W. Pensold: Eine Geschichte des Fotojournalismus

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Titel
Eine Geschichte des Fotojournalismus. Was zählt, sind die Bilder


Autor(en)
Pensold, Wolfgang
Erschienen
Wiesbaden 2015: Springer VS
Umfang
210 S.
Preis
€ 22,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Felix Koltermann, Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Universität Erfurt

Fotografische Bilder sind allgegenwärtig in journalistischen Medien, auch wenn nur noch ein kleiner Teil von ihnen aus professioneller, fotojournalistischer Produktion stammt. Damit stellt sich die Frage nach der Zukunft des Fotojournalismus, vor allem ausgehend von Phänomenen wie der Digitalisierung der Fototechnik sowie neuen Kommunikationsplattformen in den sozialen Medien. Dabei kann der Fotojournalismus auf eine mehr als 150-jährige Tradition zurückblicken. Der Wiener Kommunikationswissenschaftler und Kurator Wolfgang Pensold, tätig am Technischen Museum Wien in der Sammlungsbetreuung, hat nun ein Buch vorgelegt, mit dem er „Eine Geschichte des Fotojournalismus“ von seinen Anfängen bis hin zu aktuellen Phänomenen wie dem „Citizen Photographer“ erzählt.

Im Vorwort führt Pensold kurz und prägnant die Wurzeln des Fotojournalismus auf drei Phänomene zurück: die Entwicklung der Fotografie als bildtechnisches Medium, die Entstehung der illustrierten Massenpresse sowie den Journalismus und seine ideellen Grundlagen (S. 7–9). Die Aufteilung der anderen 22 Kapitel, die meist auf acht bis zehn Seiten prägnant ein Thema analysieren, orientiert sich zum Großteil an kriegerischen Ereignissen wie den beiden Weltkriegen, dem Vietnam-Krieg oder den Terroranschlägen von 9/11 und Themenkomplexen wie dem Übergang vom Pressezeichner zum Pressefotografen oder Phänomenen wie der Digitalisierung und dem „Citizen Journalism“.

Im Vordergrund des Buches stehen die Fotografen und ihre Tätigkeit, allen voran wichtige Vertreterinnen und Vertreter des Fotojournalismus wie August Sander, Don McCullin oder James Nachtwey, anhand deren Biografie und Schaffen Pensold das Panorama des Berufsfelds auffaltet. Eingewoben in den Band sind Auseinandersetzungen mit zentralen Bildikonen des Fotojournalismus wie zum Beispiel Dorothea Langes Porträt „Migrant Mother“ (S. 61), Robert Capas Bild eines sterbenden Soldaten (S. 67) oder der von Joe Rosenthal inszenierten Hissung der amerikanischen Flagge auf Iwo Jima (S. 81).

Aufschlussreich ist der Band dort, wo er den Fokus auf eher weniger bekannte Phänomene oder Perioden des Fotojournalismus legt. Dies gilt beispielsweise für die Kapitel über das Bild der deutschen Gesellschaft in der Fotografie der Weimarer Republik (S. 41f.), die Rolle der Fotografie in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA (S. 101f.) oder die Dokumentation von AIDS (S. 163f.). So arbeitet er in Bezug auf die deutsche Zwischenkriegszeit die Bedeutung der Arbeiterfotografen-Bewegung und ihrer Medien wie der Arbeiter-Illustrierte Zeitung heraus (S. 43f.). Für die USA zeichnet er pointiert nach, wie Fotografen einer humanistischen Tradition des Fotojournalismus folgend aufgrund ihres Engagements für die schwarze Bürgerrechtsbewegung selbst zum Ziel rassistischer Übergriffe und damit zu Protagonisten wurden (S. 104).

Einen roten Faden der Darstellung bildet ferner die Auseinandersetzung mit der professionellen Rolle von Pressefotografen und daraus resultierenden ethischen Fragestellungen. Pensold zeigt beispielsweise, wie Robert Capa bei seiner Dokumentation der Gründung eines jüdischen Staates in Palästina zum Parteigänger Israels wurde und sich aufgrund seiner persönlichen Biografie vom objektiven Beobachter zum emotional beteiligten Verbündeten entwickelt hat (S. 93). Anhand von Don McCullins Arbeit in Biafra thematisiert er Fragen nach Nähe und Distanz. Er führt aus, dass Don McCullin seine Bereitschaft Sterbende zu fotografieren an deren sanftem Blick festmachte (S. 125). Bei der Beschäftigung mit der Ästhetisierung des Elends in der Arbeit Sebastião Salgados entlarvt Pensold anhand eines Porträts aus dem Äthiopien der 1980er-Jahre die Interpretation, dass Fotografen klassische Gemälde imitieren würden als Mythos (S. 156).

