Elitenbildung, Schulung und NS-Lagergesellschaft

Ort
Alt Rehse
Veranstalter
Bildungswerk der Humanistischen Union NRW; Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse e.V.; Institut für Erziehungswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum
Datum
04.06.2009 - 06.06.2009

Bereits 1933 richtete der nationalsozialistische Staat für zahlreiche Berufsgruppen Schulungslager ein, um diese auf seine Ideologie einzuschwören. Besondere Aufmerksamkeit galt hierbei neben den neuen Funktionsträgern der Macht den alten Eliten, deren herausgehobene Bedeutung auch innerhalb der „Volksgemeinschaft“ als Corpsgemeinschaft weiterhin gelten sollte. Dies betraf besonders Ärzte, Juristen und Lehrer (Wenn hier ausschließlich die männliche Form verwendet wird, unterstreicht dies den Anspruch des NS-Systems, Frauen in erster Linie über ihre häusliche und familiäre Rolle zu definieren, auch wenn dies im Laufe des „Dritten Reichs“ den ökonomischen und kriegsbedingten Erfordernissen angepasst und teilweise revidiert wurde.). So entstand in Alt Rehse die „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“, in der 1934 bis 1943 circa 9.000 bis 12.000 Ärzte besonders in den selektionspolitischen Fächern wie „Rassenhygiene“ unterrichtet und auf ihre Rolle als Stützen des NS-Gesundheitssystems vorbereitet wurden. Andere Lager waren das für Referendare in Jüterbog oder die Reichsschule des „Nationalsozialistischen Deutschen Lehrerbundes „Schloss Fantaisie“ bei Bayreuth oder die zahlreichen SS-Lager.

Die von der Hans Böckler Stiftung unterstützte Tagung führte Forschungsprojekte zu den unterschiedlichen Lagertypen vergleichend zusammen.

In seiner Einführung ging PAUL CIUPKE (Essen) auf die unterschiedlichen Deutungen der Begriffe „Elite“, „Schulung“ und „Lager“ ein. Es sei zu unterscheiden zwischen einer neuen Machtelite, den alten Eliten und dem „neuen Menschen“, den die Nationalsozialisten als „rassische Elite“ heranzüchten wollten. Paul Ciupke stellte fest, dass das Gesamtsystem der Schulungen der Partei und der verschiedenen Gliederungen seitens der Bildungswissenschaften bisher überhaupt nicht erfasst und dargestellt worden sei, da man lange Zeit von einer „Unpädagogik“ (vgl. Herwig Blankertz) des NS ausging. Er verwies auf die unterschiedlichen Lagertypen im NS: Konzentrationslager, Vernichtungslager, Arbeitslager auf der einen Seite und den Schulungs- und Gefolgschaftslagern auf der anderen Seite, die letztlich in der Absicht übereinstimmten durch Selektion, Ausgrenzung und der Schaffung einheitlicher mit einander verbundener Gruppen und „Corps“ eine neue Elite zu bilden.

Darauf aufbauend stellte RAINER STOMMER (Berlin)[1] zahlreiche Lager aus architekturhistorischer Sicht vor. Er stellte fest, dass diese Bauten und Modelle bisher nicht umfassend untersucht worden seien, obwohl zeitgenössische Autoren wie Gerdy Troost und Rudolf Wolters sie in ihrer architektonischen Bedeutung besonders hervorhoben. Allerdings sei bis heute unklar, wie viele Schulungslager überhaupt existierten. In seinem reich bebilderten Vortrag stellte Rainer Stommer unter anderem die „Reichsführerschule“ der NSDAP und Deutschen Arbeitsfront (DAF) in Bernau, die Jugendherberge in Demmin, die „Akademie der Reichsjugendführung“ in Braunschweig, die „Adolf-Hitler-Schule“ Hesselberg, das Lager des „Reichsarbeitsdienstes“ am Wehrbellinsee, die „Reichschule der Deutschen Technik“ auf der Plassenburg (Kulmbach) und die „Reichschulungsburg Erwitte“ vor. Zur ausführlichen Beschreibung sei auf den in Vorbereitung befindlichen Tagungsband verwiesen.

