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Titel
Entdeckung des Urbanen. Die Sozialforschungsstelle Dortmund und die soziologische Stadtforschung in Deutschland, 1930 bis 1960


Autor(en)
Kändler, Ulrike
Umfang
412 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Clemens Zimmermann, Historisches Institut, Universität des Saarlandes

In ihrer wissenschaftshistorischen Rekonstruktion – eine der ersten zu diesem Themenfeld überhaupt – wendet sich die Historikerin Ulrike Kändler einem in vielerlei Hinsicht ambivalenten Phänomen zu[1]: Einerseits zeigt die Autorin am Beispiel der 1946 gegründeten Sozialforschungsstelle Dortmund, wie sich in der Nachkriegszeit und frühen Bundesrepublik ein Paradigmenwechsel vollzog, in dem die bevölkerungspolitisch und agrarromantisch inspirierte Raumforschung der NS-Zeit von einer modernen, empirisch verfahrenden Stadtsoziologie ansatzweise abgelöst wurde – deshalb der Titel „Die Entdeckung des Urbanen“. Andererseits war, worauf Kändler immer wieder abhebt, das dabei überwiegend beteiligte Personal bis in die 1950er-Jahre hinein für einen wirklichen politischen und wissenschaftlichen Neuanfang wenig geeignet. Maßgebliche Akteure der Institution – in erster Linie der Volkstumsforscher Gunther Ipsen und der sozialreformerisch orientierte Otto Neuloh – legten Forschungsdesigns zugrunde, die der angestrebten Objektivität und Ideologiefreiheit von Themen und Standards widersprachen. Schon das Programm der seit 1949 erscheinenden Hauszeitschrift „Soziale Welt“, das auf eine „Entstörung“ des sozialen Lebens in Familien, Gemeinden und Betrieben zielte, war auf Gestaltung, nicht allein Erforschung der sozialen Sphäre gerichtet (S. 119f.). Das Verhältnis von praktischen Interessen und geförderter Forschung sowie angestrebter objektiver und umfassender Gesellschaftsanalyse blieb in Neulohs Amtszeit als Direktor (bis 1960) hoch problematisch.

In ihrer Gießener Dissertation stellt die Verfasserin zunächst alle wesentlichen stadtbezogenen Projekte dieser für die Soziologiegeschichte bedeutenden (und mit veränderten Schwerpunkten bis heute bestehenden) Forschungsinstitution vor. Darüber hinaus geht sie den zugrunde liegenden ideengeschichtlichen Traditionen und den Anregungen von außen nach, d.h. US-amerikanischen Einflüssen und Vorstellungen von Auftraggebern. Man ist dann rasch beim Problem, wie sich Stadtsoziologie als eigenes Gebiet theoretisch begründen ließ und was ihre genuinen Forschungsmethoden sein konnten. Vor allem: Wie ordneten sich die Institutsaktivitäten in die grundsätzliche Frage nach Kontinuitäten und Brüchen im Wissenschaftssystem seit 1945/49 ein? Wie konnte eine – zunächst eher schwach, dann besser finanzierte – Forschungseinrichtung in einer Periode expandieren, in der die Soziologie noch nicht zur Leit- und Planungswissenschaft mit üppigen Stellenausstattungen aufgestiegen war?

