Cover
Titel
Die Metaphorik der Autobahn. Literatur, Kunst, Film und Architektur nach 1945


Hrsg. v.
Röhnert, Jan
Erschienen
Umfang
323 S., zahlr. Farb- u. SW-Abb.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Benjamin Steininger, Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Wien

Raumgreifend wird die Autobahn in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Bestandteil moderner Landschaft und modernen Lebens. Sehr viel weniger raumgreifend sind die Spuren, die Autobahnen nach 1945 in Literatur, Kunst, Film und Architektur hinterlassen haben. Von dieser Grundspannung aus unternimmt der vom Braunschweiger Literaturwissenschaftler Jan Röhnert herausgegebene Band eine Interpretation der künstlerischen Brechung von Autobahnen in Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien, Italien, Frankreich und den USA. Das Buch ist das Resultat einer Braunschweiger Tagung vom Juni 2013 zur „Inszenierung von Mobilität in Literatur und Künsten der Gegenwart“. „Ästhetiken und Poetiken“ der Nachkriegsautobahnen lägen noch im toten Winkel der Forschung, so Röhnert in seiner programmatischen Einführung. Und auch wenn nicht alle Straßen Autobahnen seien, so liefere die Autobahn doch die Blaupause – mit dem bekannten Verkehrsschild auf dem Buchcover farbgenau benannt – zentraler „Verkehrsimaginationen“ der Moderne.

Hier wird auch die Position des Bandes im Spektrum technikaffiner Kulturwissenschaften greifbar. Hatten Literaturwissenschaftler wie Erhard Schütz und Eckhard Gruber oder der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler vor etlichen Jahren explizit Beiträge zur Diskurs- und Technikgeschichte der Autobahn geliefert[1], wirkt der vorliegende Band eher von Motivgeschichten angetrieben. Die 18 Beiträge folgen dem Raster von Nationalkulturen, Werken, Schriftstellern und Regisseuren, weniger der technischen Phänomenologie der Autobahn selbst.

Den hoch konzentrierten Einstieg bietet Steffen Richter mit einem Beitrag über „Die Straße als infrastrukturelles Integrationsmedium der Moderne“ – eine fulminante Geschichte und Kulturtheorie der Straße von den Inka- und Römerstraßen über den Pflasterstrand hin zur Autobahn. Wie die vergleichsweise statischen Künste Architektur und Städtebau nach 1945 mit den Chancen automobiler Perspektiven umgegangen sind, beleuchtet Frank Seehausen faktenreich in „Zur Rhetorik einer mobilen Moderne“. Die Utopie der aufgelösten, begrünten Stadt wird entlang der Berliner Stadtautobahn- und Flughafenplanung, aber auch mit Seitenblicken nach Mannheim und Düsseldorf sowie auf US-amerikanische Vorbilder erklärt. Ebenfalls an einem faktischen Gedächtnisort setzen Benedikt Einert und Michael Ploenus an, nämlich am ehemals größten innerdeutschen Transit-Grenzübergang Marienborn. Dass hier ein DDR-Objekt des verordneten Stillstands gesamtdeutsche Verkehrserinnerung prägt, ist – so die These – noch längst nicht ausgedeutet. Literarisch nachzutragen wäre, dass mit Arno Schmidt einer der bedeutendsten Nachkriegsautoren der Bundesrepublik just an dieser Lokalität einen Appell an beide deutsche Staaten richtete (in seinem Roman „Das steinerne Herz“ aus den 1950er-Jahren).[2]

Mit amerikanischen Erfahrungen beschäftigen sich drei Texte. Dem Highway als „Trope“ spürt Rüdiger Heinze in seinem materialreichen Beitrag „Off the Road: Abseitige Wege in der US-amerikanischen Kultur“ nach. Die bekannte Relevanz automobiler Bewegung im amerikanischen Kino untersucht Jan Urbich entlang der Filme „Lost Highway“, „Drive“ (beide 1997) und „Somewhere“ (2010). Und wie Forschung zur „Metaphorik der Autobahn“ die Analyse bloßer Autobahnszenen überschreiten kann, zeigt der Herausgeber Jan Röhnert selbst in „Melancholie des Highways. Wim Wenders’ ‚ Paris, Texas‘“ (1984). Im Fokus steht ein verallgemeinerter Typus der Autobahnmobilität in einem Narrativ ambivalenter Selbstfindung. Zu fragen wäre bei allen drei Texten allerdings, ob Highways tatsächlich Autobahnen anzunähern oder nicht auch von ihnen abzusetzen wären; ob amerikanische Frontier- und Selbsterfahrung wirklich von einem definitionsgemäß standardisierten Verkehrsraum der Autobahn her denkbar ist – von Räumen also, die gerade nicht in ungeteerte Peripherien auslaufen und die nur sehr eindimensionale Freiheitsversprechen bereithalten.

Dass das Kino überhaupt eine Affinität zur Autobahn aufweist, wird schon mit dem Blick auf frühe italienische Filme deutlich, wie Mario Marino an zwei Beispielen ausführt: „Gli uomini que mascalzoni“ von Mario Camerini (1932) und „Ossessione“ von Luchino Visconti (1942). Gerade in dieser historischen Auswahl, die nur vordergründig quer zum Band liegt, wird die italienische Autobahn als Irritation der sozialen Ordnung und damit als narrativer Ort der Moderne greifbar.

