Cover
Titel
Skateboarding. Zwischen urbaner Rebellion und neoliberalem Selbstentwurf


Autor(en)
Schweer, Sebastian
Umfang
179 S.
Preis
€ 19,99
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Hans Berner, Europäische Ethnologie, Humboldt Universität zu Berlin

Skateboarder/innen rufen mit ihrer zwischen Sport, Kunst und Artistik gelegenen Aktivität in der Öffentlichkeit sowohl Bewunderung als auch Abneigung hervor. Sozialwissenschaftliche Analysen haben sich dem Skateboarding bislang vor allem hinsichtlich seiner Beziehung zu gesellschaftlichen Machtstrukturen genähert. Dabei wurde es einerseits als urbane Rebellion und andererseits als Sphäre der Rekonstruktion hegemonialer Machtverhältnisse im Gewand der Devianz beschrieben. Sebastian Schweer unternimmt mit seiner Monographie den Versuch, mit einem ausdifferenzierten Beitrag zwischen diesen Perspektiven zu vermitteln.

In seiner Untersuchung setzt Schweer den analytischen Fokus auf ökonomische Verwertungs- und neoliberale Subjektivierungsprozesse im Skateboarding. Die Exploration des Gegenstandes entfaltet sich entlang (post-)marxistischer und philosophischer Bezüge, wobei Arbeiten von Luc Boltanski und Eve Chiapello, Jacques Rancière, Michel Foucault, Zygmunt Baumann, Peter Marcuse, David Harvey, Marc Augé und Antonio Gramsci das theoretische Fundament bilden. Deutlich inspiriert ist die Arbeit von Iain Bordens Monographie aus dem Jahr 2001[1], in der Skateboarding rebellisches Potential zugeschrieben wird, da es sich in Opposition zu auf ökonomischer Wertgenerierung ausgerichteten Stadtordnungen formiere und dadurch in Auseinandersetzungen mit hegemonialen Machtstrukturen gerate. Über den unkonventionellen Zugriff auf den Stadtraum zeige Skateboarding die soziale Konstruktion des Raumes und Verwicklungen von Raum und Macht in greifbarer Weise auf (S. 14). Schweer beabsichtigt, die Analyse Bordens zu aktualisieren, da Skateboarding seit den frühen 2000er-Jahren grundlegende Veränderungen durchlaufen habe (S. 112).

Laut Schweer schöpfe Skateboarding seinen kritischen Impetus vorwiegend aus „einer ephemer verwirklichten Eudaimonie, welche kaum in die Sprache der Verwertungslogik übersetzt werden kann“ (S. 38). Kritik an herrschenden Verhältnissen würde von Skater/innen performativ, aber selten inhaltlich im Stadtraum geübt. Das sich ortsungebunden in der Stadt abspielende Street Skateboarding, in dem Schweer Analogien zur Praxis der Dérive (S. 48) und zur Figur des Flaneurs (S. 70f.) ausmacht, entziehe sich räumlicher Fixierung im funktionalistisch geordneten Stadtraum und konfligiere damit zwangsläufig mit auf ökonomische Verwertung ausgerichteten Abläufen und Strukturen in der Stadt. Stattdessen würde diese auf neue Weise erlebbar gemacht und vergesellschaftet, indem „der gesamte urbane Raum unter andern [sic] Vorzeichen betrachtet und ent-deckt [sic] wird“ (S. 76).

Mit der Errichtung illegaler Do-It-Yourself-Skateparks ringen Skater/innen städtischen Machtstrukturen aber auch konkrete Orte ab und schaffen der Verwertungsideologie entgegenstehende „anthropologische Orte“ (S. 57). Im Sinne des foucaultschen Konzepts der Heterotopie würden dort alternative, fluide soziale Strukturen von Arbeit und Produktion entworfen: „So kann man an einem DIY-Spot morgens Bauarbeiter, mittags Skateboarder und abends Grillmeister sein“ (S. 59).