Insgesamt bietet Kändler starke Argumente in Richtung der Kontinuitätsthese, vor allem dadurch, dass sie stark auf die Konzeptionen und Leitungstätigkeiten des konservativ und antimodern orientierten Ipsen abhebt. Freilich wird auch ein begrenzter Pluralismus im Institut sichtbar, während die Neuansätze einer jüngeren Generation weniger hervortreten. Deutlicher wird, wie sich in Dortmund ein elitäres Netzwerk von Geistes- und Sozialwissenschaftlern re-etablierte, allerdings unter völlig veränderten Rahmenbedingungen und in einer personellen Konstellation, die individuelle Lernprozesse ermöglichte. So zeigt sich an der Person von Elisabeth Pfeil die Transformation eines bevölkerungspolitischen Ansatzes der 1930er- und 1940er-Jahre in ein pragmatisches Programm von Migrations- und Großstadtforschung mit durchaus respektablen Ergebnissen. Ferner erweist sich – bei Ipsen selbst, aber auch bei Carl Jantke[2] – ein historisch orientierter Forschungsansatz als relativ stark. Deshalb ist Jantkes Werk heute für die Stadtgeschichte relevant, weniger jedoch als ein Beitrag zu einer modernen Soziologie. Zu Ipsen merkt die Autorin an, dass dieser zwar zu einer Stadttheorie gelangte, aber sich nicht wirklich auf Stadtforschung eingelassen, letztlich seine agrarischen Tragfähigkeitsforschungen aus der NS-Zeit fortgesetzt habe, wenn er „das optimale Verhältnis von Bevölkerung und räumlichen Ressourcen“ (S. 283) als Forschungsziel benannte. Ein solches Programm war im Übrigen für die Stadtentwicklungsplanung, für die hoher Bedarf bestand, wenig brauchbar. Anstelle der von seinen Mitarbeitern praktizierten Interviewtechniken setzte der einem autoritären Führungsstil verhaftete Leiter der Abteilung „Soziographie und Sozialstatistik“ auf die Auswertung vorhandener statistischer Erhebungen, auf „auszählen, kategorisieren und messen“ (S. 290).

Kändler setzt sich mit ihrem Insistieren auf eine Rekonstruktion vorfindlicher Forschung deutlich von der Perspektive ab, die Soziologie der frühen Bundesrepublik nur als einen US-amerikanischen Re-Import und unter modernisierungstheoretischen Prämissen zu betrachten. Ausführlich verfolgt sie die Vorgeschichte des Fachs bis zu den Aktivitäten von Andreas Walther zurück, der seit dem Ende der 1920er-Jahre die Kartierungsmethode der Chicago-Schule aufgegriffen hatte, um die vermeintlich „gemeinschädigenden Regionen“ (zit. auf S. 67) in Hamburg zu identifizieren. In der Nachkriegszeit erfolgte nun, auf der Grundlage tradierter und eigenständig formulierter Kategorien, partiell mit innovativen Methoden sowie gefördert durch Auslandskontakte und die Rockefeller-Stiftung, ein dann doch feststellbarer Neuansatz, der sich in den demokratischen Wiederaufbau der Bundesrepublik einzuordnen begann. Es bedurfte langer Lernprozesse, bis sich die westdeutschen Soziologen die Instrumente empirischer Sozialforschung angeeignet hatten. Schon deswegen und aufgrund unscharfer Erkenntnisinteressen blieb so manches Projekt der Dortmunder Einrichtung hinter den Erwartungen der Forscher selbst und der Auftraggeber (darunter Stadtverwaltungen und Institutionen von Wohnbauprogrammen) zurück. Die Zielsetzungen der Studie „Zeche und Gemeinde“ (1958)[3] erscheinen in der Retrospektive als „diffus“; sie berücksichtigten nicht die sozialen Klassenverhältnisse, gingen nicht weit genug bei der Anwendung teilnehmender Beobachtung, waren, wie Kändler mit kritischem Unterton anmerkt, zu deskriptiv. Aber die Studie stellte doch „eines der ersten sozialwissenschaftlichen Stadtforschungsprojekte in Deutschland dar, das den bis dahin auf die Großstädte gebannten Blick löste“ (S. 191). Wenn man sich heute das Hauptwerk „Daseinsformen der Großstadt“ (1959) vornimmt[4], fällt auf, dass es sich um eine Art Sozialgeographie handelte. Unklare Terminologien, heterogene Finanzierungsbedingungen und unüberwindliche Methodenprobleme, so führt Kändler aus, minderten das Gesamtergebnis. Zudem stand das Problem des Verhältnisses von Gesellschaftstheorie und Empirie ungeklärt im Raum.

