Jugendbewegung und Erwachsenenbildung. Impulse, Akteure, Projekte

Ort
Witzenhausen
Veranstalter
Archiv der deutschen Jugendbewegung
Datum
28.10.2011 - 30.10.2011

Jugendbewegung und Erwachsenenbildung – das Anliegen der Archivtagung 2011 bestand darin aufzuzeigen, in welchem Ausmaß aus der Jugendbewegung stammende Impulse und Personen die Erwachsenenbildung in Deutschland bzw. in der Bundesrepublik bis in die 1960er-Jahre geprägt haben. An drei Tagen wurden vielfältige Zugänge vorgestellt, die angesichts heute scheinbar nüchtern, selbstverständlich und professionell agierender Volks- oder Heimvolkshochschulen überraschende Einblicke in deren idealistische und mutige Anfänge gab. Die Tagung wurde vom Archiv der deutschen Jugendbewegung veranstaltet; verantwortlich für das Programm waren Paul Ciupke (Essen), Alfons Kenkmann (Leipzig) und Franz-Josef Jelich (Bochum).

Ob denn die Meißner-Formel „aus innerer Wahrhaftigkeit, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit“ das Bildungsanliegen der Jugend befördert oder gar eine Leidenschaft für Bildung ausgelöst habe, fragte der Erziehungswissenschaftler CHRISTIAN NIEMEYER (Dresden) in provozierender Absicht zu Beginn der Tagung, und führte aus, dass die frühe Ausrichtung der Jugendbewegung auf antiintellektuelle und antiurbanistische Positionen de facto ein besonderes Interesse an umfassender Bildung in den Bünden verhindert habe. Was wirklich unter Bildung zu verstehen sei, leitete Niemeyer aus dem Werk Nietzsches ab und kam zu dem Schluss, dass die Meißnerformel, richtig verstanden, durchaus bis heute das Potenzial habe, zu Bildung als Medium für die Selbstkonstruktion des Subjekts zu ermutigen. Hinsichtlich Argumentation und Darstellung forderte der Vortrag Widerspruch heraus und wurde im Verlauf der Diskussionen noch mehrfach aufgegriffen.

Im Sinne einer allgemeinen Einführung erläuterte JENS WIETSCHORKE (Wien) den zentralen Begriff der „Volksfreundschaft“, der das Selbstverständnis von vielen aus der Jugendbewegung stammenden Pädagogen der zwanziger Jahre prägte. So betrieb das 1914 von Friedrich Siegmund-Schulze gegründete Settlement „Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost“ (SAG) teilnehmende Untersuchungen in einigen Arbeitervierteln von Berlin und leitete daraus Folgerungen für die Arbeiterbildung ab. Bildungsangebote für Arbeiter und kleine Angestellte wurden als Begegnung von Gebildeten mit Nichtgebildeten, „soziales Rittertum“ und akademisch-soziale Arbeit am Volk insgesamt verstanden. Aus diesem Motiv heraus interessierten sich SAG und die von ihr ehrenamtlich eingesetzten Studentinnen und Studenten für die proletarische Lebensweise, und manche nahmen erhebliche persönliche Härten auf sich, um dieses Milieu kennen zu lernen und ihm angemessen zu begegnen. Gleichwohl bestätigte diese Haltung die künftigen Volksbildner selbst in ihrem Führungsanspruch gegenüber den einfachen Schichten und löste das kulturelle Machtgefälle zwischen Lehrenden und Belehrten keineswegs auf.

Auch das Engagement der häufig aus der Jugendbewegung stammenden Freistudenten in Arbeiterbildungskursen war von einer bewussten Entscheidung für den „Gang ins Volk“ getragen, wie BERNHARD SCHOßIG (München), ausführte. In den an vielen Universitäten bestehenden Freistudentenschaften organisierten sich weibliche wie männliche Studenten außerhalb der Burschenschaften und deren Gepflogenheiten. Einflüsse der Jugendbewegung und der Lebensreform bewirkten eine sehr viel stärkere soziale Orientierung in diesen Kreisen und mündeten unter anderem in der Organisation von Bildungsangeboten für Arbeiter, was etwa in München zum Ausgangspunkt für die spätere Gründung der Volkshochschule, heute eine der größten in Deutschland, führte.

