J. C. E. Gienow-Hecht u.a. (Hrsg.): Culture and international history

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Titel
Culture and international history.


Hrsg. v.
Gienow-Hecht, Jessica C. E.; Schumacher, Frank
Erschienen
New York 2003: Berghahn Books
Umfang
304 S.
Preis
$ 75,00

Sattsam bekannt ist inzwischen nicht nur die Diagnose, dass die Welt nicht erst in der Moderne und zumindest gemessen an verbindlicheren Ordnungserwartungen von mancherlei transnationalen Unübersichtlichkeiten geprägt ist. Auch der Umstand, dass die Geschichtswissenschaft sich über die historiografischen Konsequenzen dieser Weltsicht für die Internationale Geschichte zu verständigen versucht [1], ist unübersehbar.

Als Resultat einer Konferenz am Zentrum für Amerikastudien in Halle-Wittenberg bildet Jessica Gienow-Hechts Sammelband einen Diskussionsstand ab, auf dem in der Tat die historische Forschung im internationalen Rahmen von einer Diplomatiegeschichte klassischen Zuschnitts weggekommen ist und einen „cultural approach“ wählt. Angesichts der Vielzahl unterschiedlichster Themenstellungen und Zugänge in der europäischen wie der amerikanischen Forschung kann und will er dabei nicht für ein neues Paradigma werben. Vielmehr charakterisiert Gienow-Hechts Formel „Culture and International History“ überzeugend eine teilweise erst tentative Verbindung der Internationalen Geschichtsschreibung mit dem schillernden Begriff der „Kultur“. Infolgedessen werden weniger fertige „Ergebnisse“ als vielmehr historiografische Qualität und potentielle Bandbreite dieser Addition von Internationaler Geschichte und Kultur dokumentiert.

Unter dieser Maßgabe begleitet ein Essay von Beate Jahn über das zeitgenössische Votum spanischer Autoren zur Entdeckung und Eroberung Amerikas die Einleitung der Herausgeberin und erscheint in seiner Mischung aus theoretischer Reflexion und empirischen Belegen symptomatisch für das Gesamtprogramm des Bandes. Im zweiten Teil sind unter dem Schlagwort „Culture and the State“ Beiträge versammelt, die „Kultur“ in verschiedenen Perioden und Regionen vor allem als propagandistisches Vehikel für zwischenstaatliche und zwischengesellschaftliche Kontakte ausmachen. Wolfram Kaiser vergleicht Strategien kultureller Selbstrepräsentation vor allem europäischer Staaten und Amerikas auf den Weltausstellungen im 19. Jahrhundert und schätzt deren propagandistische Reichweite und Erfolg kritisch ein. Fabian Hilfrich zeigt anhand politischer Diskurse im Zusammenhang mit dem nordamerikanischen Krieg gegen Spanien in den späten 1890er-Jahren einer- und dem Vietnamkrieg in den ausgehenden 1960er-Jahren andererseits, wie die amerikanische Nation ständig mittels gender-Tropen maskulin inszeniert und demgegenüber ihre vermeintlichen Feinde durch Feminisierung diskreditiert wurden. Den gender-Blickwinkel behält die Studie von Laura A. Belmonte bei, indem sie eine entsprechende Stereotypisierung auch als Grundbestandteil ideologisch motivierter Diskreditierungen – des Kommunismus durch die USA wie auch der amerikanischen Gesellschaft durch die Sowjetunion – im Kontext des Kalten Krieges ausweist.

Der dritte Teil balanciert den bisherigen Fokus auf den Staat zugunsten nichtstaatlicher Akteure und ihrer internationalen Beziehungskonstellationen aus. Guido Müller identifiziert (in)formelle deutsch-französischen Beziehungsnetzwerke in der Zwischenkriegszeit in mentaler und sozialer Hinsicht als substanzielle Wegbereiter des europäischen Integrationsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg. Oliver Schmidt deutet das Engagement der großen amerikanischen Stiftungen in der Welt nach 1945 wesentlich als Ausfluss kultureller Selbstbildprägung der amerikanischen Akteure, die sich zum Export wissenschaftlichen Know-hows nachgerade prädestiniert wähnten. Philipp Gassert identifiziert die amerikanische New Left und die bundesrepublikanische Neue Linke an der ideologischen Spitze der 1968er-Bewegungen als Protagonisten eines interkulturellen Ideentransfers und mithin transnationale soziale Bewegungen als Untersuchungsgegenstand par excellence für eine kulturell interessierte Internationale Geschichte. Alexander Schmidt-Gernig verfolgt, wie sich die „Future Studies“ in Europa und den USA in den 1960er- und 1970er-Jahren als Ergebnis internationaler Wissenschaftskommunikation und damit als Inbegriff kultureller Internationalisierung herausgebildet und auf gemeinsame Paradigmen geeinigt haben.

