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Titel
'Eine Chronik gemischter Gefühle'. Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945. Bilanz einer Wanderausstellung


Autor(en)
Buss, Hansjörg; Göhres, Annette; Linck, Stephan
Erschienen
Bremen 2005: Edition Temmen
Umfang
350 S.
Preis
€ 12,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Uwe Schmidt, Großhansdorf

Vorweg: Der bei weitem wichtigste Beitrag dieses zweiten kirchenoffiziösen Sammelbandes [1] zur Wanderausstellung der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (NEK) zum Thema “Kirche – Christen – Juden” ist die ausgezeichnete, umfassende Analyse, die Hanna Lehmig, Beauftrage der NEK für den christlich-jüdischen Dialog, vorgelegt hat: „Antisemitismus in der Kirche – wie kam es dazu? Schleswig-holsteinische Theologen in der NS-Zeit“ (S. 271-280). Das real existierende Luthertum, repräsentiert durch Theologen, die im Wilhelminischen Reich sozialisiert waren und hier ihre Ausbildung erfahren hatten, orientierte sich an einem Wertekanon, den Lehmig mit den vier Vokabeln national, sozial, antisemitisch und christlich umschreibt. Diese Positionierung lag auf der Linie einer fast zweitausendjährigen christlichen Theologie, welche dem Judentum als „Fluch Gottes“ nur eine negative Existenzberechtigung zuerkannte. „Eine solche Theologie“, resümiert Lehmig (S. 278), „kann nicht menschlich sein“. Lehmigs Analyse ist einbezogen in den 90 Seiten (S. 249-339) umfassenden dritten Teil des Sammelbandes. Dieser enthält insgesamt 18 „Beiträge“ von zehn Autoren.

190 von insgesamt 350 Seiten umfasst der Hauptteil des Buches: Die Ausstellungsorte. Hier wird nach einem einleitenden einheitlichen Schema lebendig, hochaktuell und bewegend über 33 evangelische Gemeinden – unter ihnen acht Hamburger Gemeinden – und ihre ganz spezifische Auseinandersetzung mit der Thematik „Christen und Juden“ berichtet. Die nach Exponaten und Konzeption eher bescheiden zu nennende Ausstellung der NEK diente zumeist nur als Vehikel, um an Ort und Stelle die Bereitschaft zu kritischer Erinnerung zu mobilisieren und diese auch zu dokumentieren. Dieses ist besonders eindrucksvoll in den Hamburger Stadtteilen Altona und Harburg, zwei bis 1937 noch preußischen Städten mit einer durchaus eigenständigen Geschichte, gelungen. Hier haben sich, weitgehend unabhängig von der Ausstellungskonzeption, der Gemeinde verbundene Kenner der Zusammenhänge engagiert: Der Historiker und Lehrer Klaus Möller – zusammen mit seinen Schülern seit vielen Jahren auf Spurensuche – führt uns das Leben und Leiden der Wilhelmsburger Familie des Hans Leipelt, zugehörig zum Hamburger Zweig der „Weißen Rose“, der Harburger Familie Goldberg und der „Mischlingsfamilie“ Laser vor Augen. Im Zusammenwirken mit der Regionalsynode hat der Historiker Bernhard Liesching eine eigene wissenschaftliche Studie über die Einwirkung des Nationalsozialismus auf die Stadt Altona vorgelegt (S. 118).[2] Dort, wie in Elmshorn, wo trotz eines erstaunlichen Engagements die Resonanz gering war, erfolgt eine Bestandsaufnahme, und es wird auch nicht verschwiegen, dass im Ausnahmefall wie in Eckernförde die örtlichen Pastoren und ihre Kirchenmitglieder noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen sind: Die Zeit des Nationalsozialismus ist hier noch wenig aufgearbeitet, die Befangenheit und auch die Schuldgefühle sind bei vielen immer noch groß und blockieren die Bereitschaft, sich mit der Vergangenheit kritisch auseinanderzusetzen. Im Mittelpunkt des Berichtes über Plön steht die Schleswig-Holsteinische Bildungsanstalt des Kaiserin-Viktoria-Gymnasiums und Realgymnasiums, in welcher der zeitweilige (1934-1935) Reichsleiter der Deutschen Christen Christian Kinder 1914 die Abiturprüfung ablegte. Drei weitere Absolventen dieser Schule wurden durch das Regime verfolgt. Es hätte nahe gelegen, auch die schon ab Mai 1933 erfolgende Umwandlung dieser ehrwürdigen Einrichtung in eine der ersten Nationalpolitischen Erziehungsanstalten des „Dritten Reiches“ zu thematisieren und zu fragen, ob Querverbindungen zur evangelischen Gemeinde bestanden. Ein einheitlicher politischer Wille, so heißt es im Jahresbericht 1933/1934, bestimmte seitdem das Leben der Schule. Die hier ausgebildete Jugend sehe „in nationalsozialistischer Haltung als letzte Erfüllung ihres Seins die bedingungslose Hingabe an den Dienst für Volk und Nation.” Zu den ersten Besuchern gehörten Alfred Rosenberg, Bernhard Rust und Ernst Röhm.

