Aufbau West: Vertreibung und Wirtschaftswunder

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Titel
Aufbau West: Vertreibung und Wirtschaftswunder.


Hrsg. v.
Landesmuseum für Industriekultur <www.lwl.org>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Karin Pohl, Marktoberdorf

Das Internetportal „Aufbau West. Vertreibung und Wirtschaftswunder“ ist seit Februar 2007 online. Es basiert auf der unter der Leitung von Dagmar Kift erarbeiteten Ausstellung „Aufbau West. Neubeginn zwischen Vertreibung und Wirtschaftswunder“ des Westfälischen Industriemuseums (WIM), die von September 2005 bis März 2006 in der Zeche Zollern in Dortmund und von März bis Oktober 2007 im Oberschlesischen Landesmuseum in Ratingen-Hösel zu sehen war. Mit Hilfe des Portals sollen in erster Linie die wesentlichen Inhalte der zeitlich befristeten Ausstellung und des gleichnamigen Katalogs einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.[1] Ferner geht es den Verantwortlichen darum, die aktuelle Diskussion um eine angemessene Erinnerung an Flucht, Vertreibung und Integration zu begleiten und „einen vielseitigen Einstieg in die Geschichte der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen“[2] anzubieten. Aufgrund dieser Zielsetzungen findet man auf der Internetseite sowohl zahlreiche Abbildungen der in der Ausstellung gezeigten Dokumente, Exponate, Karten und Fotografien, 47 exemplarische Biografien von nordrhein-westfälischen Neubürgern sowie die zentralen Texte des Ausstellungskatalogs als auch umfangreiche Literaturhinweise, eine kommentierte Linkliste sowie aktuelle Meldungen und Beiträge zu den unterschiedlichen Facetten der öffentlichen Debatte über den Themenkomplex „Flucht, Vertreibung und Integration“.

Sieht man einmal von dem Flash-plugin auf der Startseite ab, so ist die Webseite angenehm schlicht und übersichtlich gestaltet, sodass man sich gut orientieren kann, ohne von weiteren entbehrlichen Gimmicks (z.B. Animationen) abgelenkt zu werden. Die drei thematischen Großkapitel („Flucht und Vertreibung“, „Migration und Integration“ und „Wiederaufbau“) werden durch knappe Texte eingeleitet und durch fundierte Detailtexte vertieft. Diese sind so gegliedert, dass man leicht zu den jeweils interessierenden Absätzen gelangen kann; Hyperlinks ermöglichen das Navigieren innerhalb des Portals. Zahlreiche Dokumente, Fotografien und biografische Skizzen ergänzen und veranschaulichen den Textteil und lockern die stellenweise etwas große Textfülle auf. Dabei fällt allerdings negativ auf, dass sich weder die Dokumente noch die Fotografien durch Anklicken vergrößern lassen, wodurch dem Nutzer wertvolle Informationen vorenthalten werden. Dies ist besonders bei großformatigen Plakaten problematisch, bei denen sich allenfalls die fettgedruckten Kernaussagen entziffern lassen, nicht aber das Kleingedruckte, so z.B. der im Kapitel „Integration in Stadt und Land“ abgebildete Appell an die „Dortmunder Evakuierten“. An anderer Stelle, im Unterkapitel kulturelle Integration im Bergbau, ist ein Aufruf an die Belegschaft der Dortmunder Bergbau AG zur künstlerischen Betätigung nicht nur schlecht zu entziffern, sondern auch doppelt abgebildet, wobei er einmal einer falschen Unterschrift zugeordnet ist. Dort wird die Abbildung der Statue der Heilige Barbara beschrieben, die als Schutzheilige im oberschlesischen Bergbau mit den Vertriebenen ins Ruhrgebiet gekommen war und gezielt als Schutzheilige der im Bergbau tätigen Alt- und Neubürger etabliert wurde.

