Historisches Lexikon der Schweiz

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Titel
Historisches Lexikon der Schweiz.


Hrsg. v.
Historisches Lexikon der Schweiz Zentralredaktion <info@dhs.ch>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Michael Keller, Pädagogische Hochschule Solothurn, Doktorand an der Universität Zürich

Die hier zu besprechende Website ist der kleine Bruder des Historischen Lexikons der Schweiz (HLS) [1]. Seit 1988 verfolgt eine durch die schweizerische Eidgenossenschaft finanzierte Stiftung das ambitionierte Projekt, den Stand des Wissens über die Geschichte der Schweiz in Form einer dreisprachigen Enzyklopädie darzustellen. Von diesem im Entstehen begriffenen Historischen Lexikon der Schweiz sind mittlerweile vier Bände erschienen. Dereinst soll das Lexikon 13 Volumen mit insgesamt rund 40.000 Artikeln umfassen. Das neue HLS ist eine Erweiterung des Historisch-biographischen Lexikons der Schweiz, das von 1921-1934 herausgegeben wurde [2].
Parallel zur Druckfassung des HLS ist seit 1998 die Website www.hls-dhs-dss.ch aufgeschaltet (e-HLS), welche das Verzeichnis aller vorgesehenen Lemmata beinhaltet. Von dieser Liste aus können sämtliche Artikel eingesehen werden, die bisher verfasst worden sind – auch diejenigen, die noch nicht in einer Druckfassung vorliegen.

Inhalte
Das Lexikon richtet sich an ein breites Publikum und versteht sich als Vermittler zwischen der geschichtswissenschaftlichen Fachwelt und interessierten Laien. Im Hinblick auf die anvisierte Leserschaft sind die Artikel in einer einfachen, leicht verständlichen Sprache geschrieben und es wird auf einen betont akademischen Fachjargon verzichtet.
Am Projekt sind rund 2.500 Autorinnen und Autoren beteiligt, die durch einen wissenschaftlichen Beirat und eine aus 30 Personen bestehende Redaktion ausgewählt und beraten werden. Der Beirat ist aus Fachleuten zusammengesetzt, die meist dem universitären Umfeld entstammen und somit als Garanten für die wissenschaftliche Qualität der Lexikonartikel gelten. Die Autorenliste liest sich wie ein who-is-who der aktuellen schweizerischen Geschichtswissenschaft, wurden doch meist ausgewiesene Fachspezialisten beauftragt. Einschränkend muss allerdings gesagt werden, dass die Autoren nur am Ende der Artikel aufgeführt werden und auf eine vollständige Autorenliste nicht zugegriffen werden kann.
Dennoch dürfte das HLS den Austausch unter Historikerinnen und Historikern fördern und somit einen wünschenswerten Nebeneffekt bieten.
Inhaltlich orientiert sich das HLS an einer Histoire totale. Das Stichwortverzeichnis reicht von A wie Aadorf über C wie Café bis Z wie Zensur und die berücksichtigte Zeitspanne reicht von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Neben Politik- und Ereignisgeschichte werden auch sozial-, wirtschafts- und kulturgeschichtliche Aspekte wiedergegeben. Die von der Redaktion vorgenommene Aufteilung der Lemmata in Biografien, Familienartikel, Ortsartikel und Sachartikel zeigt jedoch, dass sich „Sachthemen“ in der Minderheit befinden. Die längsten Artikel sind den einzelnen Kantonen des Bundesstaates gewidmet, zudem wird jede Schweizer Gemeinde mit einem eigenen Text berücksichtigt. Ebenso zahlreich sind Biografien von Persönlichkeiten und Familien vertreten. Die Sachartikel sind thematisch äusserst vielfältig und decken auch theoretische und historiografische Bereiche ab. Das Inhaltsangebot der Artikel ist absolut ambitioniert und sehr beeindruckend. Trotzdem wünschte man sich Angaben zu den Auswahlkriterien der Stichwortliste, um den sich, allerdings selten, einstellenden Eindruck einer gewissen Beliebigkeit zu entkräften (Warum etwa ist der Radio-Pionier Walo Linder erwähnt, während dem nicht minder wichtigen Fernsehakteur Kurt Felix kein Artikel gewidmet ist?). Bei Sachartikeln, die über den geografisch-schweizerischen Bezug hinausweisen, ist verschiedentlich eine zu grobe Verkürzung und Engführung auf schweizerische Verhältnisse zu bemängeln. Hier vermisst man eine stärkere Bezugnahme auf den internationalen Forschungskontext. Es hängt wohl mit dem Medium Lexikon zusammen, dass verschiedentlich ein Beharren auf dem Faktischen festzustellen ist. Forschungsprobleme, neuere Diskussionsansätze oder ungelöste Fragen treten in den Hintergrund. Bedauerlich sind teilweise auch die ziemlich knappen, bibliografischen Angaben. Für das Lexikon in Buchform könnte dies aus Platzgründen erfolgt sein, bei der elektronischen Version wünschte man sich jedoch genauere Angaben, gerade weil die Autoren als Spezialisten ihres Teilbereichs über entsprechende Informationen verfügen müssen.
Neben der Informationsdichte überzeugt das Lexikon durch seine Aktualität. Die einzelnen Texte sind alle mit dem Datum ihrer Veröffentlichung versehen und werden unmittelbar vor der Drucklegung nochmals überarbeitet. Für die Online-Version besonders wichtig ist die geplante (aber finanziell noch nicht gesicherte) Weiterführung des Projektes nach der Veröffentlichung des letzten Bandes.

