Bryn Mawr Classical Review

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Titel
Bryn Mawr Classical Review (BMCR).


Hrsg. v.
Rolando Ferri (Università di Pisa); Richard Hamilton (Bryn Mawr College); Camilla MacKay (Bryn Mawr College); James J. O'Donnell (Georgetown University)
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Hartmann

Rezensionen gehören nicht unbedingt zu den angesehensten und dankbarsten Gattungen akademischer Literaturproduktion. Ihre Abfassung gilt gemeinhin als eine mühselige und zeitraubende Übung, ihre Lektüre und die aus ihnen gewonnenen Anregungen werden selten gewürdigt, scheinen sie doch keine "originalen" Beiträge zum Diskurs der Forschung zu liefern. Gesprochen wird über Rezensionen meist negativ, nämlich dann, wenn man mit ihren Wertungen nicht einverstanden ist. Gleichwohl gehören Rezensionen in der Praxis wissenschaftlichen Arbeitens zu den unverzichtbarsten Hilfsmitteln überhaupt, und dies besonders in einer Zeit, die eine schier unüberschaubare Flut an wissenschaftlicher Literatur auch im Bereich der Altertumswissenschaften hervorbringt. Die wichtigste Aufgabe der Rezension ist hier gar nicht einmal die kritische Würdigung, sondern die ganz banale Zusammenfassung und Erschließung dieses Materials. Gerade in dieser Hinsicht ist seit nunmehr 13 Jahren der Bryn Mawr Classical Review (BMCR) zu einem nicht mehr wegzudenkenden Begleiter geworden. Der BMCR versteht sich als das elektronische Äquivalent zu einer wissenschaftlichen Rezensionszeitschrift in gedruckter Form, richtet sich folglich an ein akademisches Fachpublikum und setzt entsprechende Vorkenntnisse voraus.

Seit 1990 veröffentlicht der BMCR Rezensionen zu Neuerscheinungen aus dem Bereich dessen, was im anglophonen Sprachraum als "Classics" bezeichnet wird, also Klassischer Philologie, Archäologie und Alter Geschichte. Einen weiteren Schwerpunkt bildet hierbei auch die Literatur zur Philosophie der Antike. Seit Juni 2002 ist auch der ehemalige Bryn Mawr Electronic Ressources Review (BMERR) in den BMCR integriert, wobei freilich die Zahl der tatsächlich publizierten Besprechungen zur elektronischen Medien eher gering ausfällt. Betreut wird der BMCR von einem internationalen Herausgeberteam, in dem erwartungsgemäß Wissenschaftler nordamerikanischer und englischer Provenienz dominieren. Daneben ist lediglich Deutschland durch Heinz-Günther Nesselrath vertreten [1]. Die Sprache der veröffentlichten Rezensionen ist in der Regel englisch, nur bisweilen finden sich auch französische oder italienische Beiträge. Diesen Voraussetzungen entsprechend wundert es nicht, dass auch die rezensierte Literatur mehrheitlich dem angelsächsischen Raum entstammt, was freilich zum Teil auch die tatsächlichen Publikationszahlen widerspiegelt. Im Gegensatz zu anderen e-Journals scheint sich der BMCR mittlerweile sehr gut etabliert zu haben, was vielleicht auch daran liegt, dass bis 1998 neben der Online-Fassung die Rezensionen auch konventionell in gedruckter Form publiziert wurden, was dem Projekt den Ruch des nur Ephemer-Experimentellen nahm und es für potentielle Rezensenten attraktiver machte.

