Cover
Titel
Fälschung und Fake. Zur diskurskritischen Dimension des Täuschens


Autor(en)
Doll, Martin
Erschienen
Berlin 2012: Kulturverlag Kadmos
Umfang
480 S., mit 43 S/W-Abb.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kathrin Ackermann-Pojtinger, Fachbereich Romanistik, Universität Salzburg

Dass eine Doktorarbeit in der prestigereichen Reihe „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“ (stw) erscheint, ist eher ungewöhnlich. Martin Dolls Dissertation „Fälschung und Fake“ (Goethe-Universität Frankfurt am Main) ist allerdings nur auf den ersten Blick ein Suhrkamp-Band. Die Covergestaltung betreibt vielmehr eine Form der Mimikry, indem sie auf spielerische Art und Weise die Thematik des Buches widerspiegelt: Sie heftet sich an bestehende Praktiken, um sich beispielsweise den damit verbundenen autoritativen Diskurs zunutze zu machen. Im vorliegenden Fall geht es dabei aber weniger um praktisch-immanente Diskurskritik, wie dies in den von Doll untersuchen Fakes der Fall ist, als um die Formulierung eines Anspruchs, dem der Autor bravourös gerecht wird. Doll legt mit seinem Buch die erste konsequent diskurstheoretisch angelegte interdisziplinäre Theorie der Fälschung vor.

Dolls Ansatz führt ebenso weg von der älteren moralischen Betrachtung der Fälschung, für welche die Intentionalität und insbesondere die moralische Verwerflichkeit des Täuschens zentrale Kategorien waren, wie von einem simplen Baudrillardismus, der mit der Rede vom Verschwinden von Wahrheit und Referenz alle differenzierten Abstufungen zwischen dem Originalen, Authentischen, Autorisierten oder Faktischen mit einem Schlag beiseite wischt. Stattdessen stellt er die Frage nach den diskursiven Bedingungen, die zur Akzeptanz von Fälschungen führen, und den Rückwirkungen, die nach der Aufdeckung der Fälschung auf die betroffenen Wissensgebiete eintreten.

Methodisch knüpft Doll an Umberto Ecos Typologie der Fälschung an und denkt ihn mit Michel Foucault weiter. Seine Fallbeispiele wählt er aus den Bereichen Paläontologie, Literatur, Journalismus und Internet aus; sie stammen aus dem Zeitraum vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Ein Auswahlkriterium war, dass in den untersuchten Fällen zeitgenössische Diskurspraktiken in besonderer Weise zum Vorschein treten und durch die Entlarvung dementsprechend folgenschwere kritische Effekte ausgelöst werden. Ein weiteres Kriterium war, dass es sich um Fälschungen „ex nihilo“ handelt, also um solche, die nicht einen bereits existierenden Gegenstand kopieren, sondern eine ‚Neuschöpfung‘ darstellen. Um Veränderungen innerhalb der verschiedenen Disziplinen und Wissensgebiete besser dokumentieren zu können, liegen die jeweils untersuchten Fälle zeitlich möglichst weit auseinander. Es soll auf diese Art und Weise gezeigt werden, dass Fälschungen nicht nur ein diskurskritisches, sondern auch -transformatives Potenzial besitzen.

Dass die Unterscheidung zwischen der mit betrügerischer Absicht vorgenommenen Fälschung und dem von vorneherein auf eine spätere Aufdeckung angelegten Fake unter diesen Voraussetzungen in den Hintergrund tritt, ist nur folgerichtig, da der Fokus nicht auf der Intentionalität liegt, sondern auf der Frage, inwiefern Fälschungen die Akzeptanzbedingungen von ‚wahren’ Aussagen deutlich machen. Mit anderen Worten: Der Untersuchung liegt die Annahme zugrunde, dass Fälschungen als ‚chemische Indikatoren’ dienen, die die Bedingtheit von wissenschaftlichen Erkenntnissen anzeigen.

Im Hauptteil der Arbeit analysiert Doll die einzelnen Beispiele. Dabei berücksichtigt er den Charakter von Fälschungen als Kippfiguren, die in genau dem Moment, in dem sie als Fälschungen bezeichnet werden, aufhören, als solche virulent zu sein. Am Beginn jedes Kapitels steht daher die Rekonstruktion des Tathergangs der Fälschung sowie die Betrachtung der Kriterien und Kontexte, die dazu beitragen, dass sie als echt, authentisch, original oder wahr akzeptiert wird; es folgt die Untersuchung der Umstände, die zur Aufdeckung geführt haben, und der damit verbundenen Diskurseffekte.