JÜRGEN REULECKE (Essen)[2] referierte anschließend über Männerbundideologie und Männerbunderfahrungen im Vorfeld der NS-Schulungslager vor 1933. Der Begriff des Männerbundes sei wesentlich von Heinrich Schurtz mit seinem 1902 erschienen Buch „Altersklassen und Männerbünde“ geprägt worden. Wesentliches Merkmal der Männerbundideologie bis in den NS sei die Überzeugung gewesen, dass alle bedeutsamen Ereignisse der Weltgeschichte bis hin zur Staatenbildung aus Männerbünden heraus erfolgt seien und der Männerbund die typisch männliche Wesenseigenschaft sei. Im Ersten Weltkrieg sei die Überhöhung von „Kameradschaft“ und „Führertum“ durch die Frontkameraderie zusätzlich verstärkt worden. Letztendlich habe sich im Männerbund nach dem Ersten Weltkrieg die Ablehnung der väterlichen „Kriegsverlierer“-Generation manifestiert.[3] Jürgen Reulecke stellte die zu untersuchende Frage, inwieweit diese Einflüsse spätere Männergenerationen geprägt hätten. Er legte Wert auf die Feststellung, dass der Männerbund an sich nicht per se in den Nationalsozialismus führen müsse und verwies auf bündisch beeinflusste Gruppen wie die „Weiße Rose“ oder die „Rote Kapelle“. Der Vortrag wurde anschaulich unterlegt von bündischen „Heulern“ wie „Jenseits des Tales“ und typischen bildlichen Darstellungen wie dem „Lichtgebet“ von Hugo Hoeppener-Fidus.

Am folgenden Tag wurden drei Vorträge im ehemaligen „Gemeinschaftshaus“ der „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“ in Alt Rehse gehalten. Zuvor führte Rainer Stommer die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer durch das Dorf Alt Rehse und die Ausstellung der Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte. Das Dorf wurde ab 1934 als nationalsozialistisches Musterdorf und -gut völlig umgestaltet, während im Schlosspark die „Führerschule“ aufgebaut wurde. Einer der derzeitigen Eigentümer des früheren Lagergeländes, Bernhard Wallner, stellte das heutige Nutzungskonzept des „Tollense Lebensparks“ als Lebensraum, Erholungs-, Veranstaltungs- und Seminarort vor und relativierte aus seiner Sicht die Bedeutung der „Führerschule“ für die Gesamtgeschichte des Ortes. Offen blieb bei Führung und Vorstellung der weitere Umgang mit dem Gelände als „Täterort“.

Anschließend ging THOMAS MAIBAUM (Rostock)[4] auf die Inhalte der Ärztekurse in Alt Rehse ein. Er konnte 81 Kurse mit insgesamt circa 9.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Deutschland und 20 weiteren Ländern nachweisen. In seiner Dissertation identifizierte Thomas Maibaum 210 Dozentinnen und Dozenten und listete 466 Vortragsthemen akribisch auf, von denen er einige exemplarisch vorstellte. Im Schulungszeitraum 1935 bis 1941/42 hätten die Schwerpunkte auf den Bereichen „Struktur des nationalsozialistischen Gesundheitswesens“, Propaganda, schulmedizinische Themen und Naturheilkunde/ „Neue Deutsche Heilkunde“ gelegen.

Einen weiteren Lagertypus stellte FOLKER SCHMERBACH (Berlin)[5] mit dem „Gemeinschaftslager Hanns Kerrl“ für juristische Referendare in Jüterbog vor. Ab 1933 war die Teilnahme an den Kursen für alle preußischen, ab 1936 für alle deutschen Referendare verpflichtend, wobei Frauen und Juden von Beginn an ausgeschlossen waren. Insgesamt nahmen bis 1939 rund 20.000 Referendare teil. Wesentliches Merkmal sei zu Beginn des Schulungsbetriebes die ausgeprägte Hervorhebung der wehrsportlichen Ausbildung unter Minimierung intellektueller Betätigung gewesen. Später sei auf die fachwissenschaftliche Ausbildung mehr Wert gelegt worden. Ausgangspunkt sei die Überzeugung gewesen, dass die Referendare größtenteils „unter dem vergangenen System“ studiert hätten und nun auf das neue vorbereitet werden müssten, wobei der NS Juristen und formales Recht grundsätzlich verachtet hätten. Folker Schmerbach ging im Folgenden ausführlich auf die Bedeutung Jüterbogs für die Gemeinschaftsbildung unter den Juristen ein. Auswirkungen auf die Nachkriegsrechtsprechung durch ehemalige Teilnehmer seien noch unerforscht.

