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Titel
Lebenserinnerungen. Die unvollendete Autobiographie einer frauenbewegten Pazifistin, hrsg. v. Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff


Autor(en)
Stöcker, Helene
Erschienen
Umfang
390 S.
Preis
€ 39,90

Die Veröffentlichung der Lebenserinnerungen der Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Friedensaktivistin Helene Stöcker (1869–1943), die Reinhold Lütgemeier-Davin und Kerstin Wolff in Kooperation mit der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel, zu verdanken ist, war schon längst fällig. Ob man sich für die bürgerliche Frauenbewegung um 1900 oder für die Friedensbewegung von ihrer Entstehung bis 1933 interessiert, oder noch für andere Formen und Akteure der Lebensreformbewegung – oft stößt man auf Helene Stöcker. Als freidenkender Mensch ließ sie sich nicht festlegen und war offen für viele Denkströmungen ihrer Zeit. Ihr Interesse reichte von der Philosophie Nietzsches über die Sexualreform bis zum Sozialismus. Wer sich näher mit Helene Stöcker auseinandersetzen möchte, verfügt zwar über eine Vielzahl von veröffentlichten Artikeln, über einzelne Bücher und die von ihr von 1908 bis 1932 herausgegebene Zeitschrift „Die Neue Generation“ (das Organ des Bundes für Mutterschutz), aber ihre – wohlgemerkt unvollendeten – Lebenserinnerungen lagen bisher nur als Manuskript in der Peace Collection im Swarthmore College vor. Darüber hinaus kann das Manuskript auch im Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel, im FrauenMediaTurm in Köln sowie im Stadtarchiv Wuppertal (Stöckers Geburtsort) als Kopie eingesehen werden. Mit der kommentierten Veröffentlichung dieses Manuskripts erweisen also Lütgemeier-Davin und Wolff den ForscherInnen einen sehr großen Dienst. Nach dem Ablauf der Rechte an der Autobiographie ist das Buch im April 2015 erschienen, pünktlich zum hundertsten Jahrestag der Gründung der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF), an der Helene Stöcker beteiligt war.

Das Buch besteht aus Dokumenten verschiedener Art und Natur. Dem Vorwort folgt eine Einleitung in Helene Stöckers Lebenserinnerungen, die den Text vorstellt und über seine Entstehungsgeschichte präzise Auskunft gibt. Helene Stöcker hat ihre autobiographischen Notizen im amerikanischen Exil, und zwar ohne ihre persönlichen Unterlagen, die sie nicht hatte mitnehmen können, verfasst. Sie war mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen nicht fertig geworden, als sie starb. Dies erklärt den lückenhaften Charakter des Textes und einzelne Fehler in Namen und Daten, die im Fußnotenapparat berichtigt sind. Zugleich begründet dies das Eingreifen der HerausgeberInnen in Anordnung und Inhalt der Kapitel. Den Hauptteil des Bandes bilden Helene Stöckers Lebenserinnerungen, die mit dem Lebensabriss der Kindheit und Jugend in den 1870er- bis 1890er-Jahren anfangen und mit den letzten Jahren des Ersten Weltkrieges enden. Darauf folgt eine Zusammenstellung von Abbildungen, verschiedenen Porträts von Helene Stöcker und einzelnen Freunden und Mitkämpfern, die mehr oder minder prominente Persönlichkeiten waren. Warum die hier abgebildeten Mitkämpfer ausschließlich männlichen Geschlechts sind, obwohl Helene Stöcker mit vielen ebenfalls berühmten Frauen zusammengearbeitet hat, wird leider nicht erklärt. Diese Konstellation scheint der Rezensentin die starke Orientierung Helene Stöckers an männlichen Intellektuellen zu widerspiegeln. Anschließend steht ein von den HerausgeberInnen verfasster Text zur Einordnung von Helene Stöckers Werdegang in der Frauenbewegung und der Friedensbewegung in Kaiserreich und Weimarer Republik, womit einzelne Positionen und Interpretationen Stöckers kritisch hinterfragt werden und die Lücke der Weimarer Republik in den Lebenserinnerungen zumindest ansatzweise geschlossen wird. Abgerundet wird der Band mit einem Bündel von verschiedensten Dokumenten, auf die im Fußnotenapparat der Lebenserinnerungen an der entsprechenden Stelle hingewiesen wird. Schließlich erleichtern Kurzbiographie, Personen- und Ortsverzeichnisse am Ende des Bandes die Orientierung in dieser vielfältigen und reichhaltigen Publikation.

Die Einleitung stellt das autobiographische Dokument in seiner Vielschichtigkeit vor und zeichnet die Geschichte dieses Textes nach – von den ersten Überlegungen Stöckers, ihre Lebenserinnerungen niederzuschreiben und an die Öffentlichkeit zu bringen, bis zur Entstehung des Textes und schließlich seinem Verbleiben in der Form eines Manuskripts nach dem Tod Stöckers 1943. In dem Schreibkontext von weggefallener Öffentlichkeit in Deutschland, fehlenden Dokumenten und Netzwerken im amerikanischen Exil sowie Depression und Krankheit werden Stöckers Schreibmotivation(en) untersucht. In Anlehnung an die jüngsten Ergebnisse der Autobiographieforschung werden die Lebenserinnerungen Helene Stöckers im Hinblick auf die Merkmale dieser literarischen Gattung näher charakterisiert. Gemessen an anderen Autobiographien wird auf das – für weibliche Autobiographien nicht unübliche – breite Gefühlsspektrum, das bei Stöcker insbesondere in den Kriegsjahren zum Vorschein kommt, hingewiesen, sowie auf die starke horizontale gesellschaftliche Vernetzung (soziale Netzwerke), die in der Autobiographie zu der vertikalen (in die Generationenkette) hinzukommt.