Als Beispiele aus der Paläontologie und Paläoanthropologie wählt Doll zum einen die Würzburger Lügensteine (1726), gefälschte Fossilien, deren kuriose Formen das ‚Opfer’ der Fälschung, den Medizinprofessor Johannes Bartholomäus Adam Beringer, zu Hypothesen veranlasste, die eine Irritation im wissenschaftlichen Diskurs jener Zeit auslösten; zum anderen geht er der Geschichte des Piltdown-Menschen nach, einem gefälschten Schädel, mit dem scheinbar das „missing link“ zwischen Menschenaffen und Homo sapiens gefunden wurde und der ein besonders gutes Beispiel für die zeitspezifischen Erwartungshaltungen darstellt, die zum Verzicht auf ansonsten übliche Faktenüberprüfungen führen, da hier gleich mehrere solcher Erwartungen zusammenkamen: der fehlende Beleg für die darwinsche Evolutionstheorie, die Wunschvorstellung einer frühen Herausbildung der menschlichen Intelligenz und der Stellenwert des Fundes für die nationale Identität Großbritanniens.

Auf dem Gebiet der Literatur befasst sich Doll mit einer der bekanntesten Fälschungen der Literaturgeschichte, Macphersons Ossian-Dichtungen, und einem in Australien nicht minder aufsehenerregenden Fall, den Werken des fiktiven Dichters Ern Malley, die im Zuge der Aufdeckung des Fakes zu einer öffentlichen Diskussion und einem Gerichtsprozess führten, in denen verhandelt wurde, was unter Kunst zu verstehen ist. Beide Fälle zeigen, dass literarische Fälschungen insofern einen Sonderfall darstellen, als sie auch nach ihrer Aufdeckung weiterhin den Status von Literatur behalten. Dass gefälschte Literatur nicht, wie in anderen Feldern, als monströser Gegenstand ausgeschlossen wird, sondern letztlich „in bestimmter Weise unfälschbar“ (S. 189) ist, hat mit ihrer Selbstreferenzialität zu tun, welche die Opposition der Kategorien ‚wahr’ und ‚falsch’ (die auch Doll nicht aufgehoben wissen will) aushebelt.

Beim Journalismus untersucht Doll anstelle zweier ausführlich analysierter Einzelfälle einen ganzen Strauß von Fallbeispielen: im Bereich der Printmedien Edgar Allan Poes „Balloon-Hoax“, Arthur Schütz’ „Grubenhunde“, die fingierten Zeitungsberichte der Dadaisten, Joey Skaggs in den Medien lancierte Falschmeldungen und den von Tom Kummer in seinen Starinterviews praktizierten „Borderline-Journalismus“; daneben enthält dieses Kapitel einen Exkurs zum Wissenschaftsschwindel von Alan Sokal, den Doll nicht zuletzt deshalb nicht aus seiner Untersuchung ausschließen konnte, da hier seine eigene Methode auf den Prüfstand gestellt wurde. Im Bereich des Fernsehens beschränkt er sich auf die fingierten Magazinbeiträge von Michael Born aus den Jahren 1990 bis 1996, in denen unter anderem über eine nicht existente deutsche Untergruppierung des Ku-Klux-Klan berichtet wurde. Daran schließt sich eine ausführliche Diskussionen der oft überschätzten Möglichkeiten audiovisueller Dokumente zur Fälschung an. Deren Fälschungscharakter stelle in erster Linie ein sprachliches Problem dar: Nicht die Bilder selbst lügen, sondern die ihnen hinzugefügte sprachliche Legende. Wie auch in der Literatur stellt Doll im Journalismus eine besonders prekäre Grenze zwischen Fälschungen und legitimen Praktiken fest. In den Massenmedien komme hinzu, dass wir es hier mit einer spezifischen Form der „Wahr-Nehmung“ zu tun haben, da in der Regel der Abgleich mit der außermedialen Realität, auf welche die Fälschung verweist, nicht zur Verfügung steht. Bezugspunkt ist daher nicht diese außermediale Wirklichkeit, sondern ein zeitgenössisch akzeptables Wissen darüber. Somit komme es auch bei der Aufdeckung einer journalistischen Fälschung nicht zur Wiederherstellung der ‚Wahrheit’, sondern zu einer Rekonfiguration des journalistisch Akzeptablen.

