W. Johnston: Zur Kulturgeschichte Österreichs und Ungarns 1890–1938

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Titel
Zur Kulturgeschichte Österreichs und Ungarns 1890–1938. Auf der Suche nach verborgenen Gemeinsamkeiten


Autor(en)
Johnston, William M.
Erschienen
Umfang
328 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gabriele-Maria Schorn-Stein, Rüsselsheim

Der amerikanische Historiker William M. Johnston, dessen wissenschaftlicher Schwerpunkt auf der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte liegt und hier im Besonderen auf der österreichischen Kulturgeschichte, widmet sein neuestes Werk der „Kulturgeschichte Österreichs und Ungarns“ im Zeitraum von 1890 bis 1938. Im Unterschied zu seinen bereits vorliegenden Standardwerken wie „Österreichische Kultur-und Geistesgeschichte“[1] oder „Der österreichische Mensch“[2], begibt sich Johnston dieses Mal auf Spurensuche nach Gemeinsamkeiten der österreichischen und der ungarischen Kultur. Um es schon zu Anfang vorwegzunehmen, diese kulturellen Gemeinsamkeiten gab es durchaus und somit kann man auch, wenn es um die Frage nach der Einordung in die entsprechende Forschungslandschaft geht, durchaus von einer gemeinsamen Österreichisch-Ungarischen Kulturgeschichte sprechen.

Man fragt sich als Leser, was William M. Johnston dazu veranlasst hat, seinen Blickwinkel nunmehr auf die Kulturgeschichte der Doppelmonarchie zu richten. Jahrelange intensive bibliografische Recherche und Prüfung neuer und neuester Beiträge zur bildenden Kunst in Österreich und Ungarn, eine Reihe an Vorlesungen in Österreich und ein Beitrag zur Ausstellung „Wien um 1900“ in seiner neuen Heimat Australien boten William M. Johnston die Chance, seine Forschungen zur Thematik zu vertiefen (S. 12).[3] Von Interesse ist dabei auch die Debatte darüber, warum so viele Fürsprecher einer gemeinsamen Kultur in erster Linie Ungarn waren und nur in geringerem Maße Österreicher. Johnson nutzt seine Expertise dazu, diese Diskussion mit seinen neuesten Forschungsergebnissen zur gemeinsamen Kultur Österreichs-Ungarns zu bereichern und eine Neu-Konzeptualisierung zu fordern: konkret, die alten und die neuen Paradigmen zueinander in Beziehung zu setzen (S. 28).

Von den zahlreichen vom Autor behandelten Fragen sind zwei für das Verständnis dieser komplexen Materie von besonderer Bedeutung. Gleich eingangs thematisiert Johnston den Umstand, dass viele innovative Ideen zu Österreich und Ungarn nach ihrer Erstveröffentlichung in Artikeln nie zu Büchern weiterentwickelt wurden (S. 21). Hier setzt der Autor mit seiner Abhandlung über die kulturellen Gemeinsamkeiten der Doppelmonarchie an. Den größten Stellenwert innerhalb dieses Werks aber nimmt die Behandlung der Frage ein, warum die hier genannten Historiker ungarischer Nationalität beziehungsweise ungarischer Herkunft bislang in der Forschung vernachlässig worden sind. Diese Historiker und Literaturwissenschaftler haben doch gerade mit ihren Beiträgen entscheidend zum Verständnis der Kulturgeschichte Österreichs und Ungarn beigetragen und nicht unerhebliche Maßstäbe gesetzt, woran Johnston mit seinem Werk anzuknüpfen versucht.

Im ersten Teil beschäftigt sich der Autor mit „wegweisenden Historikern“, denen bis vor kurzem nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt wurde, obwohl sie mit ihren Denkmodellen zur österreichisch-ungarischen Kultur erhebliche Pionierarbeit geleistet haben und dabei besonders die Gemeinsamkeiten hervorheben. In diesem Zusammenhang ist das 3. Kapitel besonders hervorzuheben, in dem Johnston die von dem rumänischen Kulturphilosophen Virgil Nemoianu dargelegte Konzeption einer spezifischen „mitteleuropäischen Bildungsethik“ analysiert, die im Wesentlichen besagt, dass sich das Bürgertum in allen Teilen des Habsburgerreiches bildungstechnisch voll ausleben konnte (S. 64). Des Weiteren befasst sich Johnson mit den gemeinsamen Arbeiten des österreichischen Wirtschaftswissenschaftlers Wolfgang Grassl und des englische Philosophen Barry Smith, die mit ihrer „Theorie Österreichs“ nachdrücklich auf die Gemeinsamkeiten österreichischer und ungarischer Kreativität hinweisen (S. 112). Auch Peter Weibels Idee einer „Dritten Kultur“, worunter dieser die Desillusionierung der Kulturkritiker versteht, die seines Erachtens maßgeblich zu dauerhaften wissenschaftlichen und künstlerischen Leistungen beigetragen hat, wird dargelegt (S. 132) und auch der bereits von Hugo von Hofmannsthal benutzte Begriff des „österreichischen Menschen“ spielt bei William M. Johnston eine besondere Rolle.