Der vorliegende Sammelband von 2005 verdeutlicht, dass die Erinnerungskultur der NEK auf drei Pfeilern gegründet ist: den beiden Synodalbeschlüssen über die Aufhebung kirchlicher Gesetze vom 18.9.1998 und der Erklärung über Christen und Juden vom 22.9.2001 [3], der Wanderausstellung und der Umsetzung der Synodalbeschlüsse durch die Gemeinden. Die in den Gemeinden und von den Besuchern geübte Kritik an der Ausstellung deckt sich in Vielem mit dem, was ich in einer Rezension [4] bereits vor 2½ Jahren thematisiert hatte: die Ausstellung kommt 30 Jahre verspätet (S. 178), sie ist für junge Menschen didaktisch und pädagogisch ungeeignet (S. 204), die Folgegeschichte nach 1945 und die Vorgeschichte vor 1933 fehlt, sodass jüngere Besucher Schwierigkeiten haben zu verstehen, warum die Menschen so wurden bzw. so waren, wie sie waren (S. 243). Fixiert zunächst vor allem auf die Medienwirkung ihres Projektes, für die sie auch den renommierten Schriftsteller Ralph Giordano instrumentalisierten, waren die Repräsentanten der NEK damals nicht in der Lage, auf eine sachbezogene Kritik adäquat zu reagieren, unterstellten dem Kritiker vielmehr triviale persönliche Motive.[5]

Vorwiegend auf die Wirkung und Repräsentanz der NEK nach außen sind auch die ersten 45 Seiten des Sammelbandes gerichtet: Das Grußwort des EKD-Vorsitzenden Wolfgang Huber hat keinen Nordelbienbezug und stellt die NEK-Ausstellung zudem in einen unangemessenen Vergleich zur gerade gänzlich neu gestalteten israelischen Gedenkstätte Yad-va-Schem, auch der an sich interessante, allgemein gehaltene Beitrag zweier amerikanischer Forscher „Die evangelische Kirche und der Holocaust“ zielt nicht auf Nordelbien und rezipiert daher auch nicht die für diesen Bereich bisher geleistete historische Forschungsarbeit. Über den nationalsozialistischen Hamburger Landesbischof Franz Tügel gewinnen die LeserInnen auch in diesem Sammelband kein klares Bild. Es hätte nahe gelegen, im Anmerkungsapparat auf die für den Hamburger Raum grundlegenden Veröffentlichungen des Hamburger Privatdozenten Rainer Hering hinzuweisen, u.a. auf seine sehr kritisch gehaltene, akribisch angelegte Tügel-Biografie, ohne die wissenschaftliche Aussagen zu diesem Thema nicht möglich sind.[6] Wichtige Aspekte über den Umgang der Kirche in Nordelbien mit ihrer Tradition hat Rainer Hering in mehreren Aufsätzen [7] herausgestellt: Beide Hamburger Landesbischöfe dieser Zeit, Simon Schöffel und Franz Tügel, dieser ein überzeugter Antisemit, befürworteten das „Dritte Reich“ und betrieben zur Sicherung ihrer eigenen Macht die Gleichschaltung der Hamburger Kirche. Bis in die späten 1960er-Jahre haben die verantwortlichen Kirchenmänner eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus verdrängt und sogar verhindert, und auch die nächsten drei Jahrzehnte waren durch Gleichgültigkeit gegenüber der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit gekennzeichnet. Auch darüber hinaus könnte die ein wenig provinziell anmutende Enge der Literaturhinweise des Sammelbandes durch Ausblicke auf die Nordelbien betreffende allgemeine historische Forschung erweitert werden: Die in Schleswig-Holstein auch in den evangelischen Gemeinden sehr verbreitete kulturprotestantische Wirkung des vormaligen Pastors und Dichters Gustav Frenssen hat Andreas Crystall [8] untersucht. Die Erforschung der vielfach engen Kooperation zwischen den evangelischen Kirchengemeinden Nordelbiens und der jeweiligen Ortsgruppe der NSDAP könnte durch die Rezeption der diesbezüglichen Studie von Carl-Wilhelm Reibel intensiviert werden. [9] Überlegungen zu einer Belebung der auch die Beziehungen zur Kirche angehenden regionalgeschichtlichen Forschung bieten die Beiträge einer Tagung des Instituts für Schleswig-Holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte. [10] In Atlasform hat der Regionalhistoriker Kay Dohnke die wichtigsten Aspekte des Nationalsozialismus in Nordelbien von 1925 bis 1945 (Gründung von Ortsgruppen, jüdischer Bevölkerungsanteil u.a.) festgehalten und vermittelt in komprimierter Form Informationen, die nur mit großem Aufwand zu recherchieren sind. [11] Wer nach den Wurzeln von Antisemitismus und Judenfeindschaft in Nordelbien und allenthalben sucht, wird zu den Aufsätzen der Tel Aviver Historikerin Shulamit Volkov greifen: [12] Juden wurden zum Symbol der als Bedrohung empfundenen Modernität, Antisemitismus verkörperte die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“. Das Bekenntnis zum Antisemitismus wurde so zu einem Zeichen kultureller Identität und der Zugehörigkeit zu einem spezifischen kulturellen Lager, zum Ausdruck bestimmter sozialer, politischer und moralischer Wertvorstellungen. Die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche täte, wenn es ihr wirklich ernst mit einer Aufarbeitung ihrer Vergangenheit ist, gut daran, sich in Richtung auf die allgemeine historische Erforschung des Nationalsozialismus stärker zu öffnen und die Kooperation mit denen zu suchen, die gerade für die Region Nordelbien seit mehreren Jahrzehnten mit diesem Thema befasst sind. Der unpassende Titel „Eine Chronik gemischter Gefühle“ (entnommen aus dem Beitrag über Eutin) sollte durch den Satz ersetzt werden: Ein bescheidenes Samenkorn fiel auf guten Boden und trug reiche Frucht.