Im Gegensatz zu Gunther Ipsen (geb. 1899) verkörpert in der Sicht der Autorin der junge Hans Paul Bahrdt (geb. 1918) seit Mitte der 1950er-Jahre einen wirklichen Wandel der soziologischen Stadtforschung. Bahrdt betrachtete die Großstadt als Avantgarde einer demokratischen Gesellschaftsform – soweit der im Arbeitsleben erschöpfte Mensch in die Lage versetzt werde, seine Partizipationschancen wahrzunehmen.

Alles in allem: Die Wege von der Volkstumslehre zur „Realsoziologie“ und vom kategorial aufgeladenen „Raum“ zur „Stadt“ waren mühsam, das Institut war trotz seines starken Ausbaus nur begrenzt produktiv, man blieb vielfach in deskriptiv-harmonisierenden Vorstellungen befangen. Aus heutiger Sicht erscheint vor allem bedauerlich, dass die Dortmunder Forscher nicht schon auf einen Ansatz zusteuerten, der auf Urbanität und Habitus der städtischen Bevölkerung abhob. Aber sie gelangten doch bis zur Erfahrungsebene, etwa bei der Ermittlung der Wohnwünsche von Siedlungsbewohner/innen. Im Kontext der Sozialforschungsstelle etablierten sich bis zum Amtsantritt des neuen Direktors Helmut Schelsky 1960 allmählich Feldforschung und teilnehmende Beobachtung als genuine Methoden der Stadtforschung. Im „goldenen Jahrzehnt“ der Gemeinde- und Stadtstudien stellte sich ferner heraus, dass alte und ideologisch aufgeladene Vorstellungen einer Stadt-Land-Dichotomie ad acta zu legen waren – und dass sich überhaupt soziale Wirklichkeit viel komplexer darstellte, als man zu Beginn angenommen hatte.

Dortmund: Dies war der Ort, wo Ende der 1940er- und während der 1950er-Jahre traditionelle und politisch belastete Ansätze der Stadt- und Regionalforschung nur sehr vorsichtig technisch und begrifflich modernisiert wurden, wo aber ein Boden für die Stadtsoziologie bereitet wurde, die sich auf ihre Rolle als demokratische Planungswissenschaft vorbereitete. Dieser Wandel wird in der sprachlich und inhaltlich hoch kompetent gefassten Studie an einem signifikanten Beispiel erörtert.

Anmerkungen:
[1] Eine Vorgängerstudie ist: Jens Adamski, Ärzte des sozialen Lebens. Die Sozialforschungsstelle Dortmund 1946–1969, Essen 2009, der die komplexe Institutionsgeschichte der Einrichtung verfolgte und das Interesse an sozialer Stabilisierung herausarbeitete, das hinter den Aktivitäten stand; vgl. die Rezension von Marcus M. Payk, in: H-Soz-Kult, 17.08.2009, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12621> (23.03.2016).
[2] Carl Jantke, Bergmann und Zeche. Die sozialen Arbeitsverhältnisse einer Schachtanlage des nördlichen Ruhrgebiets in der Sicht der Bergleute, Tübingen 1953.
[3] Helmuth Croon / Kurt Utermann, Zeche und Gemeinde. Untersuchungen über den Strukturwandel einer Zechengemeinde im nördlichen Ruhrgebiet, Tübingen 1958.
[4] Rainer Mackensen u.a., Daseinsformen der Großstadt. Typische Formen sozialer Existenz in Stadtmitte, Vorstadt und Gürtel der industriellen Großstadt, Tübingen 1959.

Zitation
Clemens Zimmermann: Rezension zu: Kändler, Ulrike: Entdeckung des Urbanen. Die Sozialforschungsstelle Dortmund und die soziologische Stadtforschung in Deutschland, 1930 bis 1960. Bielefeld 2016 , in: H-Soz-Kult, 15.04.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22021>.