T. Forstner: Priester in Zeiten des Umbruchs

Cover
Titel
Priester in Zeiten des Umbruchs. Identität und Lebenswelt des katholischen Pfarrklerus in Oberbayern 1918 bis 1945


Autor(en)
Forstner, Thomas
Erschienen
Göttingen 2014: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
603 S.
Preis
€ 89,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
August H. Leugers-Scherzberg, Institut für Katholische Theologie, Universität des Saarlandes, Saarbrücken

Bei diesem Buch handelt es sich um eine Dissertation, die im Sommersemester 2011 an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München im Fach Bayerische Landesgeschichte (Walter Ziegler) angenommen wurde. Den Ausgangspunkt der Untersuchung bildet der gesellschaftliche Bedeutungsverlust der Sozialfigur „katholischer Priester“ seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Um diese Entwicklung zu beleuchten, bemüht sich Thomas Forstner, die „Lebenskultur und d[ie] Existenzbedingungen der oberbayerischen katholischen Kleriker“ (S. 15) in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zu rekonstruieren. Dabei soll nicht nur die spezifische Entwicklung des Pfarrklerus in Oberbayern dargestellt werden, sondern es sollen zugleich Bausteine zu einer allgemeinen „Kultur-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte katholischer Kleriker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ (S. 18) geliefert und der Frage nachgegangen werden, wie der Klerus angesichts von Krieg und totalitärer Herrschaft die Herausforderungen des „Zeitalters der Extreme“ (Hobsbawn) bewältigt hat. Die grundlegende These lautet dabei, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein „grundsätzliches Spannungs- und Distanzverhältnis zwischen katholischem Klerus und den Erscheinungsformen der modernen Welt“ (S. 13) bestand. Dieses Distanzverhältnis sei durchaus bewusst erzeugt und aufrechterhalten worden. War es als Konstitutivum der priesterlichen Existenz ursprünglich allgemein anerkannt, akzeptierten die europäischen Gesellschaften das Anderssein des Klerikers im Prozess der Modernisierung zunehmend nicht mehr als Faktum, sondern stellten es „ebenso wie die religiös geprägte Kultur selbst in vielfacher Weise in Frage“ (S. 13). Ursächlich für die Fremdheit des Klerus in der Moderne sei daher nicht die Säkularisierung der Gesellschaft, „sondern vor allem die Art und Weise, wie die Kirche ihr begegnete.“ (S. 14) Da aufgrund von Kriegsverlust und Aktenpurgierung nach 1945 wichtige Teile der Priesterakten des Erzbischöflichen Ordinariats vernichtet wurden, musste für diese Untersuchung einmal mehr auf den Nachlass von Michael Kardinal Faulhaber als zentralem Quellenbestand zurückgegriffen werden.

Im ersten Kapitel umschreibt Forstner die kirchlichen Rahmenbedingungen der Diözese München-Freising, die sich nicht unter dem in der Katholizismusforschung oft verwendeten Milieubegriff subsumieren lassen, sondern eher unter dem Cluster-Paradigma, demzufolge die Lebenswelt katholischer Laien „mehr einem Cluster aus verschiedenen Lebenswelten“ (S. 43) glich. Dies äußerte sich nicht zuletzt in den stark antiultramontanen, reformkatholischen und explizit Zentrums- und BVP-feindlichen Tendenzen in München, die eine der Grundlagen für die Entstehung der nationalsozialistischen Partei in der „Hauptstadt der Bewegung“ bildeten.

Eine bewusste Milieubildungstrategie lässt sich eher in der Rekrutierung des Klerus erkennen, die Forstner im zweiten Kapitel beschreibt. Der Priesternachwuchs stammte vorwiegend aus den bildungsbenachteiligten bäuerlichen und kleinbürgerlichen Mittelschichten, trat im Alter zwischen 11 und 15 Jahren in die bischöflichen Knabenseminare ein, deren Disziplinierungsfunktion Forstner zutreffend als modernes Phänomen zur Eingliederung in ein homogenes klerikales Milieu beschreibt. Die Prägung und Disziplinierung durch asketisch-klerikale Erziehung setzte sich in den Theologenkonvikten und Priesterseminaren bis zur Priesterweihe fort. Dieses Rekrutierungssystem erodierte allerdings seit den 1920er-Jahren durch den relativen Rückgang der sozialen Benachteiligung der bäuerlichen und kleinbürgerlichen Mittelschichten, der Ausweitung der Bildungsmöglichkeiten, der Behinderungen durch das NS-Regime und den Niedergang der kleinen Seminarien.

