H. Bispinck u.a. (Hrsg): Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland

Cover
Titel
Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland. Migration, Politik, Erinnerung


Hrsg. v.
Bispinck, Henrik; Hochmuth, Katharina
Erschienen
Umfang
316 S., 30 SW-Abb., 2 Karten
Preis
€ 29,90

„Lager“ in ihren vielfältigen Erscheinungsformen haben in jüngster Zeit verstärkt die Aufmerksamkeit der Forschung gefunden – nun auch system- und epochenübergreifend.[1] Als Typus und als Symbol sind sie in besonderem Maße geeignet, die Geschichte der Moderne und speziell des 20. Jahrhunderts als Geschichte der Gewalt, der Repression, der Umerziehung, der Segregation, der Internierung, der Verfolgung und Vernichtung zu erzählen und zu analysieren. Der von Henrik Bispinck und Katharina Hochmuth herausgegebene Sammelband „Flüchtlingslager in Nachkriegsdeutschland“ lässt sich einerseits in diesen Forschungstrend einordnen, setzt sich andererseits jedoch auch davon ab, indem eine andere Perspektive auf die Welt der Lager eröffnet wird. Nicht primär um die mit den Lagern verbundenen Dimensionen der Gewalt, der Unterdrückung und des Terrors geht es hier, sondern um die möglicherweise positiven Aspekte von Flüchtlingslagern. „Als Anlauf- und Aufnahmestätten für Menschen in Not“ ruft dieser spezifische Typus des Lagers „auch positive Konnotationen hervor“, so die Herausgeber (S. 13).

Der Sammelband geht auf eine Konferenz zurück, die 2013 zum 60. Jahrestag der Eröffnung des Notaufnahmelagers Marienfelde veranstaltet wurde.[2] Den Schwerpunkt bilden diejenigen Lager in der Bundesrepublik, die den Flüchtlingen aus der SBZ/DDR eine erste Anlaufstelle und temporäre Wohnstätte boten. Dazu zählten das Notaufnahmelager Marienfelde in West-Berlin, das Notaufnahmelager Gießen, das Flüchtlingsdurchgangslager Uelzen-Bohldamm, das Grenzdurchgangslager Friedland nahe Göttingen sowie das Notaufnahmelager Sandbostel für jugendliche männliche Flüchtlinge aus der DDR, denen jeweils quellenbasierte Fallstudien gewidmet sind. Der Aufsatz von Henrik Bispinck zu den so genannten „Aufnahmeheimen“ für Zuwanderer beziehungsweise Rückkehrer aus der Bundesrepublik in die DDR bietet eine sinnvolle Ergänzung der Fallstudien zu den westdeutschen Lagern. Auf diese Weise entsteht ein informatives Panorama, in dessen Rahmen die Flüchtlingslager unter verschiedenen Aspekten beleuchtet werden. Neben Fragen, die die Verwaltung der Lager betreffen, finden erfahrungsgeschichtliche Dimensionen ebenso Beachtung wie die öffentliche Wahrnehmung dieser spezifischen Orte sowie ihre propagandistische und symbolpolitische Indienstnahme. Darüber hinaus werden Fragen der erinnernden und musealen Bezugnahme auf Flüchtlingslager angesprochen. Ergänzt werden diese Fallstudien durch Beiträge, die den weiteren Kontext erschließen. Dazu zählen Jochen Oltmers Darstellung der Migrationsströme in Europa und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, eine angesichts des Schwerpunkts des Bandes etwas deplaziert wirkende, aber dennoch lesenswerte vergleichende Untersuchung der Asylpolitik in beiden deutschen Staaten von Patrice G. Poutrus sowie ein Beitrag von Arnd Kolb, der die Darstellung von Migration in Museen und Ausstellungen diskutiert.

Insgesamt gibt der Band einen informativen Überblick zum Kosmos der deutschen Notaufnahme- und Flüchtlingslager in der Zeit des Kalten Krieges. Die Autorinnen und Autoren demonstrieren überzeugend, dass der Fokus auf die Flüchtlingsströme zwischen Ost- und Westdeutschland und insbesondere auf die Lager einen gelungenen Zugriff für eine integrierte deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte bietet. Im Hinblick auf die künftige Forschung erscheinen insbesondere zwei Aspekte anregend und weiterführend.