Mit im weiteren Sinn deutscher Gegenwartsliteratur beschäftigt sich ebenfalls eine Reihe von Arbeiten. Jörg Paulus stellt den aktuellen Büchner-Preisträger, den Lyriker Jürgen Becker, als Autobahnliteraten vor. Auffälligerweise tastet diese Suche jedoch eher die Ränder des literarischen Spektrums ab. Auf mitunter krude Spuren gegenwärtiger Autobahnliteratur begibt sich Jan Brandt, im Spektrum viel gelesener (etwa: Wolfgang Herrndorf, Tschik[3]) bis bereits editorisch experimenteller Bücher (etwa: Stephan Maus, Die reinen Herzen[4]). Mit „Zur traffikalen Inszenierung in der Landschaftsdarstellung nach 1945“ liefert Carsten Rohde aber auch einen Beitrag zu bereits kanonisierten Autoren wie Peter Handke oder Rolf Dieter Brinkmann. Insbesondere hier ist das Fehlen des auf der Tagung noch vertretenen Beitrags zu „Kraftwerk“ zu beklagen (Album „Autobahn“ von 1974). Sicher hätten sich Abgesänge auf Technik und deren Indienstnahme als Pole der 1970er-Jahre gut kontrastiert und ergänzt.

Neben klar akademischen Beiträgen bietet der Band eine Reihe ihrerseits literarischer Arbeiten, so die von Irmgard und Benno Rech eingeleiteten Autobahngedichte von Johannes Kühn – als zeitweiliger LKW- und Tiefbauarbeiter durchaus auch praktisch mit dem Transportwesen vertraut – sowie die Kurzprosa „Wortsegel“ von Heinrich Popp.

Theo Baarts hochwertig illustrierter Beitrag „Das Fotoprojekt ‚ Snelweg – Highways in the Netherlands‘“ stellt einen ebenfalls künstlerischen subversiven Umgang mit der autobahnüberformten niederländischen Landschaft vor. Gemeinsam mit Cary Markerink ist es Baart seit den 1990er-Jahren gelungen, durch Fotografien zum Teil höchst trivialer Autobahnmotive[5] bildungsbürgerliches Interesse für einen kaum noch als „Landschaft“ wahrgenommenen Verkehrsraum zu erzeugen und diese Fotos – über einen Ankauf durch das Amsterdamer Rijksmuseum – am Repräsentationsort europäischer Landschaftsmalerei schlechthin zu platzieren. Der niederländische Schriftsteller Willem van Toorn bietet einen gleichermaßen persönlichen wie theoretisch genauen Blick auf französische Autobahnen als eben nicht „non-lieux“ (Marc Augé).

Ein Musterbeispiel performativ-literarischer Dekonstruktion der Autobahn stellt schließlich Héctor Canal vor: das fantastisch-dokumentarische Experiment „Autonauten auf der Kosmobahn“ von Julio Cortázar und Carol Dunlop. Das Paar hatte 1982 in 33 Tagen alle Rastplätze zwischen Paris und Marseille bereist und die Fahrt in einem „Bordbuch“ literarisch verarbeitet.

Ob mit Autobahnen „die Idee der Straße ganz zu sich selbst kommt“ (Röhnert, S. 16), sei dahingestellt. Der Band liefert jedenfalls eine Vielzahl von Perspektiven auf Straßen und Autobahnen. Dass „am Hermsdorfer Kreuz um 1950“ keine „A 4“ verlief (S. 14), wird nur Pedanten auffallen. Verständlichen Kontingenzen von Tagungsbänden scheint die geografische Auswahl geschuldet. Osteuropa oder Schwellenländer fehlen ebenso wie einige doch bekannte Autobahnstücke der deutschsprachigen Populär- bis Hochkultur. Der just auf Transitautobahnen angesiedelte erste deutsche „Tatort“ von 1970 („Taxi nach Leipzig“) oder auch Elfriede Jelineks obszöne „Verkehrs“-Komödie „Raststätte oder Sie machens alle“ von 1994 wären einer Überblickserwähnung wert gewesen.

Eine Irritation dokumentiert der Sammelband nur, ohne sie zur aufschlussreichen Gegenwartsdiagnose zu wenden: Neben 19 Männern hat eine einzige Frau am Buch mitgewirkt. Und die behandelten Schriftsteller, Filmemacher und Stadtplaner verstärken das Missverhältnis noch. Hier wird Metaphorik an einem trivialen Punkt wieder konkret: Noch im 21. Jahrhundert sind Autobahnen ein Spielplatz für Männer.

Anmerkungen:
[1] Erhard Schütz / Eckhard Gruber, Mythos Reichsautobahn, Berlin 1996; Friedrich Kittler, Autobahnen, in: Wolfgang Storch (Hrsg.), Explosion of a Memory. Heiner Müller DDR. Ein Arbeitsbuch, Berlin 1988, S. 147–151.
[2] Arno Schmidt, Das steinerne Herz. Ein historischer Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi, Karlsruhe 1956 (und öfter).
[3] Wolfgang Herrndorf, Tschik, Berlin 2010.
[4] Stephan Maus, Die reinen Herzen, E-Book, Berlin 2012.
[5] Für Bildbeispiele siehe <http://www.carymarkerink.nl/index.cfm?PAGE=cmsnelweg> (11.03.2015).

Zitation
Benjamin Steininger: Rezension zu: Röhnert, Jan (Hrsg.): Die Metaphorik der Autobahn. Literatur, Kunst, Film und Architektur nach 1945. Köln 2014 , in: H-Soz-Kult, 18.03.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22987>.