(Illegale) Skateparks könnten als dauerhafte Raumaneignungen machtkritisches, politisches Potential entfalten (S. 61f.). Am Beispiel der „Long Live Southbank“-Bewegung in London, die für den Erhalt eines unter einer Brücke gelegenen, selbstverwalteten Skateparks kämpft, zeigt Schweer, wie sich Skateboarder/innen zudem als politische Akteure inhaltlich artikulieren und Teil von gegen Gentrifizierungsprozesse gerichteten Protestbewegungen werden können (S. 89). Die der städtischen Verwaltung gegenüber kompromisslose Art und Weise der Londoner Bewegung zeuge von wahrer politischer Praxis, die „der polizeilichen Ordnung gegenüber ihr Recht auf Teil-nahme [sic] jenseits ökonomischer Nutzungsimperative in eigenem Recht stark“ (S. 93) macht.

Schweer argumentiert, dass Kämpfe um konkrete Orte allerdings die Gefahr der Einhegung und Kontrolle nach sich ziehen. So sollen neue Formen von Skateparks, sogenannte Skateplazas, „authentische“ Stadtarchitektur simulieren und als Ersatz für das freie Skaten in der Stadt fungieren (S. 80). Mit der von städtischen Autoritäten koordinierten Errichtung solcher Plazas würde die Verbannung von Street Skaterboarder/innen aus Stadträumen legitimiert. Als Beispiel verweist Schweer auf den Bau eines Skateplaza in Köln, der in Zusammenarbeit von Stadt und Skater/innen erfolgte. Die Errichtung des Skateplaza ging mit dem Erlass eines Skateverbotes für die Kölner Domplatte einher, ein in der Skateboardszene nicht nur beliebter, sondern auch historischer Ort (S. 85). Raumaneignungen können somit in Raumfixierungen umschlagen, indem Skateboarding in den Funktionszusammenhang der stadträumlichen Ordnung integriert und damit „gezähmt“ wird.

Nach Schweer werden Skateparks in der Stadtpolitik zudem zunehmend als Standortfaktoren im Rahmen von „creative city“-Ansätzen betrachtet. Die stadtpolitische Ermutigung der Skater/innen zum Bau und Betrieb eigener Anlagen diene durchaus der Förderung „neoliberaler Eigenschaften und Fertigkeiten […], wie unternehmerisches Denken, Eigenverantwortung, Kreativität, intrinsisch motivierte Hingabe und Flexibilitität“ (S. 109). Über diese Zusammenhänge macht Schweer das Skateboarding als neoliberale Sozialisationsinstanz und Gentrifizierungsfaktor aus und kritisiert, dass Skater/innen durchaus an ihrer eigenen Verdrängung mitwirken, wenn sie sich unbedacht mit städtepolitischen Autoritäten einlassen (S. 108).

Im zweiten Teil des Buches nimmt Schweer Prozesse der Institutionalisierung und Kommerzialisierung des Street Skateboardings in den Blick. Seit den frühen 2000er-Jahren würde dieses im Rahmen von familienfreundlichen und leistungsorientierten Wettkampfveranstaltungen ökonomisch verwertet. Skateboarding etabliere sich dadurch zunehmend als konventionelle Sportart ohne rebellischen Gehalt (S. 115). Weitergeführt wird dieser Aspekt von Schweer mit einem Blick auf die Debatte um die Einbindung des Skateboardings in die Olympischen Spiele, die die Frage nach der legitimen, institutionellen Repräsentation aufwirft. Die „International Skateboarding Federation“ versucht sich diesbezüglich als Skater/innen vertretende Organisation zu inszenieren, wobei Skateboarding als „Mainstreamsportart“ in akzeptable Bahnen gelenkt werden soll (S. 130f.). Diese Bestrebungen sind eng mit kommerziellen Interessen von Unternehmer/innen und Profiskater/innen verwoben, so der Autor.

