in Marburg finden sich hier auch Ausblicke auf die ambivalente Entwicklung in den Weimarer Jahren, die sowohl durch einen erkennbaren wissenschaftlichen und personellen Aufbruch als auch einen, zumeist studentischen, Anstieg des Antisemitismus gekennzeichnet war.

Ebenfalls publiziert ist unterdes die umfangreiche Dissertation Holger Zinns zur Marburger Studentenschaft zwischen 1925 bis 1945.[3] Sein Beitrag untersucht auf 61 Seiten das Marburger Studentenleben in der Weimarer Republik. Zinn kann für diese Phase eine spannende, nahezu alle Aspekte abdeckende Geschichte der Studentenschaft an einer kleinen bis mittelgroßen deutschen Universität liefern. Über standardisierte Untersuchungskategorien, deren Ergebnisse von anderen Hochschulorten kaum abwichen, zeigt der Autor über die Verfassung, Selbstverwaltung, soziale Lage, Politisierung oder Organisation hinaus an einzelnen Beispielen auf, dass die studentische Radikalisierung im kleinen Marburg doch einen recht eigentümlichen Verlauf nahm. So trug das „Massaker von Mechterstädt“, bei dem ein Marburger Studentenkorps im März 1920 zur „Rettung des Vaterlandes“ (S. 246) nach Thüringen zog und dort 15 unbewaffnete Arbeiter erschoss, ebenso zum Ruf Marburgs als „Hort der Reaktion“ bei, wie etliche kleinere deutsch-nationale Polit-Events, etwa eine Sonnenwendfeier mit Alfred Hugenberg als Hauptredner im Jahr 1929. Die Geschichte des Frauenstudiums aus der Feder der Marburger Archivarin Margret Lemberg schließt an Zinns Beitrag an und lässt mit Ausländerinnen als ersten Marburger Promovendinnen ebenfalls deutliche Parallelen zu anderen deutschen Universitäten erkennen.

Das Verhältnis „Stadt – Universität“ nimmt der Marburger Stadtarchivar Ulrich Hussong unter die Lupe. Wie eng die von Seiten der Kommune ausdrücklich gewünschte Verbindung zwischen beiden war, manifestierte sich unter anderem in der Bereitstellung von Grundstücken für Professorenwohnungen und universitären Neubauten im unmittelbaren Stadtgebiet, wovon deren repräsentativstes Beispiel – die alte Universität von 1878 – noch heute eindrucksvoll Zeugnis gibt. Ein wichtiger Akt der Selbstdarstellung beider, Universität und Stadt, war das von Jochen-Christoph Kaiser untersuchte 400jährige Jubiläum der Universität im Jahr 1927, für Hussong „mit Abstand das wichtigste Ereignis für die Stadt Marburg im zwanzigsten Jahrhundert“ (S. 55). In der wirtschaftlichen Konsolidierungsphase Weimars konnten hier Gelder ausgegeben werden, die es ermöglichten, das seit 1912 geplante Fest gebührend zu feiern.[4] Dabei ließ Marburg schon zuvor lokal motivierte Verselbständigungstendenzen innerhalb des preußischen Universitätssystems erkennen, insofern die Universität an der Seite der Stadt deutlich auf eigene Repräsentation als (hessische) Philipps-Universität aus war, wogegen der Staat Preußen als Erhalter auf seinem identitätsstiftenden Primat beharrte.[5]

Der Sammelband wartet weiterhin mit ganzen neun, in der Zusammenschau recht heterogenen biographischen Skizzen zu Marburger Hochschullehrern auf, die im Einzelnen aber etliches Neues bringen. Ohne Wertungen nach der Wichtigkeit der Dargstellten vornehmen zu wollen, dürften doch zumindest unter überregionalen Gesichtspunkten der Theologe Rudolf Bultmann, der Romanist Ernst Robert Curtius sowie der Philosoph Martin Heidegger besonders hervorgehoben werden. Alle drei werden hier nur in wenigen Jahren ihres Wirkens bearbeitet, was in Bultmanns gewaltigem Werk und in Curtius’ und Heideggers jeweils nur kurzer Verweildauer an der Lahn (1920-1923 bzw. 1923-1927) begründet ist. Die letzten beiden nahmen in Heidelberg bzw. Freiburg Rufe an ebenfalls kleine, jedoch vom damaligen Prestige her deutlich über Marburg rangierende Universitätsstädte an. Marburg war für sie als „Durchgangsuniversität“ aber unzweifelhaft ein wichtiger Beginn ihrer professoralen Karrieren. Unter ganz unterschiedlichen Vorzeichen standen sie an der kleinen hessischen Hochschule für einen Aufbruch und „eine Art Blütezeit“ (S. 8) unter den als schwierig empfundenen Bedingungen der Demokratie nach dem verlorenen Krieg.