Einen fortgeschrittenen Stand der methodischen Selbstreflexion stellt der Band im vierten Teil unter Beweis, in dem die bis dahin angebotenen Untersuchungsoptionen noch einmal abgewogen und Kriterien für die Schärfung der „Culture and International History“-Perspektive vorgeschlagen werden. In einem grundlegenden Essay rät Volker Depkat zu einer vorsichtigen Erkenntniserwartung beim kulturellen Blick der Internationalen Geschichte und rechnet eher mit einer Ergänzungs- als einer Innovationsfunktion dieser Betrachtungsweise. In kurzen Kommentaren schließen sich Marc Frey und Eckart Conze (zum zweiten Teil) sowie Seth Fein und Scott Lucas (zum dritten Teil) diesem Tenor weitgehend an. Im Stile einer Handreichung für den universitären Lehrbetrieb bietet schließlich der fünfte Teil exemplarische Besprechungen von Quellen vor allem aus dem 19. und 20. Jahrhundert aus der Sicht der kulturell informierten Internationalen Geschichte an.

In ihrer Vielfalt zeigen die Beiträge deutlich, dass eine nach der Seite der Kultur hin analytisch und konzeptionell aufgeschlossene Internationale Geschichte oder Geschichte der Internationalen Beziehungen nicht einfach die traditionelle Diplomatiegeschichte modifiziert, sondern ein grundlegend weiter dimensioniertes, freilich (noch) offenes historiografisches Konzept darstellt. Damit diese konzeptionelle Erweiterung nicht um den Preis eines reflektierten „Kultur“-Begriffs erfolgt, werden systematisch zum einen Analysen angeboten, die Kultur ihrer inhaltlichen Seite nach bewerten und sie als Vorrat an Ideen und Weltsichten von Individuen und Gesellschaften beschreiben und zum anderen Untersuchungen vorgestellt, die „Kultur“ stärker als Untersuchungsdesign und -perspektive veranschlagen und von daher ihre Träger, Institutionen und Milieus ins Visier nehmen (S. 12). Zugleich erfolgt die Neupositionierung ohne vorschnelle Abgrenzungen, sondern eher mit einem klugen Eklektizismus. So wird besonders im Teil „culture and the state“ deutlich, dass die Kategorie „Staat“ nicht für obsolet erklärt wird, sondern unter spezifischen (themen- und epochenabhängigen) Vorzeichen zentraler Bestandteil der Untersuchungsanordnungen bleibt.

Im abschließenden Quellenteil, in dem die neuen Optionen von „Culture and International History“ empirienah getestet oder schon unter Beweis gestellt werden sollen, folgen die Annotationen keinem einheitliches Darstellungsverfahren und mischen in einem Falle Einführung, Quellentext und erneute Kommentierung eher unübersichtlich. Mit zwei Ausnahmen wird gleichsam klassisches Text-Material angeboten, wobei Wolfram Kaiser anschaulich die Ikonografie und Aussagekontexte eines Punchcartoons aufbereitet. Marie Thorsten wagt sich mit ihren Assoziationen zu einer UNICEF-Homepage zwar angesichts dieser Mediensorte aus der Deckung etablierter Quellengattungen, kommt dabei allerdings ganz ohne jeden Reflex auf das aus historischer Perspektive extrem prekäre Informationsmedium Internet aus und erscheint damit zunächst einmal wenig anknüpfungsfähig. Dass es zu einer der zahlreichen Herausforderungen für eine explizit kulturell ausgerichtete Internationale Geschichte gehören könnte, mit einem deutlich verbreiterten Quellensortenkorpus zu arbeiten, wird in diesem letzten Fall nur angedeutet.

Ob eine kulturorientierte Internationale Geschichte womöglich doch bevorzugte Untersuchungsgegenstände hat, und ob zumindest vorläufig konzeptionelle Abgrenzung vonnöten sind, damit sie im Kontext paralleler (Neu)Positionierungsdiskurse in der internationalen Geschichtswissenschaft z.B. im Umfeld der histoire croisée oder entangled history sichtbar wird und bleibt, kann ein einzelner Sammelband nicht klären. Beide Fragen scheinen aber noch beantwortet werden zu müssen, wenn „Culture and International History“ konzeptionell und dauerhaft verwoben werden sollen. Hier hat Jessica Gienow-Hecht ihrem Buch nicht nur Bekenntnischarakter verliehen, indem es das Votum der neuen “post-1968”er-Generation international arbeitender Historiker/innen (freilich überwiegend deutscher Provenienz) bündeln soll (S. 4); ihr Band steuert in der Tat Gewichtiges zum Konzept einer kulturell versierten Internationalen Geschichte bei.

Anmerkungen:
[1] Vgl. inzwischen: Hogan, Michael J.; Paterson, Thomas G. (Hgg.), Explaining the History of American Foreign Relations, Cambridge 2004; Conze, Eckart; Lappenküper, Ulrich, Müller, Guido (Hgg.), Geschichte der Internationalen Beziehungen. Erneuerung und Erweiterung einer historischen Disziplin, Köln 2004; Loth, Wilfried; Osterhammel, Jürgen (Hgg.), Internationale Geschichte. Themen – Ergebnisse – Aussichten, München 2000.

Zitation
Helke Rausch: Rezension zu: Gienow-Hecht, Jessica C. E.; Schumacher, Frank (Hrsg.): Culture and international history. New York 2003 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 09.12.2006, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-6278>.
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Veröffentlicht am
09.12.2006
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/