Im Gegensatz zum Alleinstellungsmerkmal Alt Rehses und Jüterbogs stellen sich die Lehrerlager bis 1945 als ein „Phänomen von mehreren Tausend Lagern“ dar, die ANDREAS KRAAS (Berlin)[6] vorstellte. Er schätzte, dass bis April 1945 rund 13.000 Lager durchgeführt wurden. Bereits 1933 seien dezentral Lagerschulungen durchgeführt worden. Von 1934 bis 1936 sei es das Ziel des Reichserziehungsministeriums gewesen, alle Lehrerinnen und Lehrer einmal jährlich zu schulen, um sie – so Reichserziehungsminister Bernhard Rust – wissenschaftlich, wehrsportlich und nationalpolitisch zu „überholen“. Die Lehrerlager 1936 bis 1943 seien gekennzeichnet gewesen durch die Konkurrenzsituation von Reichserziehungsministerium und „Nationalsozialistischem Deutschen Lehrerbund“, die beide die Hoheit über die Schulungen beanspruchten. Mit der Stilllegung des „Lehrerbundes“ sei die Verantwortung auf die NSDAP übergegangen, die noch 1944 einen eigenen Verantwortungsbereich in der Reichsleitung eingeführt habe. Andreas Kraas kam zu dem Schluss, dass die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer positiv auf das Lagererlebnis reagiert und dieses als „gelebten Nationalsozialismus“ empfunden hätten.

Den dritten Tag eröffnete HANS-CHRISTIAN HARTEN (Berlin)[7] mit einem Vortrag über die Schulungsarbeit und Schulungslager der SS. Er beschrieb detailreich Aufbau und Organisation der SS-Schulungsarbeit und stellte einige Protagonisten – Friedrich Klumm und Richard Eichenauer – vor. Die bis auf die unterste Ebene durchstrukturierte Schulungsorganisation innerhalb der SS verdeutlichte er durch Organigramm-Skizzen und Schulungspläne. Dabei zeigte sich, dass die zunächst von Richard Darré gewünschte Dominanz der Landwirte unter den Lehrern sich zunehmend auf den Lehrerberuf verschob. Gleichzeitig sei der Anteil „alter Kämpfer“ von 77 Prozent 1937 unter den Mitarbeitern des SS-Schulungsamtes auf 47 Prozent nach 1941 gesunken. Hans-Christian Harten beschrieb die Schulungsarbeit der SS ausführlich am Beispiel der „Untersturmführerprüfung“. Die dadurch nachgewiesene „Führer-Eignung“ sei ab 1940 Zugangsvoraussetzung auch für den höheren und gehobenen Polizeidienst gewesen. Die Kurse hätten zum einen der Integration des SS-Sicherheitsdienstes und der Sicherheitspolizei unter einheitlicher Ideologie und zum Zweiten der „Kameradschaft“ der verschiedenen Polizeitypen gedient.

