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Titel
Erich Honecker. Das Leben davor. 1912–1945


Autor(en)
Sabrow, Martin
Erschienen
München 2016: C.H. Beck Verlag
Umfang
623 S., Tafelteil mit 62 SW-Abb.
Preis
€ 27,95

„Erich Honecker. Das Leben davor“ entdeckt, schildert und prüft erstmals das von Martin Sabrow so genannte „erste Leben“ des wissenschaftlich bisher stark vernachlässigten DDR-Staatsvorstehers. In seinem Band beschreibt der Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung, Potsdam, die Zeitspanne von der Geburt Honeckers im saarländischen Neunkirchen im Jahr 1912 bis zum Kriegsende 1945, nach dem der orientierungslos aus dem Zuchthaus befreite und durch das zerbombte Berlin irrende Kommunist reichlich zufällig Zugang zur „Gruppe Ulbricht“ erhielt. Sabrows detektivische Enttarnung des „ersten Lebens“ Honeckers dient dem Ziel, diese Frühzeit aus dem Korsett des „biographischen Bildungsroman[s]“ (S. 8) der sozialistischen Selbstdarstellung zu befreien und sie von den postdiktatorischen Urteilen der Wendezeit zu entschlacken, die sich oft genug als befangene „Spitzlichter“ (S. 491), als eifernd oder schlicht desinformiert erwiesen haben. Dafür die Mitte des Jahres 1945 als Zäsur des schon lange vor dem Krieg eingekerkerten und nun in eine zerstörte neue Welt Entlassenen anzusetzen, ist konsequent: Honecker wusste im Sommer 1945 nicht, wer er werden würde; die parteiamtliche Erfindung und Schleifung seines Lebens zu einer pathetischen „Kontinuitätsbiographie“ (S. 12) stand noch aus. Nichts symbolisiert diese Transgressionsphase besser als der später für „anrüchig“ befundene Umstand, dass der befreite Kommunist Honecker umgehend eine ihm vertraute NS-Justizwachtmeisterin aus dem „Lebensumfeld seines eigenen Kerkerpersonals“ heiratete (S. 451).

Sabrow präsentiert die „Jugendbiographie Erich Honeckers mit guten Gründen als Legendenkritik und in einem Demaskierungsgestus […], der den über Jahrzehnte gebildeten und geschützten Heiligenschein von Honeckers Lebensgeschichte als Ansporn zu ungläubiger Anzweiflung betrachtet und seinen trügerischen Glanz gegen die Blässe der biographischen Wirklichkeit hält. Doch lässt sich auch eine lebensgeschichtliche Gegenrechnung aufmachen, die dieser Entzauberung von Honeckers Leben bis 1945 an Plausibilität keineswegs nachsteht. Sie beginnt bei der uneigennützigen Bereitschaft eines gewandten und politisch talentierten jungen Mannes aus gesicherten sozialen Verhältnissen, sich in Treue zur Familientradition einer kommunistischen Bewegung anzuschließen“ (S. 451f.). Mit Ausdrücken wie „gesicherte Verhältnisse“ oder „Treue zur Familientradition“ will Sabrow Honecker nicht vordergründig entlarven, spricht ihm aber tendenziell ab, Herr seiner politischen Sache gewesen zu sein. Sabrows doppelte Abneigung, Honecker autonomen Charakter zuzugestehen und der autoritativen „Wir-Biographie“ (unter anderem S. 8) der staatssozialistischen Parteipublikationen zu vertrauen, wird auf manche Leser herablassend wirken. Sie ist aber methodisch rückversichert. Weniger Honeckers, die eigene Herkunft zur „Wunschrealität“ (S. 49) verklärende und hier und da verzerrte Erinnerungen geben Anlass zur Skepsis. Es ist die „ermüdende Gleichförmigkeit“ (S. 8) der kadersozialistischen Musterlebensläufe und ihrer ins Amorphe gesteigerten Vorzeigeviten der kommunistischen Politikerklasse, gegen die Sabrows Honecker antritt.