Anmerkungen:
[1] Der erste Sammelband war 2003 unter dem Titel „Als Jesus arisch wurde. Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945. Die Ausstellung in Kiel“, Bremen 2003 erschienen, rezensiert für H-Soz-u-Kult von Matthias Wolfes, am 18.12.2003, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=3330.
[2] Liesching, Bernhard, „Eine neue Zeit beginnt.“ Einblicke in die Propstei Altona 1933 bis 1945, Hamburg 2002.
[3] Im Wortlaut abgedruckt in dem unter Anm. 1 genannten Sammelband von 2003, S.12-17.
[4] Schmidt, Uwe, Rezension für H-Soz-u-Kult am 28.5.2003: Kirche im Nationalsozialismus - Wanderausstellung Nordelbisches Kirchenarchiv, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=16&count=3&recno=2&type=rezausstellungen&sort=datum&order=down&search=schmidt=down&search=schmidt>.
[5] Kirche, Christen, Juden. Eine notwendige Erwiderung: H-Soz-u-Kult 3.7.2003. Diese Replik muss auch darum als absurd angesehen werden, weil sie sich gegen einen Kritiker richtete, der seit vier Jahrzehnten im Dialog mit Israel steht und für dieses Engagement vom Hamburger Senat am 10.12.2001 mit der „Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes“ öffentlich ausgezeichnet wurde.
[6] Hering, Rainer, Die Bischöfe. Simon Schöffel, Franz Tügel, Hamburg 1995. Auch die auf S. 326 Fußnote 8 erwähnte unveröffentlichte Examensarbeit des Jahres 2002 von: Graf, Matthias, Karl Wilhelm Friedrich Boll. Ein deutscher Christ in Hamburg, wurde von Rainer Hering angeregt und wissenschaftlich betreut; über Boll schon vorher: Hering, Rainer, Vom Seminar zur Universität. Religionslehrerausbildung in Hamburg (1997), S. 137. – Die von Boll als Adressat seiner Denunziationen gewählte auf S. 326 zweimal fehlerhaft zitierte Behörde hieß Kultur- (nicht Kultus-) und Schulbehörde.
[7] Z.B.: Hering, Rainer, „Einer antichristlichen Dämonie verfallen“. Die evangelisch-lutherischen Kirchen nördlich der Elbe und die nationalsozialistische Vergangenheit, in: Lundt, Bea (Hg.), Nordlichter. Geschichtsbewußtsein und Geschichtsmythen nördlich der Elbe (Beiträge zur Geschichtskultur 27), Köln 2004, S. 355-370; Ders.: Bischofskirche zwischen Führerprinzip und Luthertum. Die Evangelisch-lutherische Kirche im hamburgischen Staate und das „Dritte Reich“, in: Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte. Mitteilungen 23/2005, S. 7-52.
[8] Über die Nordelbien betreffende historische Forschung informiert Hering, Rainer in: Auskunft, Mitteilungsblatt Hamburger Bibliotheken 22, 3 (2002), S.352-356. Hier werden auch die Defizite der von der NEK angeregten Publikationen thematisiert.
[9] Reibel, Carl-Wilhelm, Das Fundament der Diktatur. Die NSDAP-Ortsgruppen 1932-1945, Paderborn 2002.
[10] Ruck, Michael u.a. (Hgg.), Regionen im Nationalsozialismus, Bielefeld 2003.
[11] Dohne, Kay, Nationalsozialismus in Norddeutschland. Ein Atlas, Hamburg 2001.
[12] Volkov, Shulamit, Antisemitismus als kultureller Code, München 2000.

Zitation
Uwe Schmidt: Rezension zu: Buss, Hansjörg; Göhres, Annette; Linck, Stephan: 'Eine Chronik gemischter Gefühle'. Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933-1945. Bilanz einer Wanderausstellung. Bremen 2005 , in: H-Soz-Kult, 02.03.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7107>.
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02.03.2006
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