Sammelrezension: Der Klick zur Geschichte. Die Internet-Angebote von ARD und ZDF zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa

Andersen, Imke [Projektleitung] (Hrsg.): 60 Jahre Kriegsende - Mosaik der Erinnerungen. : Norddeutscher Rundfunk (NDR): Hamburg, DE <http://www.ndr.de/> Url: http://kriegsende.ard.de/

Koch, Annette []Redaktionsleitung] (Hrsg.): Schicksalsjahr 1945. : Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF): Mainz, DE <http://www.zdf.de/> Url: http://www.zdf.de/ZDFxt/module/Kriegsende/index.htm

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Kusebauch, Medien und Kommunikation, Martin Luther Universität

Der Klick zur Geschichte. Die Internetangebote von ARD und ZDF zum 60. Jahrestag des Kriegsendes[1]

Das historische Jubiläum zum Sieg über den Nationalsozialismus war in diesem Jahr nicht nur Anlass für viele Sondersendungen sowohl auf privaten als auch öffentlich-rechtlichen Kanälen. Vor allem entstand auch eine Vielzahl an Online-Angeboten. Neben eigenen Projekten der ARD-Sendeanstalten gab es ein Gemeinschaftsprojekt von BR, NDR, RBB, SR, SWR und WDR sowie einen von der ZDF-Redaktion »Politik und Zeitgeschehen« gestalteten Webspezial. Beide sind für den »Prix Europa« nominiert, mit dem jedes Jahr die besten europäischen Fernseh-, Radio- und Internetproduktionen ausgezeichnet werden.

Bei der ARD ist der Titel der Website »60 Jahre Kriegsende. Mosaik der Erinnerungen«[2] Programm. Die Startseite collagiert eine Vielzahl von briefmarkengroßen Abbildungen, die historische Figuren wie Joseph Goebbels oder Sophie Scholl, Porträts von malträtierten Soldaten, Kriegs- und Kampfszenen, Bilder von Deutschland nach dem Krieg oder Szenen der Vertreibung zeigen. Hinter den anzuklickenden Bildern verbergen sich vergleichsweise ausführliche Informationen zu den einzelnen Themen. Die Texte sind von Redakteuren autorisiert. Zudem werden Zeitzeugenberichte in Text- oder Audioformat zur Verfügung gestellt, zusätzliche Bildgalerien oder weiterführende Literatur- und Sendungshinweise. Dabei ist ein eindeutiger Zusammenhang zwischen den Mosaik-Bildern und verlinktem Thema nicht immer ersichtlich, d.h. der Nutzer muss eher intuitiv vorgehen. Ein Bild von Heinz Rühmann etwa dient als Aufhänger für die Darstellung der kulturellen Situation während des Krieges sowie Joseph Goebbels Kulturpolitik. In diesem »Mosaik der Erinnerungen« existiert keine lineare Struktur, sondern jeder Nutzer stellt sich interaktiv ein eigenes Erinnerungsmenü zusammen – je nach Verweildauer, Ladezeiten und Interesse.

Ein strukturierter Zugang zu dem umfangreichen Projekt ist jedoch auch über die im oberen Feld der Startseite sichtbare Unterteilung in »Chronologie«, »Schauplätze« und »Themen« möglich. Die aufbereitete Chronologie umfasst die Kriegsjahre 1939 bis 1945. Der Button »Schauplätze« führt über eine Landkarte von Europa mit zusätzlichen Ausschnitten von Pearl Harbour, Quebec und Al Alamein zu einzelnen Orten des Geschehens. Die Landkarte gleicht allerdings eher einem >Spielfeld<, mit dem sich die Nutzer wie beim »Mosaik der Erinnerungen« intuitiv durch das Geschehen klicken können. Zudem erscheint die Auswahl der Schauplätze aus historischer Sicht recht willkürlich. Der Bereich »Themen« unterteilt die Retrospektive noch einmal in sechs Teile: Kriegsverlauf, Bombenkrieg, Kriegsalltag, Holocaust, Widerstand, Vertreibung. Hinter dem chronologischem Abriss, den Schauplätzen und Themen sind die Texte und Bilder wieder zu finden, die über das »Mosaik« zugänglich sind, aber auch zusätzliche und weitergehende Informationen. Das grafische und textliche Gesamtangebot der ARD-Website ist dabei sehr stark miteinander verlinkt. So steht etwa bei jeder Anwendung die Landkarte von Europa zur Verfügung, auf der das jeweilige nachzulesende Geschehen geografisch nachvollzogen werden kann. Darüber hinaus führen Links auf der Startseite der Webseite zu weiteren Angeboten von anderen Sendeanstalten oder Bildungsinstitutionen wie der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb),[3] des Deutschen Historischen Museums (DHM) usw. Darunter befinden sich Zeitzeugenberichte in Textform, Kurzfilme oder Dossiers. Mit Programmhinweisen auf Sendungen der ARD zum Thema oder entsprechende Veranstaltungen wird die Seite der ARD ständig aktualisiert.

