D. Ursprung: Herrschaftslegitimation zwischen Tradition und Innovation

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Titel
Herrschaftslegitimation zwischen Tradition und Innovation. Repräsentation und Inszenierung von Herrschaft in der rumänischen Geschichte in der Vormoderne und bei Ceauşescu


Autor(en)
Ursprung, Daniel
Erschienen
Kronstadt 2007: Aldus Verlag
Umfang
433 S.
Preis
€ 15,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dietmar Müller, Universität Leipzig

Von den weithin bekannten Fernsehbildern aus Rumänien, die zeigen, wie es dem Partei- und Staatsratsvorsitzenden Nicolae Ceauşescu im Winter 1989 auf einem Bukarester Balkon angesichts der protestierenden Masse buchstäblich die Sprache verschlug, geht eine große Suggestionskraft aus. Darin verdichtet sich eine mit großem Aufwand betriebene, aber letztlich fehlgeschlagene Herrschaftslegitimation eines kommunistischen Regimes, die im osteuropäischen und asiatischen Kommunismusvergleich besonders intensiv, mindestens aber auf ganz eigene Art und Weise auf den Personenkult setzte. Dies wirft Fragen nach einem rumänischen Sonderweg innerhalb der kommunistischen Regime auf, dessen Wurzeln möglicherweise in der rumänischen Geschichte gefunden werden können. Geleitet von dieser Fragestellung hat der Schweizer Osteuropahistoriker Daniel Ursprung in seiner erheblich erweiterten Züricher Magisterarbeit eine inspirierende kulturgeschichtliche Vergleichsanalyse vorgelegt.

Ursprung rekonstruiert zunächst die Herrschaftslegitimation als kulturelle Praktik bei den frühneuzeitlichen Fürsten der heute rumänischen Moldau, Matei Basarab (1632–1654), und der ebenfalls rumänischen Walachei, Vasile Lupu (1634–1653), und vergleicht diese dann mit der Herrschaftslegitimation Ceauşescus. Die beiden betrachteten Phänomene – frühneuzeitliche und kommunistische Herrschaftslegitimation – werden zum einen durch die diachrone Einbettung in die Bedingungen der Herrschaft unter osmanischen Vorzeichen im Südosteuropa des 17. Jahrhunderts kontextualisiert. Zum anderen durch eine synchrone Vergleichsperspektive, in der das Ausmaß der Spezifika des Personenkults Ceauşescus durch gelegentliche Blicke in die Literatur insbesondere zu Stalin, Mao, Tito, Enver Hodscha und Kim Il Sung ermessen wird. Diese umsichtige Architektur der Arbeit dient dazu, das bekannte Stereotyp zu hinterfragen, wonach die einzigartige Machtkonzentration in den Händen einer Person, sichtbar in einem grotesken Personenkult um Ceauşescu, auf historischen Kontinuitätslinien aufgebaut gewesen sei, die ihren Anfang im byzantinisch-orthodoxen Erbe Rumäniens hatte.

Der Verfasser verwendet dabei das Instrumentarium der neueren Kulturgeschichte, wie die Fragen nach der Verwendung von Symbolen, Ritualen, Zeremonien, Inszenierungen und Formen der Repräsentation, und kombiniert diesen Zugriff mit Max Webers und David Beethams Konzepten der Herrschaftslegitimation. Damit konturiert er die Bedeutung politischer Kommunikation für die Legitimation von Herrschaft: „Wer immer also die Deutungshoheit über symbolische Formen der Kommunikation besitzt, kann für sich einen Legitimationszugewinn verbuchen.“ (S. 35)

Bereits die für die Verhältnisse der rumänischen Fürstentümer in der Frühen Neuzeit vergleichsweise langen Herrschaftszeiten von Matei Basarab und Vasile Lupu von jeweils etwa 20 Jahren deuten darauf hin, dass ihre Herrschaftslegitimationsstrategien erfolgreich waren. Beide standen vor der Aufgabe, die prekäre Autonomie ihrer Fürstentümer einerseits gegen Übergriffe vornehmlich aus dem Osmanischen Reich, zudem aber auch aus dem Habsburger sowie dem Moskauer Reich und aus Polen-Litauen zu verteidigen. Andererseits war ihre Herrschaft permanent durch den Machtanspruch rivalisierender Bojarengeschlechter bedroht.

Basarabs Herrschaftsprogramm basierte vor allem auf der Konstruktion einer weit in die Vergangenheit reichenden dynastischen Legitimation. Diese wurde zudem durch eine Berufung auf das Prinzip des Gottesgnadentum sowie anderer Elemente in der Titulatur des Herrschers, die seine Anciennität und Würde herausstellten, zu stabilisieren versucht. Durch eine umfangreiche Stifter- und Wiederherrichtungstätigkeit insbesondere von Bauten und Institutionen, die signalisieren sollten, kulturell gegen den Einfluss des griechisch dominierten Orthodoxen Patriarchats in Konstantinopel gerichtet zu sein, betonte er erneut seine Qualität als einheimischer Herrscher. Freilich bezog diese Gesamtstrategie einen nicht unerheblichen Teil ihres Erfolgs daraus, dass sie moderne und in der Walachei weithin unbekannte Legitimationselemente, wie das Gottesgnadentum inkorporierte.