Auf dem Gebiet des Internet wiederum stehen dem relativ knapp dargestellten Fall des fiktiven Video-Blogs „Lonelygirl15“, in dem ein junges Mädchen freimütig private Geständnisse ausplauderte, die sehr ausführlich diskutierten Auftritte der Aktivisten-Gruppe „The Yes Men“ gegenüber, die sich unter anderem als Repräsentanten der WTO ausgaben und die autoritativ beglaubigte Plattform, die ihnen dadurch gewährt wurde, ausnutzten, um die Logik der Marktliberalisierung in einer Art und Weise zu überspitzen, dass deren ansonsten unausgesprochene Konsequenzen offen artikuliert wurden. Hier wie bereits im Journalismus-Kapitel wendet sich Doll zunehmend den politischen Implikationen von Fälschungen und Fakes zu. Ihnen sei mit erkenntnistheoretischen Kategorien nicht beizukommen; sie unterminieren die Vorstellung einer deutungsfreien, objektiven Betrachtung von Erfahrungsgegenständen, weil sie anzeigen, dass scheinbar evidente Eigenschaften von Dingen ihnen nicht auf intrinsische Weise eigen sind, sondern auf Zuschreibungen beruhen.

Doll kommt zu dem Ergebnis, dass die Effekte von Fälschungen dann am stärksten sind, wenn sie nicht nur die Brüskierung einzelner Gelehrter zum Ziel haben, sondern eine gesamte Disziplin diskreditieren. Die maßgeblichen Faktoren, welche zur Akzeptanz von Fälschungen führen, sind Autorität (vor allem dann, wenn sich mehrere Autoritäten gegenseitig bekräftigen), das Gesetz der Probabilität, die wechselseitige Plausibilisierung durch weitere Falsifikate sowie das Unterlassen von Überprüfungen. Es kommt so zu Korrelationsräumen und Verifizierungskomplexen, in denen theoretisches Hintergrundwissen, Gesehenes, von Autoritäten Übernommenes und Erwartungshaltungen ein Amalgam bilden, dessen stabile Konfiguration jegliche Kritik abschmettern kann. Es ist somit nicht die perfekte Fälschung, die zur Akzeptanz führt; vielmehr verhält es sich umgekehrt, insofern als gerade nach der Aufdeckung die Rede vom besonderen Geschick des oftmals sogar als genial dargestellten Fälschers dazu dient, die Peinlichkeit für die getäuschten Wissenschaftler zu reduzieren. Eine weitere Strategie der Schadensbegrenzung besteht darin, die Aufdeckung einer Fälschung als Erfolg der Wissenschaft zu verkaufen. Gerade dies aber, so Doll, ist ein Trugschluss: Vielmehr erschüttern Fälschungen unseren gern gehegten Glauben an eine den Dingen eingeschriebene Wahrheit ebenso wie die Überzeugung von einer ständigen Überprüfung des Wissens zugunsten einer immer größeren Annäherung an die Wahrheit.

Auch wenn man sich bisweilen fragen kann, ob Fälschungen tatsächlich das Potenzial haben, Diskurstransformationen auszulösen – hätten sich zum Beispiel die Genieästhetik oder die literarische Moderne nicht auch ohne Ossian und Ern Malley durchgesetzt? – so schmälert dies nicht die Bedeutung von Dolls Studie. Seine Schlussfolgerungen sind im höchsten Maß beunruhigend: Nicht nur deshalb, weil er zeigt, dass es letztlich die Fälschungen sind, die bestimmen, was wahr ist – nämlich das, was keine Fälschung ist –, sondern auch weil die beste Fälschung diejenige ist, die noch nicht aufgedeckt wurde.[1]

Anmerkung:
[1] Die erste Auflage des Buches ist vergriffen. Laut Auskunft des Verlags wird eine zweite Auflage ab Ende August 2015 erhältlich sein.

Zitation
Kathrin Ackermann-Pojtinger: Rezension zu: Doll, Martin: Fälschung und Fake. Zur diskurskritischen Dimension des Täuschens. Berlin 2012 , in: H-Soz-Kult, 10.08.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21244>.
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Veröffentlicht am
10.08.2015
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