D. Castro: Another Face of Empire

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Titel
Another Face of Empire. Bartlomé de Las Casas, Indigenous Rights and Ecclesiastical Imperialism


Autor(en)
Castro, Daniel
Erschienen
Durham/NC 2007: Duke University Press
Umfang
248 S.
Preis
$ 21.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Felix Hinz, Didaktik der Geschichte, Universität Kassel

Wie kein anderer prägt Fray Bartolomé de Las Casas O.P. bis heute das Bild von der spanischen Eroberung Amerikas. Seine Anklage der unmenschlichen Gräueltaten und sein Eintreten für die Rechte der Indianer erscheinen uns modern und von bewundernswerter Selbstlosigkeit. Dass bei dieser Wertung Vorsicht geboten ist, stellt keine neue Erkenntnis dar. Doch hinreichend durchgesetzt hat sie sich bisher nicht, so dass das Buch Daniel Castros durchaus seine Berechtigung hat, das den berühmten „Verteidiger der Indianer“ als „another face of empire“ interpretiert, das heißt eben nicht als einen Nestbeschmutzer spanischer Ehre im Sinne der „Schwarzen Legende[1], sondern als einen nützlichen Part königlicher und kirchlicher Herrschaftslegitimation in Übersee.

Castros zentrale These lautet: „Statt ihn [Las Casas] als den ultimativen Champion für indigene Angelegenheiten zu betrachten, müssen wir den Dominikanerbruder als die Verkörperung einer wohlwollenderen, paternalistischen Form von kirchlichem, politischem, kulturellem und wirtschaftlichem Imperialismus sehen [...]. Auch scheint seine Verteidigung [der Indianer] nicht von einem Gefühl der Sympathie oder Empathie hinsichtlich der Indigenen zu kommen, sondern von einem Bemühen, eine humanere Form von Ausbeutung einzuführen“ (S. 8). Auch Las Casas stellte das Ziel der christlichen Bekehrung und der diese garantierenden spanischen Herrschaft nicht in Frage. Nur die in Anwendung gebrachten Mittel kritisierte er.

Mehrmals betont Castro, Las Casas habe vergleichsweise wenig direkten Kontakt zu Indianern gesucht und daher auch ihre Sprachen nicht erlernt (S. 97, 135), sondern stattdessen vor allem am kaiserlichen Hof gewirkt. Daraus folgte, dass er auch wenig zu Indianern predigte, vielmehr mit seinem Handeln auf die Spanier abzielte (S.125). Die Krone duldete dies nicht nur, sondern war dazu bereit, es ihm mit Cuzco zu lohnen (S. 117), der reichsten Diözese in Las Indias, da er sich zu einer wichtigen Stütze der kaiserlichen Herrschaft in Las Indias entwickelte (S. 153). Der Monarch versuchte sich nämlich den eigentlich sehr ungünstigen Umstand zunutze zu machen, dass die Kommunikations- und Informationswege zu ihm lang waren, er also immer nur schwerfällig und durch viele Mittelsmänner regieren bzw. oft nurmehr reagieren konnte. Im Zweifelsfall konnte er so aber auch die Verantwortung von sich auf andere schieben und seine Hände in Unschuld waschen – nach dem Motto: „Das hatte ich so nicht gewollt! Man hat mich schlecht informiert.“ Dies war zur Regierungszeit Karls V. ein entscheidender Umstand, da er zwischen dem wohl aufrichtigen Willen, das Los seiner indianischen Untertanen zu verbessern, und dem stets drohenden Staatsbankrott hin und her gerissen war, der durch seine imperiale Politik verursacht wurde und eigentlich nur durch rigorose Ausbeutungsmaßnahmen abgewendet werden konnte. Um seine Herrschaft in Übersee zu festigen, war zudem die Entmachtung der Konquistadoren und ihrer Nachkommen vonnöten, da diese selbstsüchtigen Desperados naturgemäß nach größtmöglicher Autonomie von Spanien strebten. Was lag näher, als ihnen unter dem Deckmantel des „Indianerschutzes“ die Kontrolle über die Ressourcen der von ihnen eroberten Länder zu entziehen? Auf diese Weise konnte Karl einerseits sein „königliches Gewissen“ entlasten, und andererseits Schritt für Schritt die Konquistadoren durch ihm treu ergebene Amtsträger ersetzen.

Las Casas ließ sich in diesem Machtkampf um die spanischen Überseeterritorien – bewusst oder unbewusst – instrumentalisieren. Er sammelte emsig Anklagepunkte gegen die Konquistadorenfraktion, arbeitete Gesetzeswerke aus, die deren wirtschaftliches und politisches Ende bedeuten mussten, und verhinderte zudem effektiv, dass geschichtliche Gegendarstellungen zu der von ihm verfassten gedruckt und verbreitet wurden.[2] (Daher verschwanden damals so viele Geschichtswerke in den Archiven, und daher ist Las Casas Version, die in zahlreiche Sprachen übersetzt und immer und immer wieder gedruckt wurde, heute noch so bekannt.) Die anhaltende Gunst Karls V. und Philipps II. und seine engen Kontakte zum spanischen Hof ermöglichten ihm dies.