Für Vasile Lupu war die Indigenitätsstrategie kein erfolgversprechendes Modell, da seine aromunischstämmige Familie erst seit einer Generation in der Moldau ansässig war. Folglich suchte er die Anlehnung an die Hohe Pforte, sichtbar durch die ostentative Zurschaustellung von Reichtum und dadurch Macht. Zu einer veritablen Stütze seiner Macht entwickelte sich das enge Verhältnis zu dem Orthodoxen Patriarchat in Konstantinopel, wodurch er sich in der Tradition der byzantinischen Kaiser als Beschützer und Schirmherr der gesamten orthodoxen Christenheit darzustellen versuchte. In Auseinandersetzung mit der vom rumänischen Historiker Nicolae Iorga kanonisierten These von „Byzance après Byzance“ stellt Ursprung jedoch heraus, dass es sich bei den byzantinischen Formen der Herrschaftslegitimation Vasile Lupus nicht um Kontinuitäten, sondern um eine „freie Interpretation byzantinischer Vorbilder“ (S. 168) handelte, die zudem einer pro-osmanischen Integrationsstrategie dienten.

Im 20. Jahrhundert konnten Strategien der Herrschaftslegitimation z.B. mit Presse, Rundfunk und Fernsehen auf ganz andere Medien zurückgreifen, als dies in der Frühen Neuzeit der Fall war. Dieser technologische Medienaspekt bleibt bei Ursprung weithin unberücksichtigt. Er ist vielmehr mit der Frage beschäftigt, ob ähnliche Elemente der Herrschaftslegitimation im 17. und 20. Jahrhundert als direkte Kontinuitäten, bewusste Anleihen oder als wiederkehrende Konstellation in der rumänischen Geschichte gedeutet werden können, die diachron zu ähnlichen Mustern der Herrschaftslegitimation führte. Gleichwohl geht Ursprung aber methodisch schlüssig vor, wenn er mit der Herrschaftslegitimation ein tertium comparationis wählt, auf deren Gepräge und Wirkung hin der Vergleich abzielt. So lassen sich auf einer höheren analytischen Ebene auch materiell sehr unterschiedliche Quellen, wie z.B. eine frühneuzeitliche Stiftungsurkunde und eine Fernsehsendung in den Gesamtvergleich einbeziehen.

Auf der Analyseebene der Herrschaftslegitimation entdeckt Ursprung Elemente bei Ceauşescu, die an die Strategie beider frühneuzeitlichen Fürsten erinnern. Mit Vasile Lupu habe ihn sein bewusstes Bemühen verbunden, Charisma um seine Person aufzubauen, freilich nicht mehr durch höfische Prachtentfaltung, sondern durch die Indienststellung anonymer Massen, historischer Figuren und ausländischer Persönlichkeiten, die angeblich seinem Genie huldigten. An Matei Basarabs Strategie würden bei Ceauşescu insbesondere die dynastischen Elemente, der Bezug auf die Anciennität sowie das prononciert Nationale an der rumänischen Variante des Kommunismus erinnern. Überzeugend erklärt Ursprung die Ähnlichkeiten der Herrschaftslegitimation in den unterschiedlichen Epochen mit der strukturellen Bedingung rumänischer Staatlichkeit, die in ihrer Souveränität meist von einer oder mehreren Großmächten bedroht war. Dauerhafte und stabile Herrschaft konnte sich unter diesen Bedingungen nicht herausbilden, so dass alle Herrscher oder Staatsführer mit akuten Legitimierungsdefiziten nach innen wie nach außen zu kämpfen hatten. Ceauşescu konnte nicht auf das persönliche Charisma eines Partisanen- oder Befreiungskämpfers, wie Tito, Mao oder Fidel Castro zurückgreifen. Da er also in der Partei anfänglich keine stabile Unterstützung hatte, drängte er sie zu Gunsten der Armee, später des Geheimdienstes Securitate in den Hintergrund. Seine Führerpersonalität wurde als unmittelbare Begegnung des allseitig gebildeten und wissenden, ebenso gütigen und unermüdlichen Landesvaters mit seinem anonymen Volk inszeniert. In Ritualen wie den Arbeitsbesuchen wurde diese Beziehung permanent wiederholt und in Szene gesetzt.

Ursprung beleuchtet auch Ceauşescus Auftritte auf der weltpolitischen Bühne als Mittel zur Stabilisierung und Steigerung der Führungsposition. Die eigene Bevölkerung, aber auch der Kreml sollten glauben, die imponierende Zahl von Auslandsreisen und Treffen mit solchen Größen der Weltpolitik wie Charles de Gaulle oder Richard Nixon würde sich in direkter Proportion zu der Bedeutung Ceauşescus und Rumäniens befinden. So gelingt Ursprung durch die Analyse von Ceauşescus Legitimationsstrategie der Nachweis, dass sein Unabhängigkeitskurs vom Warschauer Pakt, deutlich geworden insbesondere durch die Abstinenz rumänischer Truppen bei der Invasion der Tschechoslowakei 1968, keineswegs die Handlung eines Reformkommunisten war, sondern ein weiteres Element seiner Herrschaftslegitimation.

Im dokumentarischen Teil enthält der Band eine Vielzahl von Abbildungen insbesondere zu Ceauşescu, in dem die Argumente Ursprungs visuell gut nachvollzogen werden können, weiterhin ein Personen- und Ortsregister sowie eine mit 70 Seiten sehr umfangreiche Bibliographie. Abgesehen von einigen Passagen, in denen die Darstellung des Forschungsstandes zu manchen Themen eher episch denn analytisch ausfällt, kann die Studie mit großem Gewinn gelesen werden. Nicht nur ausgesprochenen Rumänien- oder Osteuropaspezialisten sei das Buch empfohlen, sondern aufgrund der gedankenreichen Vergleiche, auch Komparatisten und allgemeinen Kulturhistorikern.

Zitation
Dietmar Müller: Rezension zu: Ursprung, Daniel: Herrschaftslegitimation zwischen Tradition und Innovation. Repräsentation und Inszenierung von Herrschaft in der rumänischen Geschichte in der Vormoderne und bei Ceau&#351;escu. Kronstadt 2007 , in: H-Soz-Kult, 19.12.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9241>.
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19.12.2007
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