Im Anschluss an die inhaltlichen Schwerpunkte folgen die Gliederungspunkte „Aktuelle Meldungen“, „Aktuelle Debatten“, „Die Ausstellung“ (dahinter verbirgt sich kein virtueller Rundgang durch die Ausstellung, sondern Fotos von der Aufstellung und Anordnung der Stellwände, das „Ausstellungsteam“, ein „Making of“ sowie „Reaktionen“ auf die Ausstellung), „Publikationen“, „Vorträge“, „Links“, „Kontakt“ und „Impressum“, deren Umfang naturgemäß sehr viel knapper ausfällt. Diese Struktur ist etwas irritierend, da sie den Anschein erweckt, als seien diese kurzen Kapitel genauso bedeutend, wie die oben genannten inhaltlichen Schwerpunktkapitel. Um diesen Eindruck zu vermeiden, wäre eine Bündelung sinnvoll gewesen. Positiv hervorzuheben ist, dass diese Seite nicht nur den Anspruch der Aktualität erhebt, sondern ihn auch einlöst. So lässt sich hier sehr bequem die Auseinandersetzung über das von der Bundesregierung unterstützte „Zentrum gegen Vertreibungen“ ablesen, die sich vor allem zwischen Polen und Deutschland abspielte.

Das Portal entstand im Rahmen eines größeren Projektes des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) anlässlich des 60-jährigen Bestehens Nordrhein-Westfalens. Neben der Webseite, der erwähnten Ausstellung und dem Katalog widmeten sich eine mehrteilige TV-Dokumentation [3] und eine DVD [4] der Nachkriegsgeschichte dieses Bundeslandes unter Einbeziehung des Beitrags seiner Neubürger. Dieser regionalgeschichtliche Zugang ist grundsätzlich sehr begrüßenswert, hing doch die Chance zur Integration wesentlich von den spezifischen Rahmenbedingungen ab, die die Vertriebenen in den jeweiligen Aufnahmeländern vorfanden. Während die landesspezifischen Voraussetzungen im Katalog deutlich herausgearbeitet wurden, gehen sie auf der Webseite leider etwas unter. So wäre es sinnvoller gewesen, statt der allgemein formulierten Kapitelüberschriften (z.B. der Kapitel „Migration und Integration“, „Wiederaufbau“ und die entsprechenden Unterkapitel), wenn der regionale Bezug, in dem ja die Stärke dieser Webseite liegt, bereits in den Überschriften deutlich zum Ausdruck käme. Auch der gegenüber der Ausstellung und dem Katalog verkürzte Untertitel des Portals ist nicht ganz glücklich gewählt, legt er doch den Schluss nahe, als würden „Vertreibung und Wirtschaftswunder“ gleichwertig behandelt. Zwar findet der Nutzer eine solide Zusammenfassung über die „Flucht und Vertreibung“ der während und infolge des Zweiten Weltkriegs aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und aus Mittel- und Südosteuropa stammenden deutschsprachigen Bevölkerung sowie zahlreiche Bezüge zum aktuellen Diskurs über die Thematik. Doch der Schwerpunkt des Webangebots behandelt die Vorgänge in dem 1946 gegründeten Bundesland Nordrhein-Westfalen. So wird im Kapitel „Wiederaufbau“ in erster Linie die berufliche Integration der Zwangsmigranten in den Blick genommen und deren Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung Nordrhein-Westfalens beleuchtet, der wesentlich für das bundesrepublikanische „Wirtschaftswunder“ war.

Da Nordrhein-Westfalen als einstiges Zentrum der Rüstungsindustrie einen besonders hohen Zerstörungsgrad aufwies, war es (anders als die damals stark agrarisch geprägten westdeutschen Hauptaufnahmeländer Bayern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen) zunächst kein unmittelbares Aufnahmeland. Erst durch die systematische Anwerbung wurde es zum – wegen der Aussicht auf Beschäftigung nunmehr bewusst gewählten – Ziel von Flüchtlingen und Vertriebenen. Angeworben wurden vor allem alleinstehende junge Männer, die der körperlichen Schwerstarbeit in Bergwerken, Hochöfen und Ziegeleien gewachsen waren; hingegen wurde der Zuzug potentieller Fürsorgeempfänger (also von Familien, Alten und Kranken) möglichst unterbunden. In Nordrhein-Westfalen ersetzten Flüchtlinge und Vertriebene somit fehlende Arbeitskräfte in der Bergbau-, Stahl- und Bauindustrie. Zudem trugen sie dazu bei, dass sich in der Textil-, Bekleidungs-, Glas- und Maschinenbauindustrie zahlreiche neue Produktionszweige ansiedelten. Damit erweiterte sich die regionale Produktpalette. Der Haupttitel des Portals greift daher gezielt den seit 1990 angestrebten und derzeit wieder heftig diskutierten „Aufbau Ost“ auf und erinnert daran, dass das „Wirtschaftswunder“ Westdeutschlands nicht zuletzt auf den Zustrom von Arbeitskräften und den Transfer geistigen Know-hows aus „dem Osten“ (Deutschlands und Europas) zurückzuführen ist. Diese zwischen 1945 und den frühen 1960er-Jahren ablaufende Entwicklung wird, ergänzend zu den fundierten thematischen Texten, auch anhand zahlreicher exemplarischer Individualbiografien erzählt.