Forstner belegt, dass die Kirchenführung bei der Rekrutierung des Klerus auch ohne Übernahme des „Arierparagraphen“ zur Anpassung an die rassistischen Selektionsprinzipien des NS-Staates bereit war. Er berichtet, dass der Münchner Generalvikar in der Ordinariatssitzung vom 4. Oktober 1938 erklärte, dass die „‚Zulassung eines Kandidaten nichtarischer Abstammung zum Theologiestudium‘ […] nur ‚gegen unterschriftliche Eröffnung der Schwierigkeiten, die der Verwendung nichtarischer Priester entgegenstehen‘ erfolgt“ (S. 235) sei.

Im dritten Kapitel geht Forstner dem Standesideal und Wirken der Priester nach. Waren sie im 19. Jahrhundert – vor allem im ländlichen Bereich – als Angehörige der Bildungselite noch Transmissionsriemen einer gesellschaftlichen Modernisierung, so nahm diese Funktion in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt auch aufgrund der Ausweitung der Bildungsmöglichkeiten, ab. Die Kleriker begegneten umso mehr den Lebensäußerungen der modernen Welt defensiv abwehrend. Bemerkenswerterweise ist es aufgrund der Quellenlage nicht möglich, etwas über die persönliche Frömmigkeit der katholischen Geistlichen auszusagen. Auch über den Alltag der Seelsorge wird in Priesterbiographien kaum etwas berichtet, so dass der Schluss gezogen werden muss, dass der seelsorgliche Alltag in erster Linie darin bestand, Messfeiern zu zelebrieren, die sonn-, aber auch werktags in überreichem Maße in allen Pfarreien angeboten wurden.

Identität und Lebenskultur des Priesters wird im vierten Kapitel abgehandelt. Das katholische Pfarrhaus, das zentrale Lebensumfeld des Geistlichen, bildete infolge des Zölibats oftmals eine generationsübergreifende Lebensgemeinschaft in der Art einer Patch-Work-Familie, in der Eltern, Geschwister, Nichten, andere Geistliche und Haushälterinnen zusammenlebten. Die überlieferten Bestandsnachweise von Pfarrhausbibliotheken dokumentieren eine Abwendung vom Ideal einer allgemeinen Gelehrsamkeit und eine Hinwendung zur Regional- und Kunstgeschichte, Naturkunde und Alpinistik. Bei der belletristischen Literatur bevorzugten die Kleriker vornehmlich die Klassiker der deutschen Nationalliteratur oder zeitgenössische katholische Autoren. Aber auch Hans Grimms Volk ohne Raum findet sich oft in Priesterbibliotheken, wenn auch sonstige NS-Literatur kaum vorhanden war.

Vom Priesterideal abweichendes Verhalten behandelt Forstner im fünften Kapitel. Im Vordergrund standen dabei von Seiten der Kirchenoberen, die Verstöße, vor allem gegen das Zölibatsgelübde, nicht öffentlich werden zu lassen, um das Ansehen der Klerikerstandes nicht zu gefährden. Die antiklerikale Propaganda des Nationalsozialismus bildete daher nach 1933 eine akute Gefahr und nötigte dazu, abweichendes Verhalten – wenn möglich – von vornherein zu unterbinden.

Bei der Beschreibung des Phänomens der „braunen Priester“ im sechsten Kapitel orientiert sich Forstner am Analysemodell von Olaf Blaschke[1] und identifiziert als „braune Priester“ Geistliche, wenn sie ein hohes Maß an Konsens mit den Kernzielen der NS-Bewegung aufwiesen oder aus Überzeugung mit dem NS-Staat kooperierten. Als Auslöser für die Zuwendung zur nazistischen Bewegung kann er dabei zwei Faktoren ausmachen: zum einen eine nationalistische, gegen den politischen Katholizismus gerichtete Weltanschauung, die im Münchner Katholizismus fest verankert war, zum anderen Schwierigkeiten mit den Verpflichtungen des Priesterstandes, vor allem dem Zölibat.