Das ZDF nutzt unter der Leitung von Guido Knopp das Netz für einen Webspezial mit dem Titel »Schicksalsjahr 1945«.[4] Das klingt bedeutungsschwanger und unheilvoll, wobei die etwas unglücklich formulierte Aufforderung »Klicken Sie sich durch das >Schicksalsjahr 1945<! « dann doch zum Schmunzeln anregt. Beim ZDF setzt man auf einen weitaus emotionaleren Zugang zum Thema als bei der ARD, wobei man sich insbesondere um die Gestaltung von Bild- und Tonebene bemühte. Das gereicht der Website aus ganz pragmatischen Gründen nicht unbedingt zum Vorteil, da die Ladezeiten für die Kurzfilme weit über das hinausreichen, was man zeitlich auch beim Lesen erfahren hätte.

Die sehr aufwändig gestaltete Multimedia-Collage des ZDF wird, nachdem der Titel langsam vor schwarzem Hintergrund in weißen Buchstaben eingeblendet wurde, von Guido Knopp persönlich eingeleitet. Während Knopp, auf der rechten Seite in einem kleinen Fenster eingeblendet, eine Bilanz der Opfer zieht, werden auf der linken Seite Opfer-Bilder gezeigt: Öfen in einem Krematorium, zerstörte Städte, Trümmerfrauen, Leichenberge, Flüchtlingstrecks. Guido Knopp betont dabei die Brisanz der Ereignisse eindringlich, sodass der Nutzer eine Minute konzentrierte Dramatik bekommt. Hinzu kommt eine auf Dauer schwer zu ertragende tragisch-niederdrückende Hintergrundmusik. Während des Intros steht dem Nutzer ein Steuerpult mit zahlreichen Funktionen zur Regulierung der Einleitung zur Verfügung. Es ist fraglich, ob diese Anwendungen wirklich nötig sind oder ob man hier nur einer überzogenen Interaktivitätsvorstellung Rechnung trägt.

Nach dem Intro wird der Nutzer in eine Art imaginäres Rondell versetzt, indem sich vor seinem Auge eine als Menü konzipierte Bildmontage abwechselnd von links nach rechts bewegt. Dabei führen Bildausschnitte von Kriegs-, Nachkriegs- oder Flüchtlingsszenen, die vor einem tiefen, wolkenverhangenem Himmel montiert wurden, zu einzelnen Kapiteln. Dem Verlauf der Bildmontage folgend, ergibt sich so etwas wie eine Ereignischronologie, die mit »Die letzten Tage des Nazi-Regimes« beginnt, über »Bombardierung und Zerstörung«, »Kapitulation und Befreiung der KZ« weitergeführt wird und mit dem »Nachkriegsalltag« endet. Im Gegensatz zum »Mosaik der Erinnerungen« der ARD-Website, in dem auch der Kriegsverlauf als >Vorgeschichte< des Ereignisjahres 1945 thematisiert wird, fokussiert das ZDF stärker das Kriegsende und die Nachkriegszeit in Deutschland.

Gefüllt wurden die einzelnen Kapitel mit Augenzeugenberichten, Bildserien, interaktivem Kartenmaterial sowie historischen Audiobeiträgen. Die Augenzeugenberichte bestehen aus jeweils kurzen Filmsequenzen, in denen von Zeitzeugen kurze Statements geliefert oder Geschichten erzählt werden. In den Bilderserien wird historisches Geschehen anhand von Bildmaterial, das mit ein bis zwei Sätzen kommentiert ist, nacherzählt. So sieht man in der Bildserie »Die letzten Tage des Nazi-Regimes« allgemein bekannte Bilder, auf denen Hitler Kinder-Soldaten die Hand reicht oder letzte >menschliche Reserven< für den Endsieg zum »Volkssturm« notdürftig ausgebildet werden. Das Ende dieser Bildserie zeigt dabei, dass die redaktionelle Entscheidung für die fast ausschließliche Bebilderung des historischen Geschehens nicht immer greift. So wirkt der Abschluss an dieser Stelle, eine Aufnahme aus einer Kampfszene in Schlesien im Frühjahr 1945, etwas verlegen. Auch der Kommentar erzählt nichts vom Schicksal der zuvor eingeführten >letzten Helden<.