Leider kommt allerdings die historische Einordnung des Phänomens „Las Casas“ in dem Buch Castros etwas zu kurz. Vor allem hätte er deutlicher herausarbeiten müssen, dass des Dominikaners bekanntester Gegenspieler, Juan Ginés de Sepúlveda, in diesem Sinne ebenfalls ein sehr nützliches Mittel für Karl V. war. Der Monarch ließ die beiden in Valladolid ein ausführliches Streitgespräch über die Indianerfrage austragen. Sicherlich nicht ohne Hintergedanken: Denn auf Sepúlveda, der die aristotelische These der „Sklaven von Natur aus“ auf die Indianer angewendet wissen wollte, konnte seitens der Krone verwiesen werden, wenn härtere, ausbeuterische Maßnahmen gegen die „indios“ erforderlich waren. Hinzu kamen weitere gewichtige Konzepte über Indianer, wie sie beispielsweise von den franziskanischen Missionaren entwickelt wurden. Diese hatten im Gegensatz zu den Dominikanern eine klare Vision von der Neuen Welt, in der sie eine neue, von den Verderbnissen Europas reine Kirche errichten wollten. Indianer waren in dieser Weltdeutung als unmündige „Kinder“ anzusehen und zu behandeln. Auch dies war imperial (um nicht zu sagen imperialistisch) gedacht, doch tendenziell eben nicht „spanisch“, sondern indianisch-franziskanisch und zum Teil im Einvernehmen mit der zur Unabhängigkeit tendierenden Konquistadorenfraktion. Daher verwundert es auch nicht, dass aus dieser Richtung die leidenschaftlichsten Angriffe auf Las Casas kamen, den damals zweifellos meistgehassten Geistlichen Spanisch-Amerikas.

Castro zeigt sehr anschaulich, wie der „Beschützer der Indianer“ bei den wenigen Versuchen, in Tierra Firme (das heißt Panama, im weiteren Sinne) und Chiapas seine Entwürfe persönlich umzusetzen, diesen Anfeindungen zum Opfer fällt und beide Male nur knapp mit dem Leben davonkommt. In Chiapas wird aus der Menge aufgebrachter Spanier sogar auf ihn geschossen. Sicherlich ist auch die Feststellung richtig, dass Las Casas aus Prinzip oder aufgrund seiner langen Abwesenheiten die Entwicklungen in Amerika während seiner Wirkenszeit nicht hinreichend zur Kenntnis nahm (S. 122, 156). Hinzufügen müsste man, dass er ein schlicht utopisches Indianerbild hatte. Er differenzierte kaum zwischen den einzelnen Ethnien, sondern idealisierte sie hemmungslos zu „edlen Wilden“, ja zu unschuldigen, sanften „Lämmern“ – und damit indirekt zu Ebenbildern Christi. Den Aspekt, dass die Konquista ohne indianische Partizipation ja gar nicht möglich gewesen wäre, ignorierte er beharrlich.

Man wünscht sich bei Castros Ausführungen auch ein näheres Eingehen auf das Konzept des Imperialen, das er anwendet. Dies hätte – nachdem nun klar sein dürfte, dass uns Las Casas zu Unrecht wie ein „Zeitgenosse“ erscheint – näher an die wichtige Frage herangeführt, inwiefern sein Denken noch als mittelalterlich oder schon als (früh-)neuzeitlich zu bewerten ist. Hier hätte man beispielsweise gut an die Anregungen von Cuena Boy [3] und Lewis Hanke [4] anknüpfen können.
Formal lässt es Castro bei grob chronologischer Vorgehensweise bisweilen an Stringenz fehlen und ergeht sich in unnötigen Wiederholungen. Dass er als US-Amerikaner praktisch ausschließlich englische und spanische Fachliteratur heranzieht, ist bedauerlich – aber auch typisch.

Insgesamt macht Daniel Castro den Blick für eine kritischere Perspektive auf Las Casas frei, dem dabei keineswegs das Verdienst abgesprochen werden kann und soll, die aggressiv-kolonialen Auswüchse der spanischen Expansion in großem Stil zur Sprache gebracht und damit einen wichtigen Beitrag auf dem Weg zur Entwicklung allgemeiner Menschenrechte geleistet zu haben. Doch die Kehrseite der Medaille besteht eben darin, dass er damit in der Tat zur spanischen und christlichen Herrschaftslegitimation über die Indianer und damit auch zur politisch-religiösen Entmündigung zahlreicher amerikanischer Völker, für deren Identität er sich nicht interessiert hat, entscheidend beigetragen hat. Dem Fazit Castros, dass die landläufige Bezeichnung von Las Casas als „Apostel der Indianer“ eine „grundlose Übertreibung“ (S. 184) darstelle, ist daher zuzustimmen.

Anmerkungen:
[1] Der Begriff der “leyenda negra” wurde eigentlich erst im 19. Jahrhundert geprägt (v. a. durch Julián Juderías, 1877-1918). Die Grundidee jedoch, dass die Untaten und Verbrechen der spanischen Kolonialherren an Indianern durch nichtspanische, nichtkatholische Darstellungen stark übertrieben würden, entstand bereits kurz nach der Eroberung der indianischen Imperien der Mexica (Azteken) und Inka, in der Mitte des 16. Jahrhunderts.
[2] Lewis Hanke, La lucha por la justicia en la conquista de América, Madrid 1988, S. 84.
[3] Francisco Cuena Boy, “Imperio romano e imperio hispano en el Nuevo Mundo. Continuidad histórica y argumentos jurídicos en el ´Tratado comprobatorio´ de Bartolomé de Las Casas”, in: Boletín del Instituto Riva-Agüero 26 (1999), S. 125-142, bes. 129ff.
[4] Hanke, La lucha 1988, S. 410f.

Zitation
Felix Hinz: Rezension zu: Castro, Daniel: Another Face of Empire. Bartlomé de Las Casas, Indigenous Rights and Ecclesiastical Imperialism. Durham/NC 2007 , in: H-Soz-Kult, 31.01.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9275>.
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31.01.2009
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