Die Lebenserinnerungen setzen sich aus einem Haupttext im autobiographischen Stil, der von der Autorin selbst in Kapitel unterteilt wurde, sowie, für die Zeit des Ersten Weltkrieges, aus Tagebucheinträgen und der Korrespondenz Helene Stöckers mit ihrem Lebensgefährten Bruno Springer, zusammen. Stöcker war es, die für die Zeit des Krieges die unmittelbaren Eindrücke aus ihrem Tagebuch und ihrer Korrespondenz in die Autobiographie aufnahm. Die HerausgeberInnen haben Abschnitte aus den Originalbriefen an deren ursprüngliche Stelle in den Briefen wieder eingefügt und diese kursiv markiert. Ebenfalls markiert sind die Textabschnitte, die der Lesbarkeit zuliebe von den HerausgeberInnen versetzt wurden, sowie abgeschnittene Textstellen, die sich im Manuskript teils buchstäblich wiederholten. Die Namen der Personen, die Helene Stöcker aus ihrem Umfeld nennt, wurden überprüft und akribisch recherchiert. Daraus ergibt sich ein klar strukturierter, flüssig zu lesender Text, in dem sowohl die Lebenserinnerungen eines Individuums, als auch die Erinnerungen einer Aktivistin und Reiseberichte sich abwechseln. Gerade diese Verwobenheit macht deutlich, wie sehr Theorie und Praxis bei Helene Stöcker zusammen gehörten, wie bewusst sie ihre Grundsätze selbst gelebt hat. Dies zeigt sich am besten an der von ihr propagierten „Neuen Ethik“ und der Beziehung, die sie zu ihrem Lebensgefährten pflegte.

Im Anschluss an die Lebenserinnerungen ordnen die HerausgeberInnen Helene Stöckers Wirken und Wirkungsmöglichkeiten in die Frauenbewegung und in die Friedensbewegung im Kaiserreich und in der Weimarer Republik ein. In der Frauenbewegung fügte sich Stöcker weniger in eine bestimmte Richtung ein, als dass sie eine eigene Linie definierte und vertrat. Das Gedankengebäude der „Neuen Ethik“ wird rekonstruiert und mit Stöckers persönlichen Erfahrungen überzeugend in Verbindung gesetzt. Die stichhaltige Antwort auf die Kritiken an der „Neuen Ethik“ dürfte nun den alten Vorwurf der Eugenik in Helene Stöckers Auffassung des Mutterschutzes endgültig aus dem Weg räumen. In Bezug auf die sogenannte Krise im Bund für Mutterschutz um 1910/1911, auf die Stöcker in ihren Lebenserinnerungen mehrmals eingeht, werden eben die Zusammenhänge kritisch dargestellt, die in dem Manuskript fehlen. Sehr einleuchtend sind die Betrachtungen über Stöckers Konfliktfähigkeit und ihre teilweise überraschend harte Kritik an den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen. Was den Pazifismus angeht, wird in Ermangelung der entsprechenden Erinnerungen aus der Zeit der Weimarer Republik Stöckers Engagement in der Friedensbewegung rekonstruiert. Dabei werden ihre jeweiligen Positionen in das breite Spektrum der Friedensfreunde akkurat eingeordnet. Ihre Mittlerposition im Ersten Weltkrieg zwischen den überwiegend liberalen Vorkriegspazifisten und radikalen Gruppen, die einen neuen Pazifismus charakterisierten, wird beleuchtet und ihre Strategien feinfühlig ausgearbeitet. Bei aller Sympathie machen die HerausgeberInnen keinen Bogen um die Widersprüche in Stöckers Handeln und bringen somit eine wertvolle Ergänzung zu den Lebenserinnerungen.

Mit einem Blick auf das Ganze haben sich die HerausgeberInnen für ein hoch interessantes Format entschieden, eine Kombination von kommentierter Quellenedition und kritischer Literatur zum Inhalt des Quellentextes. Der Ansatz ist – insbesondere durch die Bearbeitung des Manuskriptes – leserorientiert, was LeserInnen ohne Fachwissen auf diesem Gebiet den Einstieg erleichtert. Auch Fachleuten sei die Lektüre dieses Bandes wärmstens empfohlen, der für weiterführende Forschungen zu Frauenbewegung und Pazifismus und Netzwerkanalysen in sozialen Bewegungen eine hochqualitativ aufgearbeitete Materie verfügbar macht.

Zitation
Anne-Laure Briatte-Peters: Rezension zu: Stöcker, Helene: Lebenserinnerungen. Die unvollendete Autobiographie einer frauenbewegten Pazifistin, hrsg. v. Reinhold Lütgemeier-Davin u. Kerstin Wolff. Köln 2015 , in: H-Soz-Kult, 23.09.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24500>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.09.2015
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