Im zweiten Teil wendet sich Johnston „wegweisenden Themen“ zu. Die immer wieder auftauchenden Begriffe „Wien um 1900“ und „Budapest um 1905“ werden hier einer kritischen Analyse unterzogen, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Was diese beiden auch immer an Gemeinsamkeiten aufzuweisen haben, die Einwände, die sie auf sich beziehen, sind durchaus verschieden und warten darauf, neu erforscht zu werden (S. 265).

Letztlich kommt Johnston zu dem Schluss, dass fast alle der genannten Gelehrten, in der Mehrzahl nicht österreichische, die Kultur der Doppelmonarchie überwiegend positiv bewertet haben, vor allem was die Parallelen bei der Musik, Stichwort „Operette“ (hier geht Johnston auf die Arbeiten des Historikers Moritz Csáky ein) und Architektur, anbelangt. Man dürfe bei aller Betonung der Gemeinsamkeiten jedoch nicht kritiklos harmonisieren. Im letzten Kapitel fordert Johnston dazu auf, die Leitha, die Cisleithanien und Transleithanien voneinander trennte, zu einem „Fluss der Erinnerung“ zu machen, indem er die schöpferischen Geister der Doppelmonarchie würdigt. War es doch deren Elan, mit dem sie Fakten und Theorie miteinander verknüpften, der sie zu intellektuellen Brückenbauer von Ausdauer und breitgefächerter Relevanz machte (S. 282; S. 280 bis S. 287).

Auf dem Gebiet der Doppelmonarchie zu forschen, sieht William M. Johnston weiterhin als notwendig an: Mit seinem Werk über die kulturellen Gemeinsamkeiten Österreichs und Ungarns hat er dazu einen weiteren Anstoß gegeben. Die von ihm eingearbeiteten 300 Bücher und Artikel bilden eine hervorragende Grundlage für die von György Vajda skizzierte Aufgabe, eine multidisziplinäre Phänomenologie zu erstellen, aus der ersichtlich wird, worin jeweils die Kultur der Doppelmonarchie im Ganzen den partikularen Kulturen Österreichs und Ungarns ähnlich oder verschieden war (S. 289). Mit dieser vergleichenden „Kulturgeschichte Österreichs und Ungarns“ ist William M. Johnston ein beeindruckendes Werk gelungen, das die oft umstrittenen, aber nicht von der Hand zu weisenden kulturellen Parallelen innerhalb der Doppelmonarchie aufdeckt. Seine aufwendigen und jahrelangen Recherchen, die einen ganz entscheidenden Beitrag für dieses Forschungsgebiet leisten, sollten ein Anreiz dafür sein, sich noch intensiver mit dieser Thematik auseinander zu setzen.

Anmerkungen:
[1] William M. Johnston, Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte. Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848 bis 1938, Wien 1974 [im Original englisch, 1972].
[2] William M. Johnston, Der österreichische Mensch. Kulturgeschichte der Eigenart Österreichs, Wien 2009 [im Original deutsch]. Vgl. dazu die Rezension von Anita Mayer-Hirzberger, in: H-Soz-Kult, 08.04.2010, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13800> (22.06.2015).
[3] Siehe dazu allgemein: William M. Johnston, The Political and Cultural Background of Vienna: A Golden Age of Cultural Exchange, in: Christian Witt-Dörring (Hrsg.), Vienna. Art and Design: Klimt, Schiele, Hoffmann, Loos, Melbourne 2011, S. 15–25; S. 282.

Zitation
Gabriele-Maria Schorn-Stein: Rezension zu: Johnston, William M.: Zur Kulturgeschichte Österreichs und Ungarns 1890–1938. Auf der Suche nach verborgenen Gemeinsamkeiten. Wien 2015 , in: H-Soz-Kult, 07.07.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24312>.
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Veröffentlicht am
07.07.2015
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