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Titel
Verletzte Identitäten. Der Kampf um den Opferstatus im bosnisch-herzegowinischen Nachkrieg


Autor(en)
Mijić, Ana
Erschienen
Frankfurt am Main 2014: Campus Verlag
Umfang
439 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus-Jürgen Hermanik, Universität Graz

Dieses Buch stellt die „leicht überarbeitete Fassung“ (S. 9) der im Jahr 2013 an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien approbierten Dissertation der Autorin dar. Die Hauptfragestellung betrifft die Oszillation zwischen einer Ich- und einer Wir-Gruppenidentität und dem Nachweis der jeweiligen Selbstviktimisierung der ethnischen Wir-Gruppe. In einem empirischen Forschungsteil wurden dazu zwischen 2007 und 2009 in unterschiedlichen Teilen Bosnien-Herzegowinas (BiH) Interviewdaten erhoben (insgesamt 30), von denen sechs Interviews, ausschließlich mit Männern, als so genannte „primäre Datengrundlage“ (S. 165) anhand der methodischen Grundlagen der „objektiven Hermeneutik“ interpretiert werden. Das theoretische Fundament für diese empirischen Untersuchungen stellen etwa der von Berger und Luckmann formulierte wissenssoziologische Hintergrund aus „Die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit“[1], sowie Luckmanns „Ansatz der Persönlichen Identität“ (S. 32) und vor allem die „Deutungsmusteranalyse“ nach Oevermann. Eine „konstruktivistische Sichtweise auf Ethnizität“ (S. 33) wird von der Autorin dabei für ihre Untersuchung bevorzugt.

In der Einleitung werden die wissenschaftlichen Thesen zwar zunächst noch sehr allgemein formuliert wie etwa „die starke Verwobenheit des „Ich“ mit dem (ethnischen) „Wir“ (S. 16), das im Grunde in jedem Werk über BiH als eine Schablone angesehen werden kann, oder weiter „die Widersprüchlichkeit der Erzählungen oder Narrative der einzelnen Volksgruppen in der kriegsgeschüttelten Region“ (S. 16), aber im selben Atemzug wird betont, dass diese Fragestellungen in weiterer Folge schrittweise präzisiert würden. In der Einleitung geht es allerdings noch recht unpräzise weiter, da politische Themenfelder wie die Dayton-Verfassung und deren Auswirkungen (S. 26 und 28), die kulturwissenschaftlichen Vorstellungen vom Balkan (S. 27) oder historische Konfliktlinien in BiH (S. 29) nur äußerst vage skizziert werden. Konkreter wird die Autorin erst, wenn sie ihre zentrale Fragestellung formuliert (S. 31). Bei dem oben bereits genannten sowohl theoretischen als auch empirischen Zugang darf die konsequente Akteursbezogenheit der Untersuchungen als durchaus positiv hervorgehoben werden; aus Sicht des Rezensenten sind allerdings die suggestiv wirkenden Zuschreibungen bei der Nennung der Gewährspersonen wie etwa „Der Analyst“, „Der gute Mensch“ oder „Der gute Hirte“ nicht unproblematisch.

Der konzeptionelle Rahmen der Untersuchung ist durchaus üppig ausgefallen. Auch darin dominieren konstruktivistische Konzepte der Wissenssoziologie und es tauchen mitunter Begriffe wie „Symbolische Sinnwelten“ (S. 56) oder „Wirklichkeitsperspektiven“ (S. 59) auf, die operative Bezüge zum Untersuchungsthema herstellen. Den Phänomenen der Kollektiven Identität, des Nationalstaats und der Ethnizität, die nicht nur alternierend, sondern auch hierarchisierend oder auch als Dimension sozialer Ungleichwertigkeit gedacht werden, wird in diesem Abschnitt, der mit der Beschreibung der bereits genannten Deutungsmusteranalyse schließt, ausführlich nachgegangen. Auch der methodischen Herangehensweise widmet die Autorin ein weiteres Kapitel, das mit der „objektiven Hermeneutik“ (S. 146) eingeleitet und mit dem Einsatz der Methoden im Forschungskontext fortgesetzt wird. Dabei kommt es gerade im Abschnitt „Zum Problem des interkulturellen Verstehens“ zu einer starken Einengung auf Schütz (S. 175) oder Reichertz (S. 180); rezente Werke aus der Kulturanthropologie oder den Translationswissenschaften gerade zu dieser Thematik bleiben vollkommen ausgeblendet. Im empirischen Teil wird dann nochmals eine „forschungsleitende Hauptthese“ formuliert, nämlich, „dass die bosnisch-herzegowinische Nachkriegsgesellschaft wesentlich durch eine Spannung gleichzeitiger Legitimierung und Delegitimierung hierarchisierender Ethnizität charakterisiert ist“ (S. 194).

