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Titel
Formationen des Politischen. Anthropologie politischer Felder


Hrsg. v.
Adam, Jens; Vonderau, Asta
Umfang
390 S.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Maria Schwertl, Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie, Ludwig-Maximilians-Universität München

Programmatische Bände zur kulturanthropologischen bzw. europäisch ethnologischen Politikforschung oder Anthropology of Policy wurden bis dato ausschließlich im englischsprachigen Kontext veröffentlicht.[1] Mit „Formationen des Politischen“ liegt seit 2014 nun das erste Mal ein Sammelband vor, der nicht nur kulturanthropologische Perspektiven, Ansätze und Forschungsarbeiten zum Politischen aus deutschsprachigen Instituten zusammenstellt, sondern der auch eine perspektivische und methodische Weiterentwicklung der kulturanthropologischen Politikforschung anstrebt. Dass ein solcher Band bis dato nicht vorlag, ist erstaunlich, da die neu formierte Anthropology of Policy, die sich in ihrer starken Inspiration durch den Foucault’schen Blick stark von früheren Perspektiven unterscheidet, bereits seit Ende der 1990er-Jahre virulent ist und sich im deutschsprachigen Raum vor allem auch in Forschungsschwerpunkten wie EU-Europäisierung, Migration, Arbeit oder „Lebenspolitiken“ niedergeschlagen hat. Gerade deshalb war es höchste Zeit für einen solchen Band, schließlich sind in den letzten Jahren in Deutschland verschiedene Knotenpunkte einer kulturanthropologischen Politikforschung entstanden (vor allem in Berlin, Frankfurt, Mainz und Göttingen). Der Band initiiert damit erstmals einen Dialog, wie er in den kommenden Jahren fortgesetzt werden wird (z.B. durch die 28. Österreichische Volkskundetag 2016 zu „Dimensionen des Politischen“ oder durch die Neugründung der Kommission „Europäisierung_Globalisierung: Ethnographien des Politischen“ 2014 innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde). Er unterstützt folglich eine gerade an Stärke gewinnende Debatte zur kulturanthropologischen und insbesondere ethnographischen Forschung in politischen Feldern.

Asta Vonderau – gerade in Stockholm – und Jens Adam – wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Institut für Europäische Ethnologie – möchten mit dem Band nicht nur die Anthropologie von „Formationen des Politischen“ weiterentwickeln, sondern auch methodische „Möglichkeiten ethnografischen Forschens in politischen Feldern“ (S. 10) diskutieren. Während manche der dreizehn Texte eher an Perspektivierungen und Kategorien arbeiten (Wellgraf, Schwell, Hess, Farias, Binder), andere für die Berücksichtigung bestimmter Felder plädieren (so z.B. Poehls, Schwell, Wellgraf) und wiederum andere methodische Ansätze darstellen (vor allem Scheffer), verbleiben ein paar Beiträge eher Fallstudien, verdeutlichen damit aber dennoch auch die Möglichkeiten einer kulturanthropologischen Politikforschung. Alle Beiträge vermitteln mit besonderer Nähe zum empirischen Material, wie eine kulturanthropologische Politikforschung in komplexen Prozessen (denn von diesen gehen alle aus) aussehen könnte. Dennoch verbreitet keiner der Beiträge den ambivalenten Charme einer Anleitung. Besondere Stärke hat der Band dort, wo er Ethnographie mit Perspektive verbindet (wie z.B. Wellgraf, Poehls, Scheffer).

Die Einleitung von Asta Vonderau und Jens Adam erläutert nicht nur einige Grundprämissen aktueller kulturanthropologischer Zugänge zu politischen Feldern (wie den dezentralen Machtbegriff), sondern greift auch ihre derzeit extremsten Pole auf, nämlich die Infrastrukturforschung und die nichtlokale Ethnographie, der es besonders um translokale Rationalitäten geht. Entsprechend gehen sie denn auch vom Doppel des Un/sichtbaren aus und suchen nach Manifestationen „schwer fassbarer politischer Rationalitäten, Logiken, Relationen“ (S. 9) z.B. über Akteursnetzwerke, die ethnographisch besonders gut sichtbar werden. Für sie ist es „Anliegen einer Anthropologie politischer Felder, [...] Dynamiken und Relationen zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren in gegenwärtigen Machtkonstellationen und somit das Zusammenfließen heterogener Elemente zu komplexen Formationen des Politischen in den Blick zu nehmen“ (S. 10). Die Übersetzung von Konzepten wie Assemblage oder Dispositiv in ein ethnographisches Programm ist entsprechend Zielsetzung der Einleitung und des Bandes. Dazu führen sie den Begriff der Formationen ein. Während dieser sehr anschlussfähig scheint, bleibt die Betonung des Unsichtbaren unklar, schließlich sind diskursive Oberflächen durchaus sichtbar. Zudem bleibt der Begriff der Politik wie im gesamten Band unscharf. Dafür – und dies ist sehr gewinnbringend – wird im Band mit anderen Begriffen gearbeitet, die sich durchaus alle unter dem Konzept der „Formation“ fassen lassen.