Immerhin war dem „Biographischen in der Machthierarchie des SED-Staates“ (S. 15) eine so große Bedeutung zugekommen, dass der „Wille der Partei, auch die Vergangenheit ihrer Kader zu kontrollieren“ (S. 16), auf Widerstände stoßen musste, die zu Fälschungen verleiteten. Einerseits war allen Beteiligten klar, dass sich das Legitimationskonstrukt der sozialistischen deutschen Herrscherhagiographie vor dem Klassenfeind zu bewähren hatte. Der Wunsch der SED und Honeckers, „nachträglich Deutungshoheit und Faktenmacht“ (S. 15) durch retrospektive Organisation der frühere Vita zu gewinnen, fand ihre Gestaltungsgrenze an der Archivmacht des westlichen Gegners. Andererseits wies der Jugendlebenslauf einige auch vom späteren Honecker ungeklärt gelassene Ungereimtheiten auf, die sich nicht durch stalinistisch bedingten Selbstschutz oder klassenkämpferische Absichten erklären ließen.

Vor diesem Hintergrund wagt Sabrow einen Spagat zwischen lebendiger Biographie und auf Vollständigkeit der Quellenwiedergabe bestehender Dokumentation. Die Darstellung startet mit einer eindrucksvollen Szene: Honeckers Besuch seines Elternhauses und einer Schwester während des Staatsbesuchs im September 1987. Von seinen Gefühlen übermannt, fällt der Funktionär aus der Rolle – jener Rolle, die er erst nach 1945 einstudiert hatte. Kindheit und Jugend des aus einer kommunistisch zwar beeinflussten, indes „eher kleinbürgerlichen“ (S. 449) Bergmannsfamilie stammenden angehenden Dachdeckers werden ausführlich beschrieben, sodann dessen Reifung und politische Indoktrination einschließlich des Besuchs einer Moskauer Parteischule, die den „gläubigen“ „Pilger“ (S. 69) in allerdings kaum mehr nachvollziehbarer Weise beeindruckt haben dürfte.

Nach der NS-Machtübernahme stellte sich Honecker in den Dienst des kommunistischen Widerstands. Vielleicht auch aus Scham täuschte er sich später allerdings notorisch über die Bedeutung der eigenen antifaschistischen Untergrundarbeit. Hatte Honecker sich als Jugendfunktionär des Parteiwiderstands im Rhein-Main-Gebiet noch durch waghalsige Untergrundaktionen bewährt, war sein Agitieren für die Einheitsfront bei der Volksabstimmung an der Saar 1934 ernüchternd – die Nationalsozialisten gewannen triumphal. Beim allzu unbedarften Einsatz in der ihm unbekannten Reichshauptstadt schließlich, der ihm Ende 1935 die Verhaftung einbrachte, war Honecker ein allenfalls noch kleines Licht.

Sabrow versteht es, die Frustrationen dieser Umstände zu greifen, ihren späteren Umschreibungen in den offiziellen Darstellungen und Selbstbeschreibungen Honeckers nachzuspüren sowie die Tücken zu identifizieren, die das ruhm- und oft sinnlose Agieren des Widerständlers für die Selbstinszenierung des SED-Regimes bedeutete. Immerhin wurde der geständige Honecker weder, wie andere Untergrundkommunisten, geheimpolizeilich gefoltert, noch war er in seiner Zuchthauszeit in die illegalen Leitungsstrukturen der politischen Häftlinge involviert. Im Gegenteil führte er sich gut in seinem relativ modernen Gefängnis, stieg zum Kalfaktor auf und erschien zeitweise begnadigungswürdig. Erst am Kriegsende spitzt sich die Lage zu. Während nächtlicher Flächenbombardements Berlins wird Honecker zur Brandbekämpfung, Sprengbombenräumung und Verschüttetenrettung gezwungen. Unwahrscheinlicherweise überlebt er diese Himmelfahrtskommandos und entgeht sogar den rasant zunehmenden Deportationen, Hinrichtungen, Todesmärschen und „Frontbewährungen“. Dies alles findet sich von Sabrow sehr umfänglich ausgeführt und stets abgewogen.