Ärgerlich für den historisch interessierten Nutzer sind vor allem die fehlenden Quellenangaben der Bilder und Audiobeiträge. Während Quellen zu Letzteren völlig fehlen, lassen sich Bildnachweise erst ex post im Abspann nachlesen. Dieses Manko offenbart sich insbesondere mit der im Audioformat zur Verfügung gestellten letzten Neujahrsansprache Adolf Hitlers. In dem Ausschnitt appelliert Hitler an die Bevölkerung durchzuhalten und das Letzte zu geben. Seine Worte werden lediglich auf der Bildebene mit Aufnahmen von kämpfenden Kindern, zerstörten Straßenzügen, Flüchtenden und Ausgebombten kommentiert. Die Bild-Quellen, Umstände der Entstehung oder Bild-Inhalte werden nicht weiter ausgeführt. Es bleibt die Aussage eines Wahnsinnigen, der das Martyrium seines Volkes unnütz verlängert.
Das ZDF ermöglicht dem Nutzer hauptsächlich, sich in die Umstände des »Schicksalsjahres 1945« einzufühlen. Die schreckliche Bilanz der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wird über viel Bildmaterial und Zeitzeugenberichte vermittelt. Die Möglichkeit der Einfühlung hat der Nutzer des ARD-Webangebots auch, wobei man jedoch vordergründig auf die Vermittlung historischer Fakten setzt, die thematisch breiter als beim ZDF angelegt sind und auch über Angebote anderer Institutionen einzuholen sind. Während beim ZDF Geschichtskenntnisse vorausgesetzt werden, ordnen bei der ARD journalistische Kommentare die Ereignisse ein. Die textliche Ausgestaltung der Website erlaubt dabei eine gewisse Tiefgründigkeit der Sachverhalte. So entsteht beim ZDF ein Bild einer nie da gewesenen, allgemeinen Katastrophe, während das »Mosaik der Erinnerungen« durch die Themenbreite differenzierter auf Ursache und Wirkung der Katastrophe eingeht. Dabei setzen beide Websites wiederum auf Ereignisgeschichte.

Zudem zeigt sich beim ZDF und bei der ARD sehr deutlich ein Perspektivenwechsel bei der Betrachtung der Opfer des Nationalsozialismus respektive des Zweiten Weltkrieges.[5] Sowohl im »Mosaik der Erinnerungen« als auch im Themenfeld des »Schicksalsjahres 1945« stehen Verfolgte des Naziregimes neben Zeitzeugen der Kriegsgeneration. In beiden Intros werden ihre Opferbilder aneinander montiert. Ihre Schicksale sind gleich gewichtet abrufbar. Eine stärkere Trennung wäre nicht nur wünschenswert, sondern könnte auch das Maß an Orientierung bieten, welches der Nicht-Historiker erwartet.

Anmerkungen:
[1] Bei der Rezension handelt es sich um eine Zweitveröffentlichung, die bereits 2005 in der Zeitschrift "Rundfunk und Geschichte 31 (2005), 1 erschien. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion sowie den Autoren Thomas Wilke und Claudia Kusebauch.
[2] ARD-Projekt „Mosaik der Erinnerungen“ http://kriegsende.ard.de/
[3] Portal Kriegsende: http://www.kriegsende.politische-bildung.de/
[4] ZDF: http://www.zdf.de/ZDFxt/module/Kriegsende/index.htm
[5] Seit 1985, dem 40. Jahrestag der Befreiung, verlagert sich der »Fokus des kritischen Interesses« von den Fragen nach den Ursachen für den Aufstieg der NSDAP hin zu den nationalsozialistischen Verbrechen während des Krieges. Dabei wurde auch zunehmend der Opferstatus der Deutschen ins Blickfeld gerückt. Insbesondere Norbert Frei warnte davor, in einer »pathetischen Psychohysterie«, unterschiedslos Zeitzeugen der Kriegsgeneration zu Wort kommen zu lassen und nicht mehr vordergründig die Verfolgten des Naziregimes. Vgl. Norbert Frei: 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen. München 2005.

Zitation
Claudia Kusebauch: Rezension zu: Andersen, Imke [Projektleitung] (Hrsg.): 60 Jahre Kriegsende - Mosaik der Erinnerungen. / Koch, Annette []Redaktionsleitung] (Hrsg.): Schicksalsjahr 1945. , in: H-Soz-Kult, 12.05.2006, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-124>.
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Veröffentlicht am
12.05.2006
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