Zur guten Lesbarkeit des Buches trägt der journalistische und zum Teil essayistische Schreibstil bei, der einem angenehmen Duktus folgt. Der Leser ist damit nah an den Personen und Ereignissen. An einigen Stellen führt dies jedoch zu einem narrativen Schreibstil, der den Eindruck vermittelt, Pensold wäre bei den beschriebenen Ereignissen selbst dabei gewesen: „Morris ist nervlich am Ende, muss raus aus dem Krieg, zumindest für eine gewisse Zeit“ (S. 142) heißt es beispielsweise im Kapitel über die Balkankriege. An Stellen wie diesen rächt sich, dass der Autor fast ausschließlich auf Sekundärliteratur zurückgreift. Darüber hinaus führt seine starke Orientierung an den Protagonisten auch dazu, dass Aussagen unhinterfragt stehenbleiben. So heißt es im Kapitel über die fotografische Dokumentation der Terroranschläge von 9/11 in Bezug auf die Arbeit James Nachtweys vor Ort: „Da mittlerweile auch schon der Südturm in Flammen steht, ist auch ihm klar, dass es sich um einen Terroranschlag Osama Bin Ladens handelt.“ (S. 168) Woher Nachtwey dieses Wissen zu diesem Zeitpunkt gehabt haben will, wird leider nicht hinterfragt.

Schade ist, dass auf die organisatorische und institutionelle Seite des Fotojournalismus leider nur an einigen wenigen Stellen eingegangen wird. Selbst in Kapiteln wie „Magnum Photos. Bilder der Menschlichkeit“ (S. 91), wo es um die Entstehung einer der wichtigsten Fotografenagenturen weltweit geht, wird eher auf die einzelnen Projekte der Fotografen und deren persönliche Erfahrungen eingegangen, anstatt der Organisation und ihrer Funktionsweise auf den Grund zu gehen. Auch an anderen Stellen zeigt sich diese Verkürzung. So wird die Entstehung eines neuen fotojournalistischen Marktes in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Hinweis auf die neuen Magazine „Der Spiegel“, „Quick“ und „Stern“ in nur einem Satz abgetan (S. 97).

Damit bleibt das Potential, die im Vorwort hergeleiteten Wurzeln des Fotojournalismus durch seine Geschichte zu verfolgen, leider an vielen Stellen ungenutzt. Darüber hinaus versäumt der Autor es, seine Auswahl an zeitgeschichtlichen Perioden und Ereignissen sowie Protagonisten zu orientieren. Viele Fragen, die sich stellen könnten, werden nicht einmal angerissen: Wo werden die Fotografen ausgebildet und wie lernen sie ihr Handwerk? Was sind die Standards und ethischen Codes der Branche, wie werden sie kodifiziert und weitergegeben? Wie funktioniert der Fotojournalismus außerhalb der westlichen Welt? Was sind die zentralen Veränderungen auf dem Bildermarkt und in der Fotojournalistengemeinde in den letzten 20 Jahren?

So eignet sich Wolfgang Pensolds Publikation vor allem als Einsteigerband, um einen pointierten Überblick über wichtige Vertreter und Vertreterinnen des Fotojournalismus sowie zentrale Ereignisperioden zu bekommen. Viel mehr kann und darf man auf den knapp 200 Seiten auch nicht erwarten. Für versierte Kenner des Themenfeldes bietet der Band jedoch wenig Neues. Auch wer auf der Suche nach einer umfassenden Verknüpfung von Sozial-, Medien- und Technikgeschichte in Bezug auf den Fotojournalismus ist, muss sich weiterhin anderweitig umsehen. Insofern ist der Titel des Bandes, der eben nur EINE Geschichte aber nicht DIE Geschichte des Fotojournalismus verspricht, treffend gewählt.

Zitation
Felix Koltermann: Rezension zu: Pensold, Wolfgang: Eine Geschichte des Fotojournalismus. Was zählt, sind die Bilder. Wiesbaden 2015 , in: H-Soz-Kult, 14.12.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25155>.
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Veröffentlicht am
14.12.2015
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