Anschließend widmet sich Schweer Transformationen in der Vermarktung des Skateboardings. Auf dem Skateboardmarkt konnten sich traditionell nur von Skateboarder/innen gegründete und deshalb als authentisch geltende Unternehmen etablieren, was „die Illusion einer skateboardinternen [ökonomischen] Zirkulationssphäre“ generierte (A. 139). Am Beispiel von Nike versucht Schweer zu zeigen, wie sich Großkonzerne über gezielte Marketingstrategien als „authentisch“ betrachtete Marken im Skateboardgeschäft erfolgreich behaupten können und über kalkulierte Imagekampagnen vormals rebellische Aspekte des Skateboardings ökonomisch verwertbar machen, wodurch diese korrumpiert und damit zahnlos würden. Großkonzerne und mediale Akteure haben nach Schweer starken Einfluss auf die Definition dessen, was Skateboarding für die Öffentlichkeit und für Skater/innen ist. Es zeige sich die Flexibilität des Kapitalismus gegen ihn gerichtete Widerstandsformen zu zähmen, zu inkorporieren und schließlich in entradikalisierter Form konsumierbar zu machen.

Darüber hinaus, so Schweer, seien dem Skateboarding inhärente Anlagen neoliberalen Wertemodellen gegenüber besonders affin: „Die Sozialisation zum Skateboarder kann also, gleichsam durch die Hintertür, eine neoliberale Erziehung sein.“ (S. 165) Als „neoliberaler Selbstentwurf“ zeichne sich Skateboarding durch kurzfristige Projektorientierung, Flexibilität und hohe intrinsische Motivation (S. 157f.) seiner Akteur/innen aus. Skateboarder/innen gehen folgend als idealtypische, postmoderne und postfordistische Subjekte innerhalb eines kapitalistischen Akkumulationsregimes hervor (S. 159). Dies zeige sich besonders in der Glorifizierung prekärer Profikarrieren, in denen Risiken ausschließlich von Individuen verantwortet werden (S. 163f.). Skateboarding wird von Schweer somit als zwischen wirklich kapitalismuskritischer und wirkungsloser, kommerzialisierter Rebellion gelegene Praxis betrachtet, die sich je nach Kontext eher auf die eine oder andere Weise artikuliert. Insgesamt sei unter Skater/innen aber eine Verschiebung in Richtung „neoliberaler Wertvorstellungen“ zu verzeichnen (S. 167).

Die anregenden Thesen werden leider durch methodische Mängel getrübt. So wird der Arbeit kein systematisch expliziertes Methodenwerkzeug vorangestellt und der sozialwissenschaftliche Forschungsstand zum Skateboarding wird kaum berücksichtigt. Als Quellen dienen wenige Websites, Internetartikel und Videos, deren Generalisierbarkeit stellenweise fragwürdig erscheint. Eine empirische Analyseebene in Form von teilnehmenden Beobachtungen oder Interviews gibt es nicht: der schwerwiegendste methodische Mangel ist somit, dass die Stimmen der Skater/innen hinter der diskursiven Analyse verschwinden und nur medial vermittelt berücksichtigt werden. Schlüsse über „mentale Dispositionen“ (S. 153) und den „Alltagsverstand“ (S. 167) von Skaterboarder/innen wirken dadurch kaum gedeckt. Die Einbindung sozialer Strukturkategorien, wie Geschlecht, Klasse, „Rasse“ und Sexualität, hätte die zentrale Frage nach dem Widerstandspotential außerdem deutlich bereichern können. Dennoch ist das Buch ein gut zugänglicher Beitrag zur Frage nach dem Widerstandspotential des Skateboardings in sich gentrifizierenden urbanen Betonlandschaften.

Anmerkung:
[1] Iain Borden, Skateboarding, Space and the City, Architecture and the Body, New York 2001.

Zitation
Hans Berner: Rezension zu: Schweer, Sebastian: Skateboarding. Zwischen urbaner Rebellion und neoliberalem Selbstentwurf. Bielefeld 2014 , in: H-Soz-Kult, 17.03.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23483>.
Redaktion
Veröffentlicht am
17.03.2015
Beiträger
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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