Neben den außerdem Porträtierten, dem Kirchenhistoriker Hermann Hermelink (Konrad Hamann), dem „nur-Marburger Studenten“ Adolf Reichwein (Dieter Wunder), dem Historiker Edmund E. Stengel (Ulrich Reuling) sowie den Medizinern und Pharmazeuten Rudolf Klapp (Gerhard Aumüller), Ernst Freudenberg (Kornelia Grundmann) und Johannes Gadamer (Barbara Rumpf) hätten zahlreiche andere Persönlichkeiten „biographiert“ werden können. Vor seiner Jenenser Professur tat beispielsweise Wilhelm Röpke während des Untersuchungszeitraums seine ersten akademischen Schritte in Marburg. Auch Martin Rades, Max Deutschbeins, Hermann Jacobsohns oder Leo Spitzers Wirken in der Weimarer Republik wären lohnende (geisteswissenschaftliche) Untersuchungspersonen gewesen.[6] Ihr Fehlen kann jedoch weder den Autoren noch den Redakteuren des Bandes vorgeworfen werden. Die vorliegenden biographischen Studien bieten so jedenfalls einige dankenswerte Personalgeschichten, die sonst üblicherweise in fakultätseigenen Hagiographien unentdeckt bleiben.

Den Redakteuren ist aber die mangelhafte Nutzbarkeit des Sammelbandes zuzuschreiben, die sich aus dem Fehlen eines Personenregisters ergibt. Bei der thematischen und zeitlichen Komplexität des Bandes wäre darüber hinaus auch ein Sachregister wünschenswert gewesen. Eine Einleitung zum nunmehr aktuellen Forschungsstand zur Geschichte der Universität Marburg – und das ist der zentrale Kritikpunkt – hätte anstelle des knappen Vorworts wohl auch im Sinne der Autoren der Beiträge sein müssen. Dass der Band jedoch überhaupt noch erscheinen konnte, ist unbedingt zu begrüßen. Denn bei den nun vorliegenden Aufsätzen handelt es sich durchweg um einen Gewinn für die universitätsgeschichtliche Forschung, da hier für eine kleinere Universität, für die neben Spezialstudien sogar schon Quellensammlungen und -verzeichnisse zu einzelnen Themen vorliegen, nun auch breite Fragestellungen bearbeitet worden sind.[7]

Und Walther Schücking? Der baute 1920 auf eine politische Karriere im Reichstag und übernahm eine Professur an der Handelshochschule Berlin, da ihm – allen republikanischen Neuerungen zum Trotz – „die Rückkehr in die Marburger Enge […] unmöglich“ war.[8]
Anmerkungen:
[1] Brief Walther Schückings an Carl Heinrich Becker vom 9. November 1919 aus Berlin (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Nachlass C. H.Becker, Nr. 6088).
[2] Wettmann, Andrea, Heimatfront Universität. Preußische Hochschulpolitik und die Universität Marburg im Ersten Weltkrieg, Köln 2000.
[3] Zinn, Holger, Zwischen Republik und Diktatur. Die Studentenschaft der Philipps-Universität Marburg in den Jahren von 1925 bis 1945, Köln 2002. Zu den Ereignissen von Mechterstädt vgl.: Krüger, Peter; Nagel, Anne C. (Hrsg.), Mechterstädt – 25.3.1920. Skandal und Krise in der Frühphase der Weimarer Republik, Münster 1997.
[4] Zu den untersuchenswerten Universitätsjubiläen immer noch grundsätzlich: Müller, Winfried, Erinnern an die Gründung. Universitätsjubiläen, Universitätsgeschichte und die Entstehung der Jubiläumskultur in der frühen Neuzeit, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 21 (1998), S. 70-102.
[5] Zum Verhältnis Universität und Land aus Anlass eines Jubiläums vgl. jüngst: Tischner, Wolfgang, Das Universitätsjubiläum 1909 zwischen universitärer Selbstvergewisserung und monarchischer Legitimitätsstiftung, in: von Hehl, Ulrich (Hrsg.), Sachsens Landesuniversität in Monarchie, Republik und Diktatur: Beiträge zur Geschichte der Universität Leipzig vom Kaiserreich bis zur Auflösung des Landes Sachsen 1952, Leipzig 2005, S. 95-114.
[6] Nagel, Anne C., Martin Rade. Theologe und Politiker des sozialen Liberalismus. Eine politische Biographie, Gütersloh 1996.
[7] Nagel, Anne C. (Hrsg.), Die Philipps-Universität Marburg im Nationalsozialismus. Dokumente zu ihrer Geschichte, Stuttgart 2000. Zinn, Holger, Quellen zur Marburger Studentengeschichte in der Weimarer Republik und im Dritten Reich: Ein Überblick, in: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde 107 (2002), S. 351-364.
[8] Brief Walther Schückings an Martin Rade vom 23. April 1920 (Universitätsbibliothek Marburg, Nachlass Martin Rade, Ms. 839).

Zitation
Ulf Morgenstern: Rezension zu: Günter, Hollenberg; Schwersmann, Aloys (Hrsg.): Die Philipps-Universität Marburg zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus. Kassel 2006 , in: H-Soz-Kult, 03.04.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9229>.
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03.04.2007
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