Manches indes missrät. So wird etwa ein früher Landarbeitseinsatz in Pommern zur lebensstrategischen Wegscheide stilisiert, an der sich der Jugendliche gegen eine Zukunft als Gutsbesitzer entschieden habe. Immer wieder kommt Sabrow auf diese Episode zu sprechen, spekuliert auf Basis einer Beiläufigkeit, der Jungbauer Honecker sei vom sohnlosen Großbauern schon als Hoferbe gesehen worden. Das mag so gewesen sein oder nicht. Durch Sabrows voluminöses Beharren auf diesem Narrativ aber wächst der Möglichkeit, Honecker sei beinahe Eigentümer eines späteren NS-„Erbhofs“ im heutigen Polen geworden, fragwürdiges Gewicht zu. Da es kaum je wieder eine vergleichbare Honecker-Biographie wird geben müssen, ist hier ein absehbar zählebiges Phantasma kontrafaktischer Historiographie installiert worden.

Solcherlei Monita stehen allerdings hinter Sabrows gewaltiger Archivleistung zurück. Sie birgt eine Vielzahl verschollener Weggefährten aus dem zerstreuten Materialfundus und versammelt sie nicht nur panoramenhaft. Vor allem der von Sabrow erzählte Krimi zwischen Untergrundarbeit im Herzen des „Dritten Reichs“ und gewaltiger Gestapo-Kompetenz ist nervenaufreibend rekonstruiert. Die Entmutigung des Widerstands, der Reiz des Überlaufens und die wachsende Popularität des Vorkriegstotalitarismus werden in diesem Handlungsnetz klandestiner und öffentlicher Akteure nahbar. Die Steigerung des Terrors im Krieg, das ständige Massenmorden im Innern und die Barbarei der Zuchthausguillotinen werden lebendig. „Der kommunistische Widerstand hatte sich im Laufe der zwölf Jahre des ‚Dritten Reiches‘ verblutet“, schlussfolgert Sabrow (S. 433), und Honecker scheint diese Zeit niemals bewältigt zu haben. „In der Rigorosität, mit der er den geschichtlichen Wandel seit den dreißiger Jahren aus seiner Denkwelt ausblendete, unterschied Honecker sich selbst von anderen Parteifunktionären seiner Generation“ (S. 502). Folgerichtig kann sich Honecker nach der Wende sofort in seine „aus den Jugendjahren entlehnten antifaschistischen Verarbeitungsmuster“ einfinden. Eindrucksvoll belegt Sabrow Honeckers „Konstanz der in früher Zeit ausgebildeten Vorstellungswelt und ihres Wertehimmels“ (S. 501). „Nach 57 Jahren“, konstatierte der verhaftete greise Honecker 1992, „sehe ich den Komplex Moabit also wieder von innen. […] Für wie lange wird es diesmal sein? Es sind dieselben Flure und die gleichen Gänge“ (hier nach Sabrow, S. 503).

Tod, Elend, Einsamkeit, Hunger und Verwüstung waren die Basis, auf der 1945 Honeckers ‚zweites‘ Leben begann. Womöglich haftet diesem „konservativen Kommunisten“ (S. 505) daher bis heute der „Habitus des notorisch Unzeitgemäßen“ an (S. 501). „Honeckers politischer Zielkatalog, der sich mit Frieden, Obdach, Nahrung und Arbeit umreißen lässt, änderte sich nie“ (S. 501). Folgt man dieser Darstellung Sabrows und ihrem sprechenden Untertitel „Das Leben davor“, wird man das Folgende als untotes, als ‚Leben danach‘ verstehen müssen.

Zitation
Sebastian Huhnholz: Rezension zu: Sabrow, Martin: Erich Honecker. Das Leben davor. 1912–1945. München 2016 , in: H-Soz-Kult, 22.12.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26507>.
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22.12.2016
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