Noch weiter hinsichtlich der Teilnahme am Leben der einfachen Schichten gingen die Angehörigen des „Bund. Gemeinschaft für sozialistisches Leben“. NORBERT REICHLING (Essen) stellte diese, 1924 von dem aus der „Entschiedenen Jugend“ kommenden Artur Jacobs in Essen gegründete, ungewöhnliche Gruppe mit vielen jüdischen Mitgliedern vor. Der Bund gerierte sich teilweise wie ein Orden und verband seine Bildungsarbeit in einer eigenen Abteilung der Volkshochschule Essen mit strengen und umfassenden Selbstansprüchen an die Gruppenmitglieder. Hier verbanden sich sozialistische, jugendbewegte, bildungsbesessene und lebensreformerische Impulse mit hohen, aber auch teilweise zweifelhaften moralischen Ambitionen, die aber immerhin dazu führten, dass der Bund mehrere seiner jüdischen Mitglieder im nationalsozialistischen Deutschland verstecken und retten konnte.

Eine andere Perspektive nahm FRIEDERIKE HÖVELMANS (Leipzig) ein, die über die Auslandsfahrten der zur Deutschen Freischar zählenden Sächsischen Jungenschaft referierte. Diese regionale Gruppierung ermöglichte durch die sorgfältige Planung und Durchführung der Reisen den Teilnehmern vielfältige Einsichten in Lebensweisen jenseits der Heimat und kam – im Unterschied zu anderen bündischen Gruppen – weitgehend ohne nationalistische oder antisemitische Voreinstellungen aus. Auf der Ebene der Gruppenpraxis konnte Hövelmans nachweisen, dass die Programme durchaus autonom gestaltet und gemeinsame Bildungserlebnisse durch die nachträgliche Verarbeitung intensiviert wurden.

In einem Doppelreferat würdigten ULLRICH AMLUNG (Marburg) und HEINZ SCHERNIKAU (Hamburg) Adolf Reichweins Verdienste auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung. Während Amlung anhand der Korrespondenzen die intensiven persönlichen Verbindungen Reichweins mit den ineinander verschränkten Kommunikationsnetzwerken von Jugendbewegung und Erwachsenenbildung nachzeichnete, erläuterte Schernikau dessen philosophische Grundhaltung, die auf Reichweins Orientierung am Denken Paul Natorps, in dem Bildungschancen für alle und der Gemeinschaftsbegriff im Zentrum stehen, zurück geht.

Mit einer sehr persönlichen Lesart näherte sich MONIKA KIL (Bonn) der Biografie von Carola Rosenberg-Blume (1899-1987), die zwischen 1924 und 1933 als Pionierin eine innovative und stark nachgefragte Frauenabteilung innerhalb der Volkshochschule Stuttgart gegründet und geleitet hatte. Rosenberg-Blume selbst sah ihr Engagement für die Frauenbildung durch die Erfahrung der Geringschätzung als Frau in der Jugendbewegung begründet, aber auch als ein Resultat der an der Universität erfahrenen akademischen Freiheit.

Vorgestellt wurden dann zwei religiöse Mentoren der frühen Erwachsenenbildung: Martin Buber und Hermann Schafft. Martin Bubers Schaffen, erläutert von dem Religionspädagogen JAN WOPPOWA (Vechta), beinhaltet ausgeprägte Überlegungen zur Erwachsenenbildung, von ihm als sinnstiftende Erfahrung verstanden, und in diesem Sinn eine Fortsetzung elementaren dialogischen Lernens, wie es auch in der Jugendbewegung erfahren werden konnte. Buber selbst nahm unter anderem Anteil an der Praxis der 1919 von Wilhelm Flitner gegründeten Volkshochschule in Jena. – Hermann Schafft, vielfältig engagierter Theologe, nach dem Ersten Weltkrieg evangelischer Pfarrer in Kassel und von dort aus früher Unterstützer des Projektes „Jugendburg Ludwigstein“, war auch an der Gründung des Habertshofs bei Schlüchtern beteiligt, der mehrwöchige Kurse für Arbeiter organisierte. Seine umfassenden Bildungsvorstellungen stellte LUKAS MÖLLER (Kassel) im Kontext einer biografischen Annäherung an Hermann Schafft vor.