Zum Abschluss sprach GISELA MILLER-KIPP (Düsseldorf)[8] über das Lager als nationalsozialistische Erziehungsinstitution, seine Propaganda und Funktionslogik und zog gleichzeitig Resümee der Tagung. Sie zitierte zunächst Rudolf Benze als „offizielle Selbstbeschreibung der NS-Schulungslager“,[9] um anschließend deren Wirkungsabsicht und psychische Logik zu dekonstruieren. Als offenkundigstes Funktionselement identifizierte sie die „soziale Isolierung“, die sich durch die gesellschaftliche Separierung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und die lokale Separation der Lager manifestiert hätte. Das wirksamste Instrument zur Implementierung nationalsozialistischer „Tugenden“ sei die auch in den Lagern gegebene ästhetische Inszenierung der NS-Herrschaft gewesen. Die Frage nach der tatsächlichen Wirkung und die Adressatinnen und Adressaten beantworte Gisela Miller-Kipp ambivalent: Die „erlebnismäßige“ Bindung der Lagerkollektive sei durchgängig gelungen. Allerdings hätte sie nicht bei Personen verfangen, die bereits „gemeinschaftsresistent“ – zum Beispiel konfessionell – sozialisiert gewesen wären. Als politische Funktion der Schulungslager nannte sie vor allem Mobilisierung und Disziplinierung. Ziel war letztendlich die innere Systemloyalisierung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Die Tagung präsentierte neuere wissenschaftliche Erkenntnisse zur NS-Schulungsarbeit. Sie bot einerseits einen Überblick über die verschiedenen Wirkungsgebiete der NS-Schulungen und stellte die allen Lagern innewohnende Zielsetzung und Methodik der Schulungslager dar; genauere Analysen der Schulungsarbeit innerhalb ihrer jeweiligen Fachgebiete (Medizin, Juristik, Pädagogik) konnten in diesem Zusammenhang allerdings nicht vorgenommen werden.. Es wurde aber dadurch deutlich, dass hier ein ausgesprochenes Forschungsdesiderat besteht (zum Beispiel in den Ingenieurswissenschaften, der Krankenpflege). Das Thema der Tagung wurde veranschaulicht durch die Wahl des Ortes. Das „Gemeinschaftshaus“ in Alt Rehse verbindet inhaltliche Zielsetzungen (Verwurzelung des deutschen Volkes im Bauerntum, „Neue Deutsche Heilkunde“) mit einer in entsprechenden Absichten entworfenen Architektur (vermeintlich typisch deutscher Bauernhausstil).

Konferenzübersicht:

Rainer Stommer: Zur Organisation und Architektur von „Lagern“

Jürgen Reulecke: Im Vorfeld der NS-Schulungslager – Männerbundideologie und Männerbunderfahrungen vor 1933

Thomas Maibaum: Die Schulungsarbeit der „Führerschule der deutschen Ärzteschaft Alt Rehse“

Folker Schmerbach: Das „Gemeinschaftslager Hanns Kerrl“ für juristische Referendare in Jüterbog

Andreas Kraag: Lehrerlager 1932-1945 – politische Funktion und pädagogische Gestaltung

Hans-Christian Harten: Schulungsarbeit und Schulungslager der SS

Gisela Miller-Kipp: Elitebindung – Gemeinschaftsinszenierung – Systemsicherung. Das NS-Schulungslager, seine Erziehungslogik und seine politische Funktion

Anmerkungen:

[1] Rainer Stommer (Hrsg.), Medizin im Dienste der Rassenideologie. Die „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“ in Alt Rehse. Berlin 2008.
[2] Jürgen Reulecke, „Ich möchte einer werden, so wie die ...“. Männerbünde im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2001.
[3] Vgl. Paul Federn, Zur Psychologie der Revolution. Die vaterlose Gesellschaft, Leipzig 1919.
[4] Thomas Maibaum, Die Führerschule der deutschen Ärzteschaft Alt Rehse. Dissertation, Hamburg 2007.
[5] Folker Schmerbach, Das „Gemeinschaftslager Hanns Kerrl“ für Referendare in Jüterbog 1933-1939, Tübingen 2008.
[6] Andreas Kraas, Lehrerlager 1932-1945. Politische Funktion und pädagogische Gestaltung, Bad Heilbrunn 2004.
[7] Es wurde auf folgendes Werk hingewiesen: Hans-Christian Harten / Uwe Neirich / Matthias Schwerendt, Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs. Bio-bibliographisches Handbuch- Berlin 2006.
[8] Vgl. u.a. Gisela Miller-Kipp, „Auch Du gehörst dem Führer". Die Geschichte des Bundes Deutscher Mädel (BDM) in Quellen und Dokumenten. 2. Auflage, Weinheim 2002 (1. Auflage 2001).
[9] Rudolf Benze, Erziehung im Großdeutschen Reich, Frankfurt am Main 1943.

Zitation
Tagungsbericht: Elitenbildung, Schulung und NS-Lagergesellschaft, 04.06.2009 – 06.06.2009 Alt Rehse, in: H-Soz-Kult, 14.07.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2683>.