Das Verhalten und Erleben der Priester in den beiden Weltkriegen schildert Forstner im siebten Kapitel. In beiden Kriegen sahen die Geistlichen den Krieg als Ort der Bewährung und die Teilnahme als Pflichterfüllung gegenüber dem Vaterland an. Die Kirchenfeindlichkeit des NS-Regimes wurde dabei im Zweiten Weltkrieg durch einen expliziten Antibolschewismus als Dienst für Gott kompensiert.

Das achte Kapitel liefert schließlich eine kompakte Analyse der Auseinandersetzung des Klerus mit dem Nationalsozialismus. Forstner streicht dabei besonders heraus, dass wesentliche Motive bei der Ablehnung des Nationalsozialismus im internalisierten Antimodernismus des katholischen Klerus lagen, für den die NS-Bewegung eine spezifische Spielart der Moderne war. Die (nach Konrad Repgen) als Abstand zum Nationalsozialismus beschriebene Haltung deckte sich nach Forstner mit dem Abstand des Klerus zur Moderne überhaupt. Zugleich gab es aber eine große Affinität zu den antimodernen Anteilen des Nationalsozialismus (beim Kampf gegen „Schmutz und Schund“, „Nacktkultur“, Kontrazeptiva, Abtreibung, Homosexualität, Bolschewismus sowie hinsichtlich der Judenfeindschaft). Auf lange Sicht bot dies die Möglichkeit zur weitgehenden Anpassung. Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Klerus war dagegen immer eine Angelegenheit von einzelnen gewesen, die seitens der Diözesanleitung keinerlei Unterstützung, sondern nur Ablehnung erhielten.

Kritisch anzumerken sind eine Reihe von Druckfehlern im Buch, die bei einer sorgfältigen Lektorierung vermieden worden wären, ebenso wie die falsche Zuschreibung eines meiner Aufsätze[2] an meine Schwester Antonia (vgl. S. 584). Abgesehen davon ist Forstners Untersuchung allein schon wegen der umfassenden Analyse der klerikalen Lebenswelt des beginnenden 20. Jahrhunderts sehr verdienstvoll, da diese bisher kaum in den Fokus der Katholizismusforschung gerückt ist. Damit drohte ein wesentlicher Teil der katholischen Lebenswirklichkeit der Epoche vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil der Vergessenheit anheim zu fallen. Die primären Motive des Klerus in der Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Umwelt, aber auch mit dem Nationalsozialismus, in einem internalisierten Antimodernimus zu verorten, ist durchweg plausibel. Forstner stellt damit zugleich überzeugend die gängige Forschungsmeinung, die von einer grundsätzlichen weltanschaulichen Resistenz des katholischen Klerus gegenüber dem Nationalsozialismus ausgeht, in Frage. Vielmehr zeigt er die grundsätzliche Bereitschaft auf, sich mit dem Regime zu arrangieren, wenn es seine „modernen“ Tendenzen zurückschraube.

Anmerkungen:
[1] Olaf Blaschke, Stufen des Widerstands – Stufen der Kollaboration, in: Andreas Henkelmann / Nicole Priesching (Hrsg.), Widerstand? Forschungsperspektiven auf das Verhältnis von Katholizismus und Nationalsozialismus (theologie.geschichte, Beiheft 2), Saarbrücken 2010, S. 63–88, bes. S. 80f., online: http://universaar.uni-saarland.de/journals/index.php/tg_beihefte/article/viewFile/27/27 (20.12.2016).
[2] August H. Leugers[-Scherzberg], Einstellungen zu Krieg und Frieden im deutschen Katholizismus vor 1914, in: Jost Dülffer / Karl Holl (Hrsg.), Bereit zum Krieg. Kriegsmentalität im wilhelminischen Deutschland 1890–1914, Göttingen 1986, S. 56–73.

Zitation
August H. Leugers-Scherzberg: Rezension zu: Forstner, Thomas: Priester in Zeiten des Umbruchs. Identität und Lebenswelt des katholischen Pfarrklerus in Oberbayern 1918 bis 1945. Göttingen 2014 , in: H-Soz-Kult, 24.01.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22472>.