In einem Abendvortrag mit vielen Bildern vermittelte Paul Ciupke Eindrücke von den Stätten der vor 1933 in Deutschland gegründeten jugendbewegten Erwachsenenbildungseinrichtungen, insbesondere stellte er dabei das Volkshochschulheim auf dem Darß von Fritz Klatt vor. Anschließend dokumentierte ein Film die Volkshochschule am Meer auf Sylt, das von Knud Ahlborn initiierte freideutsche Jugendlager in Klappholttal.

In vergleichbarer Weise wie die Sächsische Jungenschaft hatte sich auch die Schlesische Jungmannschaft innerhalb der Deutschen Freischar in der Vorkriegszeit weit über das in vielen Bünden übliche Maß für die Bildung ihrer Mitglieder engagiert. In Schlesien mündete das auf Initiative von Eugen Rosenstock-Huessy 1925 in der Gründung einer später vor allem durch die angeschlossenen schlesischen Arbeitslager bekannten Heimvolkshochschule, dem Boberhaus in Löwenberg (heute: Lwówek Śląski). Nach dem Krieg flossen die Erfahrungen und Impulse des Boberhauses unter anderem in die Neugründung des Jugendhofes Vlotho und einer auf Entwicklungsfragen spezialisierten politischen Bildungseinrichtung, dem Arbeitskreis Entwicklungspolitik ein, wie GERHART SCHÖLL (Vlotho) erläuterte.

Anlässlich der Tagung wurde im Archiv die diesjährige Sonderausstellung „Jugend, Tempel und irdische Paradiese – Entwürfe eines anderen Lebens“ mit Werken aus dem archiveigenen Nachlass von Hugo Höppener-Fidus eröffnet. Gestaltet hat die Ausstellung Malte Lorenzen (Bielefeld). Die Ausstellung ist bis September 2012 in den Räumen des Archivs zu sehen und vermittelt Leben und Werk des in der frühen Jugendbewegung sehr beliebten Künstlers mit einigen größeren Gemälden sowie graphischen Entwürfen, Fotografien, Briefen, Druckwerken und Erläuterungen. Viele Bilder, die auf Umwegen aus Fidus‘ Künstlerhaus in Woltersdorf bei Berlin als Depositum in das Archiv der deutschen Jugendbewegung gelangt sind, werden so erstmals öffentlich gezeigt.

Am Ende der Tagung stand eine Zeitzeugenrunde. Auf dem Podium im Meißnersaal hatten eine Frau und vier Männer Platz genommen, die, überwiegend aus der Jugendbewegung der 1950er-Jahre kommend, als Hochschullehrer und in der politischen Bildung Lehrende die Erwachsenenbildung in der Bundesrepublik erfahren und mitgeprägt haben: GERTRUD HARDTMANN und URS MÜLLER-PLANTENBERG (beide Berlin), ADOLF BROCK (Bremen), JOHANNES WEINBERG (Münster) und HERMANN GIESECKE (Göttingen). Befragt wurden sie von Paul Ciupke und Barbara Stambolis (Münster). In der Nachkriegszeit waren sie junge Erwachsene, die sich damals in den wieder entstandenen Bünden von Wandervögeln und den Pfadfindern engagierten. Manche waren an dieser Wiederbelebung der Jugendbewegung zeitweise sehr intensiv beteiligt, andere, wie Hermann Giesecke, hielten Distanz und kritisierten die damals wieder aufkommende Ideologie des „Jugendgemäßen“. Das Plädoyer der Pädagogen für die notwendige Freiheit der Jugend als Voraussetzung für gelingende Bildung bzw. Selbst-Bildung wurde durch die eindrucksvollen Schilderungen ihrer eigenen Lebenserfahrungen plausibel. Dabei nahm die Praxis der Jugendbünde, in denen Kompetenzen und Orientierungen erarbeitet wurden, einen bedeutsamen Platz als Ausgangspunkt für die spätere Berufstätigkeit in der Erwachsenenbildung und an den Hochschulen sowie für öffentliches politisches Engagement ein.[1]