Aufbau und Funktionen
Die Site orientiert sich optisch stark an der Druckfassung des HLS. Das ist sicherlich sinnvoll, weil beide Versionen komplementär zu verwenden sind. Online fehlen im Gegensatz zur gedruckten Ausgabe jegliche Abbildungen, Karten oder Grafiken. Demgegenüber wird der Registerband des papierenen HLS erst als Letzter im Druck erscheinen. Dieser letzte Band wird dem e-HLS allerdings kaum Konkurrenz bieten können, ist die elektronische Artikel- und Volltextsuche doch um einiges praktikabler. Die Suchfunktionen sind das eigentliche Kernstück des e-HLS. Problemlos lassen sich mit der Volltextsuche einzelne Wörter oder Wortkombinationen in Artikeln ausfindig machen. Nach der Eingabe des Suchbegriffs erscheint eine Ergebnisliste mit einem kleinen Textausschnitt, der den gesuchten Begriff in der Textumgebung wiedergibt. Meist kann schon bei diesem Schritt entschieden werden, ob das jeweilige Ergebnis der Suche relevant ist. Aus der Ergebnisliste heraus können die einzelnen Artikel angewählt werden, wobei ein separates Fenster geöffnet wird. Im Hintergrund bleibt die Recherche-Maske weiterhin verfügbar. Als störend ist zu beurteilen, dass mit dem Öffnen eines neuen Artikels der vorhergehende Artikel wieder geschlossen und nicht jeweils ein neues Fenster geöffnet wird. Es ist also nur möglich mit der Vorwärts- und Zurückfunktion zwischen den Artikeln hin- und herzuwechseln. Die einzelnen Artikel sind untereinander mit Querverweisen verknüpft, die als Links funktionieren. Diese Querverweise sind auch in elektronischer Form sehr nützlich, werden aber nicht konsequent eingefügt. Bei der Recherche ist zu beachten, dass die Volltextsuche nicht mit einer Systematik von Schlagwörtern zu verwechseln ist – wenn ein Autor einen bestimmten Begriff nicht verwendet, so bleibt sein Artikel mit der Suchfunktion unauffindbar, obwohl sein Text mit dem gesuchten Stichwort in thematischem Zusammenhang steht.
Aufbau und Navigation der Site sind einfach gehalten, so dass jeder User schnell zu den gesuchten Texten findet. Das eher trockene, zurückhaltende Design ist ebenfalls der raschen Orientierung zuträglich. Die angebotene Hilfefunktion ist daher eigentlich unnötig, genauso wie die konsequenterweise weggelassene Sitemap. Das Abkürzungsverzeichnis hingegen ist ein nützliches Arbeitsinstrument. Aus technischer Sicht ist das e-HLS nicht viel mehr als die ins Internet gestellte Textfassung des gedruckten Buches. Es gibt keinerlei Links zu anderen weiterführenden Interneteinträgen. So werden am Ende der Artikel entsprechende Archive und Bibliotheken aufgeführt, ohne dass direkt auf deren Homepage zugegriffen werden kann. Dass auch sämtliches Bildmaterial weggelassen wurde, ist zu bedauern, obwohl dies einen schnelleren Zugriff auf die Texte erlaubt. Man könnte sich am Ende eines Artikels durchaus Links zum entsprechenden Bildmaterial vorstellen. Das e-HLS bietet reine Textinformationen an und wird damit der medialen Vielfalt von Geschichte nicht gerecht. Wünschenswert wäre ein Ausbau der Site mit Multimediaangeboten, wofür sich eventuell eine Zusammenarbeit mit Memoriav, dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturguts der Schweiz anbieten würde.
Ein riesiger Vorteil von wohl internationaler Bedeutung ist die Dreisprachigkeit der Site. Jeder Artikel wird dereinst in den drei schweizerischen Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch greifbar sein. Zudem besteht ein Link zum Lexicon Istoric Retic (LIR), das in rätoromanischer Sprache verfasst ist. Damit kann das e-HLS auch als fundiertes historisches Wörterbuch verwendet werden. Das ist eine großartige Leistung im Hinblick auf die unterschiedliche Begrifflichkeit, welche Forschende verschiedener Sprache immer wieder vor heikle Probleme stellt. Der mittelalterliche Landesausbau etwa (Défrichements, Dissodamenti) machte selbstverständlich nicht vor Sprachgrenzen halt. Der Dreisprachigkeit kommt auch der Aufbau der Website entgegen, wird doch in jedem Fenster stets der Wechsel in die anderen Sprachen angeboten.