Stefan Wellgraf eröffnet den ersten Teil des Buches „(Trans-)Formationen staatlicher Politiken“. Er verdeutlicht anhand von Interaktions- und Textsequenzen sowie dichten Beschreibungen und einem klugen Einsatz analytischer Perspektiven, multiple Affirmationen und Widerstände gegen Bildungsideologien und -mythen an einer Berliner Hauptschule im Schuljahr 2008/9, also ein Jahr vor ihrer Abschaffung. In der Übergangsphase spitzten sich Resistenz und Aufmüpfigkeit der Schüler/innen angesichts ihrer Stigmatisierung und der Herstellung von Chancenlosigkeit durch das Bildungssystem, aber auch die Hilflosigkeit und die von ahnungslos zu absurd und zynisch changierenden Erklärungen der Lehrer/innen so zu, dass das ideologische Kampffeld „Bildung“ als solches deutlich wird. Wellgraf erläutert nicht nur die Dethematisierung von struktureller Ungleichheit oder Diskriminierung durch die Lehrer/innen, sondern auch die Selbstbilder der Schüler/innen, die auf Fragen wie die, warum man „nicht einmal richtig ausschneiden und kleben“ könne, kynisch kontern „weil wir doch dumm sind“ (S. 43). Stefan Wellgraf transportiert mit solchen Sequenzen Aushandlungen um Macht und Subjektivierungen und stellt exemplarisch vor, wie eine kritische ethnographische Erforschung des (Bildungs)Politischen aussehen kann.

Fabian Engler und Tobias Schwarz verdeutlichen in ihren Beschäftigungen mit einerseits der Islam-Konferenz und andererseits dem Wandel des dominikanischen Staatsbürgerschaftsrechts die Möglichkeiten von Diskurs- und Dokumentenanalysen für eine kulturanthropologische Politikforschung. So zeigt Fabian Engler z.B. anhand der Sitzordnung der Islam Konferenz, dass der gesamte Dialog als Prüfungssituation gegenüber den Muslim/innen in Deutschland gestaltet ist, und anhand der Teilnehmerliste, dass der Islam hier als kulturelle Identität „unabhängig von religiösen Praxen oder eines Bekenntnisses“ (S. 81) begriffen wird. Anne-Kathrin Will wiederum erläutert in einer Art retrospektiven Analyse zur Aushandlung des Aufenthaltsrechts für traumatisierte bosnische Flüchtlinge in den 1990er-Jahren, wie Vertreter/innen der psychologischen Disziplinen und Ausländerverwaltung um den Begriff und die Diagnoseverfahren von „Trauma“ rangen.

Ignacio Farias eröffnet den zweiten Teil „Mobile Konzepte – improvisierte Ordnungen“. Ihm geht es um eine Anthropologie staatlicher Behörden oder Verwaltungen und darum, dass sie keineswegs immer Stabilitäten produzieren: Beispielsweise wenn Politiken formuliert werden müssen, obwohl es keine Modelle oder Evidenzen gibt oder die Situation unklar ist. Er betont, dass dieser Ausnahmezustand, wie er in Chile nach dem Erdbeben 2010 eintrat – als nämlich der Wiederaufbau von Häusern und Wohnungen organisiert werden musste – im neoliberalen Regieren Normalzustand ist. Entsprechend muss eine kulturanthropologische Politikforschung das Improvisieren als Modus des Politischen stärker zur Kenntnis nehmen.

Wie wichtig angesichts von neuen Politiken persönliches Vertrauen bzw. Vertrautheit sind, verdeutlicht Franziska Sperling anhand lokaler Effekte des Erneuerbaren Energiegesetzes, durch die die Landwirtschaft zum Teil auf Energiewirtschaft umstellt. Sarah Speck wiederum eruiert die Umdeutungen und Umgangsweisen mit der Subjektivierung als Mutter in SOS-Kinderdörfern.