Inwieweit die Herausgeber eingesandte Beiträge prüfen und gegebenenfalls ablehnen, bleibt unklar. Ein notorischer Fall aus dem Jahr 2002 lässt aber auf eine eher laxe Editionspolitik schließen: In einer Rezension zu Daryl Hines "Puerilities: Erotic Epigrams of The Greek Anthology" suggerierte ein gewisser Otto Steinmayer, dessen fachliche Qualifikation im Bereich der Altertumswissenschaften aus seiner Zugehörigkeit zum "Institute of East Asian Studies, University Malaysia Sarawak" zumindest nicht unmittelbar abzuleiten ist, einen Konnex zwischen Pädophilie, Homosexualität und AIDS [2]. Der Protest blieb nicht aus, eine Stellungnahme der Herausgeber erfolgte aber nie. Die zur Rezension eingegangenen Bücher werden monatlich ausgeschrieben, ein rezensionswilliger Autor kann also (Nachweis fachlicher Qualifikation vorausgesetzt) selbst die Initiative ergreifen, und diese Gelegenheit wird gerade von jüngeren Wissenschaftlern genutzt. Insofern ist die Situation derjenigen ähnlicher Unternehmungen in Deutschland - wie etwa H-Soz-u-Kult - vergleichbar. Ob man die gemessen an gedruckten Publikationen im Durchschnitt aggressivere Schreibhaltung der BMCR-Autoren mit diesen Umständen in Verbindung bringen kann, mag dahingestellt bleiben. Wer jedoch nach unbedingter Ausgewogenheit sucht, wird mit den Rezensionen des BMCR nicht immer glücklich werden. Der BMCR ist vor allem ein Ort der Kritik, nur in zweiter Linie der Würdigung. Zumindest der Meinung des Rezensenten nach kann aber auch dieser vielleicht hyperkritische Rezensionsstil seine Verdienste haben - auch wenn er der Leistung des besprochenen Autors sicher nicht immer gerecht wird: Es werden andere Sichtweisen und Interpretationsmöglichkeiten in den Blick gebracht, offene Fragen deutlich benannt, mögliche Probleme angesprochen. Solange man die Kritik der BMCR-Rezensenten sich nicht kritiklos zu eigen macht, muss das kein Problem sein.

Der besondere Wert der Rezensionen des BMCR liegt ohnehin anderswo: Den Richtlinien der Zeitschrift zufolge soll jede Besprechung "a brief summary of the book's content and purpose, indicating its major sections" enthalten [3]. Dies wird ermöglicht durch eine durchschnittliche Länge der Rezensionen von 1500-2500 Wörtern (zum Vergleich: H-Soz-u-Kult Rezensionen sollen 1500 Wörter nicht übersteigen). Der BMCR bietet daher ein unschätzbares Archiv von Kurzzusammenfassungen von Monographien und Sammelbänden. Da gerade bei letzteren Bandtitel und Inhalt der einzelnen Beiträge nicht immer in einem voraussagbaren Verhältnis stehen, verschafft der BMCR hier einen besseren Überblick und ermöglicht einen wesentlich gezielteren Zugriff. Eine Besonderheit des BMCR ist es, dass Repliken auf publizierte Rezensionen ausdrücklich erwünscht sind, bisweilen sogar von vorneherein mehrere Rezensionen zu demselben Buch veröffentlicht werden [4]. Das ist an sich eine gute Idee, weil die Möglichkeiten des elektronischen Mediums im Sinne einer Intensivierung der wissenschaftlichen Diskussion genutzt werden, doch wird gerade in den Repliken immer wieder die Grenze zur Polemik überschritten. Der Leser fühlt sich dann in der Tat als Zuschauer eines akademischen Gladiatorenkampfes, mit Tastaturen virtuell geführt, aber nichts desto weniger bis aufs Messer ausgetragen. Der Unterhaltungswert übersteigt in solchen Fällen regelmäßig den Erkenntnisgewinn bezüglich der meist festgefahrenen und daher voraussagbaren Positionen [5].