Fazit
Für das anvisierte breite Publikum stellt die Website ein nützliches Arbeitsinstrument dar. Das e-HLS ist ein immenser Fundus an wissenschaftlich verankertem Fachwissen zur schweizerischen Geschichte. Studierende an Schulen und Universitäten, interessierte Laien sowie Journalisten werden vom Angebot besonders profitieren können. Das e-HLS erhöht damit sicher auch den Stellenwert der Geschichtswissenschaft in der Schweizer Öffentlichkeit. Geschichte erscheint als vielfältige, lebensnahe und durchaus Sinn stiftende Disziplin.
Für die Wissenschaft stellt das e-HLS ein nützliches Standardwerk dar, welches als erste Anlaufstelle oder als Wörterbuch Verwendung finden wird. Die Website besitzt zudem die nicht zu unterschätzende Funktion als Vermittlerin von Kontakten zu entsprechenden Spezialistinnen und Spezialisten.
Die Bedeutung des e-HLS liegt vor allem in seiner Zukunft. Es wird vom Aus- und Weiterbau der Site abhängen, ob sie neben dem großen Bruder HLS eine Eigenständigkeit entwickeln kann. Das Redaktionsteam hat mit dem e-HLS auf jeden Fall eine gute Grundlage geschaffen. Es ist zu wünschen, dass das enorme Potential der Site genutzt wird, um dereinst zu einer stetig wachsenden Datenbank der schweizerischen Geschichtswissenschaft zu avancieren.

Anmerkungen:

[1] Historisches Lexikon der Schweiz [= Dictionnaire historique de la Suisse = Dizionario storico della Svizzera]. Stiftung Historisches Lexikon der Schweiz. Hg. Marco Jorio. Chefredaktor. Bd. 1-4. Basel 2002.
[2] Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz. Attinger Victor. Hg. Bd. 1-7. Neuenburg 1921-1934.

Zitation
Peter Michael Keller: Rezension zu: Historisches Lexikon der Schweiz Zentralredaktion <info@dhs.ch> (Hrsg.): Historisches Lexikon der Schweiz. , in: H-Soz-Kult, 26.08.2006, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-132>.
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Veröffentlicht am
26.08.2006
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