Die Interviewanalyse selbst beginnt mit dem Transkript der Tonbandaufzeichnungen, wobei der Rezensent in diesem Teil bisweilen mit der Ausdrucksweise der Autorin hadert wie etwa mit dem Vergleich „[…] am Anfang des Transkriptes und damit am Anfang der protokollierten Wirklichkeit“ (S. 196). Grundsätzlich stellt die Autorin allerdings ihre Interviewpraxis sehr anschaulich und nachvollziehbar dar. So gennannte „Fallstrukturhypothesen“ leiten den jeweiligen Analyseteil ein. Bei den zeithistorischen Kontexten in den Interviews hätte man sich aber mehr an zeithistorisch kontextualisierender Fachliteratur gewünscht, etwa zur Auseinandersetzung mit den Ustaše (S. 214), zur Politik der HDZ (S. 220), zur ‚Operation Oluja‘ (S. 333) oder vor allem auch zum bratsvo-jedinstvo-Konzept im sozialistischen Jugoslawien, das im Buch bloß als Aufhänger für eine „jugo-nostalgische Perspektive“ (S. 275) betrachtet wird. Besser hingegen sind die Zuspitzungen in den Interpretationen von Einzelinterviews wie beispielsweise: „Die Herstellung von Evidenz, das heißt das reproduzierende Muster des ‚Krisenmanagements‘, verläuft über eine persistente Reproduktion kollektiver Narrationen und den damit verbundenen Deutungsmuster seiner Gesellschaft.“ (S. 239)

Vergleiche der Einzelinterviews schiebt die Autorin einfach ein und nennt diese Einschübe „Kontrastierende Zwischenbetrachtung“, wovon es einige gibt (S. 295, 308, 323, 333, etc). In den Protokollen wird die Darstellung von lokalen ethnischen Grenzen kroatisch versus serbisch versus bosniakisch freilich hervorgehoben und damit die Relation zur Hauptfragestellung hergestellt. Allerdings gab es auch bereits vor dieser Untersuchung in der Fachliteratur einen durchaus einhelligen Tenor, dass in BiH ethnische Grenzen reproduziert wurden und werden, wovon sich die Nachkriegsgesellschaft eben noch nicht befreien konnte. In diesem Zusammenhang hätte man auf jeden Fall die Rolle des „Hohen Repräsentanten für BiH“ erwähnen müssen, was angesichts des derzeit im Amt befindlichen Österreichers Valentin Inzko noch naheliegender gewesen wäre.

Wenn man die Stärken in dieser Monographie hervorheben will, dann sind das vor allem die Analysen zur Selbstviktimisierung im Nachkriegsbosnien. Die Darstellung dieser Opfermythen (S. 373–414), egal ob er nun vom einzelnen Akteur allein oder für eine ethnische Gruppe kreiert wird, kann insgesamt als durchaus gelungen bezeichnet werden, obgleich sich für den Rezenten ein Vergleich mit dem Opfermythos im Nachkriegsösterreich hier aufgedrängt hätte. Insgesamt jedoch darf resümiert werden, dass die in dieser Monographie vorliegenden Forschungen zur Selbstviktimisierung im Nachkriegsbosnien für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen neue Blickwinkel und Facetten zu Tage treten lassen, wozu vor allem die aufwändigen empirischen Analysen ihren gewichtigen Beitrag leisten.

Anmerkung:
[1] Peter L. Berger / Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt am Main 1969.

Zitation
Klaus-Jürgen Hermanik: Rezension zu: Mijić, Ana: Verletzte Identitäten. Der Kampf um den Opferstatus im bosnisch-herzegowinischen Nachkrieg. Frankfurt am Main 2014 , in: H-Soz-Kult, 04.02.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24806>.
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Veröffentlicht am
04.02.2016
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