Die Tagung bot einen vielseitigen Einblick in das bislang wenig beachtete Netzwerk, in dem junge Pädagogen und Pädagoginnen, Studierende und Angehörige von Jugendbünden an vielen Orten auf dem Land und in der Stadt in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts innovative, beispielhafte Bildungsprojekte anstießen, lange bevor daraus etablierte Einrichtungen der Erwachsenbildung wurden. Diesen Projekten lag zumeist ein gesellschaftskritischer und zugleich utopischer Bildungsbegriff zugrunde, demzufolge Bildung die notwendige Voraussetzung zur umfassenden Verbesserung des Einzelnen aber auch für die Gesellschaft insgesamt darstellt. Über die jeweiligen Unterrichtsgegenstände hinaus sollten durch die Erfahrung von Freiraum und Gemeinschaft Anstöße zur Selbstbildung und zum gesellschaftspolitischen Engagement gegeben werden. In diesen Ansätzen begegneten sich die Protagonisten von Erwachsenenbildung und Jugendbewegung bis in die 1960er-Jahre. Gerade für die Zeit nach 1945 sind aber weitere Forschungen nötig, um die bisher vorliegenden Thesen zu überprüfen und für eine erweiterte deutsche Bildungsgeschichte fruchtbar zu machen.

Konferenzübersicht:

Christian Niemeyer (Universität Dresden): Bildung als Passion – Über das Bildungsverständnis der Jugendbewegung

Jens Wietschorke (Universität Wien): Bürgerliche „Volksfreundschaft“ zwischen Jugend- und Erwachsenenbewegung

Bernhard Schoßig (Ludwig-Maximilians-Universität München): Die studentischen Arbeiterbildungskurse als bildungs- und sozialpolitisches Engagement der Freistudenten vor dem Ersten Weltkrieg

Norbert Reichling (Bildungswerk der Humanistischen Union Nordrhein-Westfalen, Essen): „Der Bund“ – Volkshochschularbeit im Ruhrgebiet

Friederike Hövelmans (Universität Leipzig): Grenzlandfahrten und Schüler- und Studentenaustausch als Selbsterfahrung und Bildungsformate – Das Beispiel der Sächsischen Jungenschaft

Ullrich Amlung (Philipps-Universität Marburg): Kommunikations- und Kooperationsnetzwerke in un dzwischen Jugendbewegung und Erwachsenenbildung am Beispiel Adolf Reichweins

Heinz Schernikau (Hamburg): Der Einfluss Paul Natorps auf das pädagogische Denken Adolf Reichweins

Monika Kil (Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, Bonn): Carola Rosenberg-Blume und die Frauenabteilung der Volkshochschule Stuttgart

Jan Woppowa (Universtität Vechta): Bildung als Bewährung – Martin Bubers Beitrag zur Jugendbewegung und Erwachsenenbildung

Lukas Möller (Universität Kassel): „Wir haben die heilige Verantwortung“ – Eine Annäherung an den Pädagogen Hermann Schafft

Paul Ciupke (Bildungswerk der Humanistischen Union Nordrhein-Westfalen, Essen): Stätten jugendbewegter Erwachsenenbildung in der Weimarer Zeit – Ein Überblick

Gerhard Schöll (Vlotho): Das Boberhaus in Löwenberg, der Boberhaus-Kreis und sein Nachwirken in der Erwachsenenbildung nach 1945

Susanne Rappe-Weber (Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen), Malte Lorenzen (Universität Bielefeld): Eröffnung der Ausstellung „Jugend, Tempel und irdische Paradiese - Entwürfe eines anderen Lebens. Einblicke in den Nachlass von Hugo Höppener-Fidus“

Zeitzeugengespräch mit Gertrud Hardtmann (Berlin), Hermann Giesecke (Göttingen), Urs-Müller-Plantenberg (Berlin), Adolf Brock (Bremen) und Johanes Weinberg (Münster), moderiert von Paul Ciupke (Essen) und Barbara Stambolis (Universität Paderborn)

Anmerkung:
[1] Die Ergebnisse der Tagung werden in der Reihe des Archivs „Historische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung“ dokumentiert. Der Band liegt ab Herbst 2012 vor.

Zitation
Tagungsbericht: Jugendbewegung und Erwachsenenbildung. Impulse, Akteure, Projekte, 28.10.2011 – 30.10.2011 Witzenhausen, in: H-Soz-Kult, 05.04.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4167>.
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Veröffentlicht am
05.04.2012
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