Der dritte Teil „Reskalierungen politischer Felder“ und der vierte „Methodische Zugänge – ethnografische Positionierungen“ bringen durchweg programmatische Beiträge zusammen. Denn zum einen eröffnet Sabine Hess den dritten Teil, indem sie erläutert, wie Netzwerkpolitiken in der Praxis hervorgebracht werden, wie wesentlich dabei informelle Gespräche, Tagesordnungen und Schlussfolgerungen sind und wie sich all dies ethnographisch beforschen lässt; zum anderen erkundet Kerstin Poehls in ihrem Beitrag das Verhältnis von Staat und Einzelnem angesichts der Wirtschaftskrise in Griechenland und angesichts der neuen Vorgabe, als Steuerpflichtiger Kassenzettel einreichen zu müssen, um Konsumausgaben nachzuweisen. Und zuletzt arbeitet Alexandra Schwell vier Faktoren bzw. Foki eines kulturanthropologischen Zugangs zu Sicherheit heraus, nämlich Kontext (z.B. das Schengen-System), Werkzeuge (z.B. Kontrollmaßnahmen), Akteure und Inszenierung / Materialisierung (z.B. medial).

Ein echtes Highlight des Bandes stellen die letzten beiden Beiträge dar, die im vierten Teil nebeneinander gestellt worden sind: Thomas Scheffer veranschaulicht anhand der Arbeit in Abgeordnetenbüros das Verfahren der transsequentiellen Analyse und ihre Potentiale für die Analyse des kollektiven Schaffens. Ausgehend von der Frage „Was erfordert die Teilnahme am politischen Wettbewerb und wie formt dieser Wettbewerb Beiträge und Beitragende?“ (S. 337) erläutert Scheffer, wie ein Politikpapier in einer Sequenz von Ereignissen, die auf andere Episoden vor- und zurückgreifen, entsteht und welche Rolle die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Mitarbeiter/innen von Abgeordneten dabei spielt. Die Produktion von Politikpapieren wird damit zugleich als Routine, dringlich und spannend wahrnehmbar.
Ausgehend von einer Auseinandersetzung mit den Zugängen von Shore und Wright zu politischen Prozessen sowie von Rabinow zum Zeitgenössischen übt Beate Binder am Ende des Bandes Kritik an einer mangelnden Reflexivität der Anthropology of Policy was Geschlecht und Sexualität, aber auch die Nähe von Politik und Wissenschaft angeht. Die gender- und queertheoretisch informierte Intervention Beate Binders legt einen Fokus darauf nahe, wie Geschlecht und normative Vorstellungen, wie z.B. Heteronormativitäten, in Politiken mobilisiert und durch sie stabilisiert werden und den politischen Raum strukturieren. Der Einbezug queertheoretischer Perspektiven ermöglicht zudem ein Forschen aus der Politik heraus, statt über Politik – so Binder.

Diese Reflexion der eigenen Positionierungen, Kritik und der Nähe zwischen Wissenschaft und Politik, die am Ende steht, hätten dem Band in Gänze gut getan, wenn sie auch zuvor in einzelnen Artikeln immer wieder aufscheint. Dies hätte nicht nur zu einer größeren Brennschärfe auf den Begriff des Politischen beigetragen, sondern auch zu mehr methodischen Reflexionen in jedem einzelnen Beitrag. Beides hätte andererseits auch durch eine Zusammenschau am Ende des Bandes noch einmal geleistet werden können. Eine solche wäre ohnehin schön gewesen, zumal so der Aufschlag der „Formationen des Politischen“ am Ende noch einmal hätte überprüft werden können. So ist zwar jeder einzelne Beitrag informativ, nicht jeder leistet aber konzeptuelle oder methodische Arbeit. Zudem fehlt eine durchgehend gendersensible Schreibweise im Band. Trotz dieser Mankos leistet der Band disziplinär einen mehr als wichtigen Beitrag und ist nicht nur all jenen zu empfehlen, die sich methodisch und perspektivisch in kulturanthropologischen Zugängen zum Politischen orientieren wollen, sondern auch jenen, die sich für die Alltäglichkeit politischer Formationen interessieren.

Anmerkung:
[1] Vgl. etwa: Chris Shore / Susan Wright (Hrsg.), Anthropology of Policy. Critical Perspectives on Governance and Power, London 1997; Cris Shore / Susan Wright / Davide Però (Hrsg.), Policy Worlds. Anthropology and the Analysis of Contemporary Power, New York 2011; Aradhana Sharma / Akhil Gupta (Hrsg.), The Anthropology of the State. A Reader, Malden 2006.

Zitation
Maria Schwertl: Rezension zu: Adam, Jens; Vonderau, Asta (Hrsg.): Formationen des Politischen. Anthropologie politischer Felder. Bielefeld 2014 , in: H-Soz-Kult, 25.09.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23857>.
Redaktion
Veröffentlicht am
25.09.2015
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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