Digitales Archiv – Beethoven Haus Bonn

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Josef Focht, Bayerisches Musiker Lexikon Online, LMU München,

Das Museum im Beethoven-Haus, das Beethoven-Archiv, der Verein Beethoven-Haus sowie der gleichnamige Verlag betreiben eine gemeinsame Internet-Präsenz www.beethoven-haus-bonn.de. Der Schwerpunkt dieser Rezension liegt beim Digitalen Archiv des Beethoven-Archivs.

Der Einstieg in die Seite gestaltet sich erfreulich einfach und ansprechend. Der Navigationsbereich teilt sich in einen gleichbleibenden Kopfbereich und eine Navigationsleiste an der linken Seite. Vom Kopfbereich kommt man in die einzelnen Abteilungen, zur englischen Sprachversion, zum Impressum und den Kontaktdaten. Die linke Seite verweist auf die Untergruppen der besuchten Abteilung. Diese Unterabteilungen werden jedoch nicht in einer Baumstruktur abgebildet, sondern durch farbliche Varianten über die Leiste verteilt, worunter die Übersicht etwas leidet. Nun zu den einzelnen Abteilungen:

Das Menü Das Museum bietet neben den Informationen für Museumsbesucher (Öffnungszeiten, Anfahrt, Beschreibung der ständigen und wechselnden Ausstellungen) insbesondere den lohnenden Besuch der "Internet-Ausstellungen". Diese sind inhaltlich und optisch sehr schön gestaltet, mit Illustrationen, Hörbeispielen und Animationen bereichert. Auf der Seite Der Verlag erhält man einen Überblick der Veröffentlichungen, die auch direkt über das Internet bestellt werden können. Die Unterteilung nach wissenschaftlichen, populärwissenschaftlichen und pädagogischen Materialien lässt eine zügige Navigation zu. Leider ist das Icon, über das man genaue Inhalts- und Autorenangaben erhält, nicht eindeutig angezeigt, hier wäre ein Tooltip mit Buchtitel und weiteren Details sehr hilfreich. Die Seite Der Verein bietet die wichtigsten Informationen über den Verein Beethoven-Haus Bonn. Wer Die Bibliothek besuchen will, findet hier alle vorab notwendigen Informationen. Ein Online-Katalog mit den üblichen Bibliothekssuchfiltern stellt sicher, dass die gesuchte Literatur auch vorhanden ist; ihre online-Bestellung ist jedoch nicht möglich.

Im Bereich Forschung sind die Projekte des Beethoven-Archives beschrieben, mit Überblick über bisher ediertes und noch zu veröffentlichendes Material. Leider ist die Inhaltsangabe der Beethoven-Gesamtausgabe nur als pdf-Datei verfügbar. Hier wäre eine Webseite mit Links zu den Materialien des Beethoven-Archivs sehr schön! So erhält man nur einen Überblick über die Forschungen, ohne dass ihre Erträge unmittelbar erschlossen wären. Der Kammermusiksaal bietet aktuelle Informationen über die anstehenden Konzerte und zu den Gebäuden selbst. Die vom Fraunhofer-Institut für Medienkommunikation (Sankt Augustin) eingerichtete Bühne für Musikvisualisierung macht die Musik Beethovens durch eine dreidimensionale Computervisualisierung neu und anders erfahrbar. "Hallo Beethoven", die Kinderseite bietet speziell für die jungen Besucher der Website wird ein Flash-animiertes "Arbeitszimmer" Beethovens, das spielerisch Wissen über den Komponisten vermitteln soll.

Im Digitalen Archiv schließlich sind sämtliche Werke Beethovens und einige weitere von anderen Urhebern aus dem Besitz des Beethoven-Hauses digital repräsentiert, z. B. mit Erstveröffentlichungen, Autographen und Klangbeispielen. Die Werke sind formal nach Gattungen geordnet, die Scans der Schriftdokumente in zwei verschiedenen Ausgabegrößen (Mittelgröße mit 465 Pixel und ganzseitiges Format mit 800 Pixel Breite) anzuschauen. Leider wird aber auch das größere der beiden Formate (ungeachtet des 600 dpi-Scans) am PC-Monitor nur mit 72 dpi ausgegeben, was genauere Aufschlüsse etwa über eine zweifelhaft lesbare Stelle nicht zulässt. Für wissenschaftliche Anforderungen wird dies nicht immer ausreichen. Die Digitale Mozart-Edition (http://dme.mozarteum.at) oder auch Bach-Leipzig (http://www.bach-leipzig.de) bieten hier mit Flash-PlugIns bessere Möglichkeiten der Betrachtung in hoher Auflösung, ohne das Herunterladen des vollständigen Werks zu gestatten. Im Digitalen Archiv des Beethoven-Hauses bleibt als Ausweg nur die kostenpflichtige Bestellung der gewünschten Seite(n) als Farbscan (immerhin online möglich).

Nützlich sind die ausführlichen und aktuellen Literaturangaben. Dem Hinweis auf Handschriften anderer Bibliotheken, die mit einem Werk Beethovens in Beziehung stehen, folgt leider nicht deren erhoffte Erschließung: Der Besucher erfährt zwar, wo eine Quelle zu finden ist, erhält jedoch nicht deren Beschreibung, Metadaten oder gar deren Digitalisat. Hoffentlich wird einst das erklärte Fernziel einer verteilten digitalen Beethoven-Sammlung erreicht! Eine enge Anbindung an weitere bibliothekarische Angebote wäre hier wünschenswert, desgleichen die Einbindung in die Virtuelle Fachbibliothek Musik (http://www.vifamusik.de).