Grundsätzlich existieren zwei Möglichkeiten des Zugriffs auf die einzelnen Beiträge der Zeitschrift: Seit den Anfängen wurde der BMCR über eine Mailingliste verteilt, die Subskribenten erhalten also alle neuen Artikel im Volltext als E-Mail im Nur-Text-Format zugeschickt [6]. Waren ältere Besprechungen früher über Gopher bzw. FTP zugänglich, ist an die Stelle dieser Dienste mittlerweile ein HTML-Archiv getreten. Beide Publikationsformen - Mail und Archiv - werden bis jetzt kostenlos angeboten, obwohl in einer Teilnehmerbefragung vor einiger Zeit die Bereitschaft zur Leistung eines moderaten Unkostenbeitrages erkundet wurde. Auch als Subskribent der Mailingliste wird man den BMCR freilich oft in der HTML-Fassung im WWW lesen wollen, weil hier der Beta-Code-Salat der Nur-Text-Mails in "ansehnliches" Griechisch übersetzt werden kann [7]. Ähnliches gilt für akzentuierte Zeichen in modernen Fremdsprachen. Insgesamt ist das Layout in der HTML-Fassung übersichtlicher und lesefreundlicher. Das Archiv kann über Indices (nach Rezensenten, nach Autoren der rezensierten Werke, nach BMCR-Jahrgang) und Volltextsuche erschlossen werden. Gerade die Volltextsuche ist ein äußerst nützliches Instrument, bietet der BMCR doch, wie dargelegt, eine Datenbank von Kurzzusammenfassungen zu neuerer Forschungsliteratur. Ähnlich wie bei der Volltextsuche in der elektronischen Fassung der Année Philologique kann man so manche bibliographischen Schätze heben, wo man sie nicht erwartet hätte, insbesondere in Sammelbänden. Einziger Wermutstropfen ist die teilweise noch nicht gänzlich gelungene Integration der älteren Jahrgänge: Bisweilen tauchen so in der Ergebnisliste Treffer auf, die keine Titelangaben, sondern nur die BMCR-Nummer enthalten [8]. Insgesamt tun aber derartige Schönheitsfehler der Nützlichkeit des Ganzen keinen Abbruch: Die elektronische Präsentationsform ermöglicht den Zugriff auf sämtliche Daten (Rezensionen und monatliche Listen eingegangener Bücher) in einer Geschwindigkeit und Bequemlichkeit, wie es bei einer gedruckten Publikation ganz undenkbar wäre. Dass die großen Verlagshäuser mit ihren elektronischen Versionen renommierter Rezensionszeitschriften technisch und inhaltlich vielleicht noch Besseres zu bieten haben bzw. hätten, mag richtig sein [9]. Das hat dann freilich auch seinen Preis. Zudem macht das parallele Erscheinen gedruckter Versionen rigide Beschränkungen des Umfangs notwendig, was zumal bei Sammelbänden eine angemessene Vorstellung und Würdigung erschwert oder unmöglich macht. Auch in diesem Punkt bietet das BMCR-Modell einer ausschließlich elektronischen Publikation unbestreitbar Vorteile.

Zuletzt noch einige kurze Bemerkungen zur praktischen Umsetzung des Internetauftritts: Das Design der BMCR-Website ist insgesamt funktional und dennoch optisch ansprechend. Probleme mit der Serververfügbarkeit oder -geschwindigkeit treten nach Erfahrung des Rezensenten sehr selten auf.

Anmerkungen:

[1]http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/editors.html.
[2]http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2002/2002-04-02.html.
[3]http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/review.html.
[4] Als Beispiel mögen die Rezensionen zu Joseph Alexander MacGillivray: MINOTAUR. Sir Arthur Evans and the Archaeology of the Minoan Myth, New York 2000 genügen: http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2001/2001-02-17.html, http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2001/2001-02-18.html, http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2001/2001-02-19.html.
[5] Zuletzt die durch Judith Fletchers Rezension zu Niall W. Slater: Spectator Politics. Metatheatre and Performance in Aristophanes, Philadelphia 2002 (http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2003/2003-06-38.html) ausgelöste Polemik: Response von Caroline Buckler mit Attacke gegen "experimental surgery by the Theorists" (http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2003/2003-07-07.html) und Retourkutsche von Judith Fletcher (http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2003/2003-07-13.html). Überhaupt fällt auf, dass sich die meisten im BMCR ausgetragenen Polemiken an Fragen der Literaturtheorie und ihrer Anwendung entzünden.
[6] Subskription unter http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/subform.html.
[7] Mögliche Anzeigeoptionen: Roman transliteration, Beta code, SMK GreekKeys, SGreek for Windows, Unicode (UTF-8).
[8] Eine Suche nach "Augustus" ergibt etwa unter anderem "Bryn Mawr Classical Review 97.11.15 / Summary: / Score: 399, Lines: 115". Dahinter verbirgt sich dann eine Rezension zu Marianne Wifstrand-Schiebe: Vergil und die Tradition von den römischen Urkönigen, (Hermes Einzelschriften. 76), Stuttgart 1997.
[9] Verfügbar ist in elektronischer Form The Classical Review von Oxford University Press unter http://www.oup.co.uk/clrevj/.

Zitation
Andreas Hartmann: Rezension zu: Rolando Ferri (Università di Pisa); Richard Hamilton (Bryn Mawr College); Camilla MacKay (Bryn Mawr College); James J. O'Donnell (Georgetown University) (Hrsg.): Bryn Mawr Classical Review (BMCR). , in: H-Soz-Kult, 03.10.2003, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-10>.
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Veröffentlicht am
03.10.2003
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