Zum einen bietet eine auf die Welt der Lager gerichtete Perspektive, die den Blick nicht ausschließlich auf die Schrecken und das Leid lenkt, sondern auch nach den möglicherweise positiven Effekten dieser Orte fragt, in der Tat vielfältige Anregungen. Die von den Herausgebern in diesem Zusammenhang vorgeschlagene erfahrungsgeschichtliche Dimension greift insbesondere Mathias Beer in seinem Beitrag auf. Er plädiert für einen multiperspektivischen Zugriff auf die Geschichte der Flüchtlingslager, der nicht nur die häufig desintegrierende Wirkungen konstatierende Fremdwahrnehmung einbezieht, sondern ebenso die Perspektiven der Lagerbewohner berücksichtigt. Exemplarisch zeigt Beer, dass die Analyse von Ego-Dokumenten früherer Lagerbewohner einen komplexeren Zugriff ermöglicht, der insbesondere sozial-psychologische Funktionen der Lager deutlich werden lässt. Die auch im Behördenschriftgut erkennbaren, in vielerlei Hinsicht schwierigen und unbefriedigenden Lebensumstände in den Lagern werden in den Ego-Dokumenten nicht ausgeblendet, aber sie werden ergänzt. Die Lager boten ihren Bewohnern auch einen geschützten Raum, der ihnen dabei half, die schwierigen Anpassungsprozesse an die neue Umwelt zu bewältigen. Dass dieser Raum jedoch stets gefährdet sein kann, verdeutlicht der als „Exkurs“ eingefügte Text von Thomas Prenzel über die gewaltsamen Ausschreitungen gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen vom August 1992.

Interessant ist zweitens der Befund, dass sowohl die historische Erforschung der Flüchtlingslager als auch der erinnernde Bezug auf diese Orte häufig auf lokale Initiativen zurückzuführen ist, die sich um den Erhalt solcher (dann ehemaliger) Lager und deren Transformation in Erinnerungsorte bemühen. Dieser Aspekt wird in zahlreichen Beiträgen angesprochen (wenn auch häufig eher en passant), beispielsweise im Aufsatz von Andrea Genest zu Sandbostel als „sperrigem Erinnerungsort“, in der Studie von Sascha Schießl zum Lager Friedland und im Beitrag von Bettina Effner zum Notaufnahmelager Marienfelde. Hier schließen sich aus der Perspektive der Erinnerungsforschung interessante Fragen und Befunde an. Einerseits drängt sich die Frage auf, ob in diesen und vielen anderen Bemühungen der Schaffung lokaler Erinnerungsorte auch so etwas wie eine Obsession des Erinnerns deutlich wird, die inzwischen gelegentlich inflationäre Tendenzen zeigt. Man könnte durchaus fragen, ob jeder von lokalen Akteuren als historisch und erinnerungskulturell relevant eingestufte Ort eine solche (überregionale) Bedeutung tatsächlich besitzt und ob eine Strategie des exemplarischen Erinnerns an besonders aussagekräftigen Orten insgesamt nicht zuträglicher wäre. Andererseits zeigen die Befunde des Bandes, dass die lokalen, in gewisser Hinsicht ‚geerdeten‘ Erinnerungsformen nach wie vor von großer Relevanz und Konkretion sind. Mir scheint, dass die Erinnerungsforschung mit ihrer Hinwendung zu transnationalen und globalen Phänomenen des Erinnerns diese Ebene etwas aus dem Blick verloren hat – und insbesondere die Frage nach den Akteuren, die in Konzepten wie beispielsweise den „travelling memories“[3] stark in den Hintergrund getreten sind. Es ist kein kleines Verdienst dieses Sammelbandes, die Relevanz der lokalen Ebene und ihrer Akteure wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Anmerkungen:
[1] Siehe unter anderem Bettina Greiner / Alan Kramer (Hrsg.), Welt der Lager. Zur „Erfolgsgeschichte“ einer Institution, Hamburg 2013; Joël Kotek / Pierre Rigoulot, Das Jahrhundert der Lager. Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung, Berlin 2001.
[2] Siehe den Bericht von Thomas Drerup, in: H-Soz-Kult, 09.07.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4900> (03.03.2015).
[3] Astrid Erll, Travelling Memory, in: Parallax 17 (2011), Heft 4, S. 4–18, <http://www.tandfonline.com/doi/pdf/10.1080/13534645.2011.605570> (03.03.2015).

Zitation
Birgit Schwelling: Rezension zu: Bispinck, Henrik; Hochmuth, Katharina (Hrsg.): Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland. Migration, Politik, Erinnerung. Berlin 2014 , in: H-Soz-Kult, 11.03.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22913>.