Bei der Anzeige der einzelnen Dokumente ändert sich die Navigationsansicht. Der linke Navigationsbalken wird nach oben gelegt. Hierdurch ergibt sich zwar in der Tat eine bessere Navigation, zuerst verwirrt diese aber, bis man sich neu orientiert hat. Ferner wäre es schön, wenn nicht nur auf der Hauptseite eines Werks seine sämtlichen Ressourcen (Skizzen, Autographen, Erstausgaben, Hörbeispiele) verlinkt wären, sondern auch auf den weitergeleiteten Seiten. Jetzt kann man zwar von der Beschreibung des Werkes zur Skizze gelangen, jedoch nicht vom Autograph oder von der Erstausgabe aus. Der Verweis auf die Position des Werkes in der Gesamtausgabe fehlt völlig, obwohl diese sogar im selben Hause erarbeitet wird!

Die Hörbeispiele von Beethovens Musik sind eine halbe Minute lang, und durchgehend im RealMedia-Format abgespeichert. Ein gutes Programm zum Abspielen der Clips wird auf der Startseite des Beethoven-Hauses angeboten, allerdings nur für Windows-PCs. Die Benutzer von Apple- oder Linux-Betriebssystemen müssen sich ein solches Programm ohne Hilfestellung besorgen, wenn sie es noch nicht installiert haben sollten. Außerdem funktioniert der angebotene Real Alternative-Player unter dem neuen Internet Explorer 7 nicht bei allen Hörbeispielen zuverlässig. Die Hörbriefe sind im mp3-Format abgespeichert und geben den gesamten Briefinhalt wieder.

Während bei den Bildern und Musikclips die vergleichsweise geringe Dateigröße angezeigt ist, fehlt diese Angabe ausgerechnet bei den viel größeren Hörbriefen. Bei einem ausführlichen Brief dürfte ein Besucher mit älterem Modem-Anschluss durchaus einige Minuten warten müssen, bis die Datei heruntergeladen ist, ohne Hinweis auf die zu erwartende Ladezeit. Zwischen Briefen und Musik ist – bei gleicher Einstellung der Lautstärke – ein deutlicher Unterschied in der Wiedergabe hörbar.

A propos "Briefe": Diese Dokumente liegen zwar als Image- und Volltext-Digitalisate vor, doch ist eine Suche im Volltext ebenso wenig möglich wie eine kontextuelle Information über Korrespondenzpartner (incl. deren Individualisierung) oder die Umstände der Kommunikation – also eine tiefe inhaltliche Erschließung.

Kritik erntet das Digitale Archiv auch für seine nicht sonderlich geglückte interne Suchfunktion. Mit "Suche" ist eine Art Sitemap bezeichnet, welche nur die Recherche nach vorgegebenen Suchbegriffen in einzelnen Kategorien zulässt, nicht jedoch eine Volltext- oder tiefgreifende Stichwortsuche. So ist es beispielsweise nicht einfach, sämtliche Werke für Horn zu finden. Zwar gibt es eine Kategorie "Kammermusik mit Blasinstrumenten". Doch wird die Sonate für Klavier und Horn dort nicht aufgeführt, denn diese ist nur unter der Kategorie "Kammermusik für Klavier und ein weiteres Instrument" zu finden. Diese fehlende Verschlagwortung bzw. die Schwäche bibliothekarischer Regelwerke, die dem Datenmodell hier zugrunde liegen, nehmen der Suchfunktion des Digitalen Archives sehr viel von ihrem Nutzen.

Offenbar sind die Medien primär formal erschlossen, und zwar aus bibliothekarischer Sicht, nicht jedoch inhaltlich, etwa aus wissenschaftlicher Perspektive oder gar im Hinblick auf die variablen Bedürfnissen des weltweiten interessierten Publikums: Weder eine fehlertolerante Recherche noch eine Ähnlichkeitssuche sind möglich. Kontextuelle Interessen aus Nutzersicht fanden bei der Definition des Datenmodells keine erkennbare Berücksichtigung. Die Trefferlisten von Suchanfragen sind entweder ungeordnet, oder das Ordnungskriterium ist nicht ersichtlich, geschweige denn selbst zu bestimmen. Dem Medium "Datenbank" wäre eine polyhierarchische Ordnung – also die Zuordnung eines Begriffes zu mehreren Oberbegriffen – zuzumuten, davon wurde jedoch kein Gebrauch gemacht. Es scheint, als ob jedes Objekt des "Digitalen Archivs" lediglich einer klassifizierenden Kategorie zugeordnet worden wäre, was die Möglichkeit enorm einschränkt, das gewünschte Objekt über die Suchfunktion zu finden.

Fazit: Das Digitale Archiv des Beethoven-Hauses präsentiert sich wie ein gut aufbereiteter Hochglanzkatalog. Es macht großen Spaß, darin zu blättern! Nicht nur der interessierte Laie erfährt dort schnell und äußerst ansprechend aufbereitet, was er sich andernfalls aus unterschiedlichen Quellen mühsam zusammensuchen müsste. In einzelnen Bereichen, z. B. bei der Detailansicht der Dokumente, der Navigation, im Datenmodell der Erschließung oder der Suchfunktion stehen dem Digitalen Archiv aber noch Entwicklungschancen offen.

Zitation
Josef Focht: Rezension zu: Digitales Archiv - Beethoven-Haus Bonn. , in: H-Soz-Kult, 26.01.2008, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-149>.
Redaktion
Veröffentlicht am
26.01.2008
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