Leider bleibt das Portal sowohl was die Darstellung als auch was den Inhalt betrifft zu sehr dem Format des Katalogs verhaftet und schöpft die Möglichkeiten, die das Internet bietet, nicht aus. Dies betrifft sowohl die Biografien als auch ergänzende Texte. So wäre es wünschenswert gewesen, wenn statt tabellarischer Lebensläufe, die durch gedruckte Zitate und Fotos ergänzt werden, die Zeitzeugen selbst zu Wort kämen. Dies wäre durchaus möglich gewesen, sind doch für das Großprojekt zahlreiche Interviews geführt und für die TV-Dokumentation und für die DVD aufbereitet worden. Was auf den begrenzten Seiten des Katalogs kaum möglich war, hätte sich hier gut verwirklichen lassen: Sinnvoll wären knappe Lexikontexte z.B. über die Nachkriegsgeschichte Nordrhein-Westfalens, die spezifischen vertriebenen- und eingliederungspolitischen Prämissen dieses Bundeslandes, die Vorgaben der Besatzungsmacht, den Aufbau und die personelle Besetzung der Landesflüchtlingsverwaltung sowie über die Organisationen und Verbände der Vertriebenen, die – trotz aller gebotenen Kritik – gerade in der Anfangszeit einen wichtigen Beitrag zur Integration geleistet haben, boten sie den Vertriebenen doch einen Halt und erleichterten das Einleben in der Fremde. Durch entsprechende Ergänzungen könnte das Portal gerade Schülern einen interessanten Einstieg in die Nachkriegsgeschichte des Bundeslandes bieten.

Anders als bei Druckerzeugnissen bietet sich bei einem Internetportal stets die Möglichkeit, auf konstruktive Kritik zu reagieren und dieser gegebenenfalls Rechnung zu tragen. Die Rezensentin würde sich wünschen, wenn die geäußerte Kritik von den Verantwortlichen in diesem Sinne verstanden würde und möglicherweise auch zur Verbesserung der Seite beitrüge. In jedem Falle wäre eine Pflege dieses sehr wichtigen Webangebotes auch deshalb wünschenswert, weil ihr gewissermaßen als Pilotprojekt zur historischen Aufarbeitung der Eingliederung von Flüchtlingen und Vertriebenen in den Bundesländern Vorbildcharakter zukommt.

Anmerkungen:
[1] Kift, Dagmar (Hrsg.), Aufbau West. Neubeginn zwischen Vertreibung und Wirtschaftswunder. Ausstellungskatalog Westfälisches Industriemuseum Zeche Zollern II/IV in Dortmund 18. 9. 2005-26. 3. 2006, Essen 2005, S. 287.
[2] So die Beschreibung auf der Startseite des Portals.
[3] „Flüchtlinge und Vertriebene an Rhein, Ruhr und Weser.“ Eine dreiteilige Dokumentationsreihe des WDR von Erika Fehse, Heike Mund und Carsten Günther. Erstausstrahlung WDR Februar bis März 2007 <http://www.wdr.de/tv/wdr-dok/fluechtlinge/index.phtml?druck=1&amp;>
[4] Höper, Hermann-Josef; Kuhn, Anja; Zech, Björn, Aufbau West. Neubeginn zwischen Vertreibung und Wirtschaftswunder. DVD, Westfälisches Landesmedienzentrum 2006.

Zitation
Karin Pohl: Rezension zu: Landesmuseum für Industriekultur <www.lwl.org> (Hrsg.): Aufbau West: Vertreibung und Wirtschaftswunder. , in: H-Soz-Kult, 08.03.2008, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-150>.
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Veröffentlicht am
08.03.2008
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